Untreue Juden oder untreues Christentum?

 

Vor dem zweiten Vatikanischen Konzil wurde am Karfreitag für die „untreuen Juden“ gebetet.

Dieses Gebet wurde inzwischen abgeschafft, doch die Frage bleibt: Wer ist eigentlich untreu gewesen?

Das Problem des traditionellen Christentums ist nun, dass sich in den 2000 Jahren seiner bisherigen Geschichte neben der Glut auch viel Asche angesammelt hat. Und vieles, was wir heute für unverzichtbar und typisch christlich halten, ist in Wirklichkeit nun einmal Asche....
Als Theologe sehe ich da nun vor allem die ganz grundsätzliche theologische Problematik: Wir haben unsere christliche Botschaft vom Hintergrund des jüdischen Glaubens oder der jüdischen Weltanschauung völlig gelöst, vor dem Jesus nun einmal erst einmal verstanden werden muss (siehe Hermeneutik), und es so intensiv vor allem mit dem alten heidnisch-griechischen Denken (siehe Philosophie) überfrachtet, dass nicht nur etwas völlig anderes herausgekommen ist, als was Jesus vermutlich wollte, sondern dass wir uns gar nichts anderes mehr vorstellen können!

Genau dies sage ich auch immer den Schülern und erkläre ihnen dann, dass in der Susannageschichte vermutlich das typische Problem des jüdischen Denkens angesprochen wird: Die Harmonie von Mann und Frau und die Gefährdung, die Störung oder gar die Zerstörung dieser Harmonie. Und so sind in der ganzen Bibel immer wieder Ansätze, diese Harmonie wiederherzustellen, wenn sie im Laufe der Zeit wieder einmal verloren gegangen war, ja die ganze Bibel ist förmlich von vorne bis hinten ein Hin und Her zwischen Verfall und Kampf gegen diesen Verfall. Das beginnt mit der Erzählung von der Schöpfung (von Gott ist die Frau als Gefährtin des Mannes gedacht, doch die Wirklichkeit zur Zeit der Entstehung dieser Geschichte ist der Missbrauch, wobei auf die kultische Prostitution angespielt wird), das geht weiter mit den strengen Vorschriften in Gesetzesform gegen die Sexualkulte der Nachbarvölker Israels, gegen die Sklaverei (worunter auch Frauen auf ihre besondere Weise zu leiden hatten, siehe Frauenhandel), mit der Hervorhebung bedeutender “gottesfürchtiger und tugendhafter” Frauen im alten Israel (man kann zu den Berichten über solche Frauen auch gewiss die “Susannageschichte” zählen) bis hin zum Einsatz Jesu. Insofern ist Jesus wirklich jüdischer Prophet schlechthin, zumal er sich da förmlich „aufopferte“.

Demgegenüber die Nachbarvölker Israels: Da sind die Babylonier und Kanaaniter mit ihrer kultischen Prostitution (die Frau als Sexualobjekt, und das auch noch von ihrem Götterglauben her abgesegnet), die Ägypter mit ihrer Beschneidung der Frauen (man traut einer “vollständigen” Frau überhaupt keine Moral zu), die Griechen mit ihrer Homoerotik (die totale Ablehnung der Frau als Partner).

Doch genau die Ideen, die Philosophien dieser Völker, vor allem der Griechen, haben unser Christentum “unterwandert”, verfälscht und vermutlich sogar ins Gegenteil verkehrt. Und diese „Unterwanderung“ begann sehr schnell nach dem Tod Jesu. Die erste bedeutende „Station“ dieser Unterwanderung war gewiss der Apostel Paulus. (Ein Kollege erzählte mir einmal von einem Kaplan in seiner Gemeinde, der in seinen Predigten ausführte, dass der Apostel Paulus, der Jesus ja nie persönlich gekannt hatte, als griechisch geprägter Intellektueller natürlich vor seiner „Bekehrung“ zumindest irgendwann einmal homosexuell war, dass er also auch ein bekehrter Homosexueller war. Und das leuchtete mir sofort ein, “man” muss nur einmal die papierenen Worte des Paulus über die Liebe im ersten Korintherbrief (1 Kor. 13) mit Mozarts Passagen aus Figaros Hochzeit “Voi, che sapete che cosa è amor” vergleichen, und Mozart war gewiss “normal” veranlagt...) Ich habe ja nichts gegen Homosexuelle, doch wenn unsere ganze Kultur auf deren Horizont ausgerichtet ist und damit dann auch beherrscht wird, habe ich schon etwas “dagegen”! Weitere bedeutende Stationen waren der heilige Kirchenvater Augustinus (natürlich darf man sich wie er nach einem Leben mit Prostituierten bekehren, doch bei ihm ist die Einstellung von seiner Vergangenheit übrig geblieben, dass unsere jetzige Welt grundsätzlich schlecht ist) und schließlich die Entdeckung und die Übernahme der Philosophie des vorchristlichen griechischen Aristoteles in das Denkgebäude der Kirche im Mittelalter (womit sich der Kreis zu Paulus schließt, denn Aristoteles war als Grieche seiner Zeit natürlich auch homosexuell wie übrigens auch die anderen uns bekannten altgriechischen Denker Plato und Sokrates...).

Die Folge dieser Verfälschung ist, dass uns heute die Weltanschauung fehlt, die Harmonie von Mann und Frau wieder “in den Griff zu kriegen”. Es wurde einmal auf einem Psychologenkongress in Köln die These vertreten, dass 90 % aller Ehen eigentlich gar keine richtigen Ehen seien, sondern dass sie einfach ein mehr oder weniger gelungenes Zusammenleben von zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts sind. Für mich ist da ein Zusammenhang zwischen der christlichen Botschaft und einer speziellen Medizin: Wenn nämlich eine an sich gute Medizin verfälscht ist, dann grassieren wieder munter die Krankheiten, gegen die diese Medizin einmal gedacht war. Und die Verteilung von Pillen und Kondomen an junge Menschen ist schließlich die Bankrotterklärung jeglicher auf Harmonie ausgerichteten Sexualmoral und kann als Beweis gelten, dass die Botschaft Jesu nicht mehr richtig gesehen wird.

Und genau um dieses „In-den-Griff-Kriegen“ der Harmonie von Mann und Frau geht es hier. Daher komme ich auch immer wieder auf das Grundanliegen der ursprünglichen jüdischen Weltanschauung und möchte genau wie die Denker “dieses Nomadenvolks am Rande der damaligen zivilisierten Welt” nicht nur immer an Symptomen herumdoktern, sondern auf „diesen Kern“ stoßen. Diese „Einseitigkeit“ kann natürlich zunächst einmal auf viele Menschen verwirrend wirken, schließlich sind wir ja dieses Denken gar nicht mehr gewöhnt.

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)