Das PARADIES wird heute im allgemeinen entweder als etwas derart Irrationales oder Langweiliges oder beides zusammen empfunden, so dass es schließlich niemanden mehr interessiert. Entweder haben wir es in ein entferntes und völlig ungeschichtliches früheres Leben der Menschheit oder in ein nicht faßbares und daher unglaubwürdiges Leben nach dem Tod verlegt, von dem wir bestenfalls noch Kindern erzählen. Oder wir haben auch eine Art Schlaraffenlandvorstellung von einem Zustand ewiger Faulheit und unkomplizierter Befriedigung aller unserer Triebe und Lüste daraus gemacht, der wir uns allenfalls mit einem Lottogewinn glauben nähern zu können, der jedoch so unwahrscheinlich ist, dass wir auch hier keine Hoffnung haben.

Und was hätten wir auch davon, geht es denn denen, die das alles mehr oder weniger haben, wirklich soviel besser, dass es sich lohnt, das anzustreben?

Was ist nun hier nur wieder falsch gelaufen?

Zunächst einmal: Wir müssen uns von dieser "Garten-Eden-Vorstellung" lösen! Christliches Paradies oder auch Reich Gottes meint eine grundsätzliche Utopie von uns Menschen, die sich nur entfernt auf Materielles und dabei schon gar nicht auf etwas bezieht, was mit Faulheit und geistlosem Konsum zu erreichen ist.

Vielleicht wird dabei tatsächlich an etwas Vergangenes gedacht, mehr jedoch an etwas Zukünftiges, das deswegen jedoch nicht gleich im Jenseits und daher in der Unwirklichkeit zu liegen braucht. Die Beschreibung der Bibel für das Paradies ist ganz einfach: "Sie waren nackt und sie hatten keine Angst voreinander", was wir immer übersetzen mit "sie schämten sind nicht" - ist nicht die Scham die Angst schlechthin?

Und so meint christliches Paradies nicht mehr und nicht weniger als einen Zustand der Harmonie unter uns Menschen (und mit Gott) hier und jetzt, weil alles das, was unser Leben unnötig belastet und beeinträchtigt wie überflüssige Ängste, jegliches Misstrauen und schließlich auch alles Böse unter uns Menschen verschwunden ist. Es braucht keine Gesetze mehr, die für unseren Umgang miteinander sorgen, wir gehen von ganz allein vernünftig miteinander um. Es ist die Situation, in der die Biophiliemaxime, wie Pater Rupert Lay S.J. den Zustand der Sorge um eigenes und fremdes Leben nennt, „von jedem gegen jeden“ in die Praxis umgesetzt ist.

Und die Basis dafür ist, weil die Menschen endlich begriffen haben, dass es da ideale (sozusagen göttliche) Spielregeln gibt, nämlich die Zehn Gebote, die die praktischsten und sinnvollsten Spielregeln auch für unser Zusammenleben sind, und dass sich (alle) zuverlässig und dem Sinn nach an sie halten.

Natürlich ist nicht gesagt, dass es in einem solchen Paradies nicht Krankheit und Alter und Tod gibt, auch müssen wir weiter arbeiten und uns mit den Widrigkeiten des Lebens und der Natur herumplagen, auch gibt es sicher bisweilen zwischenmenschliche Missstimmigkeiten, doch hat das alles jetzt einen eher vergoldenden Hintergrund. Und so wird vermutlich unser ganzes Leben und unser Umgang miteinander im Endeffekt so faszinierend und lohnenswert, dass sich das alles selbst genügt und dass wir etwa auf den Glauben an ein Weiterleben überhaupt verzichten und darüber hinaus sogar manches Unangenehme hier und jetzt schließlich sogar recht gern ertragen könnten. Wozu noch solche Hoffnung, wo wir doch schon sozusagen in höchstmöglicher Hochform der Partnerschaft und der Einheit von Leib und Seele leben oder die nicht durch Frustrationen beeinträchtigte Hoffnung haben? Wesentlicher Bestandteil dieser Hochform ist schließlich die wirklich gelingende Liebe zwischen Mann und Frau. Kennzeichen ist, dass sie weder langweilig ist, noch dass sie irgendwann zu Ende geht, auch empfängt in ihr nicht nur einer, der nicht gleichzeitig wieder geben will, sondern in ihr wollen sich alle Beteiligten nur zu gern verschwenden und sind auch bereit zu leiden und zu opfern, es ist eben eine Liebe, die alles sprengt, was wir so kennen und was wir uns nur irgend vorstellen können. Dadurch werden dann auch die Grenzerfahrungen möglich und gewiss irgendwann selbstverständlich, für die wir nun einmal geschaffen sind und die die höchste Würze unseres Menschseins sein könnten. Und warum sollte solches Paradies nicht tatsächlich möglich sein? Was ist daran so unmöglich? Wer könnte da nicht mitmachen und sogar etwas dagegen haben wollen?

Träumen wir in unserem Leben nicht zu oft von Dingen, die es gar nicht gibt (also die berühmten Illusionen), sollten wir uns nicht viel mehr um etwas kümmern, was es im Prinzip schon gäbe (also Utopien), aber was uns immer nur madig gemacht wird und worauf wir daher auch zumindest laut zu hoffen verlernt haben und wozu wir ja auch gar nicht erzogen werden?

Aller Wahrscheinlichkeit geht es in der Erzählung vom Sündenfall in der Schöpfungsgeschichte um den Verlust genau dieses Paradieses - schauen Sie einmal in das Kapitel "Familie und Ehe" in dem Buch von Walter Grundmann "Umwelt des Urchristentums", mit Paradies hat das Zusammenleben von Mann und Frau zur Zeit Jesus absolut nichts zu tun! Jesus muss wohl damals diese Utopie gesehen haben - und auch heute steckt sie noch immer noch in uns, diese Sehnsucht nach der paradiesischen Utopie von der Harmonie aller Menschen, wo es trotz Nacktheit keine Sünde, keine Macht, keine Ausbeutung, kein Besitzdenken, keine Ausnutzung (siehe Gebrauch und Missbrauch), keine Klassengesellschaft, eben nichts Böses gibt. Und es scheint sogar so zu sein, dass wir dieses Paradies nur als Komplettpaket erhalten können, also alles oder nichts, dass es ein halbes Paradies nicht gibt, dass wir nicht bestimmte Sachen ausklammern können, die uns nicht passen.

Es passt also beispielsweise nicht in ein Paradies, wenn etwa reiche Leute glauben, sie könnten sich eine heile Welt aufbauen, solange es drückende Armut gibt, oder wenn Emanzen gegen die Ausbeutung der Frauen sind, solange sie dabei ihre eigene Lebenspraxis ausklammern, also durch ihre freie Auslegung der Zehn Gebote in Sachen Liebe beweisen, dass sie von einer Einheit von Leib und Seele letztlich doch keine Ahnung haben.

Und auch unsere Religionen bis hin zu unseren heutigen christlichen spielen keine gute Rolle beim Werden dieses Paradieses, haben sie nicht mehr Interesse an einem Geschäft mit der Vergebung - und damit an der Sündhaftigkeit des Menschen - als an wirklicher sündenfreier Harmonie?

Das Werden des Paradieses hängt daher genau davon ab, ob wir alle nun wirklich wollen oder letztlich doch nicht wollen und ob sich Menschen finden, die eine Verantwortung hierfür spüren.

Kennzeichen wirklicher Verantwortung wäre vor allem, dass die jungen Menschen lernen, die für sie nachteiligen Ängste abzubauen, und dass sie darüber hinaus alle diejenigen Informationen erhalten und auch übernehmen, die erforderlich sind, dass sie nicht wieder aus lauter Unkenntnis und Naivität diejenigen Fehler begehen, mit denen sie wieder in den Kreislauf von Täter und Opfer hineinschlittern. Hier scheinen die Schwierigkeiten zu liegen, dass sich das Paradies - wenigstens bisher - noch nicht durchgesetzt hat, und nicht, weil es tatsächlich unmöglich ist. In der Sprache der Mythologie, in der auch großenteils unsere Bibel geschrieben ist, wird der Verlust des Paradieses in der Hinwendung der (ersten) Menschen zum Dienst an der Schlange gesehen, im so genannten Sündenfall.

Bei näherem Hinsehen ist damit genau auch unsere heutige Problematik gemeint, nämlich die Zerstörung der möglichen Einheit von Leib und Seele des Menschen, die ja nach christlichem Glauben ein Ende haben sollte, jedenfalls ist das Sinn der Erlösung durch Jesus.

Der marxistisch inspirierte amerikanische Moralphilosoph John Rawls (1921-2002) hat zur Frage nach dem Paradies ein interessantes Gedankenspiel vorgeschlagen: Was wäre, wenn die Mitglieder eines Hohen Rates, die alle Gesetze (und Spielregeln) einer zukünftigen Gesellschaft machten, sofort nach dem Festlegen dieser Gesetze tot umfallen und sofort danach in genau der Gesellschaft wach würden, deren Gesetze sie gerade gemacht hätten? Und der Trick dabei wäre, dass sie vorher keine Ahnung gehabt hätten, wo in dieser Gesellschaft sie erwachten, welche Position sie darin hätten, auch nicht, ob sie Mann oder Frau sein würden? - Könnte nicht eine wirklich christliche Gesellschaft diese Bedingung des Paradieses sehr leicht erfüllen?  

Bei einer Ferienfahrt fand ich auf dem Markplatz von Varberg/Schweden einen hübschen Brunnen. Vordergründig stellen die Statuen dieses Brunnens von Bror Marklund zwei nackte Ball spielende Jugendliche dar (Bror Marklund 1907-1977). Doch diese Deutung scheint mir für den wunderhübschen Brunnen zu banal. Ich meine, das ganze ist eine Utopie: Wenn junge Menschen das schaffen, was da abgebildet ist (das geht nur bei hoher Moral!), dann haben sie die Welt nicht nur in ihren Händen, nein, dann können sie sogar mit der Welt spielen (und das auch noch vernünftig!).  

Und was ist mit den Menschen, die an einem solchen Paradies selbst nicht teilhaben können, sei es wegen Krankheit, sei es, weil sie schon zu alt ist? Der Erfahrung ist, dass sich alte und kranke Menschen auch freuen können und sogar eine Erfüllung sehen, wenn sie sehen und merken, dass eine bessere Welt wird und junge Menschen davon profitieren. Dann hat sich das eigene Leben gelohnt, selbst wenn es auch vielleicht nicht so ideal war.

Natürlich, dieses Paradies werden wir vermutlich nie erreichen (es wäre sicher auch gar nicht gut), aber ...

Paradieserlebnisse sind doch immer möglich!

Ich habe mich einmal umgesehen, wie es bei Naturvölkern mit der Sexualmoral aussieht, die keine Kleidung kennen.

Dazu ein "Kapitel" aus dem Bildband von Reni Riefenstahl über die Nuba (Frechen 1973), einem Volk im Süden des Sudan:

".... Sie kannten nicht anderes und waren mit dieser Lebensform glücklich und zufrieden. Geld erzeugt unter diesen Naturkindern Neid und den Wunsch, auch in den Besitz von Geld oder Werten zu kommen, eine Eigenschaft, die ihnen früher fremd war. Die nicht aufzuhaltende Zivilisation wird in naher Zukunft auch die Masakin-Nuba erfassen und sie umformen. Ich hatte das Glück, sie noch in ihrer ursprünglichen Lebensweise kennenzulernen und diese in Bildern, Film- und Tonaufnahmen festzuhalten. Es war ein Einblick in ein bald verlorenes Paradies.

Mak und Kudjur


Jede der Hügelgemeinschaften der Masakin-Nuba hat einen Mak und einen Kudjur. Der Mak ist der Führer, der für die Gerichtsbarkeit und die sozialen Probleme der Nuba zuständig ist. Zugleich ist er die auch von den Sudanesen anerkannte Autorität, der die Interessen der Nuba und die der Araber vertreten soll. Seine Stellung ist erblich, ebenso wie die des Kudjur, der nur für die religiösen und kultischen Dinge als Priester und Medizinmann tätig, aber für die Nuba die weit angesehenere Persönlichkeit ist.
An jedem Freitag gibt es vor dem Hause des Mak die wöchentliche Gerichtsverhandlung, An dieser nehmen auch die Maks anderer Hügelgemeinschaften teil. Schon am frühen Morgen versammeln sich die Häuptlinge unter dem Schatten alter, großer Affenbrotbäume (Baobab-Bäume). Zu ihnen gesellen sich die »baredas«, die angesehensten Männer der verschiedenen Gemeinden (eine Art Ältestenrat) und dann erscheinen die sogenannten »Sünder«, über die nach langen Beratungen ein Urteil gefällt wird.
Erstaunlich ist, daß die Beklagten freiwillig, ohne jeden Zwang vor diesem Gericht erscheinen. Mit ihnen kommen auch nahe Verwandte, die sich etwas entfernt von dem Kreis halten, in den die Beklagten nach Namenaufrufung hineingehen. Manchmal ist es nur eine Person, aber es können auch zwei und mehrere zugleich sein. Die Angeklagten setzen sich auf die Erde, die Beine vor sich ausgestreckt und haben die Augen wie schuldbewußt niedergeschlagen. Dann befragt der Mak in ruhiger Art die Angeschuldigten. Es gibt fast immer die gleichen Anklagen und die Beschuldigten kennen meist das Urteil schon im voraus. Es handelt sich in der Mehrzahl um drei Delikte. Erstens Ehebruch und das „Stehlen" einer sirre (junges Mädchen), zweitens urn den traditionellen Ziegenraub und drittens um Erbschaftsangelegenheiten. Ehebruch wird sehr schwer bestraft. Ist es ein Mann, dann muß er noch am selben Tag dem betrogenen Ehemann dessen Brautpreis zurückgeben (ein oder zwei Rinder), und er muß, je nach der Schwere des Falles, wenigstens drei Monate - aber es können auch sechs Monate sein - ins Gefängnis. Dieselbe Strafe erhalten die jungen »kaduma« für den Ziegenraub. Dieser Raub von Ziegen wird fast nur von den sehr jungen Ringkämpfern, während sie im Hirtenlager leben, ausgeübt.
Sie veranstalten dann ein heimliches Ziegenessen, zu dem sie auch ihre älteren Kameraden einladen. Selbst die jungen Männer, die sich nur an der Mahlzeit des Ziegenbratens beteiligen, erhalten dieselbe Gefängnisstrafe wie die Täter selbst.

Dem Mak stehen zwei bis drei Nubapolizisten zur Verfügung, unter deren Führung die »Sünder« ihren 55 km langen Fußmarsch nach Kadugli antreten, wo sie im Gefängnis der sudanesischen Polizei abgeliefert werden. Es ist sehr aufschlußreich für den Charakter der Kuba, daß diese Nuba-Polizisten noch niemals von den Verurteilten angegriffen wurden, obgleich die bestraften Nuba meist in der Mehrzahl gegenüber ihren Bewachern sind. Nur ein einziges Mal erlebte ich, daß ein beschuldigter Nuba-Ringkämpfer nicht zur Verhandlung erschien und bis nach Khartoum flüchtete. Er tat es deshalb, weil er sich unschuldig fühlte. Er war verspätet zu dem Ziegenschmaus gekommen und soll nur noch einen abgeknabberten Knochen erhalten haben. Hierfür erschienen ihm 3 Monate Gefängnis als eine zu hohe Strafe, und so verschwand er über die Berge. Es war Tukami, einer der besten Ringkämpfer von Tadoro und ein guter Bekannter von mir, der nach einem Jahr Abwesenheit nach Tadoro zurückkehrte und seine Strafe mit dem Geld abzahlen konnte, das er sich mit schwerer Arbeit in Khartoum verdient hatte. Er war froh, wieder in sein gewohntes Leben zurückzukehren.
In der Gefangenschaft werden die Nuba für Straßenbau und Landarbeiten eingesetzt. Kommen sie nach Verbüßung der Strafe zurück, werden sie daheim wie Helden gefeiert. Erwähnen möchte ich noch, was es mit dem »Stehlen eines Mädchens« auf sich hat. Freie Liebe ist bei den Nuba bekanntlich erlaubt. Junge Mädchen und Männer können sich lieben, ohne daß ihnen Vorurteile entgegengebracht werden. Doch gibt es auch hier Gesetze. Ein junges Mädchen gilt als verlobt, wenn für sie der Brautpreis bezahlt wurde - war sie also einem Mann versprochen, sei es auf eigenen Wunsch oder den ihrer Eltern, dann darf kein anderer Mann mit ihr schlafen. Geschieht dies und wird es dem Mak gemeldet, dann wird der Mann mit Gefängnis bestraft. Liegt die Untreue eindeutig bei dem Mädchen, dann erhält das Mädchen dieselbe Strafe, auch sie muß ins Gefängnis. Die freie Liebe ist also nur dort ungestraft erlaubt, wo beide Partner frei sind und niemandem etwas weggenommen wird.
Es gibt noch andere Tabus bei den Masakin, die aber nicht mit Gefängnis, sondern nur mit Verachtung bestraft werden, was für die Nuba eine viel härtere Strafe ist. Eines dieser sehr strengen Tabus ist, daß kein Masakin-Nuba Geschlechtsverkehr mit seiner Frau während ihrer Schwangerschaft haben darf. Darum wird die Frau, die ein Kind erwartet, in das Haus ihrer Eltern ziehen. Kommt es einmal vor, daß der Ehemann während dieser Zeit seine Frau nachts heimlich besucht und wird das entdeckt, dann kann er sich in seinem Dorf nicht mehr sehen lassen. Selbst die Kinder würden mit Fingern auf ihn zeigen und ihn verhöhnen. Es bleibt dem Mann nichts anderes übrig, als sich in einem anderen Nubadorf niederzulassen. Auch bis zu zwei Jahren nach der Geburt soll die Frau keinen Intimverkehr haben, da bis zu dieser Zeit die Mädchen und Frauen ihre Babies stillen. Nach den religiösen Vorstellungen der Nuba bedeutet eine geschlechtliche Vereinigung in diesen Perioden des entstehenden menschlichen Lebens eine Verunreinigung für das Kind. Sie glauben, daß die Eltern durch eine später auftretende Krankheit des Kindes dafür bestraft werden. Aus Furcht vor solchen Folgen leben die Masakin immer noch nach diesen uralten überlieferten Gesetzen.
Jedes Mädchen möchte ein Kind haben. Kindesabtreibungen gibt es nur, wenn der ganz seltene Fall von Inzucht eintritt. Dann wird der Kudjur zu Hilfe gerufen. Unter seiner Beihilfe wird die Mutter des Mädchens den Leib desselben so lange kneten, bis das Mädchen das Kind verliert. Auf keinen Fall darf ein Kind geboren werden, das aus der Vereinigung von zu nahe verwandten Menschen, entsteht.

Die Liebe der Nuba zu ihren Kindern ist sehr groß. Leider ist die Sterblichkeit der Kinder bis zum 3. Lebensjahr ihr hoch - sie beträgt ungefähr 50%. Die sudanesische Regierung hat bis in die entferntesten Täler der Nubaberge kleine Hospitäler eingerichtet, die von einem Hilfsarzt betraut werden, dem auch Verbandszeug und die wichtigsten Medikamente kostenlos zur Verfügung stehen. Aber wie schon der berühmte Urwaldarzt Albert Schweitzer jahrelang UM das Vertrauen der Eingeborenen warb, um ihnen helfen zu können, so schwierig stellt sich das Problem auch bei den Masakin. Die Familie will sich von ihren kranken Mitgliedern nicht trennen. Sie vertrauen auf die Kraft ihres Kudjurs.
In der Vergangenheit muß die Stellung des Kudjurs von noch größerer Bedeutung gewesen sein. Er war der Regenmacher, von ihm hing es ab, ob die Ernte gut oder schlecht Wurde, er hatte sogar über Tod und Leben zu entscheiden Und mußte selbst sein Leben lassen, wenn er versagte. Haute ist die Bedeutung des Kudjurs viel geringer geworden. Noch ist er Priester und Arzt und sein Rat wird von vielen eingeholt. Aber seine wichtigste Rolle hat er nur mich, wenn die Nuba mit den Seelen ihrer Verstorbenen In Verbindung treten wollen. Ich habe einer solchen spiritistischen Sitzung in Tadoro beigewohnt. Der Kudjur, der in i Irin 11 aus des Verstorbenen eingeschlossen wird und der als Medium ein Huhn benutzt, stellt mit Hilfe des Mediums den Kontakt zwischen der Seele des Toten und den Angehörigen her. Gelingt der Kontakt, was nicht immer der Fall ist, dann richten die vor dem verschlossenen Haus sitzenden Angehörigen an den Verstorbenen ihre Fragen und erhalten, wie sie fest glauben, aus dem Haus die Antworten, nach denen sie dann handeln."


Kommentar des Autors der Website:

Mir scheint, dass Frau Riefenstahl beeinflusst ist von der Ideologie nach Margret Mead (s. Anthropologie), dass die Naturvölker in aller Unschuld leben, keinen Besitz und keinen Neid kennen und alles Unglück erst mit der Zivilisation und also auch mit dem Geld kommt. Das was Riefenstahl schreibt, ist ihr Eindruck durchaus auch von dieser Ideologie her und also mit Vorsicht zu "genießen".

Perfekt scheint die Gesellschaft der Nuba jedenfalls nicht zu sein, es gibt Ehebruch und merkwürdige Vorstellungen, was Sexualmoral ist und was nicht. Dass ein Mann nicht mit seiner Frau während der Schwangerschaft und die ersten beiden Jahren danach intim verkehren darf, ist so eine merkwürdige Moral, die nur in den Köpfen der Nuba existiert. Ja, warum gibt es Ehebruch? Weil eben die Beziehungen zwischen den Geschlechtern doch nicht so ideal sind.

Auch kommt Sex von Mädchen mit nahen Verwandten vor, was darauf hinweist, dass die Mädchen nicht vernünftig informiert werden und sich daher nicht zu wehren wissen.

Und dann: Warum verdecken einige Nubas ihre Geschlechtsteile, was offensichtlich von den anderen akzeptiert wird? Heißt das, dass sie die übliche Moral doch nicht als so typisch menschlich empfinden?

Und warum werden auch gerade in Ostafrika Mädchen und Frauen beschnitten und teilweise auch noch "zugenäht", damit sie keinen Spaß am Geschlechtsverkehr haben und also die freie Liebe quasi unmöglich gemacht wird?

Vieles scheint hier einfach nur deswegen akezptiert zu werden, weil es der Wunsch eines jeden Mädchens ist, ein Kind zu haben - und die Ursache dieses Wunsches kann durchaus sein, weil ein Kind zu haben, einfach eine Mode ist und weil es vielleicht auch bequem ist, weil die Mädchen dann weniger zu arbeiten brauchen und von anderen mitversorgt werden.

Meine Schlussfolgerung: Nackt ist ja ganz oder sehr schön, doch automatisch ist mit der Nacktheit natürlich kein Paradies gegegeben. Nicht zuletzt hat der Mensch ja auch ein besonderes Gehirn bekommen, was heißt, dass ein vernünftiges ethisches Konzept für junge Leute auch hier nichts schaden  würde - vielleicht könnte mit einem rechten Gebrauch des Gehirns alles wirklich "paradiesisch" werden? Auf eine entsprechende Erziehung ist Leni Riefenstahl jedenfalls nicht eingegangen.