Wie das Konzept basisreligion entstand

 

Ein junger Kollege sprach mich einmal auf meine Website an, was er vermissen würde: Wie kommt jemand dazu, sich mit "so etwas" auseinander zu setzen , wie kommt jemand zu einem solchen Konzept?

Nun, das ist eigentlich ganz einfach!

Zunächst einmal ist da das sehr konservative Elternhaus mit den entsprechenden Tabus (allerdings waren da auch mehr oder weniger hilflose Ansätze einer Öffnung) und das idealistische Konzept in der katholischen Gymnasiastengruppe (natürlich nur Jungen) bis hin zu dem Vorsatz "der erste Kuß der Mutter meiner Kinder"...

Und dann kam das Leben, allerdings nur vom Erzählen her - und das finde ich sehr wichtig, denn dadurch bedurfte es keiner "Bekehrung", es kam allenfalls zu Aha-Erlebnissen! Freunde und Kollegen gaben mir Tipps aus ihren "Erfahrungen", wie man Jungfrauen "knackt", und Mädchen erzählten mir dieselben Geschichten von ihrer Seite - und schnell merkte ich, daß das alles nicht so ideal war (siehe etwa Gespräch 2). Hier wurde mit dem Schönsten, was wir Menschen kennen, nämlich der Liebe, Schindluder getrieben. Und auch die Folgen von alledem sind nicht nur uneheliche Kinder und Geschlechtskrankheiten, sondern auch abfällige Rederei, Verachtung und regelrechte Verarschung (es gibt leider kein passenderes deutsches Wort für den Tatbestand), Enttäuschung und manchmal auch Verzweiflung, also eine Desillusionierung schlechthin. Was wäre, dachte ich mir, wenn das alles anders wäre, wenn es diese Beziehungskisten nicht gäbe, was wäre dann alles nicht, was könnte das für (positive) Folgen haben? Zudem: Hier ist etwas nicht in Ordnung, also ist man aufgefordert, etwas zu tun! Wie war das in der Rede Jesu vom "Endgericht" - von wegen "die Nackten bekleiden" (siehe unter Bergpredigt), und gemeint sind hier wohl eher die "geistig Nackten" bzw. Unbedarften, Naiven...

Daß das alles nicht nur mein eigenes persönliches psychologisches Problem war, hier eine Problematik zu sehen (wie mir manche aber keinesfalls alle einreden wollten), wurde mir bestätigt, wenn ich allein an die Opern dachte, die ich so kannte, etwa an die von Mozart ("Don Giovanni", "Cosi fan tutte"), von Verdi ("La Traviata", "Rigoletto") und auch von Puccini ("Turandot", "Madame Butterfly"). Um diese Themen kümmerten sich doch auch andere (und wie!) - und die waren nun wirklich nicht irgendwer, sondern große und berühmte Leute! Daß die alle eine psychische Macke hatten, hatte ich noch nie gehört! Und schließlich konnte man ja auch vieles in der Bibel leicht in meiner Richtung interpretieren, vor allem die Texte, die in unserer üblichen Interpretation eigentlich gar keinen rechten Sinn ergeben, also etwa die Geschichte von Adam und Eva. Und vor allem auch: So wie uns die Bibel üblicherweise erklärt wird, kommt von diesen wesentlichen menschlichen Problemen nur andeutungsweise etwas vor, und das kann eigentlich nicht sein, dass in einem Buch wie der Bibel sich niemand um den Kummer und das Leid kümmert, was selbst Thema von Opern ist. Sollte hier etwa bewußt oder unbewußt etwas ausgeklammert werden, einfach nur deswegen, weil es unbequem ist?

Also sah ich hier eine Aufgabe und fing das Studium an! Und ich stellte schnell fest, daß noch mehr Dinge in der Bibel unsicher sind, als die ich schon vorher gesehen hatte. Immerhin würde in die sich auftuenden Lücken oft genau das passen, was ich gesehen hatte und also mich bewegte.

Daß ich hin und wieder in dem Studium Ärger mit manchen Professoren bekam, war schon fast vorprogrammiert, doch es gab auch andere, die mich unterstützen. Und daß ich wegen meines Ärgers nicht Priester werden konnte, war zwar eine Enttäuschung, doch ich hoffe, ich kam damit klar. Schließlich hat auch das Nicht-Priester-Sein seine Vorteile.  

Eine "weiße Stelle" war lange noch Jesus. So viel war mir bald klar: Das meiste, was wir über ihn hören und wissen, stimmt einfach nicht. Doch was war nun wirklich gewesen? Vor allem, was war der objektive Grund für seinen Kreuzestod, wir kennen ja immer nur die theologischen Gründe mehr oder weniger aufbauend auf dem, wie Jesus selbst seinen Tod interpretiert hatte. Es war ja ganz offensichtlich ein Justizmord, also eine kriminelle Sache. Und eine kriminelle Sache wird doch üblicherweise nur begangen, wenn eine andere kriminelle Sache vertuscht werden soll und wenn andere gewarnt werden sollen, diese Spur weiter zu verfolgen? Erst lange nach meinem Studium brachte mich ein mit allen Wassern gewaschener Bauer in meinem Dorf auf die Idee: Der wahre Hintergrund der Erzählung, wie Jesus die Sünderin vor der Steinigung rettet, kann eigentlich nur eine typische Zuhälter-Geschichte gewesen sein: Da hatte eine Prostituierte es gewagt, gegen ihre Beschützer aufmüpfig zu sein und damit das ganze schöne System des Geschäfts mit der Unmoral in einem heuchlerischen Gottesstaat durcheinander zu bringen, also ließ man sie auflaufen und opferte sie für eine Steinigung zur Warnung für die anderen Frauen... Na klar, das war´s - hatte nicht schon mein Professor Rupert Lay darauf hingewiesen, daß es sich hier keinesfalls um eine Vergebungsgeschichte handelte? (Jesus sagt im übrigen auch nichts von einer Vergebung, er "verurteilt" einfach nicht, und das ist doch wohl nicht dasselbe.) Lays Frage: Wie kommen Männer dazu, eine Frau zu steinigen, die alle selbst nicht "ohne Sünde" sind, was sich vermutlich auf dasselbe bezieht, was diese Frau getan hatte, was wird also hier gespielt? Und zudem gab es ja im Alten Testament am Ende des Buchs Daniel die Erzählung von der schönen Susanna: Dort sollte die Strafe der Steinigung ja auch angewandt werden, um eine Frau zu erpressen. Im Alten Testament ging die Geschichte sowohl für die Frau wie für den, der sie verteidigt hatte, gut aus, doch das ist weniger realistisch, realistischer dürfte sein, wie das mit Jesus schließlich ausgegangen ist... Ist hier also der Grund zu suchen für den Justizmord an Jesus, daß er sich nämlich in Dinge zwischen Halbwelt und Establishment eingemischt hatte, in die man sich besser zu keiner Zeit einmischt - auch heute noch nicht? Näheres siehe unter Jesus und die Sünderin. Ist hier sogar die Ursache zu suchen, warum ich bei meinem Engagement so auf Beton stoße? 

So entstand eben mit der Zeit das Konzept des kriminoloischen Ansatzes!

Schon während meines Studiums hatte ich dann bei einer Fahrt mit Frankfurter Kindern ein weiteres überraschendes Aha-Erlebnis: Besonders die kleinen Mädchen (so um die acht Jahre) stifteten mich einmal ganz begeistert an, mit ihnen und mit den Jungen nackt zu baden. Ich hatte daraufhin die Aktion abgeblasen, doch ich hatte ein schlechtes Gewissen: Hatte ich nicht mein Studium gegen die (für wirkliche Moral) kontraproduktive Leibfeindlichkeit und  Verklemmtheit begonnen (die auch das alles unter den Teppich kehrte, wogegen Jesus vorgegangen sein mochte), und wer war denn hier der Verklemmte? Näheres hierzu siehe unter meinem Reisebericht "Mit Frankfurter Kindern in den Bayrischen Wald".

Daß es bei Kindern dabei nicht um Unmoral ging (ich hatte das sowieso nie angenommen), bestätigte sich wenige Jahre später nach meinem Studium, als ich in einer Gemeinde in der Nähe von Köln Erstkommunionunterricht gab. Da ich von der üblichen Lügnerei bei diesem Unterricht weg wollte, setzte ich bei der Ethik an und besprach mit den Kindern eine Verführungsgeschichte. Und die Kinder machten absolut engagiert mit im Sinne von wirklicher Moral, na also – Kinder können offensichtlich noch zwischen einer Moral im Sinn von Sittsamkeit und einer im Sinn von Sittlichkeit unterscheiden! Näheres unter Kindererziehung und  Erstkommunion.

Ob das allerdings bei den Kindern alles nur vorübergehend ist, ob sie nicht später doch wieder in den üblichen Trott hineingeraten?

Ich finde, das sind dumme Ausreden, etwas nicht zu tun! Es kann doch nicht gleichgültig sein, ob wir einen bestimmten Unterricht machen oder nicht machen! So etwas hat es noch nie gegeben, dass vernünftige Konzepte genau dieselbe Wirkung zeigen wie unvernünftige! Schlechtes Handeln kommt nun einmal doch wohl von schlechter Philosophie - auch das stammt von Rupert Lay. Und die jungen Leute sind doch nicht blöde, dass sie Fehler begehen wollen, obwohl sie es besser wissen! Wer das sagt, der schließt doch bloß von sich auf andere, der sucht doch nach Entschuldigungen für seine eigenen Fehler! Allerdings muß so ein Unterricht natürlich zumindest einigermaßen sachgerecht sein, er muß also in einem Alter sein, in dem sich ethische Konzepte bilden (Amerikaner haben festgestellt, dass das schon ums 7. Lebensjahr herum ist, siehe auch Kairos), und er muß auch so sein, dass Kinder verstehen, um was es geht.

Eine Änderung hätte also doch eine realistische Chance, die einzigen Schwierigkeiten sind inzwischen für mich die, mit denjenigen (Pädagogen usw.) fertig zu werden, die an einer Änderung kein Interesse haben. Doch erfahrungsgemäß finden sich auch immer Leute, die noch idealistisch sind und die ihren Glauben ernst nehmen (für mich kann das nur heißen, daß sie sich am wirklichen Jesus orientieren und nicht an dem, was man über ihn erzählt, selbst wenn das inzwischen zum angeblich unverzichtbaren Dogma wurde) und die einem helfen.

Warum sollte ich also mich nicht im Sinne einer Nachfolge Jesu engagieren und heute in seinem Sinn weiter machen, denn erledigt ist das Anliegen Jesu längst nicht, irgendwie sind diese Beziehungskisten ja immer noch da, wenn auch vielleicht ein wenig anders als damals, das Thema Partnerschaft von Mann und Frau ist noch längst nicht erledigt? Zumindest daran, daß die Liebe als Konsumartikel mißbraucht wird, könnte man doch etwas tun! Und aus den Erfahrungen mit den Kindern weiß ich, dass ein solches Engagement durchaus aussichtsreich sein könnte, Kinder sind da noch wirklich offen für das, was in Ordnung ist und was eben nicht. Wenn ich bei vielen anderen  Pädagogen und Theologen damit auf  Skepsis oder gar auf Ablehnung stoße, so dürfte das normal sein. Wer gesteht schon gerne, dass er unfähig ist? Und waren die dummen Guten nicht schon immer die nützlichen Idioten der Bösen?

Ach ja, heute wird ja immer nach den frühkindlichen Erlebnissen gefragt, die das Leben angeblich doch so sehr beeinflussen und also auch erklären. Nun, an die ganz frühen kann ich mich nicht mehr erinnern. Doch ich erinnere mich, daß ich längst vor meinem zehnten Lebensjahr einerseits gewiß von Ängsten geplagt war (ein Erlebnis ist mir in Erinnerung, das unter dem Stichwort Exhibitionismus kurz erwähnt ist), doch da war auch eine mögliche Lösung - siehe unter dem Stichwort Furcht.

Das also war der Anfang des Konzepts basisreligion!

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)