ZIVILCOURAGE (Basislexikon: kritisch-kompetent-konstruktiv)


ZIVILCOURAGE
. Hinter diesem modernen Begriff verbirgt sich im Grunde etwas ganz Altes, nämlich eine der vier Kardinaltugenden Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit: also die Tapferkeit. (Diese Tugenden wurden in der griechischen philosophischen Schule "Stoa" entwickelt und  gelangten von dort in das römische und spätjüdische Denken und von dort in unseren christlichen Glauben.) Und hinter der fehlenden Zivilcourage steckt eine der Hauptsünden, nämlich die Trägheit...

Zivilcourage oder eben Tapferkeit ist die Eigenschaft, etwas, das man selbst als richtig und gerecht erkannt hat (das also im Kontext zu den den anderen drei Kardinaltugenden steht!) und das menschliches Leben wirklich verbessert, das also der Biophiliemaxime entspricht, in die Wirklichkeit umzusetzen. Dass das oft nicht ganz einfach ist und auf Widerstand stößt und Probleme und sogar Ärger verursacht, schreckt nicht ab, es ist eben Kennzeichen von Zivilcourage, dass man dennoch weiter macht: Wer Zivilcourage hat, der kennt überhaupt nicht das Wort "Probleme", für ihn sind das alles lediglich "Herausforderungen". Inwieweit man Nachteile in Kauf nehmen muss, sollte sich an den Chancen orientieren, etwas wirklich zu erreichen: Denn niemand hat etwas davon, wenn man sich durch sein Engagement etwa völlig ins Abseits bringt und so gar nichts mehr bewirken kann. Das ist für die Sache, für die man kämpft, auch nicht von Vorteil.
Und wer sagt, er hätte da keine Möglichkeiten, der sollte doch einmal in die Grafik vom Teufelskreis von Bösartigkeit und Verantwortungslosigkeit... im Fenstertext unten sehen - und sich ihm stellen. Natürlich muss man das nicht alles so sehen wie hier - doch wie dann sonst? Jedenfalls gibt es hier doch einige Stellen, an dem jeder selbst Sand ins Getriebe des Bösen werfen oder zumindest streuen könnte. Und wer das nicht so sehen will, der sollte sich fragen, ob er das nicht nur deswegen nicht so sieht, um nichts zu machen zu brauchen. Ja, das ist eben der Vorteil eines wirklichen Durchblicks, wer ihn hat, der ruft nicht immer gleich nur nach anderen, sondern der sieht auch Möglichkeiten, wo er sinnvoll Sand werfen oder sogar noch mehr machen kann. Oder braucht man den immer und für alles eine Anordnung von oben? Das ist eben Zivilcourage, dass man letztlich selbst sein eigener oberster Befehlsgeber ist.

Eine Empfehlung für junge Leute von heute, wie sie Zivilcourage zeigen können, wäre eine bewusste Sexualmoral mit einer entsprechenden Offenheit.

Ein gutes Beispiel für Zivilcourage in früherer Zeit ist das Vorgehen des Jesuitenpaters Friedrich von Spee (1591 - 1635) gegen den Hexenwahn: Er schrieb das berühmte Buch Cautio Criminalis, das - angeblich gegen seinen Willen - anonym veröffentlicht wurde, und das sozusagen den Stein der Aufklärung ins Rollen brachte, dass die Hexenprozesse schließlich abgeschafft wurden (selbst wenn das noch um die 150 Jahre dauerte).

NS-Parteigenossen mit Zivilcourage

Hervorragende Beispiele sind auch die des Schindlers von China John Rabe, des Schindlers von Holland Hans Calmeyer und des Widerstandes in SS-Uniform Kurt Gerstein.

In den USA wird Rabe als "Oscar Schindler von China" verehrt, in China als eine Art Buddha, die Chinesen haben ihm sogar ein Denkmal gesetzt. In Deutschland dagegen ist er ein Unbekannter: John Rabe, Mitte der 30er Jahre Direktor des Siemens-Konzerns in der damaligen chinesischen Hauptstadt Nanking (Nanjing). Rabe, ein patriotischer Deutscher und NSDAP-Mitglied aus Überzeugung, erlebte den Überfall der Japaner auf China und die Belagerung Nankings. Im Herbst 1937 wurde er Zeuge des furchtbaren Nanking-Massakers, bei dem japanische Soldaten Hunderttausende Chinesen auf bestialische Weise ermordeten. John Rabe bewies in jenen Tagen Mut und Zivilcourage: Als gewählter Chef der von amerikanischen und englischen Geistlichen eingerichteten Schutzzone gewährte der Hitler-Anhänger rund 250.000 Menschen Zuflucht vor den mordenden japanischen Soldaten. Rabes öffentliches Eintreten war der NS-Führung unangenehm; er wurde von der Gestapo verhaftet und zum Schweigen verpflichtet. 17500 starb Rabe verarmt und vergessen in Berlin-Siemensstadt. Erst kürzlich ist sein 2500 Seiten umfassendes Tagebuch gefunden worden. Die Dokumentation von Tina Mendelsohn zeichnet das tragische Schicksal des Auslandsdeutschen nach und folgt den Spuren des "Schindlers von China" bis nach Nanking. Dass Rabe zeitweilig in Nanking NSDAP-Mitglied war, schmälert nicht seine Verdienste, dies ist allenfalls ein Beleg dafür, dass wir sehr wohl unterscheiden müssen, dass nicht alle Naziparteimitglieder Unmenschen waren, bisweilen konnte man eben unter dem Hakenkreuz auch mehr für die Menschlichkeit tun! Siehe hierzu die Rezension seiner Geschichte "Der gute Deutsche von Nanking" von Erwin Wickert in der Frankfurter Allgemeinen vom 11. 2. 1999. Nachdem die Firma Siemens den lebenden John Rabe aus der Arbeit gejagt hatte, hat sie inzwischen dem toten Rabe ein Denkmal gesetzt, indem sie sein Haus renovierte: Siehe den Beitrag in der WELT vom 1.11.2006: http://www.welt.de/data/2006/11/01/1093933.html.
 

Hier kann auch Ernst von Weizsäcker (1882 - 17501) genannt werden, Vater des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der in der Nazizeit als Staatssekretär im Auswärtigen Amt blieb, wo er sich einsetzte für die "nichtarischen" früheren Mitglieder des Amtes. Freilich ist er schuldig geworden, weil er etwa durchaus auch Deportationsbefehle für die französischen Juden nach Auschwitz unterzeichnete. Doch immerhin ließ er sich schließlich in den Vatikan versetzen, wo er sich bessere Verbindungen ins Ausland als in Berlin erhoffte. Und dort vermittelte Weizsäcker auch zwischen dem Vatikan und dem NS-Regime. Aufgrund seiner Informationen konnte er auch die Juden Roms vor den anstehenden Deportationen warnen und ihre Verstecke in Klöstern und katholischen Pfarreien decken.  Siehe allerdings auch unter Auswärtiges Amt.

Mich, den Verfasser dieser Website, fasziniert insbesondere Hans Calmeyer (1903 - 1972), der Rechtsanwalt aus Osnabrück, der auf verschlungenen Pfaden schließlich zum Referenten des Generalkommissars im von den Nazis besetzten Holland wird, um dort das Judenrecht nicht nur anzuwenden, sondern es auch zu gestalten. Und er interpretiert es so, dass zwischen 4000 und 6000 Juden das Leben gerettet wird! Natürlich, er ist kein Widerstandskämpfer und er will sich auch nicht in Gefahr bringen, indem er ganz offensichtlich Juden rettet. Und so muss alles seine Richtigkeit haben, doch er lässt als "ordentlicher deutscher Beamter" nicht nur eidesstattliche Versicherungen zu, dass "verdächtige Personen" in Wirklichkeit gar keine Juden sind, weil sie etwa aus angeblichen Seitensprüngen entstammen, sondern ermuntert indirekt noch dazu! Siehe dazu den Bericht in der WELT vom 23. 06.2003 http://www.welt.de/data/2003/06/23/123061.html. Auch erreicht er, dass das Recht "ordentlich" angewendet wird, dass also nicht jemand beweisen muss, dass er nicht Jude ist, sondern dass der Staat beweisen muss, dass jemand Jude ist. Und so gibt es schließlich in Holland ein ganzes Netz von Rechtsanwälten und Pfarrern, die gut gefälschte "Arierpapiere" herstellen mit raffiniert gealterter Tinte usw. (Von dem Verfahren, ihren <jüdischen> Sohn durch Benennung eines nichtjüdischen Zeugen, mit dem eine mit einem Juden verheiratete Frau angeblich eine Affäre hatte, zu "arisieren", hatte mir schon einmal ein "Halbjude" in New York berichtet. Seiner Mutter war dieser Tip in Königsberg direkt von einem Beamten einer Behörde gegeben worden, an den sie sich Hilfe suchend gewandt hatte. Weniger Glück hatten die Mitglieder der "Europäischen Union", einer Gruppe Widerstandskämpfer, der Oberarzt Georg Groscurth, der Architekt Herbert Richter, der Dentist Paus Rentsch, der Chemiker Robert Havemann,  die unter anderem Juden falsche Papiere ausstellten. Sie wurden verraten und starben bis auf Robert Havemann (der kam dann wieder mit dem DDR-Regime in Konflikt) unter dem Fallbeil. Siehe Artikel in der WELT vom 22. Januar 2005 unter der Url.: http://www.welt.de/data/2005/01/22/391367.html.)

Ein Widerständler ganz anderer Art war Kurt Gerstein, der - selbst bekennender Christ - sich "tarnte" und bewusst in die SS eintrat, um hinter die Kulissen in den "Feuerofen des Bösen" zu sehen und zu erfahren, was wirklich passierte. Und eher durch Zufall drang er als Spezialist tatsächlich dorthin vor - und berichtete davon in allen Details erschüttert u. a. dem schwedischen Gesandtschaftsrat Baron von Otter, den er am 20. August 1942 (bereits!) zufällig bei einer Zugfahrt traf. Baron von Otter gab seine Informationen auch weiter, doch nichts geschah... So war Gerstein auf sich allein gestellt und versuchte wenigstens, die Tötungsmaschinerie zu sabotieren, indem er vorgab, dass die Giftgase unbrauchbar seien, weil sie sich bereits zersetzt hätten. Gerstein starb unter mysteriösen Umständen - angeblich Selbstmord - 1945 als Kriegsverbrecher im Pariser Militärgefängnis Cherche-Midi. Seien Witwe kämpfte lange um seine Anerkennung als Widerstandskämpfer.

Ohne Polanskis Film "Der Pianist" würde man sich wohl weder an den Musiker Szpilman erinnern noch an Wilm oder Wilhelm Hosenfeld, den deutschen Offizier, der ihn eine Zeitlang rettete. Diesen begeisterten Pädagogen bewahrte sein christlicher Glaube vor der Mittäterschaft. Siehe Artikel in der WELT  vom 3. Juli 2004. Url des Artikels: http://www.welt.de/data/2004/07/03/299682.html.

Was wäre, wenn es diese Menschen nicht gegeben hätte? Was wäre gewesen, wenn sie das Dilemma, in dem sie waren, anders gelöst hätten, etwa wenn sie ihre Partei- oder Offiziersuniform oder ihre "treudeutsche Gesinnung" "völlig" "ausgezogen" hätten, um sich nicht direkt schuldig zu machen? Wären dann nicht einige Tausende bis Hunderttausende Menschen mehr umgebracht worden? Sind also solche Menschen, die vordergründig "mitgemacht" und gerade dadurch Leben gerettet haben, nicht auch Helden?

Die meisten Menschen scheinen grundsätzlich "Sch... in der Unterhose" zu haben. Dabei: Was würde ihnen eigentlich passieren, wenn sie sich davon befreiten? Am Ende könnten sie ja noch positiv auffallen...

Und haben solche Möglichkeiten nur Menschen in höheren Positionen? Mitnichten! Schauen Sie sich einmal die Erzählung an beim Stichwort Recht der ersten Nacht - solche regelrechten Schweinereien konnten doch nur laufen, weil niemand Zivilcourage hatte! Ach ja, man kann nichts machen? Was wäre, wenn in dieser Erzählung jemand mal ganz grundsätzlich mit dem Gutsbesitzer geredet hätte, oder man hätte auch mit dem Mädchen selbst reden können oder man hätte auch mal zum Dorfpfarrer gehen können, damit der einmal mit dem Gutsbesitzer redet und notfalls das Verhalten des Gutsbesitzers von der Kanzel her bekannt macht und anprangert! Das waren doch Verstöße gegen die Zehn Gebote! Doch alle waren sie Spießer oder auch nützliche Idioten für das Böse! Und heute? Spricht Sie nicht das Gespräch 2 dieser Website an oder die Seite über Kindererziehung? Es gibt doch Möglichkeiten, etwas zu ändern! Und Ihnen passiert doch gar nicht einmal etwas dabei! Gehen Sie doch einmal zu Ihrem Pfarrer und legen Sie ihm das Material hier vor! Engagieren Sie sich!

Und hier noch ein ganz großartiges Beispiel von Zivilcourage - auch aus der Nazizeit. Und hier ist auch der "hohe Preis" akzeptabel, den die Frau dafür zahlte:

Die Heldin von Radom - Irene Gut - rettete zwölf Juden das Leben


Der Artikel ist erschienen in der WELT am 24. Mai 2003. Vollständige Url. des Artikels: http://www.welt.de/data/2003/05/24/100947.html

Andere Helden der Zivilcourage sind auch der "polnische Wallenberg" Henryk Slawik, der bis 1944 in Ungarn tausende Juden rettete. Siehe unter der Url: http://www.welt.de/data/2004/01/31/230612.html (abgesehen natürlich vom schwedischen Wallenberg selbst, der nach dem Krieg in sowjetischen Lagern verschwand) und der Leica-Fabrikant Ernst Leitz, der etlichen jüdischen Mitbürgern während der Nazizeit zur Flucht verhalf, siehe Beitrag in der WELT vom 9.2.2007 (der Beitrag ist zu finden über "Ganzseitenarchiv, Magazin".

Zivilcourage im Angesicht des Todes.

Ich gebe hier eine Mail wieder, die ich erhalten habe:

Es geht um den Präsidenten des (Nazi-)Volksgerichtshofs Freisler.

SALLUST: "Arduum res gestas scribere": "Mühselig ist es, Geschichte zu schreiben." Trotzdem mag sich selbst in dunkelster Zeit Situations-"komik" ergeben.

Als FREISLER am 9. September 1944 im sog. Prozeß gegen GOERDELER und vier weitere Angeklagte die Todesurteile verkündete, erwiderte einer von ihnen, der Rechtsanwalt JOSEF WIRMER: "Wenn ich hänge, habe  n i c h t  ich die Angst, sondern SIE!"

Freisler schäumte vor Wut: "Bald werden Sie in der Hölle schmoren!" Der gläubige Katholik, den Tod vor Augen, antwortete mit ruhiger Stimme: "Es wird mir ein Vergnügen sein, wenn Sie bald nachkommen, Herr Präsident".

Ein "bald" ist es hier gewesen, ohne Wertung, ob es überhaupt eine Hölle gibt, wissen wir Sterblichen dies doch nicht einmal eindeutig vom Himmel:

FABIAN VON SCHLABRENDORFF, jener Mann, der als letzter Angeklagter vor Freisler stand und der den Krieg überlebt hatte, erinnert sich später an den 3. Febrauar 1945 in seinem Buch: Kurz nach Beginn der Hauptverhandlung gegen ihn seien die Alarmsirenen ertönt. Man habe sich in den Keller des Gerichtsgebäudes begeben. Der Präsident mit den Akten in der Hand und seine Beisitzer seien in der einen Ecke des Schutzraumes gestanden. In der anderen habe er sich selbst mit der Bewachungsmannschaft befunden. Da plötzlich sei das Gebäude von einer schweren Bombe getroffen worden. Ein Deckenbalken sei durchgebrochen und habe Freisler erschlagen.

Und worauf die Chronisten vor allem Wert legen, dass es geschrieben werde: Tags zuvor noch hatte Freisler RÜDIGER SCHLEICHER, den Ministerialrat im Reichsluftfahrtministerium, zum Tode verurteilt, wie auch den Bruder des Pastors DIETRICH BONHOEFFER,- KLAUS -, welche Todesurteile zusammen mit Friedrich Perels und Hans John vollstreckt worden sind.

(Wörterbuch von basisreligion)