www.michael-preuschoff.de

HINWEISE ZUM TEXT: ECHTE MONOGAMIE VON DER VERNUNFT HER

Am 8. Mai 2018 war Gregor Gysi zu Gast im Kloster Klausen bei Trier. In einem Gespräch mit dem Dominikanerpater Albert Seul sah er das Problem der katholischen Kirche, dass sie genau wüsste, dass sich die Gläubigen – und besonders auch die jungen – nicht an die Sexualmoral halten, die die Kirche lehrt. Das heißt, sie akzeptiert eine Normverletzung – und eine akzeptierte Normverletzung untergräbt nun einmal die Autorität jeder Institution, die eigentlich das Halten einer Norm verlangt. Und hier meine Sicht: Die Kirche kann einfach nicht die Normen der Sexualmoral aufgeben, weil sie nun einmal nicht nur zur Kirche, sondern überhaupt zur christlichen Religion gehören. Doch sie kann überprüfen, was Asche und was Glut ist -- und die Lehre von der Asche befreien. Und als "Glut" bleibt hier die "echte Monogamie" übrig. Leider gilt die zur Zeit als ungeliebter Ladenhüter des christlichen Glaubens. Doch kann man aus dem  einen heißbegehrten Knüller machen!


Anmerkung: Die Hinweise habe ich weitestgehend auch sonst schon behandelt, so dass viele, die sich schon mit meinem Ansatz auseinander gesetzt haben, sie kennen. Ich habe sie hier lediglich für die "Neulinge" für den Text "Hinweise ..." noch einmal zusammengestellt.

1. "Mittelweg": Ein junger privater Zimmervermieter in Kaschau (Kosice) in der Ostslowakei wollte wissen, an was ich tüftle, als ich mein Notebook auspackte. Ich versuchte, es ihm zu erklären. Und er dann: "Ach, also ein Mittelweg in der Sexualität?" Ich: "Ja, so kann man das sagen." Und er: "Das sollte ich also auch so schreiben." Und er holte auch gleich Freunde und Bekannte in dem traditionellen Bierlokal "Staré Mésto" ("Altstadt") zusammen, um mit mir über "das Thema" zu diskutieren. Eine angehende Psychologin erzählte mir gleich ihre "eigene Geschichte", dass sie ihre Jungfernschaft mit 19 verloren hätte, und wünschte mir viel Erfolg bei meinem Engagement. Ich hatte den Eindruck, gerade sie fand das gut, wie kreativ ich mich hier einsetze.

2. "zusammengevögelte Gesellschaft": http://deutsch.univartois.free.fr/lire11.html

3. Sexualpartner: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/644279/umfrage/umfrage-zur-anzahl-der-bisherigen-sexualpartner-in-deutschland/

4. "kein (wirkliches) Interesse: Es gibt in Deutschland über 200 Lehrstühle für die Genderforschung, also ob das „äußerliche Geschlecht“ eines Menschen auch seinem „inneren Geschlecht“ entspricht, doch keinen einzigen für die Erforschung der echten Monogamie - und wie diese in unserer heutigen Welt in eine Pädagogik für junge Menschen umgesetzt werden kann. So müssten doch einmal die üblichen „Komponenten“ unserer Moral auf den Prüfstand gestellt werden, ob sie wirklich einer echten Monogamie dienlich sind, also etwa

  • der kindliche Religionsunterricht und das damit verbundene religiöse Wissen

  • die Erziehung zur Sexualscham, dabei gibt es doch längst "Naturstrände", wo keinesfalls ein "sexuelles Chaos" herrscht, also könnten doch die Erfahrungen damit bei der Suche nach einer funktionierenden Sexualmoral mitbedacht werden
  • das Verschweigen des Themas "echte Monogamie"
  • frühkindliche Bedingungen
  • die Sexualaufklärung in Familie und/oder Schule
  • der Einfluss der Medien, angefangen von den klassischen Märchen bis hin zur heutigen Kinder- und Jugendliteratur
  • Vorstellungen in anderen Kulturen und Religionen und wie je nachdem dort die Pädagogik im Hinblick auf „echte Monogamie“ aussieht, usw.

Doch weitestgehend Fehlanzeige. Dabei gibt es durchaus Theorien und Erfahrungen mit der Nacktheit, doch die werden im Allgemeinen völlig tabuisiert. Nach wie vor: Das Thema „echte Monogamie“ interessiert einfach nicht.

5. "fromm und naiv genug": In der traditionellen Erziehung zur Sexualmoral wird sozusagen alles, was mit Sexualität zusammen hängt, in einen Topf geworfen, es gibt also hier nicht Sinnvolles und Nachteiliges, sondern alles gilt als "Frühsexualisierung" und ist daher per se schlecht.

6. "Vox populi - vox dei": Dieser Spruch wird auch bisweilen spöttisch abgewandelt in "Vox populi - vox Rindvieh". Ja, wann trifft das eine zu, wann das andere? Das mit der "Stimme Gottes" ist wohl eher der Fall, wenn es sich um eine menschliche Grundstimmung über Werte handelt. So wie ich den Eindruck habe, sind die Menschen hier ziemlich ehrlich, selbst wenn sie selbst oft anders handeln. Wenn die Massen dagegen irgendeinem Führer zujubeln, der mit einfachen Lösungen Eindruck macht (wie etwa Hitler mit seinem Antisemitismus: "Die Juden sind an allem schuld, wenn die weg sind, wird alles besser!"), dann stimmt eher das mit dem "Rindvieh".

7. Monogamie und ZEIT: http://www.zeit.de/2012/13/CH-Monogamie
An dieser Stelle sollte auch einmal die Frage angesprochen werden, inwieweit die Monogamie eine "jüdische Erfindung" ist, die sonst nicht interessiert. Na gut, nehmen wir einmal an, sie ist eine jüdische Erfindung. Ja, und wann wurde sie denn erfunden? Das war doch auf dem Weg der Israeliten aus der Sklaverei der Ägypter ins Gelobte Land. Da war also Moses auf den Berg Sinai gestiegen und kam mit den Tafeln mit den Zehn Geboten wieder herunter. Auf diesen Tafeln waren auch die Spielregeln für den Umgang mit der Sexualität. So deutlich geht es allerdings aus den betreffenden Geboten, so wie wir sie kennen, nun vielleicht nicht hervor, dass damit auch die echte Monogamie gemeint ist. Dich ich denke, die ergibt sich aus dem Zusammenhang. Die Israeliten wanderten also nicht nur so aus Ägypten durch die Wüste ins Gelobte Land, sondern es war auch eine Wanderung aus der Sklaverei in die Freiheit. Und in der Sklaverei war es doch normal, dass den Eigentümern der Sklaven diese auch komplett gehörten, also gehörte auch der Sex der Eigentümer mit den Sklavinnen dazu, der natürlich auch geschah. Und wenn diese Sex-Geschichten zwischen Eigentümern und Sklavinnen dann irgendwann einmal vorbei waren, dann wurden die Sklavinnen von den Herren den passenden männlichen Sklaven weitergereicht für die weiteren Beziehungen und für die Kinderaufzucht. Das heißt also, dass "vorehelicher Verkehr" zur Lebensweise "Sklaverei" gehört. Folglich gibt es "so etwas" in freien Gesellschaften nicht, da gilt also die "echte Monogamie"! Das gilt dann auch für uns heute! Und wenn die echte Monogamie zu wirklich freien Gesellschaften gehört, dann muss sie sich auch aus sich heraus erklären und begründen lassen - was ich in diesem Text hier versucht habe.

Kriegssklavin von
                    Germán Hernández Amores

"Kriegssklavin“ (Germán Hernández Amores 1884 im Navarra-Museum in Pamplona / Spanien - das Gemälde war wohl eine Leihgabe des Prado/Madrid, als ich es sah): Ich finde, das Gemälde ist eine ergreifende Darstellung einer Frau, der nun wirklich alles, ja alles: Familie, Freunde, Heimat, Sprache, Besitztum, Ehre, Würde und natürlich auch Kleidung, genommen wurde und die auf den Wert ihres „Fleisches“ reduziert wurde: Der Käufer konnte im Prinzip mit ihr machen, was er wollte. Wenn solcher Umgang mit Menschen nicht eine Aufgabe ist, etwas zu ändern?

Und natürlich hat der Geschlechtsverkehr etwas mit dem Kinderkriegen zu tun, er weist also darauf hin, dass er nur mit dem Partner passiert, mit dem man oder frau auch Kinder bekommen und großziehen will. Wir engagieren uns heute so für "so nätürlich wie möglich", doch hier auf einmal meinen wir, dass es besser für uns Menschen ist, wenn wir die Natur mit Pillen und mit Gummiprodukten austricksen. Wie schizophren sind wir eigentlich? Dabei geht es doch wirklich auch anders? Ob nicht eine liebevolle Umarmung viel mehr sein kann als immer nur das "Eindringen", wenn die Partnerschaft noch nicht den Segen der Eltern und Gottes hat (um es einmal so zu sagen)? Und erst recht mit schönem Hautkontakt? Im Übrigen schrieb der hier öfter genannte spanische Philosoph auch dazu etwas: "Während wir in allen anderen Fällen des Lebens nichts mehr verabscheuen, als die Grenzen unseres individuellen Daseins durch ein anderes Wesen verletzt zu sehen, besteht die Süße der Liebe darin, dass der Liebende im metaphysischem Sinn durchlässig wird und nur in der Verschmelzung mit dem Geliebten , in einer `Individualität zu zweit´ Befriedigung findet. Dies erinnert an die Lehre der Saint-Simonisten, wonach das wahrhafte menschliche Individuum das Paar zu zweit ist. Doch bleibt die Sehnsucht nach Verschmelzung hierbei nicht stehen. Die volle Liebe gipfelt in einem mehr oder weniger klaren Wunsch, die Vereinigung in einem Kind zu symbolisieren, in dem die Vollkommenheiten des geliebten Wesens fortdauern und sich behaupten ..." (Ortega y Gasset, "Über die Liebe", S. 120). Na also! 

Und noch ein anderes Argument für die Monogamie: Es wird heute ja oft gesagt, dass das Sexualverhalten weitestgehend in den Genen liegt und dass man daher also sowieso nichts machen kann, gleichgültig ob Homosexualität oder eben Monogamie oder Polygamie. Hierzu mal zur Situation im Alten Griechenland: Da galt also Homosexualität als das Normale, schließlich waren 99 % aller Männer homosexuell. Und wer anders war, der galt als "farsisch", also als "persisch", denn man erzählte sich, dass die Perser, das Volk am Rande der damaligen Zivilisation, die Schönheiten des Lebens nicht kannten, weil dort die Männer nur mit Frauen verkehrten. Die Frage ist, war damals in Griechenland die Homosexualität wirklich genetisch bedingt? Und warum ist sie dann - offensichtlich durch den Einfluss des Christentums - bis heute weitestgehend verschwunden (denn es ist nicht bekannt, dass die griechischen Männer von heute besondes homosexuell sind)? Das kann doch nur daran liegen, dass sie - zumindest in den allermeinsten Fällen - eben keineswegs genetisch, sondern kulturell bedingt ist. Die äußeren Umstände waren eben so, dass Homosexualität das Normale war, das heißt, dass es auch gar keine Pädagogik gab, in der "hetero" als das Normale galt. Und so konnten die Menschen gar nicht vernünftig "hetero" leben. Ob das mit der "Polygamie" nicht heute dasselbe ist? Wo gibt es denn (ich weiß, ich wiederhole mich) eine vernünftige und wirklich heterofreundliche Pädagogik der monogamen Heterosexualität? 

8. Veranlagung und Pädagogik: Wie kommt´s also, dass bei der Sexualität sehr oft angezweifelt wird, dass die Monogamie zum Menschen gehört, weil sie doch, wenn sie wirklich zum Menschen gehören würde, sozusagen „von alleine“ kommen müsste, ohne dass in einer Pädagogik etwas daran getan werden müsste. Kann man das anders erklären, als dass wir bzw. sehr viele Menschen ein gespaltenes Verhältnis zur Sexualität und insbesondere zur Monogamie haben? Daher gilt für diesen Bereich des Lebens auf einmal nicht, was sonst doch selbstverständlich ist. Natürlich kann man auch ohne die Monogamie leben wie auch ohne sprechen und gehen zu können, doch das ist nur unter günstigsten äußeren Bedingungen möglich, und ob das Leben auf diese Weise wirklich lebenswert ist?

Man kann sich natürlich streiten, ob nun die Monogamie auch so etwas ist, was zum Menschen gehört, und ob nicht die Polygamie viel eher zum Menschen gehört. Doch ich denke, wir sollten zumindest beides den jungen Menschen anbieten, damit sie frei wählen können. Natürlich muss das Angebot der Monogamie auch so sein, dass sie nicht als Qual und Zwang angesehen wird, sondern eine echte Alternative ist. Ob das in diesem Text gelingt?

Und wer käme für die "Propaganda" für die Monogamie infrage? Eine Religion - wer denn sonst? Aber nicht eine, der es um einen Kult, sondern der es um eine Lebenseinstellung geht! Damit wären wir bei der Religion, die aller Wahrscheinlichkeit Jesus im Sinn hatte, denn um einen Kult ging es ihm mit Sicherheit nicht!

9. Fetischwirkung: s. GEO 2/2015

10. Amerikanischer Voyeur: Siehe „Die Welt“ vom 12.04.2016: „Hinter der Wand ein Spanner“. Der Voyeur hatte durch ein als Lüftungsloch getarntes Guckloch die Gäste seines Motels beobachtet und Protokoll geführt.

11. Lebenslanger Schaden: Es ist bekannt, dass sich 25 % aller Frauen nur mit Grausen an ihren ersten "Verkehr" erinnern und so schnell danach keinen Verkehr mehr wollten. Das wird natürlich in der heutigen modernen Sexualaufklärung gerade den Mädchen verschwiegen, um sie nicht vor der Sexualität zu verängstigen. Angeblich ist die Ursache für das "Misslingen" ja nur, weil vorher immer Angst gemacht wurde ... Auf die Idee, sich erst einmal, also vor der Ehe, auf  Hautkontakt ohne Eindringen zu beschränken, kommen die modernen Sexualaufklärer natürlich nicht, denn denen geht es ja genauso wenig um eine harmonische Sexualität wie den Religionen. Und wenn "das erste Mal" nicht gelang, ob dann das zweite Mal besser gelingt und so auch die vielen weiteren Male? Auch das dürfte nicht leicht sein, denn wenn man schon einmal an so eine heikle Sache mit schlechten Erfahrungen heran geht, dürfte alles nicht einfacher werden. Nicht von ungefähr kommt es eben, dass Zweidrittel aller Frauen nie einen echten Orgasmus haben. Besser wäre also schon, von Anfang an alles richtig zu machen!

12. Zentralnervös ausgelöster Orgasmus ohne „Eindringen“: Ich bin hier auf eine englischsprachige Website aufmerksam gemacht worden:

https://mytinysecrets.com/men-with-erectile-dysfunction-are-the-best-lovers/

Ein Trost für alte Menschen, wenn die Männer keine Erektion mehr haben, es geht auch ohne – und also auch ohne Eindringen!

Diese Theorie habe ich bisweilen auch in meinem Unterricht dargelegt, angewandt auf junge Menschen "ohne Erfahrungen". Ich hatte dabei immer aufmerksame Schüler und insbesondere auch Schülerinnen. An zwei Situationen erinnere mich besonders: Einmal stimmte mir eine Schülerin in der ersten Reihe spontan zu: „Ja, da haben sie recht!“, doch um sofort darauf verlegen die Hände vors Gesicht zu halten: „Huch was habe ich da gesagt!“. Das andere Mal war dann die Geschichte mit dem marokkanische Mädchen, siehe unter Punkt 8, "Weitere Erfahrungen".

Meine Gedanken hierzu: Wir sehen gerade jetzt bei der Zuwanderung von Moslems in unsere europäischen Länder die Religion dieser Menschen als feste und zumeist völlig unabänderliche Größe an. Was wäre nun, so meine Gedanken, wenn unsere christlichen Mädchen aufwachten und ihr voreheliches Ziel mit Männern nicht mehr der Geschlechtsverkehr, sondern der Orgasmus ohne Geschlechtsverkehr wäre? Würde das nicht auch Träume und Sehnsüchte bei moslemischen Mädchen wecken? Und hätten dabei dann nicht auch diejenigen moslemischen Männer Chancen, Mädchen für eine wirkliche Liebe zu „bekommen“, die also auch ihnen eine schöne Erfüllung bringen? Und da dies alles der Islam nun von der ganzen Konstruktion her nicht bringen kann, wäre das doch die Chance für unser Christentum?

Wir müssen ja auch immer bedenken, dass wir uns nur in seltenen Fällen unsere Religion selbst ausgesucht haben. Lange Zeit hat ein Landesfürst oder auch der „Landesvater“ entschieden, welches die beste Religion für seine Landeskinder ist, und dann sind die Nachkommen dieser „Landeskinder“ in den Religionen ihrer Eltern aufgewachsen und haben diese also auch mehr oder weniger unbesehen im Hinblick auf die Lebensziele, die die Religionen ihren Gläubigen vermitteln, übernommen. Wäre es nun nicht denkbar, dass bei lebensnäheren Zielen die Gläubigen aus sich heraus andere Religionen wählen als die ihnen üblicherweise vorgegebenen? Natürlich, die „alten Gläubigen“ werden immer bei ihren traditionellen Religionen bleiben, denn sie haben ja nicht mehr viel im Leben zu erwarten. Doch was ist mit den jungen Menschen – und insbesondere mit den jungen Frauen?

13. Statistik: Natürlich sind Statistiken immer problematisch, weil sie oft so gemacht werden, dass sie nur beweisen, was bewiesen werden sollte, was also schon längst vorher fest stand. Doch ich denke, gerade wenn eine private Firma die Statistiken macht, wie in dem Fall der Statistik über das Sexualverhalten junger Menschen, dann ist "schon etwas dran". Zumindest dürften die Relationen zwischen den einzelnen Ländern stimmen. Interessant ist in dieser Statistik, dass die türkischen jungen Leute sogar noch "aktiver" sind als die deutschen jungen Leute ...

Zum Problem der Statistik habe ich eine m. E. gute kritische Seite gefunden "Thai Frauen und Thai Männer sind Weltmeister im Fremdgehen". Ich denke, ich kann dazu einiges sagen. Wenn ich also so durch Thailand reise, kann ich mir nicht vorstellen, dass die "Verhältnisse" so sind. Vielleicht bin ich hier allerdings auch "blind". Doch ist nicht Thailand das Land mit 2 Millionen Prostituierten unter 30 Millionen Einwohnern, wie ich vor langer Zeit einmal in einer Zeitung las? Auch fand ich einmal eine Internetseite, dessen Autor behauptete, dass im Prinzip "alle" thailändischen Frauen Prostituierte seien ... Er war in Thailand und wird ja irgendwelche Erfahrungen in dieser Richtung haben. Ich traf in einem kleinen Städtchen mit einem bedeutenden Khmertempel (deswegen war ich ja dort) einen Österreicher, der dort hängen geblieben war, er erzählte Ähnliches. Und nachdem wir einmal zusammen über den Markt gegangen waren, um etwas zu Essen zu kaufen, sagte er mir mit entsprechendem Kommentar, dass er mit dreizehn der Marktfrauen auch schon Sex hatte. Und in der WELT stand einmal ein Beitrag, dass der Präsident die Abgeordneten aus dem ganzen Land, die ja Zweitwohnungen in Bangkok haben, zur Treue gegenüber ihren Ehefrauen aufgerufen hätte. Doch er hat diesen "Aufruf" nicht weiter verfolgt, nachdem er darüber informiert wurde, dass über 90 % eine "Zweitfrau" in Bangkok hätten. Und was machen in dieser Zeit die Ehefrauen? Der Österreicher erzählte mir, dass sie auch nicht so enthaltsam seien.

Natürlich, von alldem merkt man als "normaler Ausländer" nichts, zumal die Thailänderinnen alle sehr schamhaft sind, Nacktstrände gibt es selbst in den Ferienorten nicht, die für den Prostituitionstourismus bekannt sind. Dass man nichts merkt, würde allerdings auch wieder zu dem Zusammenhang "Sünde und Scham" passen, wie er in der Adam-und-Eva-Erzählung angesprochen wird, siehe Hinweis 31 zum Punkt 5. 

Ach ja, wenn ich mir so diese Statistiken im Internet ansehe, dann möchte ich gerne mal eine richtige Zeitreise machen - und zwar ins Land Jesu vor 2000 Jahren und natürlich auch ins damalige Rom und in die anderen damaligen Länder und sehen, wo die in einer solchen Statistik stehen würden. Ich wette, die könnten mit den heutigen Ländern mithalten!

14. Zum Thema "dreckiger Lappen": Das mag hart klingen, doch es ist leider so. Wenn ich so die elf "Fälle" durchgehe, wer beim "ersten Mal" bei Mädchen die treibende Kraft war, dann waren das in neun Fällen eindeutig die Mädchen. Und ich denke, das ist heute auch allgemein so. Wie kommt´s, wo doch der Mensch und gerade der junge Mensch ein hochmoralisches Wesen ist, wie es die These dieses Moralkonzepts ist? Ganz einfach: Gerade den Mädchen wird immer und überall eingeschärft, dass sie ja "schamhaft" sein müssten und daher insbesondere ihre typischen weiblichen Körperteile verhüllen müssten. Denn wenn sie das nicht tun, schadet das ihrem guten Ruf und sie gelten als Schlampen. Also halten sie diese "Verhüllerei" für Moral. Und da die meisten diese Körperteile im Zusammenhang mit den Ausscheidungen stehen und da die Ausscheidungen sowieso ekelhaft sind, halten sie "diese Körperteile" eben für ekelhaft, also ist auch die Nacktheit ekelhaft. (Dass in der Pubertät und insbesondere in einer Verliebtheit gerade das, was vorher ekelhaft war, besonders faszinierend wird, überblicken die jungen Leute natürlich zunächst nicht.) Wie dem auch sei, das Leben geht weiter. Irgendwann kommen auch die Triebe nach dem Mann, die nach irgendeiner Umsetzung in die Praxis drängen. Die Befreiung von der Scham geht nun nicht, denn das ist ja gegen die überall gepredigte Moral, hier ist also eine Blockade. Was also tun? Ach, wie gut, da gibt´s ja noch den Geschlechtsverkehr. Der muss ja irgendwann sowieso sein, also ist der so unmoralisch ja gar nicht. Auch wenn man den mit mehreren Partnern hat, kann das ja gar nicht so schlimm sein, denn schließlich muss man ja vorher wissen, wem man treu sein will. Zudem machen das ja alle so, die man so kennt, oft empfehlen es geradezu vor allem die Mütter. Dabei ist dann natürlich die Jungfernschaft im Wege, also weg mit ihr, wie mit einem "dreckigen Lappen". Und ob der erste Freund vertrauenswürdig und ein verantwortungsvoller Mensch ist, ist auch nicht wichtig, Hauptsache, es ist einer "für diese Befreiung" da - und die wird dann "einvernehmlicher Sex" genannt. In Wirklichkeit ist sie allerdings eine raffinierte Manipulation, hinter der unsere ganze Gesellschaft steckt, ja, auch die Religion.
So kommt´s, dass die Erziehung zur Sexualscham, und sei sie noch so gut gemeint, schnurstracks zu dem führt, was eigentlich vermieden werden sollte.
Die Frage stellt sich natürlich: Warum denken die typischen Moralapostel, denen es doch angeblich so sehr um Moral geht, über diese Zusammenhänge nicht nach und überlegen sich nicht eine bessere Alternative als die Erziehung zur Scham?

15. Anfang einer Verliebheit: EIch hatte hier die Beschreibung des Beginns einer Verliebtheit nach Ortega y Gasset zitiert, doch kann sie hier jetzt entfallen, weil sie in das HEFT übernommen habe.

Es ist jedenfalls keine Rede von einer Bereicherung unseres Seelenlebens durch eine Verliebtheit.

Ein hübscher und dazu noch recht kurzer Roman, in dem es um das Problem geht, dass eine Braut nicht mehr Jungfrau ist, obwohl das für den Bräutigam selbstverständlich war, ist der Roman "Tagebuch eines angekündigten Mordes" des südamerikanischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez. Das Besondere ist hier, dass die Braut standhaft schweigt, "wer es war", der ihre Jungfernschaft "beendet" hatte. Denn sie weiß genau, dass ihre Brüder die "Tat" rächen müssen, also den "Liebhaber" umbringen müssen, weil sich das in ihrer Gesellschaft nun einmal so gehört, wenn Brüder ihre Schwester lieben. Ja, und warum will "sie" dessen Tod nicht? Das kann doch nur daran liegen, weil sie es selbst war, die sich ihn ausgesucht und ihn quasi "darum gebeten" hatte. Und warum wahrscheinlich? Gewiss nicht aus Gier nach Sex, sondern weil sie wohl die Enge ihrer Behütetheit nicht mehr aushalten konnte.

Natürlich stellt sich auch die Frage, wie die Brüder hätten sinnvoller mit ihrer Schwester umgehen sollen. Wenn ich daran denke, wie ich es mit meiner Schwester gemacht hatte: Ich hatte sie als intelligent eingeschätzt und sie "aufgeklärt", wie meine Kameraden über Mädchen denken, und dass sie auf keinen Fall mit dem Sex vor der Ehe anfangen sollte, weil hier doch sowieso alle Männer lügen und weil sie dann doch nur die "Verarschte" ist. Ich denke, sie hat auf mich gehört.

Möglicherweise ist das auch ein Grund für mein Engagement, dass ich der Auffassung bin, dass gerade Mädchen hochmoralisch und hochintelligent sind, dass man eben nur mit ihnen vernünftig reden muss, damit diese ihre hohe Moral auch aktiviert wird. Dann muss man sie auch nicht immer nur behüten. Der Roman von García Márquez ist übrigens sehr gut zu lesen und spannend und also empfehlenswert, man bekommt auch einen Eindruck, wie in Südamerika gedacht wird.

Und was kann man als Vater, gerade auch als Pädagoge machen, um dem vorzubeugen, dass sich diese Verliebheit einer Tochter auf den "Falschen" richtet, gleichgültig, ob sie es will oder "einer", der sie in seinem Sinn manipuliert? Ja, das ist genau die Aufgabe, um die es mir geht! Daher also diese "Atlantiktaufe" (s. Hinweis 42). Die Verliebte wird die nun mit demjenigen, in den sie verliebt ist, wiederholen wollen. Und dafür muss sie reden - und wird "aufwachen" und "hellhörig werden", wenn sie merkt, dass das nicht funktioniert.

Die Erfahrung ist allerdings, dass das Problem der Verliebtheit einer "in dieser Weise" erzogenen Tochter eher hypothetisch ist. Denn sie hat einerseites ein solches Bewusstsein und andererseits eine solche Ausstrahlung, dass es hüchstwahrscheinlich gar nicht erst zu solchen "Verliebheitsproblemen" kommt.

16. Kampagnen, mit denen Jugendliche zur Keuschheit motiviert werden sollen, und in denen die Scham (oder auch die "Intimsphäre") eine Rolle spielt: Eine Notiz in der WELT vom 27.10.2007 gibt Anlass zum Nachdenken, ob traditionelle Wege der Keuschheitserziehung (oder auch der Erziehung zu einer hohen Sexualmoral bzw. zur Monogamie) Chancen auf Erfolg haben. Ich habe die Propagandisten solcher Kampagnen in Deutschland, Gabriele Kuby und Christa Meves, auf diese Notiz aufmerksam gemacht. Doch glauben Sie, dass hier eine Reaktion kommt? Mitnichten. Besonders Gabriele Kuby macht weiter wie bisher, sie ist völlig beratungsresistent. Offensichtlich ist das, was sie macht, ihr Geschäftsmodell, ob es effektiv ist, ist ihr gleichgültig. Doch hier die Notiz:

Null Bock auf „No Sex"
Kampagnen, mit denen Jugendliche zur Keuschheit motiviert werden sollen, sind immer erfolglos und bewirken manchmal sogar das Gegenteil. Das ergab die Auswertung von 13 Enthaltsamkeitsstudien, an denen 15 940 Jugendliche teilgenommen haben. Kristen Underhill und ihre Kollegen von der Universität Oxford stellten fest: Keine Kampagne hatte Einfluss auf die Häufigkeit von ungeschütztem Geschlechtsverkehr, auf die Zahl der wechselnden Partner, auf die Verwendung von Kondomen oder auf das Alter beim ersten Sexualkontakt. Eine der Kampagnen bewirkte überdies einen gegenteiligen Effekt: Die daran teilnehmenden Jugendlichen hatten sogar häufiger Sexualkontakte, und auch die Zahl sexuell übertragener Krankheiten war unter ihnen erhöht. Is   

Interessant, es gibt also Studien zu der Wirksamkeit von Kampagnen, mit denen Jugendliche zur Keuschheit motiviert werden sollen. Doch wo sind denn die Studien, wie nun wirksame Kampagnen aussehen könnten? Ich habe an verschiedenen Hochschulen Theologie studiert, in diesem Studium gab es auch das Fach "Moral". Doch Forschungen zu dem Thema "Pädagogik der echten Monogamie" habe ich keine gefunden. Auch bei den Feministinnen: Fehlanzeige. Dabei müsste die das Thema doch eigentlich interessieren. Der Grund mag sein, dass die alle das Thema aus einer Frustration heraus anpacken, also von selbst erlebten schlechten Erfahrungen her. Doch die jungen Menschen, die sie ansprechen wollen, haben nun einmal noch nicht solche Erfahrungen. Daher verpuffen solche "Ansätze von Erfahrungen her" auch bei denen. Das trifft auch gewiss auf die Publizistin Gabriele Kuby zu. Sie ist geschieden, hat also eine gescheiterte Beziehung hinter sich, also ist ihr Engagement aus einer Frustration heraus – mit den entsprechenden Problemen. So wird sie etwa nie auf die Idee kommen, dass eine echte Sexualmoral, die wirklich funktioniert, auch allen Beteiligten Spaß machen muss und dieses auch kann.


17. "nichts mit Monogamie zu tun": Echte Monogamie muss eine innere Einstellung sein und nicht ein Verhalten etwa „mangels Gelegenheit“ – einfach weil die von der Natur auf echte Monogamie ausgerichtete „hohe Moral“ im jungen Menschen aktiviert ist. Ein passender Vergleich ist der, wenn ein Mensch durch eine aktive Pockenschutzimpfung gegen die Pockenkrankheit immunisiert ist, der bekommt die Pocken selbst dann nicht, wenn er noch so nahe mit Pockenkranken in Berührung kommt – nach dem Motto „Ich ging durchs Feuer und brannte nicht“. Nur eine solche Einstellung hat doch auch eine Werbewirkung nach außen für die Monogamie (ja, darüber wird geredet, wenn sie denn gelingt!), alles andere gilt doch sehr schnell als „Enge und Verklemmtheit“ und hat von daher schnell einen kontraproduktiven Effekt. Zudem: Etwa durch die Trennung der Geschlechter lässt sich – zumindest auf Dauer – die echte Monogamie doch nicht erreichen, siehe etwa dieses Problem im Roman „Tagebuch eines angekündigten Mordes“ von García Márquez im Hinweis 15.  

Beispiel: Die streng-katholische Organisation Opus Dei unterhält etwa Studentenheime – streng getrennt nach Geschlechtern. Wir wissen jedoch nicht, warum etwa Studentinnen genau in ein solches "weibliches Studentenheim" gehen. Es kann ja auch sein, dass sie aus der Zeit davor "die Schnauze voll hatten" von enttäuschenden Erfahrungen mit Männern – und jetzt einfach nur in Ruhe studieren wollen. Dagegen ist nichts einzuwenden, doch mit echter Monogamie hat das nichts zu tun. Und mir geht es eben ganz grundsätzlich um "echte Monogamie".

18. Lucas Cranach d. Ä.: Er war nicht nur so einfach „Maler“, sondern auch „Humanist“, ihm ging es also um bessere menschliche Verhältnisse (vom lateinischen Wort "humanus" = menschlich). In diesem Sinn war er gewiss fortschrittlicher oder auch moderner (in unserem heutigen Sinn) als Martin Luther, dem es "nur" um eine Reform der bisherigen katholischen Religion ging, der aber nicht das grundsätzlich Menschliche im Sinn hatte.

Und zu dem Bild von der nackten Lucretia: Das mit der Kombination von Nacktheit und hoher Moral war gewiss nicht nur eine fixe Idee Lucas Cranachs. Gerade in der frühen Kirche wurden nicht nur die kleinen Kinder splitternackt getauft (wie heute noch in der orthodoxen Kirche in Bulgarien, ich habe es zufällig selbst gesehen), sondern durchaus auch Jugendliche und Erwachsene. Die Nacktheit soll hier das Symbol sein, dass Christen (oder besser "Jesusnachfolger") die Moral nicht mehr mit "Feigenblättern" (oder eben mehr oder weniger großen Kleidungsstücken) machen, sondern mit "heiligem Geist". Und wenn wir´s recht bedenken, wenn der Geist nicht da ist, bringen´s die Kleidungsstücke doch sowieso nicht. Wenn ich mir das heute vorstelle mit der Nacktheit – undenkbar. Das heißt für mich, das muss damals ein völlig anderes Verständnis von Christsein (oder besser "Jesusnachfolge") gewesen sein als heute! Also auf zur wirklichen "Jesusnachfolge", aber komplett – die Badehosen und Bikinis sind sowieso ein Anachronismus, die deutlich machen, dass wir noch längst nicht im Dritten Jahrtausend angekommen sind!

Cranach, Goldenes Zeitalter 1530


Lukas Cranach: Goldenes Zeitalter um 1530: Der berühmte Maler Cranach war auch Humanist, er hatte also das Ideal einer heilen Welt, also eines "goldenen Zeitalters". Die Nacktheit steht für Vertrauen, Moral, Harmonie, Offenheit, Freiheit. Leider erst einmal nur in einem abgeschlossenen Garten für ausgewählte Menschen, die sich an die Spielregeln des Paradieses halten, doch warum sollten nicht alle Menschen ausgwählt sein? Anmerkung: Die Farbwiedergabe ist m. E. sehr schlecht, doch ich habe keine bessere Vorlage.


Ein anderer bedeutender Humanist, der das Problem "Moral und Nacktheit" ins Gespräch brachte, war der englische Lordkanzler Thomas Morus, der schließlich auch zum Märtyrer für seinen katholischen Glauben wurde. Er hatte ein Büchlein über einen idealen Staat geschrieben "Utopia", in dem es eigentlich weniger um die Konstruktion eines solchen "idealen Staates" ging, sondern mehr um eine Kritik an den bestehenden Staaten und Gesellschaften seiner Zeit. Interessant in unserem Zusammenhang ist, wie Thomas Morus die Einfädelung von Ehen in diesem Idealstaat sieht, die schließlich auch halten sollen. In diesem idealen Staat wundern sich also die Menschen über die Dummheit der Menschen in anderen Ländern, dass sie einen Ehepartner "nehmen", den sie vor der Eheschließung noch nicht einmal "komplett" gesehen haben dürfen. Wie die Utopier das nun machen, ist vielleicht etwas krampfig und gewiss auch keinesfalls der Weisheit letzter Schluss, doch Thomas Morus geht dieses Thema wenigstens schon einmal an. Ich denke, auf was ich gekommen bin, ist praktikabler und also sinnvoller, doch schauen wir uns einmal die Lösung von Thomas Morus an:

"22. Geschlechtsmoral und Ehegesetze
    Die Frau heiratet nicht vor dem achtzehnten Jahre; der Mann nicht, bevor er noch vier Jahre älter geworden. Wird eine Frau vor ihrer Verheiratung verbotenen Umgangs überführt, So wird das sowohl an ihr, als am Manne schwer geahndet. Beiden Teilen wird die Ehe verboten, wofern nicht die Verzeihung des Fürsten das Vergehen sühnt: aber auch der Familienvater oder die Mutter, in deren Hause dieses begangen worden, unterliegen der Entehrung, weil sie die ihrem Schutze Befohlenen schlecht behütet haben.
    Die Utopier bestrafen dieses Vergehen deswegen so streng, weil sie voraussehen, dass es sonst kommen werde, dass nur wenige in ehelicher Liebe sich vereinigen würden, worin ein jeder ein ganzes Leben mit einer Person verbleiben und obendrein alle Unannehmlichkeiten geduldig ertragen muß, die der Ehestand mit sich bringt, wenn die Leute sich dem zügellosen Konkubinate hingeben dürften.
    Bei der Wahl des Ehegatten beobachten sie einen nach unserem Dafürhalten höchst albernen und besonders lächerlichen Gebrauch in vollem Ernste und mit aller Strenge.
    Eine gesetzte und ehrbare Matrone zeigt die zu Verheiratende, sei diese nun Jungfrau oder Wittwe, völlig nackt dem sich um sie Bewerbenden und ein ehrenwerter Mann zeigt umgekehrt den völlig nackten Werber dem Mädchen.

    Während wir aber diese Sitte als eine unschickliche verlachten und mißbilligten, wundern sich die Utopier hingegen über die hervorragende Torheit aller übrigen Völker, die, wenn sie ein erbärmlicher Pferd erstehen wollen, wo es sich nur um wenige Geldstücke handelt, so ungemein vorsichtig sind, dass sie sich weigern, es zu kaufen, obwohl das Tier von Natur fast nackt ist, wenn nicht auch noch der Sattel abgehoben wird und die Pferdedecken und Schabracken entfernt werden, weil unter diesen Bedeckungen ja ein Geschwür verborgen sein könne — in der Auswahl der Gattin aber, woraus Lust oder Ekel für das ganze Leben folgt, so fahrlässig verfahren, dass sie die Frau kaum nach einer Spanne Raum (da ja außer dem Gesicht nichts zu sehen ist), bei sonst völlig in Kleider eingehülltem Körper beurteilen und abschätzen und eine Verbindung mit ihr schließen, nicht ohne große Gefahr eines elenden Zusammenlebens, wenn hinterdrein anstößige Gebrechen an ihr entdeckt werden.

    Denn alle Männer sind durchaus nicht Weise in dem Maße, dass sie bloß auf den sittlichen Wert sehen, und auch in den Ehen der Weisen bilden körperliche Vorzüge eine nicht unwillkommene Zugabe zu den Tugenden des Geistes und Gemütes.
    Unter allen jenen Hüllen kann ja eine so abschreckende Häßlichkeit verborgen sein, dass sie das Gemüt des Mannes seiner Frau ganz und gar zu entfremden vermag, wenn schon eine Scheidung von Tisch und Bett nicht möglich ist.
    Wenn nun diese Häßlichkeit zufällig erst nach geschlossener Ehe entdeckt wird, muß Jeder eben sein Los tragen; es ist daher Sache der Gesetze, Vorsorge zu treffen, dass einer nicht in eine solche Falle gerate, und es war das um so ernstlicher zu berücksichtigen, weil von allen in jenen Weltteilen gelegenen Völkern sie allein sich mit einer Gattin begnügen und die Ehe selten anders als durch den Tod gelöst wird, wofern nicht ein Ehebruch vorliegt, oder der eine Ehepart einen unausstehlichen Charakter hat. Wenn nämlich einer von beiden Teilen in dieser Weise verletzt wird, erhält er vom Senate die Erlaubnis, den Gatten zu wechseln, der andere Teil muß ehrlos in lebenslänglicher Ehelosigkeit leben.
    Sonst aber ist es durchaus unerlaubt, dass ein Gatte seine Frau deswegen verstoße weil sie durch einen Unfall körperlichen Schaden nimmt, wenn sie sonst keinerlei Schuld trifft das hält man für eine Grausamkeit, jemand preiszugeben und zu verlassen, wenn er gerade am meisten des Trostes bedarf und dass dem Alter, wo sich Krankheiten einstellen, ja das eine Krankheit selber ist, die gelobte Treue von dem anderen Teile gebrochen wird.
    Übrigens kommt es zuweilen vor, dass, wenn die Gatten ihren Charaktereigenschaften nach schlecht zusammenpassen, sobald sie jeder eine andere Partie gefunden haben, in welcher sie glücklicher leben zu kommen hoffen, sich freiwillig trennen und beiderseits neue Ehen eingehen, allerdings nicht ohne die Ermächtigung des Senates dazu, der eine Ehescheidung nicht zugibt, bevor er nicht selbst und unter Zuziehung der Ehefrauen seiner Mitglieder den Fall gründlich ventiliert hat. Doch auch dann wird die Sache nicht leichtlich zugelassen, denn sie wissen sehr wohl, dass es nicht zur Befestigung der Gattenliebe beiträgt, wenn die begründete Aussicht besteht, eine neue Ehe schließen zu können.
    Ehebrecher werden mit der härtesten Sklaverei bestraft, und wenn keiner von beiden Teilen unverheiratet war, können sich die jungen Ehegatten, denen durch den Ehebruch Unrecht geschehen, gegenseitig heiraten, indem sie den schuldigen Teil verstoßen, oder sonst wen sie wollen zum Gatten nehmen.
Wenn aber Mann oder Frau, die in dieser Weise verletzt worden sind, zu dem betreffenden Gatten, der es so wenig verdient, noch immer Liebe hegt, so tritt das Gesetz dem Fortbestände der Ehe nicht entgegen, wenn er dem zur Arbeit verurteilten anderen Teile folgen will; es kommt übrigens zuweilen vor, dass die Reue des einen Teils und das ernstliche Bestreben des andern das Mitleid des Fürsten erregt und die Freiheit des Schuldigen erwirkt.
    Einen Rückfälligen trifft der Tod."

19. "Selbsterfüllende Prophezeiung" bedeutet, dass etwas so und so ist, weil wir so und so denken. Wir haben etwa Angst vor etwas, weil wir denken, dass es gefährlich ist - und nur aus diesem Grund ist es auch tatsächlich gefährlich. Um diesen irrationalen Teufelskreis zu durchbrechen, kann man nur empfehlen, sich einmal klar zu überlegen, ob etwas nun wirklich gefährlich ist - und sich darauf einzulassen, es auszuprobieren. Das Paradebeispiel für solche Ängste ist die Angst vor der Nacktheit. Da kann man nur empfehlen, sich in der Familie oder mit Freunden darüber zu unterhalten und es dann einfach mal zu machen. Sie werden sehen, je nachdem, wie Sie sich unterhalten haben, waren die ganzen Ängste reiner Quatsch: Niemand fällt Sie an und Sie fallen niemanden an ... Natürlich werden Sie sich dann fragen, wer Ihnen solche Ängste erzählt, wer also Interesse dran hat, dass Sie solche sinnlosen Ängste haben. (dieser Absatz wird noch ergänzt)

20. "noch nicht so ausgereift": Ja, leider ist mir vieles erst oft lange nach meiner aktiven Zeit als Lehrer aufgegangen, vor allem auch durch Gespräche gerade auch mit jungen Pilgerinnen auf dem "Santiago-Pilgerweg" in Spanien. So die Gedanken: "warum Mädchen von sich aus mit dem Sex anfangen ..", "Prägung durch Belohnung", "Orgasmus durch Sich-Fallenlassen-Können". Wie hätte mein Unterricht oft anders laufen können, wenn ich bessere Argumente gehabt und ich mich dann auch noch besser ausgedrückt hätte und wenn mich also die jungen Leute besser verstanden hätten!

21. Ganzkörpermassage:
Der oberste Grundsatz ist hier: Wer ALLES verbietet oder madig macht, also als ekelhaft oder als sündhaft oder sonstwie als schlecht hinstellt, der erreicht nur, dass junge Menschen keine Alternativen kennen und also auch anstreben können, sondern schließlich ALLES machen!

Dazu; Wir müssen immer bedenken, dass junge Menschen, die noch nie Sex hatten, auch in solch "extremer Situation" nichts dazu zieht, auch Sex zu haben. Natürlich, sie können durchaus sehr "high" sein, doch fokussiert sich diese "Highness" nicht auf die Geschlechtsteile, sondern erfasst den ganzen Körper, ja sogar den ganzen Menschen, sozusagen mit Leib und Seele. Also werden junge Menschen durchaus kreativ werden, wie sie die Highness in die Praxis umsetzen können. Hier wäre nun ein Ansatz für eine sinnvolle Erziehung gewesen, dass nicht die Befriedigung das Ziel ist, wie auch immer sie geschieht, sondern etwa ein schöner Enthaltsamkeitsrausch. Ja, was soll denn das sein? Dazu wieder etwas Theorie: Der Ursprung des Menschen ist nun einmal in einer sehr oft ihm feindlichen Natur gewesen und er ist gegenüber anderen Lebewesen zwar mit einem guten Gehirn ausgestattet, jedoch oft nicht mit den richtigen körperlichen Kräften. Und da konnte es schon einmal vorkommen, einem Tier zu begegnen, gegen das er vom Körperlichen her ohne die entsprechenden Waffen keine Chancen hatte, also blieb ihm nur die Flucht übrig. Und diese für ihn lebensgefährliche Situation war natürlich der absolute Stress. Glücklicherweise hat sich die Natur hier etwas einfallen lassen: Nämlich das Antistresshormon. Und dieses Antistresshormon kitzelt sozusagen die letzten Kräfte aus dem fliehenden Menschen heraus: Er schafft es sogar noch, schnell auf einen Baum zu klimmen, auf den er sonst nie gekommen wäre, um in Sicherheit zu sein. Und dieses Antistresshormon bringt auch noch etwas: Es ist sowohl im chemischen Aufbau wie in der Wirkung wie eine Droge. Das heißt, der Mensch kann sich auf diese Weise unter "eigenerzeugte Drogen" setzen. Dazu hat diese Droge "Antistresshormon" den Vorteil, dass es doch ein wenig anders ist, denn mit diesem Hormon wird man nicht süchtig, so wie mit dem "künstlich produzierten und zugefügten". Und bei einer Dopingkontrolle - wie sie bei Wettkämpfen vorkommt, kann gegen diese "Drogen" nichts gesagt werden, denn sie kommen ja vom Menschen selbst!
Doch wieder so eine schöne Ganzkörpermassage: Die kann ein ganz schöner Enthaltsamkeitsstress sein, klar. Und um dagegen anzukommen, bildet auch hier – wie in allen Stresssituationen – der Körper ein Antistresshormon. Es kommt also zu einem echten Rausch mit eigenerzeugten Drogen. Ist das nichts?

Wem diese Art des Umgangs mit der Sexualität nicht gefällt, weil sie zu frei ist und nicht den Vorstellungen von Religion entspricht, der sollte bedenken, dass es hier nicht darum geht, kleine Mönche und Nonnen zu erziehen, sondern dass junge Menschen zu ganzen Menschen werden, die vernünftig im Leben stehen, also auch nicht leibfeindlich sind und Freude an ihrem Körper und an ihrem Leben haben und wissen, wie sie mit alldem sinnvoll und auch in Übereinstimmung mit unserem Glauben umgehen können.

22. "Basisgeschichten dieses Glaubens": Wenn wir wirklich wollen, dass unser Glaube wieder attraktiv wird und dass die Moral dieses Glaubens wieder "voll" gelebt wird, dann muss gerade auch das auf den Prüfstand, was üblicherweise als selbstverständlich gilt und was sonst nicht oder kaum hinterfragt wird: unsere Glaubensvorstellungen, das Moralmodell von Kirche und Gesellschaft (ich denke dabei an das Problem, ob etwas echt ist oder auch nicht)... Ja, leben wir denn nicht in einer wunderbaren Zeit, wo dieses "Auf-den-Prüfstand-Stellen" endlich einmal -  weitestgehend gefahrlos - möglich ist?

Zu den "Glaubenswahrheiten": Es ist nun einmal so, dass Jesus Jude war und nur vor dem Hintergrund seiner jüdischen Welt, und das ist nun einmal auch die eines Wanderarbeiters, der sich allerdings auch in den heiigen Schriften seiner Zeit gut auskannte, verstanden werden kann. Auch muss er ein großes Allgemeinwissen und gute psychologische Kenntnisse (so würden wir das heute sagen) gehabt haben. Abgesehen davon, dass die Evangelien vermutlich eine geniale Neuschöpfung sind, kommt noch hinzu, dass der jüdische Hintergrund nur noch äußerlich übernommen und im Prinzip vor allem durch einen von griechischer Philosophie bestimmten Hintergrund bis hin zu einem Allerweltshintergrund ersetzt wurde. Dadurch wurde Jesus eben zu einem völlig anderen als der, der er wirklich war.

Und zur Moral gerade der jungen Menschen: Ich bin jedenfalls der festen Überzeugung, dass die Menschen von Jugend an zu einer hohen Sexualmoral von Natur aus veranlagt sind und dass alle diejenigen, die etwas anderes behaupten, Unrecht haben. Natürlich muss diese hohe Moral aktiviert werden.Und so könnte gerade unser Christentum sehr gut an die jungen Menschen herankommen. Allerdings ist zu bedenken, dass gerade junge Menschen das "Echte" wollen. Doch damit stehen auch die christlichen Kirchen auf dem Kriegsfuß: Weder ist der Jesus echt, den sie lehren, noch die Moral, noch die Monogamie. Wenn etwas Indiz für Dekadenz ist, dann das, dass nicht mehr das Echte gelehrt wird, sondern auf das Unechte ausgewichen wird.

23. "Sohn Gottes": Zunächst einmal: Jeder männliche Jude galt als "Sohn Gottes", das war also eine Art Ehrentitel. Dagen galt bei anderen Völkern, etwa bei den Ägyptern, nur der König oder eben der Pharao als Sohn Gottes. In Ägypten kam deswegen auch ein Botengott (Bote = lat. "angelus" = Engel) zur Königin und brachte ihr den Samen, von dem sie schwanger wurde und wodurch es dann zum neuen König kam. Diesem Glauben kam entgegen, dass man damals glaubte, dass beim Werden eines Kindes eine Frau nur eine Ammenfunktion spielt, das heißt, dass im Samen des Mannes bereits der komplette Mensch (also der lat. "homunculus", das Menschlein) enthalten ist, der dann durch die Frau sozusagen nur noch "ausgebrütet" wird. Erst der Brünner Augustinermönch Gregor Mendel hat duch seine Versuche herausgefunden, dass der "weibliche Teil einer Beziehung" zu 50 % am "Ergebnis" beteiligt ist, dass diese alte "Homunculustheorie" also nicht stimmt. Anmerkung: Noch heute glauben viele Japaner, dass ihr Kaiser, der Tenno, der Ur-Ur-Ur-Enkel der Sonnengöttin Amaterasu ist, die Japaner haben offensichtlich eine andere Theorie für die Entstehung des Menschen als die Homunculustheorie.

Und hier noch etwas zur Dreifaltigkeit: Auch hier gibt es Religionen vor dem Christentum mit dieser "Gotteskonstruktion". Und zwar im Hinduismus. Die Gottheiten sind Brahma, der Urgrund von allem (könnte etwa unserem Gottvater entsprechen), Vishnu, der uns vom Bösen erlöst hat und das immer noch tut durch seine Wiedergeburten (könnte etwa dem Sohn Gottes entsprechen), und Shiva, der Gott des Geistes, der zerstört und neu schafft und im Hamalya auf den Bergen wohnt und ab und zu zu den Menschen kommt und Jungfrauen befruchtet (könnte unserem Heiligen Geist entsprechen. Wenn man gegenüber Hindus darauf zu sprechen kommt, dass Brahma, Vishnu und Shiva drei verschiedene Gottheiten sind, dann wird gleich protestiert: Nein, nein, das sei nur ein und dieselbe Gottheit, doch man könne eben Gott nicht vorschreiben, unter welcher Gestalt er sich zeige. Irgendwie findet sich hier dieselbe Problematik wie mit der christlichen Dreifaltigkeit (drei Personen, aber ein Gott). (Anmerkung: Die Dreifaltigkeitsvorstellung gibt es erst recht spät im Christentum, beeginnend im 4. Jahrhundert. Es ist nicht auszuschließen, dass sie vom "Osten" beeinflusst wurde. Auf alle Fälle gab es immer regen Austausch mit dem Osten, nicht nur in materiellen, sondern auch in geistigen Dingen.)


Dreifaltige Lingams (Phallen) im Nationalmuseum in Pnom Penh in Kambodscha. Unten viereckig (Brahma), in der Mitte achteckig (Vishnu), oben "Kuppe" oder auch "Eichel" (Shiva). Zwischen den beiden vorderen Lingams ein Lingam in einer Yoni (Symbol für das weibliche Geschlechtsteil).


24. "Jungfrauengeburt": So waren auch Götterzeugungen mit menschlichen Frauen in der antiken Mythologie durchaus "normal": Die griechische Königstochter Europa bekam ein Kind durch den Beischlaf mit dem als Stier verkleideten Gott Zeus, die spartanische Königin bekam zwei Eier durch den diesmal als Schwan verkleideten Gott Zeus, auch Herakles hat den Gott Zeus zum Vater. Noch nicht einmal die Jungfräulichkeit Mariens ist etwas Besonderes. So etwa naht sich in der ägyptischen Mythologie der Geistgott Amun in Gestalt des regierenden Königs der jungfräulichen Königin und erzeugt mit ihr den neuen Gottkönig (doch hin und wieder schickt der Gott auch einen Boten) Das Besondere an Maria ist allenfalls, dass sie ein Mädchen "aus dem Volk" war, das heißt durch sie schickte also ein Gott einen ganz besonderen Sohn für uns alle. Doch schauen Sie einmal in die Geburtsgeschichte im Matthäusevangelium (1,18ff): Unmittelbar vor dieser Geschichte, in der ein Engel der Jungfrau Maria erscheint, steht nämlich die Geschichte vom Stammbaum Jesu. Und raten sie einmal, wer nun das Elternteil ist, von dem Jesus abstammt, Maria oder Josef? Wenn Jesus doch von einer Jungfrau geboren wurde, dann müsste das doch die Mutter sein? Und die kann doch nach der damalig geglaubten Homunculustheorie gar keinen Sohn zeugen? Oder? Dann schauen Sie doch einmal nach, ob Sie bei Ihrer Raterei richtig lagen!

Europa und der Stier - Fresko aus Pompeji im Antikenmuseum in Neapel

Immerhin gibt es zum Thema "Abstammung Jesu" auch eine Lösung aus dem jüdischen Kulturkreis! Der Engländer Marc Gibbs mit Beziehungen zu den U.S.A. vertritt in seinem Buch "Die Jungfrau und der Priester" ("The Virgin and The Priest") die Theorie, dass Zacharias, der Mann der Cousine Elisabeth und der Vater von Johannes (d.T.), auch der Vater von Jesus ist. Maria hatte nämlich die Weissagung bekommen, dem Erlöser Israels das Leben zu schenken. Und als sie dann bei Elisabeth war, um ihr, die schon hochbetagt war, bei der Geburt ihres Kindes zu helfen, sah sie hier eine göttliche Fügung und für sich selbst die Chance, dass die Weissagung in Erfüllung gehen könnte, wenn auch sie einen Sohn durch den offensichtlich gottbegnadeten Priester Zacharias bekommen würde. Als auch sie dann schwanger wurde, sah Elisabeth verständlicherweise in ihr eine Konkurrentin um ihren Mann und "warf sie hinaus". So kam es, dass Maria nicht mehr bis zur Geburt des Johannes bei der Familie Zacharias/Elisabeth blieb. Auf diese Weise sind Johannes (d.T.) und Jesus Halbgeschwister - und Johannes ist weniger Vorläufer Jesu, sondern eher Konkurrent. Von daher ergeben sich dann in der Glaubensgeschichte die unterschiedliche Sichtweisen des Erlösers, einmal als "Sohn Gottes" und einmal als "Prophet", die Auswirkungen bis heute haben. Das Buch gibt es auch auf Deutsch und ist sehr lesenswert! Ich überlasse es dem Leser, welcher Geburtsgeschichte Jesu er den Vorzug gibt, der der Jungfrauengeburt wie im außerjüdischen Kulturkreis oder der aus dem jüdischen Kulturkreis mit dem Priester Zacharias als Vater. 

Und wo wir schon bei der Geschichte sind, wie das "göttliche Kind" gezeugt wurde, können wir auch noch gleich zu der "Bestätigungsgeschichte" kommen, dass es auch das "richtige Kind" ist, nämlich zur Geschichte von den heiligen Drei Königen. Das ist nämlich genau die Geschichte, wie in Ostasien, ich denke hier gerade an Tibet, nach dem Tod des alten Dalai Lamas oder auch des Gottkönigs der neue gefunden wird. Man glaubt dort nämlich an die Seelenwanderung, das heißt, dass beim Tod das alten Gottkönigs die Seele in das männliche Kind übergeht, das als nächstes geboren wird. Das Problem ist, wie dieses Kind nun zu finden ist. Daher werden also in allen Pagoden des entsprechenden Gebiets, also etwa Tibets, Geburtsregister geführt mit genauen Datumsangaben - und die Zeitbestimmung lief eben früher über die Sterne. Wenn also der alte Gottkönig gestorben war, dann schwärmten Mönche aus, um im ganzen Land die Geburtsregister zu überprüfen. Dann kamen sie wieder zusammen und berieten, welches nun das nächstgeborene männliche Kind war. Und zu diesem gingen dann schon "höhere Mönche", die man auch als "Sterndeuter" sehen kann, weil sie sich nach den Sternen richteten, und brachten ihm "Geschenke" aus dem Besitz das alten Gottkönigs mit. Das dauerte natürlich in dem großen Land einige Zeit, schließlich musste alles zu Fuß bewältigt werden und dann kam auch bisweilen der Winter dazwischen, wo die Pässe zugeschneit und also unpassierbar waren. Und wenn nun das "ausgesuchte Kind" gefunden war und es nun begierig nach den "Geschenken" griff, dann entnahmen die Mönche daraus, dass es der richtige Nachfolger ist, weil er seine Sachen wieder erkennt. Daher also diese merkwürdigen Geschenke der Drei Könige für ein Kind: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Das sind die typischen Kennzeichen für einen Priesterkönig. Natürlich, man kann dieses "begierig Danachgreifen eines Kindes" auch anders interpretieren, dass es also neugierig und interessiert, also gesund ist - und es also höchstwahrscheinlich die in es gesetzten Erwartungen eines Priesterkönigs erfüllen wird. Der Rest ist dann Erziehung. Wenn nun diese Geschichte so ähnlich auch von Jesus erzählt wird, dann ist das eine Geschichte, durch die den Ostasiaten, die an eine Seelenwanderung glauben, gesagt wird, dass Jesus auch für sie der Richtige ist, auf den sie schon lange gewartet haben. Und so wie diese Geschichte für die Ostasiaten in das Neue Testament eingefügt wurde, damit die nach ihren Erwartungen glauben können, so wurden auch die anderen Geschichten von Jungfrauengeburt usw. eingefügt, damit auch die westlichen Völker entsprechend ihren jeweiligen Erwartungen glauben können.

25. "Wunder": In allen Religionen gibt es Wundererzählungen, um die herausragende Stellung ihres Gottes oder des Propheten dieses Gottes zu beweisen. So gibt es etwa dieses Weinwunder im Johannesevangelium (Hochzeit zu Kanaa) auch in der Legende des Weingottes Dionysos. Erzählen und schreiben kann man ja viel ...

26. "Abendmahl": Solche Kultfeiern, auch mit Brot und Wein, gab es auch in anderen antiken Religionen, etwa im Mithraskult. In diesem Kult wurde zum Zeichen des Sieges des Guten über das Böse ein Stier geschlachtet, der Mithraskult war also durchaus eine blutige Angelegenheit. Im Christentum war dagegen alles "unblutig", der blutige Teil war längst erledigt. Daher dann eben das "unblutige Opfer", das immer wieder wiederholt wird.


Mithras tötet den Stier.

Siehe hierzu auch das Buch "Gott essen - eine kulinarische Geschichte des Abendmahls" von Anselm Schubert (2018). Sie werden sehen, dass es das Abendmahl bzw. die Kommunion keinesfalls von Anfang an so gab wie wir das heute kennen.

27. "Auferstehung": Der Glaube an die Ermordung und Auferstehung eines Gottes beruht auf dem Wunder der Natur, wie das Samenkorn in die Erde gelegt wird und im Frühling wieder aufersteht und reiche Frucht bringt. Er findet sich dann in ausgeschmückter Form etwa in der Ägyptischen Mythologie: Nach der Fabel seines Dramas wird der Gott Osiris von seinem Bruder Seth getötet und zertückelt. Seine einzelnen Leichenteile werden von der Göttin Isis und anderen Göttern und Göttinnen gesucht, gefunden, beklagt und wieder zusammengefügt. Die an ihm vollzogenen Bestattungsriten ermöglichen ihm, für eine kurze Zeit seine Lebenskraft wiederzuerlangen und mit Isis einen Sohn zu zeugen, den Horus. Dieser ringt mit dem Mörder um das Erbe, gewinnt es ihm ab und folgt seinem Vater auf dem Throne nach.




Isis in Vogelgestalt bei der Erweckung des Osiris, Relief im Totentempel Sethos I. in Abydos


Gerade hier scheint mit eine Anmerkung zu meinem eigenen Glauben angebracht: Ich habe nämlich noch sehr lange an die Auferstehung Jesu geglaubt. Doch war mein Anliegen auch immer mehr das der echten Monogamie, vor allem, weil es sich doch für mich immer deutlicher abzeichnete, dass die bei geegneter Pädagogik durchaus möglich ist. Doch stieß ich mit meinem Engagement gerade auch in der Welt unserer Kirchen immer mehr auf Beton, also auf Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit. Für mich war das irgendwann eine Provokation: "Man" wollte einfach nicht, solche Glaubensdinge wie der Glaube an die Auferstehung waren einfach wichtiger, sie waren wie Barrieren, die alle Gedanken an eine Lösung menschlicher Probleme in den Dingen der Sexualität versperrten. Also habe ich irgendwann diese Barrieren hinterfragt. Das ist eigentlich alles.

28. "Himmelfahrt": Auch die Himmelfahrt gab es gerade in vielen antiken Religionen, hier ein Relief von der Himmelfahrt des Kaisers Antonius Pius und  seiner Frau Faustina (Original in den Vatikanischen Museen):




29. "Plagiat aus viel älteren (buddhistischen) Sanskrittexten": Die Frage stellt sich natürlich, wo jetzt der Unterschied zwischen Buddhismus und der Botschaft Jesu ist, wenn unser christliche Glaube, so wie wir ihn üblicherweise kennen, doch wohl eher eine Spielart des Buddhismus ist, um es einmal flott zu sagen.

Dazu zunächst einmal etwas zum Buddhismus. Nach Buddha (natürlich immer, soweit wir ihn heute kennen) hat alles seine zwei Seiten, eine schöne oder gute und eine schlechte, von denen wir im Allgemeinen immer nur die schöne kennen. So etwa ein schönes Essen: Doch wenn man dann sieht, was schließlich dabei herauskommt, wenn wir es gegessen und verdaut haben, ist es gar nicht mehr so schön. Oder ein "schöner" Mensch, was bleibt übrig, wenn er gestorben ist? Und eine schöne Frau: Wenn du sie dann hast, dann siehst du, wie sie etwa vor allem deinem Geld hinterher ist.

Damit unser Leben nun einigermaßen erträglich wird, brauchen wir die Erleuchtung, also die Erkenntnis des Geistigen, des Göttlichen, was auch immer damit gemeint ist. Und wenn wir diese Erleuchtung dann wirklich erreicht haben, dann wird auch unser Leben erträglich und wir werden auch sittlich leben. Diese höhere Qualität des Lebens werden allerdings im Endeffekt nur diejenigen Menschen erreichen, die sich von Alltag des Lebens befreit haben, also die Mönche. Die "normalen Menschen" können an der Erleuchtung der Mönche teilhaben, indem sie diese durch milde Gaben unterstützen.

Die Grundlage der Botschaft Jesu ist hier nun eine völlig andere: Der Mensch ist von Natur aus gut und also auch hochmoralisch. Er braucht lediglich "Anstupser", um diese hohe Moral auch leben zu können - und natürlich eine Umwelt, die ihm das nicht völlig unmöglich macht. Wenn Sie, lieber Leser, bei der Lektüre dieses Ansatzes nun zunächst einmal Schwierigkeiten haben, was daran christlich ist, so liegt das gewiss vor allem daran, dass Sie ein Christentum á la Spielart von Buddhismus und überhaupt von spätantikem Denken im Sinn haben, während es hier um einen Ansatz nach dem wirklichen Jesus geht.

Zum Abendmahl (oder auf die Eucharistie bzw. die Kommunion) sei hier auf das Bucht "Gott essen - eine kulinarische Geschichte des Abendmahls" von Anselm Schubert (Prof. für Neuere Kirchengeschichte), 2018, hingewiesen. Also: Es war alles ganz anders, als was uns üblicherweise in der Kirche erzählt wird!

Und noch etwas zum Autor Christian Lindtner: Ja, er war wohl einmal ein Holocaust-Leugner. Doch nach seinen eigenen Angaben ist er das inzwischen nicht mehr. Allerdings ist er immer noch der Auffassung, dass Jesus nie existiert hat, dass er also eine Phantasiefigur ist. Ich denke, dass zu dieser Einstellung die Theologen der christlichen Kirchen beigetragen haben, die alles, was über Jesus überliefert ist, für wahr halten. Da kann man dann leicht zu der Einstellung kommen, dass "alles" nicht stimmt. M. E. ist es also sinnvoller, zu sagen, was von vornherein irreal und zudem noch Plagiat ist und daher offensichtlich reine Phantasie ist und was durchaus vernünftig also auch wahrscheinlich ist. Dann kann auch ein Jesus "zum Vorschein kommen", der wert ist, eine herausragende Persönlichkeit zu sein, und der uns heute noch etwas angeht.

30. Verlust der Unbefangenheit und Ursache der (Sexual-) Scham: Die Ursache der Sexualscham (moderner Euphemismus: "Wahrung der Intimsphäre") ist m. E. ganz einfach: Wir Menschen leben nicht die uns von der Natur gegebene "spezielle menschliche Moral" (bzw. wir haben sie nicht immer gelebt) - und das ist nun einmal für uns Menschen eine streng-monogame Moral. Allerdings ist sie auch ein Kulturproblem, d. h. man muss wenigstens nach außen hin mitmachen, was andere machen. Natürlich, man kann sich davon auch aus unterschiedlichen Gründen befreien. Bedenken wir: Wir haben von der Natur weder einen Bikini noch eine Badehose mitbekommen, sondern den Geist (der natürlich trainiert werden muss, s. Hinweis 7 zum Thema "Veranlagung"). Das heißt natürlich nicht, dass wir immer und überall nackt herumlaufen müssen, doch eben dort, wo es angebracht ist und wir bisher diese "Verklemmtheitsfetzen" brauchen.
Ich kann sagen, dass ich im kleinen Kreis entsprechende sehr positive Erfahrungen habe. Nur so viel: Wenn junge Mädchen deutlich merken, dass alles in Ordnung ist und die Eltern nichts dagegen haben (es muss noch nicht einmal von ihnen ausdrückich befürworet werden),
dann sind sie direkt begeistert vom "Komplett-Ohne" und "zeigen und gucken" offensichtlich gerne nach dem Motto: "Endlich einmal sich nicht mehr des Weibseins schämen zu müssen und das auch noch stolz zeigen zu können!"

31. Fruchtbarkeitspaar am Sonnentempel von Konarak. Das Foto von der Skulptur stammt vom Autor. Wenn auch weder der Tempel noch die Skulptur genau  im Alten Orient sind, wo die Erzählung von Adam und Eva entstanden ist, so dürfte sie doch eine gute Illustrierung des religionsgeschichtlichen Hintergrunds der Adam-und-Eva-Erzählung sein. Und irgendwie war die Verbindung Schlange-Sexualität schon weit verbreitet, mir liegt etwa die Zeichnung auf einer Tonscherbe aus Mari/Mesopotamien vor, auf der eine Frau vor einer aufgerichteten Schlange kniet, offensichtlich aus Anlass eines Gebets.
Zum "Fruchtbarkeitsbaum": Das war ganz bestimmt kein Apfelbaum, denn Apfelbäume kamen erst später aus China, zudem gedeihen sie auch in dieser subtropischen Regionen, in denen die Bibel entstand, nicht gut, wenn überhaupt, und wären also auf alle Fälle ohne große Bedeutung gewesen. Nein, der traditionelle Baum in diesen Gegenden ist die Dattelpalme, die den Einwohnern Kohlehydrate liefert, die in vielen Formen zu Speisen und Getränken verarbeitet werden. Das Problem der Dattelpalme ist die Bestäubung ihrer Blüten. Es gibt nämlich - rein oberflächlich gesehen - fruchtbare und unfruchtbare Bäume. In dem knappen Fruchtland wird man also zunächst nur die fruchttragenden Bäume gelassen und die nichttragenden Bäume entfernt haben. Bis man merkte, dass die an und für sich fruchttragenden Bäume dann auch keine Früchte mehr hatten. Dann kam man also auf die Idee, dass die nichttragenden Bäume in ihren Blüten etwas hatten, was die Blüten der fruchttragenden Bäume brauchten. Wir wissen heute, dass diese Dattelpalmen zweihäusig sind, es gibt also männnliche und weibliche Bäume (wie auch bei den Kiwis). Doch damals erklärte man sich das so, dass in den nichttragenden Bäume göttliche Kräfte vorhanden waren, die für die Entstehung des Lebens nötig waren. Also ließ  man nun auch einige nichttragende Bäume stehen, sammelte ihren Pollen - und bestäubte damit die tragfähigen Bäume. Die erste Befruchtung im Jahr führte nun der Operpriester durch oder eben der Gottkönig in seiner Stellung als Oberprester.. Und damit alles funktionierte, gab´s auch die "kultische Prostitution", wie das so ist, dafür finden sich immer Gründe ... Für die Autoren der Bibel war das alles nur ein Graus und eben Götzendienst ....


Assyrische Priester mit Polleneimerchen und Blütenzapfen bei der Bestäubung von Dattelpalmen
Sie finden solche Reliefs in den Antikensammlngen in Berlin, Paris (Louvre) und London (British Museum)

32. Zum Bild "Jesus und die Sünderin" von Lucas Cranach d. Ä:

Genau genommen ist das nicht das Gemälde, das in der Fränkischen Galerie auf der Festung Rosenberg hängt. Denn das Gemälde, das dort hängt, wurde etwa hundert Jahre nach seiner Entstehung retuschiert, weil es in die Sammlung des katholischen bayrischen Königs kam und es dafür wohl als zu frivol angesehen wurde, weil Jesus mit seiner Hand die der Frau berührt. Daher wurde die Hand der Frau unter der Hand von Jesus wegretuschiert, weil man damals in der Berührung wohl etwas anderes sah als eine nette Geste Jesu, um der Frau die Angst zu nehmen. Auch wurde das lateinische Zitat "Wer von euch ohne Sünde ist..." durch Übermalung ersetzt durch Gewölbebögen. Es gab immerhin einmal eine Kopie in Farbe, wie das Bild ursprünglich aussah. Doch ist diese Kopie im Krieg verloren gegangen, lediglich eine Schwarzweißaufnahme existiert noch. Aufgrund dieser Aufnahme habe ich nun das Bild von einem Künstler in Vietnam nachmalen lassen, denn ich halte dieses Bild für sehr wichtig, weil es m. E. einmal den wirklichen Jesus zeigt. Wie ich allerdings sehe, haben die Kirchen an diesem wirklichen Jesus überhaupt kein Interesse, dabei ist der doch nun äußerst plausibel und auch heute direkt aktuell. Einer der Gründe für die Interesselosigkeit der Kirchen mag sein, dass diesem Jesus das Mythologische völlig fehlt: Dieser Jesus sah einen ganz konkreten Missstand und hatte sich engagiert, um diesen Missstand zu überwinden. Doch das war und ist nicht im Sinne der Religionen, für die Religionen ist vor allem das Mythologische wichtig, also die Geheimnistuerei, weil das alles Macht und Geschäft bedeuten. Ein plausibler und dann auch noch wirkungsmächtiger Jesus würde ja das Geschäft mit dem Mythos zerstören.

Ein sehr anschauliches Beispiel, wie Religionen viel mehr an Geheimnistuerei oder eben am Mythologischem (oder auch am Märchenhaften) interessiert sind als an noch so plausiblen und sinnvollen Erklärungen, und sind sie noch so gut, ist die Kindertaufe. Besonders Schülerinnen schimpften schon mal, dass die Taufe an Kindern vollzogen würde, die sich gar nicht dagegen wehren könnten, und das sei doch einfach eine Art Zwang für eine Religion - und gegen das Selbstbestimmungsrecht des Menschen. Ich hatte dann immer einer solchen Schülerinnen so scharf wie möglich in die Augen gesehen und sie gefragt: "Was wäre Ihnen denn lieber, wenn über Sie im Alter von fünf oder sechs Jahren sechs Frauen über sie herfallen, Ihnen ihre Arme und Beine festhalten, Ihnen den Mund zuhalten, damit Sie nicht schreien können, eine Ihnen dann Ihr Höschen runterzieht, dann die Beine gespreizt werden und eine letztendlich mit einer rostigen Klinge oder sonst einer Scherbe Ihnen Ihren Kitzler und Ihre Schamlippen wegschneidet und schließlich auch noch alles zunäht? Oder wenn jemand Ihnen etwas Wasser über den Kopf gießt und dabei ein paar fromme Sprüche sagt?" Klar, das Letztere wäre ihr schon lieber. "Na sehen Sie", so ich dann wieder "so müssen Sie die Taufe sehen. Gerade die Kindertaufe müssen Sie als Ablöseritus von solchen gräßlichen und unmenschlichen Verstümmelungen sehen. Was diese Verstümmelungen errreichen sollen, dass Menschen eine vernünftige Sexualmoral haben, das machen wir jetzt mit dem Geist, für den die Taufe das Symbol ist. Natürlich hilft das Wasser und die Herabrufung heiligen Geistes nicht allein - jetzt muss auch noch der Geist ausgebildet werden..." Darauf dann üblicherweise die jungen Damen: "Und warum sagt das sonst niemand so?" Ich dann wieder: "Dann würde die Taufe ja ihre Geheimniskrämerei beziehungsweise ihre Mythologie verlieren und das ist nun einmal nicht gewollt ..."


Cranach: Alter Mann mit Prostituierter. Wir sehen: Die Kleidung der Frau ist ähnlich der Kleidung wie auf dem Bild von der Sünderin in Joh. 8. Von daher dürfte es sich also auch im Bild von der Sünderin um eine Prostituierte handeln. Hier sehen wir sozusagen die Vorderseite der Medaille, auf dem Bild von der Sünderin die Rückseite. Das heißt für mich, dass Cranach tatsächlich dieselbe Geschichte im Kopf hatte, wie sie hier beschrieben ist.
Zu der Rolle der beiden Männer (oder vielleicht besser "Herren") im Bild "Jesus und die Sünderin" von Cranach rechts siehe unter Hinweis 65.

33. Uns heute interessiert natürlich der Wahrheitsgehalt dieser beiden "Erzählungen". 

Natürlich habe ich die Erzählungen von der Sünderin in Johannes 8 und von der schönen Susanna in meinem Unterricht auch ein wenig näher betrachtet, schließlich handelt es sich ja um Kriminalgeschichten, die man sich schon mal näher ansehen sollte. Also war da zunächst meine rhetorische Frage an die jungen Leute, wie oft es wohl vorkommt, dass man Paare beim Geschlechtsverkehr erwischt, und ob man auch tatsächlich genau sieht, dass sie ihn gerade "treiben". Und wenn es sich um Fremde handelt, woher man weiß, ob sie nicht doch verheiratet sind? Und zudem: Man muss sie ja auch mit zwei Zeugen antreffen und wer ist denn so böswillig und läuft gleich zum Gericht, wenn er doch weiß, dass das das Todesurteil besonders für die Frau bedeutet? In der Praxis wird es also nie oder nur höchst selten zu solchen Anklagen gekommen sein oder eben allenfalls, wenn Böswilligkeit, also vor allem Erpressung, im Spiel war, so wie in dieser Susannageschichte. Jedenfalls halte ich die Erzählung in Johannes 8 für realistisch, die dürfte wirklich geschehen sein, dagegen geht die Erzählung von der schönen Susanna zu gut aus, als dass sie tatsächlich geschehen sein könnte. Sie ist m. E. eine "pädagogische Geschichte", einfach um junge Menschen hellhörig zu machen, wie sie gerade auch von den Autoritätspersonen manipuliert und schließlich auch direkt missbraucht werden. Ich denke, diese Geschichte kann auch  als Sittenbild angesehen werden, was damals "so los" war. Sie ist daher eher durch einen glücklichen Zufall in die Bibel hineingerutscht, denn üblicherweise wird "so etwas" nicht "breit getreten". Das wäre ja noch schöner, wenn insbesondere Mädchen und junge Frauen hier intelligenter würden und also schon einmal wenigstens Chancen hätten, nicht "mitzumachen"!

Ist das denn heute anders? Es ist doch immer dasselbe! Nicht umsonst werden doch diese Themen den jungen Leuten gegenüber verschwiegen bzw. sie werden tabuisiert. Auf der anderen Seite bekommen sie inzwischen INFOS über Kondome und Geschlechtskrankheiten. Das sagt doch alles ... Sie sollen dumm und naiv bleiben und "mitmachen", was so üblich ist, aber dabei eben nicht andere mit Krankheiten anstecken usw. Es ist allerdings gewiss nicht immer Böswilligkeit, wenn "alte Leute" über diese Themen nicht so genau mit jungen Leuten reden wollen, "alte Leute" mögen einfach nicht über Dinge so genau reden, bei denen bei ihnen vermutlich auch alles nicht so richtig gelaufen war und die schon lange vorbei sind. Und jetzt alles wieder "aufreißen"? Dann lieber eine "Pädagogik der Frömmigkeit und der Naivität" ... Dass sie damit geradezu dem Bösen zuarbeiten, wollen sie nicht wahr haben.

Ich bin jetzt 77 Jahre alt und ich bin einmal so durchgegangen, mit wem ich über diese Themen reden konnte (natürlich nur, wenn ich gut war), und mit wem eher nicht, wem ich also offensichtlich "auf die Nerven ging". Ja, wenn junge Leute erst einmal wussten, worum es mir ging, dann lief das doch mit ihnen recht gut (und noch einmal: Ich war damals, als ich noch Lehrer war, längst nicht so gut!), doch mit den "alten Leuten" hatte ich eher Probleme (klar, nicht mit allen). Siehe hierzu meine Gedanken über Gandhi und Garcia-Márquez: http://basisreli.lima-city.de/gandhiundgarcia.htm.

Ein schönes Erlebnis hierzu aus der Endphase meiner "unterrichtlichen Tätigkeit": Ich durfte also nicht mehr Religion unterrichten, weil mir von meinem Bischof die Lehrerlaubnis entzogen worden war. Doch ich musste noch beschäftigt werden, weil ich ja in staatlichen Diensten war. Also wurde ich noch in der Schule mit einer Aufgabe betraut, für die sonst ein anderer Kollege hätte da sein müssen. Und dabei bekam ich mit, dass in einer Klasse gemunkelt wurde, dass es "sexuelle Geschichten" bei mir gebe, dass die also der Grund für meine Entlassung seien. Natürlich ging ich sofort zum Direktor und beklagte mich, worauf der Lehrerlaubnisentzug, den er durch eine Meldung ausgelöst hatte, allerdings mit meiner Zustimmung, nun offensichtlich hinauslief, was die Schüler also jetzt so redeten. Und der verhielt sich sofort sehr korrekt und fragte, welche Klasse das war, und ging mit mir in die betreffende Klasse (für die die folgende Stunde ausfiel, weil "das" durchgesprochen werden musste). Er erklärte also der Klasse, dass der Grund für meine Entlassung nichts Anrüchiges sei, sondern dass es um die Lehre der Kirche ging, die ich nicht mehr vertreten würde. Da meldete sich ein Schüler und stand auf: "Na gut, wenn die Kirche ihn nicht will, doch was ist wenn wir Schüler ihn wollen?" (Ich war platt, so hatte ich die jungen Leute ja noch nie erlebt, wenn ich denke, wie wir uns bisweilen gezofft hatten. Doch es ging ja weiter:) Darauf kam der Direktor auf das Konkordat zu sprechen und auf die Gesetzeslage usw., dass das also nicht ginge. Es half auch nichts, dass einer damit ankam, dass man ja die Eltern einschalten könnte. Und schließlich wieder ein Schüler: "Na ja, wenn ich so sehe, haben wir in dieser Klasse vier Gruppierungen, also die Katholiken, die Evangelischen, die Baptisten und die Moslems. Die Katholiken können ja den Raum verlassen, doch für die anderen kann er ja weiter Unterricht machen ..." Natürlich, das ging nicht ... Jedenfalls war ich absolut erstaunt, so hatte ich meine jungen Leute noch nie erlebt! Und der Direktor war auch erstaunt, hatte er doch wohl bisher eher "nichts in dieser Richtung" über mich gehört. Für mich war das tolle Begehren dieses Schülers, hinter dem offensichtlich auch die Klasse stand, jedenfalls ein schöner Abschied von der Schule und ist auch nach meinem Ausscheiden aus dem Schuldienst eine Verpflichtung, weiter zu machen, so gut ich kann!

Übrigens: Wie die Sache der schönen Susanna nun genau ausging, lesen Sie bitte in der Bibel nach, es ist jedenfalls eine der ältesten Kriminalgeschichten in der Literatur, deren Kenntnis eigentlich zur Allgemeinbildung gehört. (Anmerkung: Sie ist nicht in allen Bibeln enthalten. Man mag ja viel gegen die katholische Kirche haben, doch in deren Bibeln ist sie enthalten, es gab also auch in dieser Kirche mal Leute, denen es darum ging, junge Leute "fit in der Moral" zu machen ... Doch müssen Sie nicht gleich eine katholische Bibel kaufen, Sie finden die Erzählung auch im Internet.)

34. Jesus und Prostituierte:

Es wird heute unter Theologen allgemein akzeptiert, dass unter den Freundinnen von Jesus auch Prostituierte waren. Das mag wohl von der Zeit vor seiner Predigttätigkeit her rühren, als er als wandernder Häuserbauer zusammen mit seinem Vater und wahrscheinlich mit anderen Verwandten und Freunden in einem Bautrupp im Land unterwegs war. Und wie das so mit Wanderarbeitern ist, kommen sie nun einmal auch mit Prostituierten in Kontakt. Wie sich Jesus hier genau verhalten hat, wissen wir nicht, doch ist wahrscheinlich, dass er sich auf alle Fälle mit ihnen unterhalten hatte und dabei zu der Erkenntnis gekommen ist, dass sie zumeist oder auch fast immer sich ihren “Beruf” nicht freiwillig gesucht hatten, sondern dass sie oft genug direkt dazu erpresst wurden. Wie so etwas abläuft, vor allem wie die Vorgeschichte sein mag, die ja in der neutestamentlichen Erzählung in Johannes 8 nicht enthalten ist, wissen wir aus der Erzählung von der schönen Susanna im Anhang des Buchs Daniel (also Daniel 13), in der eine gottesfürchtige und keusche verheiratete Frau von zwei Ältesten zum Geschlechtsverkehr erpresst werden sollte. Die Ältesten missbrauchten das damalige Gesetz, nach dem eine Frau des Ehebruchs angeklagt und verurteilt werden konnte, wenn sie von mindestens zwei Zeugen auf frischer Tat ertappt worden war. Die beiden stellten die Frau also vor die Wahl, entweder mit ihnen zu schlafen oder sie zu verklagen, dass sie sie beobachtet hätten, wie sie mit einem jungen Mann, der nicht der ihre war, Geschlechtsverkehr hatte. Die Frau hatte Glück, dass die Geschichte schließlich für sie gut ausging, indem da ein zufällig anwesender Außenstehender den Fall neu aufrollen konnte und so die falschen Ankläger entlarvt wurden (und sie dieselbe Strafe bekamen, die sonst die Angeklagte bekommen hätte). Doch “normalerweise” dürfte das nicht so gut für eine angeklagte Frau ausgegangen sein, zumindest wenn sie erst einmal "auf dem Kicker" der entsprechenden Männer stand.

Jedenfalls muss also dieser Häuserbauer Jesus solche Geschichten von den betroffenden Frauen erfahren haben, und er hatte gleich erkannt, dass es bei dem Fall der Sünderin nach Joh. 8 gar nicht um Moral ging, sondern dass man dieser Frau eine Falle gestellt hatte, um ihr und den anderen Frauen eine Lektion zu erteilen. Dies hatte ihn dann motiviert, sich entsprechend gegen solche kriminellen Praktiken gegen Frauen zu engagieren, indem er sie etwa öffentlich aufdeckte. Natürlich gefiel das den entsprechenden Kreisen überhaupt nicht. Siehe Hinweis 65. Wenn sich Jesus hier für eine echte Moral engagierte, dann das das Argument schlechthin, dass er ein gesunder und ethisch hochstehender Mann war: Er sah, dass etwas nicht in Ordnung ist und versuchte, alles in seiner Macht stehende zu tun, damit sich hier etwas ändert.

Und jetzt eine persönliche Meinung von mir zu dem hier dargestellten Jesusbild: Ich denke doch, dass das so plausibel ist, dass es mehr als verwunderlich ist, dass es sonst von niemandem heute vertreten und noch nicht einmal von jemandem zur Diskussion gestellt wird. Das kann nur daran liegen, dass man entweder von der Wirklichkeit Jesu entfernt ist oder dass man dieses Jesusbild gar nicht sehen will, so wie vermutlich auch die "ehrenwerte Gesellschaft" zur Zeit Jesu das ja auch nicht wollte. Beides sind schon fast Beweise, dass dieses Jesusbild das richtige ist. Was sollte das denn auch, es ging ja sowieso "nur" um Frauen.

35. Studierstubengelehrte:

Es gibt auch eine jüdische Jesusforschung, etwa von Pinchas Lapide, David Flusser, Schalom Ben Chorin, in der Jesus als typischer jüdischer Rabbiner in der Tradition auch sonstiger Rabbiner erkannt wird. Nur: Auch die genannten jüdischen Theologen sind allesamt typische Studierstubengelehrte, denn es ist eindeutig, dass Jesus sich mit Prostituierten zumindest unterhalten und daher vermutlich von deren Seite etwas über die Gesellschaft seiner Zeit erfahren hatte, doch davon ist auch bei diesen Theologen nirgends die Rede. Eine Überlegung "Jesus und Prostituierte" kommt bei diesen Theologen jedenfalls nicht vor. Natürlich gilt das, was ich hier sage, nur soweit ich deren Werke kenne. Doch ich denke, dass diese Überlegungen so wichtig wären, dass sie mir selbst beim flüchtigen Lesen schon aufgefallen wären. Doch wie gesagt, Fehlanzeige. Anders etwa das Werk "Umwelt des Urchristentums" von Walter Grundmann (Herausgeber), (Evangelische Verlagsanstalt, Ost-Berlin, 1966/1982). Zwar ist in diesem Werk von Prostituierten auch nicht die Rede, doch hier ist die Situation der Frau in der jüdischen Gesellschaft zur Zeit Jesu beschrieben. Und die ist durchaus erbärmlich, etwa:   "Es gibt kaum Zeugnisse aus denen erkennbar ist, daß zwischen Mann und Frau eine Gemeinschaft des Verstehens und des Lebens besteht." (S. 177)

36. zum Film "Kids": Wenn Sie sich diesen Film einmal ansehen, dann achten Sie doch mal drauf, wie diese Darsy im Schwimmbad, in das die jungen Leute am späten Abend noch kurz vor ihrer Entjungferung durch Telly über den Zaun gestiegen sind, "natürlich" einen kompletten Bikini trägt, wie auch alle anderen jungen Leute in kompletten Badesachen sind. Fazit auch hier: Die Filmemacher haben gut beobachtet, die Sexualscham schützt vor gar nichts, sie ist eben kein Indiz für eine bewusste Moral, sie ist eben nur eine Scheinmoral!

37. Jesus als Bauunternehmer:
Im griechischen Urtext, der Luther als Vorlage für seine deutsche Bibelübersetzung ins Deutsche diente, stand als Beruf des Vaters von Jesus "tekton". Und dieses Wort kann auch mit "Baumeister" oder "Häuserbauer" übersetzt werden. Luther hatte es zu seiner Zeit, der Zeit der Fachwerkhäuser, mit "Zimmerbauer" oder eben "Zimmermann" übersetzt, woraus dann im allgemeinen Bewusstsein so etwas wie Schreiner oder Tischler geworden ist. Damit wurde nun so etwas wie eine Idylle verbunden: Josef und Jesus zimmern hinten in der Werkstatt Möbel, die Maria dann vorne im Laden vekauft. Doch diese Idylle ist keineswegs richtig. Wenn Josef und Jesus Häuserbauer waren, so werden sie ihren Beruf gewiss nicht nur in Nazareth, damals noch ein kleines Dorf, ausgeübt haben, sondern sie werden - zusammen mit anderen Verwandten und vielleicht auch mit Freunden - so etwas wie ein Baugeschäft gehabt haben und im ganzen Land Bauaufträge ausgeführt haben. Dabei kam Jesus mit allen möglichen Menschen in Kontakt, für die das "Baugeschäft Josef und Söhne" baute, etwa mit Zolleintreibern, und gewiss auch mit Prostituierten, mit denen Jesus sich zumindest unterhalten hatte. Von daher kannte sich Jesus in allem Menschlichen aus, was dann durchaus das Fundament für seine Predigttägigkeit gewesen sein dürfte - zusammen mit den Kenntnissen seiner jüdischen Religion.

Hierzu eine dpa-Meldung (in der Zeit und DIE WELT vom 11.11.1997):

Neue Erkenntnisse über sozialen Status von Jesus

dpa Rom - Jesus von Nazareth war neuesten Forschungen zufolge nicht der Adoptivsohn eines armen Zimmermannes, sondern Sproß einer mittelständischen und wohlhabenden Familie. Joseph sei selbständiger Bauingenieur gewesen, Jesus selbst habe schreiben und lesen können, mehrere Sprachen gesprochen und habe vermutlich in seiner Heimat das griechische Theater besucht. Zu diesem Ergebnis kommt der Jesuit und Historiker an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, Giovanni Magnani (68), in seinem Buch „Jesu, Erbauer und Meister". Wie die römische Zeitung „II Messaggero" gestern schrieb, räumt das Buch mit der bisherigen „Ideologie des religiösen Pauperismus" radikal auf. Wie sein Vater sei auch Jesus gelernter Bauingenieur (Geometer) gewesen und habe gemeinsam mit Joseph zeitweise eine Werkstatt in Nazareth betrieben. (Anmerkung: „Pauperismus" = „Verarmung", „Verelendung")

Kommentar: Ob Jesus nun ein Häuserbauer oder ein Geometer (Vermessungsingenieur) war, ist für unseren Zusammenhang wohl eher nebensächlich. Wichtig ist eben, dass er wohlhabend war und im ganzen Land herumkam und sein Arbeitsfeld also nicht nur auf eine kleine Werkstatt in Nazareth beschränkt war.

38. Geschäftsmodell (oder auch "Arbeitsbeschaffungsmaßnahme"):

Ich habe es nicht geglaubt, doch ich habe inzwischen die Erfahrung gemacht: Es wird zwar von Seiten der Kirchen gejammert und geklagt über die schlimme Zeit heute und dass sich gerade die jungen Menschen weder für Religion noch für Moral interessieren. Doch es ist nun einmal so: Die Moral der jungen Menschen interessiert gerade die Kirchen überhaupt nicht! Und ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe ja die Theologie der Kirchen studiert und verfolge auch, was heute so in der Theologie "läuft". Es ist nun einmal leider so: Wenn jemand Vorteile vom Leid seiner Mitmenschen hat, dann geht das zu Lasten seiner ethischen Empfindsamkeit. Er stumpft ab. Also gibt es irgendwann überhaupt kein wissenschaftliches Engagement, wie es kommt, dass junge Menschen so sind, wie sie sind, und schon gar keine wissenschaftlichen Anstrengungen, was man machen könnte, um hier etwas zu ändern. Für wissenschaftliche Anstrengungen müsste, wie das so ist, wenn es wissenschaftlich sein sollte, einiges oder sogar alles auf den Prüfstand gestellt werden, etwa inwieweit die Erziehung zum Frommsein oder die Erziehung zur Sexualscham "proproduktiv" ist, doch Fehlanzeige.

Dabei wäre das doch alles gerade im Hinblick auf den Ursprung unserer Religion sehr wichtig, vor allem auch weil das, was Jesus wollte, ja mit Sicherheit keine Religion sein sollte, sondern eine neue Lebenseinstellung. Doch wie sagte mir einmal in indischer Freund: "religion is the biggest business" ("Religion ist das größte Geschäft"). Es ist nun einmal so: Die besseren Geschäfte kann man mit einer Religion machen und nicht mit einer Lebenseinstellung. Irgendwie ist das wie mit einer Autofabrik, die lieber fehleranfällige Autos herstellt, weil an der Reparatur mehr Geld verdient wird als an guten möglichst fehlerfreien Autos. Oder wenn Ärzte ihren Patienten bewusst keine Tipps geben, wie sie gesund leben können, weil sie an der Heilung von Krankheiten mehr Geld verdienen können als an gesunden Patienten. Wir würden solche Gesinnungen von Autoherstellern oder Ärzten als kriminell einstufen – doch wie ist das mit den Religionen? Siehe Hinweis 43 zur Beichte!

Oder ist alles doch ganz anders: Könnten die Religionen nicht mit seriöser Arbeit am Ende noch viel mehr verdienen, wäre das also das bessere "Geschäftsmodell", einfach weil die Menschen, die die Fülle des Lebens haben, dankbar sind und weil sie daher unter Umständen sogar noch viel mehr freiwillig geben, als was gleichgültige Kirchen ihnen mit einer Zwangssteuer abknöpfen?

Ich möchte dazu zum Problem "Religion, Tod und Jenseitserwartungen"  aus dem Buch "Ohne Lüge leben" von Arno Plack (1976/1978) zitieren. Einerseits sieht der Philosoph Arno Plack (1930 - 2012) unsere Erziehung zur Leibfeindlichkeit, die ein bewusstes Leben weitgehend verhindert, sehr deutlich, andererseits ist sein Rezept, alles hemmungslos auszuleben (à la: "das eigene vitale Dasein in seiner Triebhaftigkeit wie in seiner zeitlichen Begrenzung zu bejahen"), gewiss auch nicht das "Gelbe vom Ei". Denn so wie er sich etwa das Ausleben vorstellt, werden weder das Problem der Sexualscham, noch das des Orgasmus gelöst. Das macht doch deutlich, dass das Ausleben der Sexualität à la Plack (und nach zahllosen anderen!) nicht unserer menschlichen Natur entspricht – und die Menschen letztlich dann doch wieder nach den Maschen "Im Alter werden die Huren fromm" oder "Als er kam ins Alter, sang er fromme Psalter" in die Arme der Religionen getrieben werden "als Kunden für deren Geschäftsmodell". So viel ich sehe, forschen die typischen Sexualwissenschaftler immer nur in Richtung "Veranlagung des Menschen zur Poygamie und ein Ausleben dieser Veranlagung", während ich den Menschen für durchaus monogam veranlagt halte und allerdings die jetzige Pädagogik dieser Veranlagung anzweifle. Ich denke, meine Vorschläge hierzu sind einfach besser. Schauen Sie sich trotzdem das Zitat von den Seiten 51 - 54 unter dem Titel "Den Tod nicht verdrängen" einmal an:

"Der Erziehung zu unbefangener Sinnlichkeit kommt für das gesamte spätere Leben elementare Bedeutung zu. Wenn moralischer Rigorismus die Forderung stellt, auch den Todkranken über seine Situation nicht im Unklaren zu lassen, so ist dabei vergessen, dass ein seinem Leib entfremdetes Selbstbewusstsein auch die Konsequenz seiner Endlichkeit nicht anzunehmen bereit ist: weil unerfüllte Sehnsüchte bis zuletzt ein Weiterleben verlangen. Wir sind alle nicht in der Weise lust- und lebensbejahend erzogen, dass wir den Tod als vorgegebene Bedingung des Lebens akzeptieren könnten. Wir verdrängen den Tod, wie wir die Sexualität verdrängen: Die doppelte Verdrängung erspart uns ein waches Bewusstsein der Flüchtigkeit des eigenen Daseins. Sexualität meint tendenziell Fortpflanzung; sie weist auf kommende Generationen. Todesverdrängung und Sexualverdrängung schließen so sich zusammen zur Verdrängung der Endlichkeit des eigenen Daseins. Was uns hindert, sie zu ertragen, ist ein Defizit an empfangener Liebe. Die Gelassenheit, die von lustvoller Einstimmung ins vitale Dasein sich hätte bilden können, müssen wir durch »Haltung« ersetzen. Schaudernd kommen wir nicht mehr zu einem unverkrampften Ja.

Angst vor dem Tod wie die Neigung, ihn zu verdrängen, müssen zunehmen in einer Gesellschaft, in der das Individuum sich mit seinen Hoffnungen und Erwartungen weithin auf sich selbst gestellt findet, wo einer des anderen Konkurrent ist. Da wird der Einzelne zum Vereinzelten, er kann kein Wir-Bewusstsein entwickeln, das hoffen, befürchten und planen ließe gemäß den Notwendigkeiten einer größeren Gemeinschaft. Selbst wer für das Ganze des Staates Sorge zu tragen hat, denkt selten über die Zeit seiner eigenen Laufbahn hinaus. »Nach uns die Sintflut« ist, bewusst oder unbewusst, das Prinzip, nach dem Energieprobleme und Umweltgefahren behandelt werden. Familienegoismus ist, Ausnahmen abgerechnet, das Äußerste, was die Sorge um sich selber übersteigt. Doch in den Kindern liebt man nur sich selbst, sein »eigen Fleisch und Blut«, wie es verräterisch heißt. In ihnen sucht, wer nicht mehr an ein Jenseits zu glauben vermag, sich ein Fortleben zu imaginieren. Der geheime Bezugspunkt aller Fürsorge aber bleibt das eigene Ich. In tyrannischer Fürsorge für die eigene Familie wird nur die eigene Todesangst verdrängt.

Religiöse Einstellung, die sich dem Animismus (Anm.: so werden üblicherweise die Religionen der "Naturmenschen" genannt, die außerhalb unserer Zivilisationen leben) nähert, erleichtert noch die Verdrängung des Todes. Wer an ein individuelles Fortleben nach dem Tode glaubt, der braucht die Einmaligkeit seines Lebens, jedweden Lebens, und die Endgültigkeit des Abschieds im Sterben nicht so ganz ernstzunehmen. Es gibt eine Oberflächlichkeit aus »Religiosität«. Den Tod als reale Möglichkeit erst recht verdrängen muss ein Mensch, der nicht mehr religiös genug ist, um an ein jenseitiges Leben zu glauben, aber noch nicht sittlich frei genug wurde, jeden gesunden Tag lustvoll zu erleben. Ohne Lüge leben, das hieße zuletzt: das eigene vitale Dasein in seiner Triebhaftigkeit wie in seiner zeitlichen Begrenzung zu bejahen. Aber das kann der unzärtlich Erzogene sich nicht willentlich als tapfere Haltung aufsetzen. Es ist von niemandem zu erwarten, dass er ausgerechnet die Schattenseite der Leibbejahung verwirklicht. Nur wer die Freuden des Leibes unbefangen zu genießen wagte, kann zuletzt ohne die Lüge irrealen Trostes auskommen.......

Ein illusionsloses Verhältnis zur Endlichkeit des Lebens ist möglich, aber nicht für Menschen, die nie in unbefangener Weise zu leben erlernten, denen man das mit »Sittenstrenge« verwehrt hat. Ein solches Leben ist Leiden schon in gesunden Tagen: Leiden an der eigenen, scheinbar »überschüssigen« Vitalität. Die Theorie vom »konstitutionellen Antriebsüberschuss« des Menschen hat aber nur in einer Kultur sich herausbilden können, die ein »Sich-Ausleben« moralisch verpönt. Wer solcher Wertung scheu sich fügt, muss darüber einen vitalen Unmut entwickeln, der ihm das Leben selber als wenig lebenswert erscheinen lässt. Unbewusst schwelt aber die Erwartung eines volleren, freieren Lebens. So kommt es, dass Lebensüberdruss, Selbstmordneigung und Angst vor dem Tode, Hoffnung auf ein ewiges Leben, in einem Menschen, widersprüchlich genug, zusammengehen. Jenseitserwartung löst diese Paradoxie, die doch dem verquälten Leben entstammt, indem sie einen fiktiven Punkt außerhalb des Daseins bezieht. Aber sie erlöst damit nicht von dem Leiden, das allem Glauben zum Trotz sich durchhält und vielfältig körperlich ausformt. In den sogenannten psychosomatischen Krankheiten bringt der Körper gegen die Grundlüge unserer Kultur sich zur Geltung: gegen den Glauben, dass der Mensch seine Begierden gefahr- und folgenlos vernachlässigen könne."

39. Reisebericht „in die Hölle“: siehe http://ermland.lima-city.de/hoelle/hoelle.htm

40. Auszug aus dem Ritus der confirmatio vor der Reform (aus: Die Feier der Firmung, lat.-dt. Ausgabe für den liturgischen Gebrauch, Trier 1966): "Spiritus Sanctus superveniat in vos et virtus Altissimi custodiat vos a peccatis... Oremus. Omnipotens sempiterne Deus, qui regenerare dignatus es hos famulos tuos … ex aqua et Spiritu Sanctu quique dedisti eis remissionen omnium psccatorum (Anm.: Übersetzt im deutschen Text mit "Schuld"): emitte in eos ... septiformem Spiritum tuum Sanctum Paraclitum de caelis. R. Amen. Spiritum sapientiae et intellectus. R. Amen. Spiritum consilii et fortitudinis. R. Amen. Spiritum scientiae et pietatis. R. Amen. Adimple eos...Spiritu timoris tui, et consigna eos … sogno Cru+cis Christi, in vitam propitiatus arternam. Per Christum, Dominum nostrum. R. Amen.
N. Signo te Cru+cis: Et confirmo te chrismate salutis. In nomine Pa+tris et Filii et Spiritus Sancti. R. Amen. - Pax tecum. - Confirma hoc, Deus, quod operatus es in nobis, a templo tuo, quod est in Jerusalem … Gloria Patri et Filio, et Spiritui Sancto. R. Sicut erat in principio et nunc et ...“

41. "Frühsexualisierungshysterie": Was heißt überhaupt "Frühsexualisierung"? Für manche ist schon schädliche "Frühsexualisierung", wenn Kinder wissen, dass Babys durch Geschlechtsverkehr gezeugt werden, also muss dieses Wissen bei Kindern verhindert werden. Dabei wird vergessen, dass dieses Wissen sich schon unter Kindern herumspricht, wenn einige Kinder dieses Wissen haben, dass man es also gar nicht verhindern kann. Andererseits ist dieses Wissen einfach notwendig, wenn das Erziehungsziel eine echte Monogamie sein soll, damit die Kinder überhaupt eine reelle Vorstellung davon bekommen, was "Sexualmoral" ist und sie sich somit einrichten können, was sie tun und was sie besser nicht tun können. Siehe auch Hinweis 45 "Entsetzen eines Geistlichen" und 48 "wie es richtig geht".

42. Zur "Atlantiktaufe" durch den Vater: Das Problem ist doch immer, wie ein junger Mensch herausfindet, ob der Freund, den er sich "ausgeguckt" hat, auch ehrlich ist oder alles nur mitmacht, damit er gewonnen werden kann. Ich denke, eine Methode ist hier, dass man sich auch in der Familie über die Themen, die hier angesprochen sind, gemeinsam unterhält. Und warum nicht auch einmal gemeinsam, also mit der ganzen Familie und auch mit dem neuen möglichen Familienmitglied in eine Sauna gehen oder auch an einen "entsprechenden Strand" gehen? Macht dieses "neue Familienmitglied" gerne mit – oder passt das alles irgendwie doch nicht?

Ich hatte von einem solchen "freien Aufenthalt am Strand" natürlich dem Mädchen in der "Vorbereitungsphase" geschrieben, also längst bevor sie zu mir kam und auch, dass sie mir zusichern müsste, dass es dabei mitmachte. Denn ich würde mich hier auf gar nichts anderes einlassen, weil ich schon wüsste, worauf das sonst hinausläuft. Die Erfahrung ist doch, dass man ein Mädchen nicht zurückhalten kann, wenn es erst einmal so eine Verliebheit im Kopf hat und keine Alternative zum Sex kennt, Was habe ich hier schon selbst alles erlebt, etwa mit den Töchtern von Bekannten! Wie standen die zuerst "hochmoralisch" über all diesen "Problemen" und wussten alles besser, und hinterher war alles doch immer nur "wieder dasselbe"! (Siehe Hinweis 77 "von ihren Gefühlen überrumpelt".) Ja, da habe ich nun nach einem anderen Weg gesucht, weil ich denke, dass es den geben müsste. Sie könne sich ja mit ihren Eltern über meinen Ansatz unterhalten. Und, so erzählte die junge Frau mir später, das hätte sie auch getan. Ihr Vater hätte sich daraufhin bei einem Bekannten herumgehört, der mal in Europa war, was das für Leute sind, die an "solche Strände" gehen. Und dessen Antwort: "Das macht eher die Oberschicht." Na also ... Und es ist nun auch nicht so, dass diese "Oberschicht" nur abgehobene Leute sind, die mit den "Normalmenschen" nichts zu tun haben. Mitnichten. Es muss wohl Mitte der 60er Jahre des vorigen Jahrunderts gewesen sein, als in der Kölner Kirchenzeitung ein Interview mit dem Pfarrer der nördlichsten katholischen Gemeinde Deutschlands war, also dem Pfarrer von Sylt. Irgendwie war er ein Original, "jeder kannte ihn", ich habe seinen Namen im Internet gefunden, Pfarrer Bellmann. Er wurde in dem Interview unter anderem gefragt, wie das denn mit den Badegästen sei, die dort auf den "Naturstrand" gingen, also "textilfrei". Und der Pfarrer: "Da sei zu den anderen Badegästen kein Unterschied, das sind genauso Familien wie die, die nicht zu diesen Stränden gingen und die würden genauso zu den Gottesdiensten kommen oder auch nicht."  (Anmerkung: Möglicherweise erzählen die Eltern in diesen Familien ihren Kindern Ähnliches wie ich?)

Natürlich, die typischen "Bedenkenträger" werden Bedenken gegen diese "Taufe" eines Vaters einer eigenen Tochter haben, weil sie sich so eine unbefangene Nacktheit zwischen Vater und Tochter kaum vorstellen können und weil es also ihrer Meinung nach auf diese Weise leicht zu inzestuösen Beziehungen kommen könnte. Ich denke, ich kann hier Entwarnung geben: Denn durch einen unbefangenen Umgang von Vater und Tochter von Kind an (der muss natürlich da sein!) entsteht ein ausgesprochenes Vater-Tochter-Gefühl, das inzestuöse Beziehungen einfach unmöglich macht, weil die Natur nun einmal nicht will, dass Vater und Tochter miteinander Kinder zeugen und also Sex haben. Das Problem hier ist, dass Mütter, die selbst einmal von ihren Vätern missbraucht wurden, nun größte Angst haben, dass ihren Töchtern irgendwann dasselbe mit ihrem Vater, also mit ihrem Mann passiert, und sie daher argwöhnisch darauf achten, dass Mann und Tochter nicht zu nahe besammen oder auch nicht unbeaufsichtigt alleine sind. Doch damit stören sie die Bildung einer natürlichen Vater-Tochter-Beziehung, und wenn die Tochter dann alt genug und also auch fraulich-attraktiv ist, kommt es bei Gelegenheit dann möglicherweise zu "Beziehungen". Die Mütter sehen sich nun in ihren Ängsten bestätigt, dass "alle Männer so sind". Dass sie es selbst waren, die durch ihre Ängste die inzestuösen Beziehungen direkt verursacht haben, wollen sie natürlich nicht wahr haben.

Und das Ergebnis dieses "pädagogischen Verfahrens"? Ich kann nur sagen, äußerst positiv. Wenn ich denke, wie "grün und unreif" ich in dem Alter war, in dem meine Tochter damals war, so ist da ein gewaltiger Unterschied. Kurz mein Resümee: Sie hat ihr Leben in die Hand genommen, sie wusste, was sie wollte, sie war offen, sie war irgendwie reif. Irgendwie hat sie gesehen, was wirkliche Moral ist und welche Vorteile die hat, und was nur eine im Grunde lächerliche Scheinmoral ist, wie sie ihre Kameradinnen im Kopf haben und diese also auch leben. Das führte offensichtlich dann bei ihr auch zu einer Ausstrahlung, aufgrund der sich die sogenannten Casanovas oder auch Don Juans gar nicht erst an sie heran trauten. Dabei war sie keinesfalls altklug und hochnäsig, sondern eher kindlich-offen. Natürlich, vielleicht lag das nicht nur an "meiner Erziehung", sicher aber auch, zumindest dürfte diese Erziehung einer vorhandenen eigenen Einstellung nicht geschadet, sondern diese eher noch gefördert haben. Und das ist bis heute so geblieben.

Noch ein Hinweis zur Rolle der Väter bei der Erziehung gerade auch der Töchter: Mein Professor Wilhelm Heinen, in Münster 1956-1974, vertrat die Theorie, dass Väter hier besondes wichtig sind. Und dass die schlimme moralische Lage heute daran liegt, weil die Väter keine wirklich starken Väter sind und also auch nicht die ihnen aufgegebene Vaterrolle richtig wahrnehmen – und eben versagen. (Dabei könnten auch sie noch ihren riesigen Spaß bei einer solchen Erziehung haben, denn welcher Vater macht das, von dem ich hier rede, denn nicht gern mit seiner über alles geliebten Tochter!) Wir Studenten schmunzelten oft über manche skurillen Thesen dieses Professors, doch wo er Recht hatte, hatte er nun einmal Recht – nur leider sah er das nicht so "konkret"! Dafür war er nun einmal leider zu eng, um es vorsichtig auszudrücken.

Ich möchte hier auch einmal auf das Problem "Kinderkrippe" zu sprechen kommen. Gerade von konservativer Seite wird ja Eltern und besonders auch Müttern Angst gemacht, dass es verantwortungslos sei, wenn sie ihr Kind schon etwa ein Jahr nach der Geburt, also wenn der Mutterschaftsurlaub vorbei ist, in eine Kinderkrippe geben. Sicher, das Ideale ist das vielleicht nicht, doch Mütter sind eben auch Frauen und haben als solche oft mit viel Mühe und Engagement einen Beruf erlernt und möchten den natürlich auch ausüben. Also müssen sie ihr Kind wohl oder übel in eine Kinderkrippe geben. Ich denke nun, so schlimm ist das auch nicht für die Entwicklung des Kindes, nicht zuletzt gibt es in der Kinderkrippe ja auch den Vorteil, dass das Kind mit anderen Kindern zusammen ist und zwangsläufig soziales Verhalten wie unter Geschwistern lernt. Für die Eltern bleiben in der krippenfreien Zeit und insbesonders also auch in den Ferien jede Menge Gelegenheiten, ihren Kindern "ganz besondere Endorphinerlebnisse" zu vermitteln, die die wichtigsten Entscheidungen des jungen Menschen nicht nur so eben beeinflussen, sondern regelrecht steuern. Damit sind die Eltern im Endeffekt für das Kind bedeutungsvoller als noch so liebe und fürsorgliche "Krippenmütter".

Die Frage stellt sich hier, ob ein Mädchen "für das alles" wirklich einen eigenen konkreten Vater braucht, oder ob es nicht auch das Konzept eines Vaters, wenn es nur genügend praxisnah-konkret ist wie dieses hier, genauso tut? Ich hoffe doch, dass das möglich ist, wenn ich auch solchen Mädchen empfehlen würde, sich einen "solchen (Ersatz-) Vater" zu suchen. Denn ich kann mir das nicht so recht vorstellen, dass Endorphine auch ohne eine entsprechende Praxis gebildet werden können ...

Hier wurde besonders auf die Beziehung Vater - Tochter eingegangen. Und die Jungen? Für die ist also die Erziehung zu Ritterlichkeit und Respekt vor der Ehre der Mädchen angesagt. Doch was hilft diese ganze schöne Erziehung, wenn Ritterlichkeit und Respekt nachher von den Mädchen gar nicht "nachgefragt" werden, siehe Hinweis 2? Und siehe auch die Sketche von Volker Pispers über den "Softiemacho". Wichtig ist also schon eine gemeinsame (Moral-) Erziehung von Mädchen und Jungen, damit die (Moral-) Erziehung von Jungen schließlich nicht ins Leere läuft.

43. Beichte als Feedback: Ich zitiere hier einmal aus der Zeitung "Die Welt" vom 16.11.2017, S. 28 "Wissen" mit  kleinen Veränderungen, also statt der Wörter "Krankenhäuser", "Gesundheitsberufen" und "zwischen Ärzten und Pflegekräften" nun die Wörter "Religionen", "Religionsberufen" und "Priester und Laien". Also hier der "neue" Text: "Religionen verstehen sich traditionell nicht als lernende Organisationen, die aus Fehlern und Beinahe-Katastrophen Verbesserungen für die Zukunft ableiten. Die Luftfahrt hat das konsequent gemacht und ist dadurch viel sicherer geworden. In klassischen hierarchischen Systemen geht die Energie aber nicht in Fehlervermeidung, sondern in Angst und Druck, dass Fehler möglichst nicht publik werden. Dann kann auch niemand etwas daraus lernen. Ein weiteres Problem besteht darin, dass in Religionsberufen ein geradezu idiotisches Gefälle existiert, gerade zwischen Priestern und Laien."
Ein einsames Beispiel für eine sinnvolle Anwendung der Beichte ist die Geschichte des Jesuitenpaters Friedrich v. Spee: Er war als Beichtvater für "Hexen" eingeteilt, also musste er die verurteilten "Hexen" auf ihrem letzten Weg zum Scheiterhaufen begleiten und ihnen vorher noch die Beichte abnehmen. Doch er ließ es nicht dabei bleiben. Irgendwann fragte er sich bei diesen Beichten, was eigentlich hier gespielt wird. Und er kam zur Erkenntnis, dass diese "Hexen" wohl gar keine wirklichen Hexen sind, sondern arme geschundene Frauen, die durch raffinierte Verhöre und Folter zu ihren Geständnissen gezwungen wurden, zu Geständnissen, denen überhaupt keine sachlichen Tatbestände zugrunde lagen und die wohl jeder gemacht hätte, mit dem so wie mit den "Hexen" verfahren würde. Doch was tun? Wenn er jetzt gegen diese grausigen Unsinnigkeiten protestiert hätte, dann hätte man ihn als von den Hexen und also vom Teufel "umgedreht" gesehen und hätte ihn auch so einem raffinierten Verhör und Folter unterzogen und niemandem wäre geholfen gewesen. Also schrieb er anonym ein Buch gegen die Hexenwahn, die berühmte "Cautio Criminalis". Die Ordensbrüder, die Friedrich v. Spee kannten, wussten natürlich, dass das Buch von ihm war, schließlich äußerte er ja auch sonst seine Gedanken. Doch sie hielten dicht, wenn er schließlich auch in die Seelsorge für die Pestkranken versetzt wurde - also auch eine Art Todesurteil? Leider gab es wenig positive Resonanz auf das Buch, der Glaube an die Hexen saß einfach zu tief. Immerhin hatte der Bischof von Bozen-Brixen das Buch gelesen und in seinem Bistum die Hexenprozesse verboten. Ansonsten dauerte das Ende dieser unsäglichen Prozesse noch etwa 150 Jahre.

44. "Vernunft spielt keine Rolle" - hier die Regensburger Rede von Papst Benedikt:

https://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2006/september/documents/hf_ben-xvi_spe_20060912_university-regensburg.html

45. Entsetzen dieses Geistlichen über die Frühsexualisierung: Siehe auch Hinweis 39. Ich denke, dass bei ihm typisches magisches Denken vorlag, so wie auch im Mittelalter und später zum Hexenwahn: Man muss nur gut genug beten, dann wird Gott schon alles auf wundersame Weise regeln. Viel mehr kann man nun einmal nicht machen. Doch letztlich ist das magisches Denken! Dass magisches Denken nicht auf "alte Zeiten" beschränkt ist, beweisen die Geschichten der Ärzte Edward Jenner (1749 - 1823), der die Pockenschutzimpfung entdeckt hatte, und Ignaz Semmelweis (1818 - 1865), der die Ursache des Kindbettfiebers und eine einfache aber wirkungsvolle Gegenmaßnahme heraus fand. Beide kamen gegen das magische Denken selbst größter wissenschaftlicher Kapazitäten ihrer Zeit nicht oder nur kaum an, obwohl sie eigentlich überzeugende Beweise aus der Praxis vorlegen konnten.

Zum magischen Denken: Der Schweizer Autor Luc Bürgin schreibt in seinem Buch "Irrtümer der Wissenschaft", dass sich 1855 in Wien ein angesehener Professor die Mühe gemacht hatte, Dutzende damals in der Fachwelt kursierende Hypothesen über den Ursprung des Kindbettfiebers zusammenzustellen. Wir finden dort haarsträubende Erklärungsversuche wie "Gefühlswallungen", "Diätfehler", "das lange Dursten", "zu warme Räume" usw., irgendwie war das alles magisch. Nur Semmelweis durfte mit seiner Theorie, dass es nämlich die Ärzte selbst sind, die es verursachen, weil sie sich nach Leichensezierungen nicht richtig die Hände waschen, nicht recht haben! Sie können auch einmal die so üblichen Begründungen für die "schlechte Sexualmoral schon junger Menschen" heute durch den Kopf gehen lassen, also etwa: "Die Schuld der Medien, vor allem des Fernsehens und Hollywoods", "die fehlende oder nicht besonder gute Mutterliebe gerade in den ersten Lebensjahren ihres Kindes", "die Frühsexualisierung durch Schule und Kameraden", "das fehlende gute Vorbild der Eltern, die es selbst nur zu Patchworkbeziehungen schaffen", "die freizügige Kleidung der Mädchen und Frauen". Nur auf eines kommen die schlauen Pädagogen nicht, unter ihnen auch die Pfarrer und Lehrer aller Religionen, dass sie es nämlich selbst sind, die die jungen Menschen etwa nur zu einer Scheinmoral (s. Seite 3 u. im Text) erziehen und nicht zu einer echten Moral. (Anmerkung zum Problem des "fehlenden guten Vorbilds der Eltern": Wir könnten das Problem ja auch mal anders sehen. Dass nämlich gerade im jungen Menschen "sozusagen von Natur aus" die Veranlagung <s. Hinweis 7> zu einer heilen Partnerbeziehung da ist und er im Grunde vom schlechten Vorbild der Eltern abgestoßen ist und er jetzt erst recht alles mal wirklich richtig machen will. Also ist er "supermoralisch" in der Weise, wie er Moral mitbekommen hat. Doch damit praktiziert er nur die übliche Scheinmoral und rutscht wieder genau in die misslichen Beziehungskisten hinein, die er eigentlich vermeiden wollte. Und die schlauen Pädagogen, Soziologen und Theologen sagen jetzt: "Wir haben es doch gleich gewusst, wenn das Elternvorbild nicht gut ist, dann kommt eh nur wieder dasselbe bei den jungen Leuten heraus." Doch in Wirklichkeit ist alles ganz anders...) 

Zum "Problem Frühsexualisierung": Selbst wenn dieser Geistliche recht hätte mit seinem Vorbehalt zur frühzeitigen Information junger Menschen über die Dinge der Sexualität, insbesondere wie sie heute schon in der Schule geschieht, so bedeutet das keinesfalls im Sinn "hoher Moral" "Hals- und Beinbruch". Mein Eindruck vom Umgang mit jungen Leuten her ist nämlich, dass es gerade durch die "moderne Sexualaufklärung" zu einem unerwarteten Nebeneffekt kommt. Denn keinesfalls alle der jungen Leute sind damit glücklich, was hier auch "von oben" als normal angesehen und daher auch direkt empfohlen wird. Dass sie also erst einmal mehrere Intimpartner "durchprobieren" sollen <oder gar müssen>, bis man <oder vor allem frau> beim "Richtigen" landet. Gerade Mädchen empfinden das bisweilen als Zumutung, sollen sie also bei ihrer Partnersuche zuerst einmal Gratisprostituierte sein? Doch wie sollen sie es denn anders machen? Oft kommen diese Empfehlungen ja auch noch direkt von den Eltern und gerade auch von den Müttern. Hier wäre doch die Aufgabe einer Kirche, die sich am historischen Jesus orientiert und sich für eine "echte Sexualmoral" engagiert, ein plausibles und attraktives Konzept anzubieten, doch leider bisher Fehlanzeige.  

Ich höre jetzt förmlich den Einwand der typischen "Bedenkenträger", dass die Chancen der Kirche hier unrealistisch sind, weil sie sowieso nicht alle jungen Leute erreichen kann. Doch stellt sich die Frage: "Müssen denn überhaupt alle erreicht werden?" Doch wohl nicht! Denn wenn es um wirklich attraktive Ideen geht, dann reichen doch erst mal nur wenige, die darauf ansprechen – und deren positive Erfahrungen werden sich dann bei anderen schon herumsprechen. Junge Leute sind übrigens gerade hier wohl die besten Werbemedien ...

46. Zu meinem Beruf vor dem Studium der Theologie: Irgendwann hatte ich in einer katholischen Zeitung gelesen, dass echte Monogamie und echter Monotheismus zusammen gehören. Das heißt also, dass der echte Monotheismus abhängig ist von der echten Monogamie. Wenn man also den echten Monoteismus will, muss man sich um die echte Monogamie kümmern. Kommt es dann zum echten Monotheismus kommt, gut, und wenn nicht, auch gut. Denn dann hat sich das Problem der Religionen sowieso erledigt.

47. Bessere Lösung von Problemen: Es wird bisweilen behauptet, dass es Jesus überhaupt nicht um Ehe und Familie und auch nicht um Sexualmoral ging, denn von alledem ist bei ihm offensichtlich keine Rede. Diese Rede muss doch auch gar nicht sein! Denn wenn er für die echte Monogamie war, dann ergibt sich daraus von ganz alleine, dass es zu gesunden Ehen und Familien kommt. Auch eine echte Moral, um dorthin zu gelangen, hat nichts oder nur wenig mit der Moral zu tun, die die typischen Moralapostel (oder auch "Spießer") in ihren Köpfen haben. Auf der anderen Seite können sich heute ehrenwerte Pädagogen, Theologen, Soziologen und Politiker noch so sehr für Ehe und Familie einsetzen, doch wenn die Leute nicht wollen, weil sie etwa meinen, auch "ohne Trauschein" den Geschlechtsverkehr praktizieren und dann auch zusammen leben zu können, dann wollen sie eben nicht.

Oder denken wir auch an die Abtreibungen: Die "Gründe" für die Abtreibungen sind doch alles keine "Jungfrauenschwangerschaften". Da ist doch immer schon etwas "vorher" passiert. Bei einem Treffen von Religionslehrern mit einer Frau von der Caritas, die "dabei" war, als noch die Bescheinigungen von Beratungen im Zusammenhang mit der Abtreibung ausgestellt wurden, sagte diese uns, sie hätte die Erfahrung, dass alle Frauen, die an eine Abtreibung dächten, auch Probleme mit ihrer Partnerschaft hätten. Das hieße also, wenn es nur noch gesunde Partnerschaften von Mann und Frau gäbe, dann gäbe es auch keine Abtreibungsprobleme mehr ... Die Partnerschaft von Mann und Frau ist also auch hier das "Oberproblem"!

Und Zusammenhänge gibt es vermutlich selbst mit dem Terrorismus! Der Sprecher der orientalischen Christen Simon Jacob vertritt die These, dass das Problem ist, dass die jungen Männer im arabischen Raum sexuell frustriert seien, daher also Aggression, Gewalt und Terror. Nur wer finanziell entsprechend aufgestellt ist, könne im arabischen Kulturkreis heiraten und eine Familie gründen. Im Irak und in Syrien hätten aufgrund der desolaten wirtschaftlichen Lage jedoch die wenigsten jungen Männer eine derartige Perspektive. Jede voreheliche Annäherung an Frauen sei absolut tabu. Der sogenannte Islamische Staat (IS) biete seinen Kämpfern jedoch Geld und die Aussicht auf eine Sex-Sklavin, woraus, so Jacob, ein Stück weit der Zulauf für die Terrorgruppe resultiere.

Zum Schluss noch etwas zum Thema, welche Religion die beste ist! Eine ältere Dame erzählte mir dazu einmal eine Begebenheit aus ihrem kindli­chen Religionsunterricht, den der Pfarrer gehalten hatte, der muss wohl so um 1950 herum gewesen sein. Der Pfarrer hatte also er­zählt, dass die christliche Religion und hier besonders die katholi­sche, die ein­zige wahre Religion sei. Da hätte sie sich gemeldet und ge­sagt, dass das mit der "einzig wahren Religion" ja die Priester oder die ent­sprechenden Leu­te in den anderen Religionen doch wohl auch ihren Gläu­bigen erzählen wür­den. Ja, woran könne man denn nun erkennen, welches die wirklich wahre Religion sei? Da sei der Pfarrer also ausge­flippt und hät­te geschimpft, dass das Prob­lem heute sei, dass schon Kin­der nicht mehr gläubig seien. Doch ich denke, dass die Frage dieses damaligen Kindes gar nicht so dumm war. Es gibt bekanntlich auch gar keine dummen Fragen, es gibt allenfalls dumme Antworten - und die Antwort des Pfarrers war doch nur dumm, intelli­gent war sie jedenfalls auf keinen Fall. Er war doch einer in­telligenten Frage einfach nur ausgewichen. Um nun die Frage dieses jun­gen Mädchens einmal ernst zu nehmen: Woran erkennt man denn nun, welches die wirklich wahre Religion ist? Jesus gibt hier jedenfalls eine sehr praktische Antwort: "An ihren Früch­ten wer­det Ihr sie erkennen!" Das könnte also heißen: Irgendwelche Ge­schich­ten und Theorien - auch von und über Gott - kann schließlich jeder erzählen und auch mit angeblich allen möglichen mehr oder weniger intel­ligenten Beweisen aus Worten, Papier ist schließich geduldig. Doch die eigentlichen wirklichen Be­weise liegen immer nur in der Praxis: Dass also das, was eine Religion in der Praxis anpackt, auch nachprüfbar sein und funktionie­ren muss! Doch darum drücken sich eigentlich alle Religionen. Ja, was würde ich heute diesem Mädchen sagen? Ich denke, heute ginge das, ihm behutsam zu erklären, was ich in diesem Text geschrieben habe. Und dann sagen: "Diejenige Religion ist die wahre, die dich und auch die übrigen Menschen am besten auf das Leben vorbereitet, so dass du wirklich Mensch sein kannst und das Leben in der Fülle leben kannst."


48. "Mit Sicherheit sehr motiviert für solche Gespräche" (S. 18, 4. Zeile vorletzter Absatz, diesen Hinweis habe ich inzwischen auch in "das Heft" direkt eingebaut): Ja, auch hier habe ich meine Erfahrungen! Und zwar sollte ich einmal vor über vierzig Jahren, also als ich gerade mit meinem Berufsschulunterricht anfing, in einer kleinen Gemeinde den Erstkommunionunterricht machen vor sechs Mädchen und zwei Jungen. Ich war damals noch sehr konservativ, doch belügen wollte ich die Kinder auf keinen Fall, und eine Vorbereitung aufs Leben mit einer Überwindung des Machismo sollte der Unterricht für die Kinder schon sein. Sie kennen inzwischen meine Einstellung: Sexueller Missbrauch von Kindern ist etwas Verbrecherisches, doch Kinder dumm und naiv zu lassen oder gar noch zu belügen, so dass sie zu ihrer Kinderzeit oder auch später bei Gelegenheit in solche Missbrauchserfahrungen hineinschlittern können (siehe etwa Hinweis 16), ist für mich genauso verbrecherisch. Vor allem sollten die Kinder auch wissen, was die weißen Kleider der Mädchen zur Erstkommunion mit ihrer Unschuld zu tun haben. Klar, ich musste hier vorsichtig vorgehen, um die Kinder nicht unnötig zu verwirren. Also las ich ihnen die Geschichte von einem Mädchen vor, in der es um seine innere Flucht aus einer sehr engen Familie, um eine Freundschaft mit einem Jungen und schließlich um eine Abtreibung ging. Natürlich erklärte ich auch, was passiert war, so dass es zu der Schwangerschaft kam. Die Kinder brauchten natürlich "ein paar Sekunden" mehr Zeit, um "auf die Reihe zu kriegen", von was ich redete. Ich hörte und sah geradezu, wie die Gehirnzellen der Kinder heiß liefen und sie Zusammenhänge erkannten, die sie offensichtlich bisher so noch nie gesehen hatten. Doch dann war es, als ob ich ein Fass aufgemacht hätte: Was da alles an Fragen vor allem von den Mädchen kam! Und als die Stunde zuende war und das Pfarrheim abgeschlossen wurde, saßen einige der Mädchen auch noch mit mir in meinem Auto auf dem Parkplatz vor dem Pfarrheim und wollten mit mir weiter "quatschen" (das war ihr Wort). Auch freuten sie sich offensichtlich auf die nächste Stunde ...

Meine Intention dabei war immer die "echte Monogamie" von der Vernunft her (so würde ich das heute sagen) und wie Jesus uns hier helfen will, dass wir alles richtig machen. Hier passte auch der Hinweis auf die Stärkung mit der Kommunion, auch um den Kindern keine Ängste vor der Realität aufkommen zu lassen. Natürlich, man kann diese Stärkung auch als Placeboeffekt abtun, doch wenn er doch hilft? Was soll´s? Ich denke, damit kam ich den jungen Leuten offensichtlich sehr entgegen. Klar, ich war noch nicht so weit wie heute, das Problem "Unschuld und Nacktheit", als Zeichen der Befreiung von der Erbsünde, hatte ich etwa überhaupt nicht angesprochen, es kam dazu auch keine Frage. Doch ich wette, wenn, auch damit wäre ich angekommen! Es gab auch eine Reaktion von zwei Müttern, und zwar von denen der Jungen und einzeln. Die holten also ihre Jungen ab, und ich wollte ihnen erklären, was ich mache und was so meine Intention sei. Doch sie wehrten ab: "Lassen Sie mal, es ist schon gut, wie Sie das machen." Also hatten die Kinder etwas zu Hause erzählt, und die Mütter waren einverstanden und wollten nur einmal sehen, was für ein Typ das war, der versuchte, "so etwas" ihren Sprösslingen beizubringen. Nur der Pfarrer war überhaupt nicht einverstanden, der wollte das Übliche .... Daher kam es leider auch nicht zu einer Firmvorbereitung, die ich auch noch im Sinn hatte. Siehe im Text unter Punkt 6.

Doch ich denke, so wie ich das damals machte, lag ich richtig: Das Alter der Kinder stimmte, es war im Gruppenrahmen, es war der richtige Anlass, so dass den Kindern auch gleich eine ethische Wertung und eine Hilfszusage gegeben werden konnte, und es stimmte offensichtlich auch das "Dreecksverhältnis" Eltern - Lehrer - Kinder. Warum habe ich nur solche Schwierigkeiten, andere zu überzeugen, auch so vorzugehen? Stattdessen lassen wir uns die Butter vom Brot von irgendwelchen völlig unmenschlich-ideologieversessenen Ideologen nehmen ...

Eine für Theologen eher peinliche Begründung für die "schlechte (Sexual-)Moral" ist die These des Kirchenvaters Augustinus, dass der Mensch von Kind an zur "Sünde" angelegt ist und dass er die Gnade des christlichen Glaubens braucht, um wenigstens einigermaßen von dieser Sündhaftigkeit frei zu werden. Denn wenn er von Natur zur "hohen Moral" veranlagt wäre (was ich ja behaupte), dann würde er das doch auch von alleine tun ohne jede weitere "Nachhilfe", etwa durch geeignete Information. Doch offensichtlich praktiziert er die "hohe Moral" ja nicht von alleine, also ist er auch nicht zu ihr "veranlagt". Eine merkwürdige Logik, siehe hierzu Hinweis 7 zum Thema "Veranlagung".

49. "Jesus und die echte Monogamie" (zu Seite 21): Wir haben heute, auch in den Kirchen, das "römische Ehemodell", um es einmal so zu sagen. Danach sind diejenigen miteinander verheiratet, die ihre Ehe vor dem "Zensor" oder heute eben vor dem Standesamt registrieren ließen oder kirchlich geheiratet haben. Bei den Juden zur Zeit Jesu war das etwas anders. Ich zitiere aus "Umwelt des Urchristentums", Johannes Leipoldt und Walter Grundmann, Berlin (Ost), 6/1982, S. 176: "Der Mann erwirbt sich seine Frau. Die Erwerbung steht in Parallele zum Erwerb eines Sklaven: `Die Frau wird erworben durch Geld, Urkunde und Beischlaf ... der heidnische Sklave wird erworben durch Geld, Urkunde und Besitzergreifung (d.h. durch den ersten Dienst, den er seinem Herrn tut)´". Der Beschlaf ist also bei den Juden das Zeichen von Ehe schlechthin, Beischlaf außerhalb der Ehe gilt als Götzendienst. Insofern sind Prostituierte "Ehebrecherinnen", weil sie eben immer wieder neue Ehen anfangen, die sie dann wieder "(ab-)brechen". Daraus ergibt sich, dass auch Jesus diesen Zusammenhang von Ehe und echter Monogamie sah. Nachfolge Jesu heißt also auch, von den Ehevorstellungen Jesu auszugehen. Und ich denke, das ist möglich, sie in unsere Zeit zu übertragen – wenn auch zumindest im Hinblick auf ein Konzept für die Zukunft.

50. "Dass die Mädchen das jeweils andere machen!" oder auch: Scheinmoral und hohe Moral der echten Monogamie (zum Gespräch mit der Schülerinnenmutter auf Seite 12): Für mich war diese Mutter mal realistisch und aufgeschlossen, doch viele Erwachsene und durchaus auch Eltern haben hier fürchterliche Ängste. Ein Vater sagte mir einmal, dass es auch nicht so schlimm wäre, wenn seine Tochter mal eine enttäuschende Erfahrung hätte, doch dass sie "nackt irgendwo auf dem Präsentierteller" stünde, dagegen hätte er schon was. Ich habe ihn später einmal auf seine Meinung mit der "enttäuschenden Erfahrung" angesprochen, dass es ihm also egal sei, wenn seine Tochter einmal von einem Idioten gevögelt würde. Doch daran, dass er diese Auffassung mal hätte, konnte er sich nicht erinnern. Natürlich hatte er so etwas nicht gesagt, wenn man das so deutlich ausdrückt, was Sache ist, und nicht nur immer euphemistisch um den heißen Brei herumredet. Und wieso hat er diese Phantasie in seinem Gehirn "nackt auf dem Präsentierteller"? Ein Mädchen, das erst einmal eine echte Moral in sich hat, weiß doch von alleine, wie es sich zu verhalten hat und kommt doch überhaupt nicht auf so eine Idee, und wenn, dann wird es schon wissen wo und warum. Und wenn es das vernünftig macht, dann kann es später davon sogar noch seinen Kindern erzählen und darüber lachen. Jedenfalls erinnert sich frau an so etwas leichter und lieber als an verkorkste Sexgeschichten. Was sind das nur für Menschen, die ihren Kindern nicht zutrauen, Spaß an Harmlosem zu haben, und sie also lieber in die falsche Richtung schicken, wie es diese Ex-Prostituierte geklagt hat (s. S. 41)?

Doch es gibt auch genügend andere Mütter! Die fordern ihre Töchter geradezu zu "Sexgeschichten" oder eben "Erfahrungen" auf und leiten sie dazu an, wie sie es am besten anstellen sollen. Das Problem dieser Mütter ist offensichtlich, dass sie selbst, als sie "in dem Alter" waren, "es" nicht durften und "es" aber dennoch "machten". Doch mehr oder zwangsläufig waren das dann keine schöne Erlebnisse. Und dass es keine schönen Erlebnisse waren, führen sie nun vor allem darauf zurück, dass sie etwas taten, weil es irgendwie verboten war. Und ihre Logik ist nun, wenn es nicht verboten gewesen wäre, dann wäre es auch schön gewesen. Also wollen sie es jetzt mit ihren Töchtern besser machen, als wie sie es selbst einmal erlebt hatten – und leiten ihre Töchter förmlich "dazu" an. Dass sie damit allerdings ihre Töchter anleiten, erst einmal Schlampen oder auch Huren zu sein, bedenken sie nicht. Die Großmutter der Mädchen, die mit mir am Strand waren (Punkt 4, S. 20 oben), kommentierte "solches Verhalten": "Die wollen sich in ihren Töchtern selbst heilen." Auch ich verstehe solches Verhalten nicht, denn eine wirkliche Emanzipation sieht anders aus. Auch von daher versuche ich, eine Alternative anzubieten, die eine andere Qualität und ein anderes Niveau hat.

Dazu kommt noch, dass sowohl die "Granddame" des italienischen Journalismus Oriana Fallaci (1929 - 2006) ("Die Wut und der Stolz") wie auch der Deutschtürke Akit Pirincci ("Die große Verschwulung") den deutschen bzw. den europäischen Männern vorwerfen, dass sie sich alles gefallen lassen und keine richtigen Männer sind. Gleichzeitig halten sie es für völlig normal und haben auch nichts daran auszusetzen, wenn Mädchen und Frauen ihre "sexuelle Selbstbestimmung" ausleben. Ja, wie ist das nun, sollen sich das auch die Männer gefallen lassen und das am Ende auch noch gut finden, wenn ihre Frauen, Schwestern, Töchter "rumvögeln" mit wem auch immer – Hauptsache, es geht von ihnen selbst aus? Machen sich die deutschen Ehemänner, Brüder, Väter nicht mit solcher Dulderei zum Spottobjekt? Sie kennen inzwischen meine Lösungsidee: Den "Verkehr" sollen die Schwestern und Töchter nicht tolerieren, weil der nun einmal in die Ehe gehört, daher dann allenfalls Hautkontakt. Und die Ehefrauen haben auch für den hoffentlich den Richtigen gefunden.

51. Zum Besuch des "Naturstrands" (es war einfach nur ein fast leerer Strand, also noch nicht einmal ein FKK-Strand) mit den beiden Mädchen (s. S. 18f): Ich weiß, eine heikle Angelegenheit – wohl schon immer in den angelsächsischen Ländern und inzwischen auch bei uns in Deutschland. Doch wenn man schöne Blüten und schließlich auch einmal schöne Früchte haben will, dann muss man nun mal die Knospen pflegen. Offensichtlich macht sich hier leider eine Hysterie breit, wenn in solcher Natürlichkeit und Offenheit gleich so etwas wie Sittenverderbnis oder zumindest der Anfang von Sittenverderbnis gesehen wird. Wir schütten hier doch das Kind mit dem Bade aus und sehen überhaupt nicht ein berechtigtes Anliegen! Denn es ist doch so, dass gerade die jungen Damen, die "verklemmt" erzogen werden, erfahrungsgemäß die ersten sind, die ein paar Jahre später diese Verklemmtheit ganz offensichtlich nicht mehr aushalten und mit ganz anderen sexuellen Beziehungen anfangen.
Wie kommt´s? In der ganzen Erziehung erfahren sie doch, dass Nacktheit etwas Unmoralisches, also etwas Schlechtes ist. Und da sie doch nun einmal nicht unmoralisch und schlecht sein wollen (sie haben ja von Natur aus den Antrieb zu einer hohen Moral in sich!), vermeiden sie natürlich ängstlichst die Nacktheit - und so sehr, dass die Scham im Allgemeinen für eine Naturveranlagung des Menschen gehalten wird. Doch das Leben geht weiter: Ich habe hier zur Genüge beschrieben, dass nun einmal irgendwann das Interesse für das andere Geschlecht und dann auch das Problem der Partnerwahl kommt. Normalerweise würden die jungen Damen nun mit ihren körperlichen "Partien" kokettieren und die präsentieren, um "Eindruck" zu machen nach dem Motto "Sieh mal, an mir ist alles dran, wäre ich nicht die passende Frau für dich?". Doch gerade solches "unverhülltes Präsentieren" geht nicht, da gibt es ja eine Blockierung, weil das ja angeblich so unmoralisch ist und unmoralisch möchte frau ja auf keinen Fall sein. Doch irgendwie muss frau ja herausbekommen, wer der Passende ist, also bietet sich hier der Geschlechtsverkehr an, denn der muss ja eines Tages sowieso sein, also kann der doch nichts Unmoralisches sein. Und also passiert der auch! Es ist schon fast lustig, wer hier für manche Menschen alles am heutigen "Sittenverfall" angeblich schuld ist, die Medien, die fehlende Elternliebe, die fehlende Religiosität - doch auf das Nächstliegende kommen gerade diese typischen Moralapostel nicht, dass sie es selbst sind, weil ihre Moralerziehung zwar gut gemeint, doch (nach dem Motto "gut gemeint ist das Gegenteil von gut getan") in Wirklichkeit für echte Moral im höchsten Maße kontraproduktiv ist! Und jetzt komme ich mit der Idee an "Nie negativ, sondern immer nur positiv" - und biete den Spaß an der Nacktheit als Einstieg in Partnerbeziehungen an, statt ihn zu verteufeln, wie das die üblichen moralischen Menschen tun. Das ist nicht nur ungewohnt, das ist geradezu höchst verdächtig: Da kann doch nix Gutes dahinter stecken!
Aber reizt diese "Offenheit" und "Unverklemmtheit", für die ich hier plädiere, denn nicht geradezu auch zum Geschlechtsverkehr, fordert die nicht geradezu dazu heraus? Ich kann hier nur immer wieder darauf hinweisen, dass für Kinder, also "Menschen ohne Erfahrungen", "das alles" nur interessante Hautfalten sind, die zu nichts weiter reizen als zum Angucken. Und für die anderen ist es weitestgehend eine Frage der Einstellung und der Gewohnheit. Es wäre ja schlimm, wenn jeder Frauenarzt bei jedem Anblick eines weiblichen Genitals auch gleich "Anwandlungen" bekäme. Und woran sich ein Frauenarzt gewöhnen kann, daran kann sich nun einmal auch jeder andere Mensch gewöhnen. Und keine Angst vor dem Abstumpfen gegenüber den Reizen des anderen Geschlechts: Wenn eine Erotik nur von den "Körperteilen" ausgeht, dann steckt sie ja doch nur auf dem Niveau der Prostitution - zur echten Liebe zwischen einem Mann und einer Frau gehört nun einmal das Geistig-Seelische unbedingt hinzu! Und das kann durch die Gewöhnung an die Nacktheit nur gewinnen! Ja, was wollen wir denn sonst, als dass nur das Geistig-Seelische gewinnt?
Doch macht man gerade Mädchen, wenn man sie zu solcher Offenheit erzieht, denn nicht auch schamlos-leichtsinnig? Genau das ist es ja: Wie dumm halten die typischen Bedenkenträger die jungen Leute eigentlich? Wemm in den jungen Menschen erst einmal ein Gefühl für eine echte Moral drin ist, dann sind solche Bedenken doch völlig überflüssig. Natürlich kennen die jungen Leute die übliche Moral ihrer Umgebung und werden sie auch bei ihrem Handeln bedenken. Doch ist für sie diese Moral jetzt kein unumstößliches absolutes Dogma einer von wem auch immer uns Menschen oktroyierten Moral mehr, sondern sie können erkennen, was sie wirklich ist: nämlich eine Scheinmoral. Und sie können zwischen der echten und der Scheinmoral jonglieren, wie es passt und es für sie am sinnvollsten ist.

Und wie ging´s mir bei solchen "Stranderlebnissen", was hatte ich selbst dabei für Gefühle? Ich denke, dass hier überhaupt kein "Problem" war, was vermutlich daran lag, dass ich eine Schwester hatte und habe und meine Mutter sich bemüht hatte, dass zumindest in der Kindheit hier keine Probleme waren. Und so lief das alles völlig "unaufgeregt" ab. Schön ist vielleicht, wie ich es eingefädelt hatte: Die beiden Mädchen wussten also, dass ich nicht mit ihrer Familie zum Strand ging, sondern mit dem Fahrrad an einsamere Standabschnitte fuhr. Und da waren auch Gespräche mit den Großeltern über eine sinnvolle "Moralerziehung" gewesen, so wie ich sie sehe. Die Einstellung war also da: "Wenn die Mädchen es wollen, dürfen sie auch mit dir zum Strand fahren!". Ich denke, dass es sinnvoll ist, hier kurz zu beschreiben, wie das dann konkret "anfing". Ich habe die beiden also eines Tages gefragt, ob sie  auch mal mit mir mit den Fahrrädern zum Strand wollten. Also das wollten sie. Und ich: "Ich gehe aber `ohne´" . Die beiden: "Nein, wir aber nicht." Ich darauf: "Dann schäme ich mich aber." Sie nach kurzer Abstimmung untereinander: "Gut, dann machen wir da auch mit." Ich: "Ich habe allerdings noch etwa eine Viertelstunde zu tun, ihr müsst also noch etwas warten." Sie: "O.k.". - Doch nach fünf Minuten quengelten sie schon: "Wann fahren wir denn endlich?" - So sieht es also aus, wenn man Mädchen eine freie Entscheidung lässt .. Und es war dann auch alles absolut harmonisch. Leider habe ich mich allerdings wieder mal etwas falsch verhalten. Jetzt wäre doch genau eine passende Gelegeheit zu Gesprächen gewesen. Denn die Mädchen wären ja offen gewesen zu reden, über die Ambivalenz der Nacktheit, warum ich so gegen die Enge bin, warum diese Verklemmtheitsmoral letztlich doch nicht funktioniert ... Immerhin gibt es noch Kontakt mit dem älteren der beiden Mädchen, ich schicke ihm schon mal meine "Gedanken" oder lasse die an sie weiter geben und schreibe ihr von meinen Vater- oder besser Großvatergefühlen und gebe ihm Tipps für den Umgang mit Jungen. Und ich denke, sie (inzwischen ist sie 21) findet das auch gut. Als wir vor kurzem mit Freunden zusammen saßen, ihre Großeltern waren auch dabei, kam sie kurz in den Raum, um sich zu verabschieden, und stand dabei neben mir, der ich in einem Sessel saß. Chic sah sie aus - und sie drückte kurz und sanft ihre Hand auf meine Schulter, ich denke, niemand sonst hat das bemerkt. Also schien sie meine Ideen gut zu finden.

Und noch etwas ganz allgemein:  Die offizielle Begründung für die " Naturbewegung" (um sie einmal so zu nennen) lautet: "Ohne Nacktheit keine Moral". Dabei gehen die Naturisten davon aus, dass durch die Praxis der Nacktheit, also das Naturerlebnis, die echte Moral sozusagen von alleine kommt. Das ist jedoch wohl völlig blauäugig, jedenfalls gehört – nach dem Engagement für dieses Konzepts hier – noch die geeignete Information dazu. Ja, was wäre, wenn in einer geeigneten Pädagogik der echten Monogamie die noch dazu käme, was doch eigentlich auch plausibel ist? Siehe Hinweis 8 und besonders im Text Punkt 3 zum Thema "Veranlagung".

52. "mit einer Erbsünde belastet"

(s. S. 22 unten): Was der Kirchenvater Augustinus hier gemacht hat, ist etwa dasselbe, wie wenn wir in einen alten Volkswagen Käfer, der ja mit Benzin läuft, eine Diesel-Einspritzpumpe aus einem modernen Mercedes einbauen. Wir denken vielleicht, damit den alten Volkswagen wertvoller gemacht zu haben, weil wir ja etwas viel Besseres und Teureres eingebaut haben als das, was da ursprüglich drin war, doch was hier passiert ist, ist eben zumindest völlig unsachlich und unwissenschaftlich, jetzt funktioniert das "System Volkswagen" gar nicht mehr. Doch weil wir diesen alten Volkswagen für so wertvoll halten, weil unsere Urgroßmutter einmal gut damit nach Italien gefahren ist und sich zeitlebens gerne an diese Fahrt erinnerte, erhalten wir ihn und nutzen ihn als Erinnerungsstück an unsere Großmutter, also als Kultobjekt, das jetzt in einer Art Museum herumsteht. Nur eben: Das ist nicht der Sinn eines Autos. Und so geht es eben auch mit der Botschaft Jesu – diesem Jesus ging es um etwas völlig anderes als um das, was wir heute daraus gemacht haben.

Wie wenig auch wir heute uns um die Ursprünge der Adam-und-Eva-Erzählung kümmern, geht aus dem berühmten Kommentar zur Genesis des Theologen Claus Westermann hervor (hier Teilband 1, Genesis 1 - 11, Neukirchen-Vluyn 1974, S. 325). Westermann sagt hier, dass die Adam-und-Eva-Erzählung eindeutig eine Geschichte gegen eine Gegenreligion Israels ist. Doch er vermisst in seinen Untersuchungen ein menschheitliches Phänomen des Bösen bei den Gegenreligionen Israels: "Dass das Böse.. .seinen Urgrund in der Gegenreligion Israels.. .hat, .. .kann in Genesis 3 aber auf keinen Fall gemeint sein, ebenso wie die Sünde des Menschen, die Übertretung. Adam steht in Genesis 2-3 in gar keiner Weise für Israel, Adam repräsentiert die Menschheit... Das Böse bleibt (dabei) in seiner Herkunft absolut rätselhaft". Westermann kann ganz offensichtlich nicht verstehen, wieso die Ausübung einer Religion "böse" sein kann und er sieht auch nicht das menschheitliche Phänomen, um das es im Originalzusammenhang nun wirklich geht. Er kommt gar nicht auf die Idee, hier weiter zu forschen.

Ich frage mich da allerdings: Übersieht Westermann, dass mit der Religion der Nachbarvölker Israels eine bestimmte, sehr konkrete Lebenspraxis verbunden ist, die auch nach dem von Westermann dargelegten Bild vom Menschen in der Bibel zuwiderläuft? Übersieht Westermann, dass diese Lebenspraxis von einer bestimmten Religion eines bestimmten Volkes unabhängig ist, dass diese Lebenspraxis überzeitlich ist? Der Psychologe Ernest Bornemann schreibt in seinem Werk „Das Patriarchat“ (hier Fischer Taschenbuch 3416, S. 264), dass in einer Zeit, in der Fruchtbarkeit und Sexualität gleichgestellt waren, "der Gottesdienst oft zum Geschlechtsverkehr und der Geschlechtsverkehr oft zum Gottesdienst wurde. Es geht also den Verfassern der Bibel gar nicht um einen "Gottesdienst" in unserem heutigen Verständnis, also um einen Gebetsgottesdienst oder um einen Gottesdienst mit einem symbolischen Opfer, sondern mit der Ablehnung dieser "Geschlechtsverkehrgottesverehrung" um eine Front gegen den mit der kultischen Prostitution gegebenen Zusammenbruch der personalsten zwischenmenschlichen Beziehungen?

Wir stehen heute gewiss über den Götzen der Antike, über dem Glauben an Ischtar, an Inanna, an Mylitta, an Astarte, an Aphrodite, an Artemis, an Hepat, dieser ganzen Göttergesellschaft, zu deren Verehrung es die geschilderten Bräuche gab. Aber ob wir heute auch über der dazugehörenden Lebenspraxis stehen? Immerhin konnten sich die Menschen der Antike noch auf gottesdienstliche Notwendigkeiten berufen, aber wir heute? Die sogenannte "Vulgärprostitution" also die öffentliche Selbstdarbietung zum Geschlechtsverkehr gegen Entgelt, geht auch heute nach allgemeiner Meinung nur relativ wenige an. Immerhin soll es allerdings in Deutschland 400 000 Prostituierte (davon etwa die Hälfte registriert) geben - rechnet man die "Kundschaft" und die betroffenen Familien dazu, wird die Zahl schon gewichtiger, was schon schlimm genug ist? Bedeutet das, dass sonst alles "in Ordnung" ist?

Wenn wir bedenken, dass vom prinzipienstrengen Menschenbild der biblischen Urgeschichte alles an Sexualverkehr verurteilt wird, was nicht im Sinn einer immerwährenden Partnerschaft aus Liebe in der Einheit von Leib und Seele ist, müssen wir auch heute den Begriff der Prostitution wohl erweitern. Leider ist es doch gerade heute so, dass vieles dem Sinn der biblischen Partnerschaftsidee geradezu ins Gesicht schlägt!

Ist es etwa im Sinn des biblischen Menschenbildes, wenn Menschen miteinander Geschlechtsverkehr treiben, ohne überhaupt an die Ehe zu denken? Ob das nun in Form einer Vergewaltigung geschieht oder freiwillig, ist für die Beurteilung von biblischer Sicht her ohne Bedeutung. Was ist, wenn junge Menschen "zur Probe" miteinander „verkehren“, oder wenn ein Partner glaubt, durch Bereitschaft zum Geschlechtsverkehr den anderen zur Heirat bewegen zu können? Was ist, wenn sich junge Leute vor der Heirat angeblich die „Hörner abstoßen“ müssen? Was ist mit dem Geschlechtsverkehr, der vollzogen wird, um heute „in“ zu sein, um „mitreden“ zu können, um nicht als rückständig und verklemmt zu gelten? Was ist mit den berühmten „Erfahrungen“, die angeblich jeder machen muss, um zu wissen, dass das spätere Sexualleben auch klappt?

53. Gilgamesch-Epos (s. S. 22 unten): Auch hier wird durch Gebotsübertretung im sexuellen Bereich ein paradiesischer Zustand verloren und ein Schritt ins Gegenwärtige vollzogen. Nachdem das Epos geschildert hat, wie eine Dirne den Urmenschen Enkidu geschlechtlich verführt hat, berichtet es über die Folgen dieses Sündenfalls:

Dann wandte er den Blick nach seinem Tier
Doch nun, als die Gazellen Enkidu erblickten,
flohen sie vor ihm davon.
Das Wild der Steppe wich vor ihm zurück,
und Enkidu erschrak, sein Leib ward starr,
die Knie wankten, und es war nicht wie zuvor,
doch nun hatte Wissen; er begriff.
Umkehrend sank er zu der Dirne Füßen,
erhob zu ihrem Antlitz seine Augen
und hörte auf die Worte, die sie sprach.
Es hob die Dirne an zu Enkidu:
Klug bist du nun, Enkidu, wie ein Gott!

Nicht nur der ungezwungene Umgang mit den Tieren stimmt mit der Paradieserzählung überein, sondern in unserem Zusammenhang stimmt vor allem das Versprechen der Schlange in Genesis 3,5: "Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet sein wie Götter und erkennt Gut und Böse" mit der letzten zitierten Zeile aus dem Gilgameschepos überein "klug bist du nun, Enkidu, wie ein Gott!" Im Unterschied zum Gilgameschepos weist die Bibel, die ja "Gut und Böse" funktional sieht, also im Sinn von "was gut und böse für den Menschen ist", dazu noch mit feiner Ironie auf das Objekt der Erkenntnis hin, eben "Gut und Böse" – etwa in dem Sinn: Jetzt wo du die "Sache" hinter dir hast, weißt du, was eigentlich gut gewesen wäre und was du nun für einen Mist gebaut hast... (Die Zeilen aus dem Gilgameschepos sind zitiert nach Oswald Loretz, Schöpfung und Mythos, Mensch und Welt nach den Anfangskapiteln der Genesis, Stuttgarter Bibelstudien 32, 1968. S. 114)  

54. Albert Schweitzer (S. 26 m): Von diesem Gedankengang Albert Schweitzers (wo er das von der "anderen Gesellschaftsschicht" Jesu als der der Theologen schreibt) habe ich irgendwo gehört oder gelesen, leider kann ich mich nicht an Näheres erinnern. Auch habe ich "diese Stelle" nicht in seiner "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" gefunden, obwohl ich einige Zeit danach gesucht habe (Siebenstern Taschenbuch 1966). Doch Ich hatte einfach keine Zeit und keine Lust, alle zwei Bände dieses Werks genau durchzulesen, denn Neues würde diese Lektüre für meine Arbeit gewiss nicht bringen und irgendwie ist dieser Gedankengang, dass Jesus in einer anderen Gesellschaftsschicht war als unsere Theologen, ja auch ohne die Bestätigung durch Albert Schweitzer sehr plausibel. Immerhin habe ich eine Stelle gefunden, aus der die Quintessenz der Forschungen Albert Schweitzers zumindest im Groben hervorgeht. Er spricht hier vom Stolz der Theologen, und dass sie letztlich doch nicht zum wirklichen Jesus vordringen können (S. 621f):

"Und doch muss das Irrewerden kommen. Wir modernen Theologen sind zu stolz auf unsere Geschichtlichkeit, zu stolz auf unseren geschichtlichen Jesus, zu zuversichtlich in unserem Glauben an das, was unsere Geschichtstheologie der Welt geistig bringen kann. Der Gedanke, daß wir mit geschichtlicher Erkenntnis ein neues lebenskräftiges Christentum aufbauen und geistige Kräfte in der Welt entbinden können, beherrscht uns wie eine fixe Idee und läßt uns nicht einsehen, daß wir damit nur eine der großen religiösen Aufgabe vorgelagerte Kulturaufgabe in Angriff genommen haben und sie, so gut es geht, lösen wollen. Wir meinten, wir müßten unsere Zeit den Umweg über den historischen Jesus, wie wir ihn verstanden, machen lassen, damit sie zum Jesus käme, der in der Gegenwart geistige Kraft ist. Der Umweg ist nun durch die wahre Geschichte versperrt.

Es war Gefahr, daß wir uns zwischen die Menschen und die Evangelien stellten und den Einzelnen nicht mehr mit den Sprüchen Jesu allein ließen.

Es war auch Gefahr, daß wir ihnen einen Jesus boten, der zu klein war, weil wir ihn in Menschenmaß und Menschenpsychologie hineingezwängt hatten. Man lese die Leben-Jesu seit den sechziger Jahren durch und schaue, was sie aus den Imperatorenworten unseres Herrn gemacht haben, wie sie seine gebieterischen, weltverneinenden Forderungen an den Einzelnen heruntergeschraubt haben, damit er nicht wider unsere Kulturideale stritte und mit seiner Weltverneinung in unsere Weltbejahung einginge. Manche der größten Worte findet man in einem Winkel liegend, ein Haufen entladener Sprenggeschosse. Wir ließen Jesus eine andere Sprache mit unserer Zeit reden, als sie ihm über die Lippen kam.

Dabei wurden wir selber kraftlos und nahmen unsern eigenen Gedanken die „Energie, indem wir sie in die Geschichte zurücktrugen und aus der Vorzeit reden ließen. Es ist geradezu ein Verhängnis der modernen Theologie, daß sie alles mit Geschichte vermischt vorträgt und zuletzt noch auf die Virtuosität stolz ist, mit der sie ihre eigenen Gedanken in der Vergangenheit wiederfindet.

Darum bedeutet es etwas, daß sie in der Leben-Jesu-Forschung, mag sie sich noch so lange sträuben und immer neue Auswege suchen, zuletzt durch die wahre Geschichte an der gemachten, auf die sie unsere Religion gründen will, irre werden muß, und von den Tatsachen, die nach W. Wredes schönem Wort selber manchmal am radikalsten sind, überwältigt werden wird.

Was ist uns der geschichtliche Jesus, wenn wir ihn von aller falschen Zurechtlegung der Vergangenheit für die Gegenwart frei halten? Wir haben das unmittelbare Empfinden, daß seine Persönlichkeit, trotz alles Fremdartigen und Rätselhaften, allen Zeiten, so lange die Welt steht, mögen sich die Anschauungen und Erkenntnisse noch so sehr wandeln, etwas Großes zu sagen hat und darum eine weitgehende Bereicherung auch unserer Religion bedeutet. Dieses elementare Gefühl gilt es auf einen klaren Ausdruck zu bringen, damit es sich nicht in dogmatische Behauptungen und Phrasen versteige und die historische Forschung nicht immer aufs neue zu dem aussichtslosen Versuch verleite, Jesum zu modernisieren und das zeitlich Bedingte in seiner Verkündigung abzuschwächen und umzudeuten, als ob er uns dadurch mehr würde.

Die ganze Leben-Jesu-Forschung hat zuletzt nur den einen Zweck, die natürliche und unbefangene Auffassung der ältesten Berichte sicher zu stellen. Um Jesus zu kennen und zu erfassen, braucht es keiner gelehrten Bevormundung. Es ist auch nicht erforderlich, daß der Betreffende die Einzelheiten der öffentlichen Wirksamkeit Jesu begreife und sie sich zu einem »Leben-Jesu« zusammenstellen könne..."

55. Der Mensch ein hochmoralisches Wesen (s. S. 9, 3. Absatz): Uns wird hier von unserer christlichen Religion üblicherweise die Stelle aus dem Buch Genesis (1. Mose) 8,21 eingeredet, wo Gott nach der Sintflutgeschichte sagt: "Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an..." Dazu zunächst einmal: Wer war denn dabei, als Gott das gesagt hat? Wohl niemand, also wurden Gott diese Worte von einem unbekannten Bibelautor in den Mund gelegt. Diese Aussage Gottes ist also mitnichten ein unumstößliches Dogma, selbst wenn man noch so fromm an die Bibel herangeht. Doch leider hat dieses Dogma bisher viel Unheil angerichtet, denn es wirkte stets als "selbsterfüllende Prophezeiung", das heißt, man hielt das Bösesein des Menschen für naturgegeben und gab sich daher also gar nicht erst Mühe, hier etwas mit vollem Einsatz zu ändern. Die Folge war natürlich, dass der Mensch nur deswegen Fehler machte, weil er nun einmal von vornherein als "böse" galt.
Und nehmen wir einmal an, der Mensch ist wirklich böse von Jugend an. Was sind das denn nun für "böse Sachen", die er tut? Der Grund für die sind doch zumindest zunächst einmal entweder Erziehungsfehler von Eltern, Lehrern und Kirchen oder sie sind gar nicht wirklich böse, sondern eher "kleine Nachlässigkeiten des Lebens". Und wenn er sich später dann etwa in der Sexualmoral oder auch in einer "anderen Moral" vertut, dann lag das doch daran, weil er es nicht besser wusste und zwangsläufig nach dem Verfahren "Versuch und Irrtum" vorging, was dann leider bisweilen schlimme Folgen hatte, unter Umständen dann auch mit wirklich schlimmen Taten. Doch war die Ursache für diese schlimmen Folgen eben nicht, weil er von Natur aus böse ist, sondern weil da unglückliche Umstände waren – und die kann man doch ändern und oft auch sehr leicht.

56. Zwangsverhalten (s. Seite 36 m. u. u.): Dieses Zwangsverhalten ihrer Töchter im Hinblick auf den Geschlechtsverkehr ist wohl der Horror aller Eltern. Die einen Eltern fügen sich nun drein und geben ihren Töchtern, wenn´s so weit ist, dass sie einen Freund haben, "Pillen" und Kondome und die anderen Eltern verdrängen das Problem oder ergreifen alle möglichen mehr oder weniger hilflosen Maßnahmen, indem sie etwa versuchen, ihre Töchter ständig zu überwachen. Ein passendes Beispiel dafür beschreibt der kolumbianische Schriftsteller Gabriel García Márquez in seinem kurzen Roman "Chronik eines angekündigten Todes": Da heiratet also ein junger reicher junge Mann das schönste Mädchen des Städtchens, doch am Abend bringt der Bräutigam die Braut zu ihrer Mutter zurück "weil sie nicht mehr Jungfrau" ist. Und jetzt rätseln alle, wie "das" geschehen konnte, denn das Mädchen war eigentlich ständig von Eltern und Brüdern bewacht, da konnte eigentlich gar nichts "passiert" sein. Das heißt, sie hatte sich den "Entjungferer" möglicherweise selbst gesucht, um aus ihrem goldenen Käfig der Überwachung auszubrechen. Doch lesen Sie einmal selbst den (kurzen) Roman, es ist schon spannend, wie er ausgeht! Die Lehre ist eben, weder mit Moralpredigten noch mit Überwachung kann man ein Mädchen hier beeinflussen – außer eben mit der von mir praktizierten "Atlantiktaufe"! Natürlich funktioniert die auch in jedem anderen Gewässer, Hauptsache, sie macht allen Beteiligten Spaß!

57. "Anstupser" (s. Seite 14 unten): Zur Idee des "Anstupsens" ("Nudging") hat der Amerikaner Richard H. Thaler im Jahr 2017 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten. Siehe ihr Buch "Nudge - Wie man kluge Entscheidungen anstößt" Ullstein-TB 2011/2017. Der Clou der Idee des Nudging ist, dass Menschen nicht gezwungen werden, etwas zu tun, sondern dass man ihnen etwas für sie Vorteilhafteres sagt und sie dazu "anstupst". Ich denke, das habe ich hier ganz brauchbar für die Sexualmoral getan.

58. "geniale Schöpfung eines neuen Glaubens" (s. S. 21 u.): Im Grunde wissen das auch die meisten heutigen Theologen, nur es sprechen nicht alle so deutlich aus, um keinen Ärger zu bekommen. Und die, die es offen ausgesprochen haben, haben ihre Lehrerlaubnis verloren, etwa Gerd Lüdemann, Eugen Drewermann, Uta Ranke-Heinemann. Allerdings: In dem, was sie ablehnen, mögen sie ja Recht haben, doch was sie stattdessen bringen, ist sehr schwach. Keiner von ihnen sieht etwa eine Beziehung "alter Adam – neuer Adam", von einer Frage nach den Hintergründen der Adam-und-Eva-Erzählung ganz zu schweigen. Sie sind eben doch "nur" Studierstubengelehrte und haben dadurch keinen Zugang zu einem Mann aus einer anderen Gesellschaftsschicht. Siehe Hinweis 54.

59. "Was ich nicht will, das will ich nicht!" (s. S. 21 o), aber auch "unverbindliche Testmöglichkeit mit bloßem Hautkontakt" (s. S. 11 o.) oder auch "Testverfahren ohne Eindringen" (s. S. 46 m): Wenn wir einmal davon ausgehen, dass die Natur denken kann, dann hat sie sich gewiss etwas dabei gedacht, dass sie die Vagina zwischen den stärksten Muskeln einer Frau platziert hat, wobei die für den Orgasmus zuständigen Nervenzellen "oben drauf" sind. Das kann doch nur heißen, dass wir schon das eine ohne das andere testen können und gewiss auch sollen! Und im allgemeinen ist das auch durchaus möglich, wenn die Mädchen das nur entschieden genug von den Jungen oder Männern fordern würden. Siehe hierzu auch Hinweis 72! Klar, in Kriegen geht das vermutlich weitestgehend nicht, dass Frauen und Mädchen der Besiegten den Siegern noch irgendwelche Wünsche äußern können, zumal auch die entsprechenden Verständigungsmöglichkeiten zwischen den Frauen und den feindlichen Männern fehlen. Und bei den Frauen zur Zeit Jesu ging das gewiss auch nicht, denn die wurden ja mit der Androhung der Todesstrafe erpresst, von Wünschen der Frauen konnte also sicher keine Rede sein, siehe S. 29 m. Ich denke, aber bei den genannten modernen "missbrauchenden Männern" heute hätte das Angebot des "Testverfahrens ohne Eindringen" durchaus Chancen, dass es akzeptiert würde. Und was ist mit der Gefahr einer Vergewaltigung bei "solchen Spielchen"? Es gibt hierzu eine Untersuchung, welche Mädchen und Frauen eher vergewaltigt werden und welche nicht. Man hat nun herausgefunden, dass weniger die kessen und munteren Mädchen und Frauen hier Probleme haben, sondern eher die braven, die zurückhaltenden. Es sieht so aus, als ob die kessen und munteren so etwas wie eine unsichtbare aber umso wirkungsvollere Aura um sich haben, dass sich also ein möglicher Vergewaltiger an diese "weiblichen Wesen" gar nicht erst herantraut. Im Visier von möglichen Vergewaltigern sind also eher die braven und zurückhaltenden "weiblichen Wesen". Und was heißt das für mich als Pädagoge? Alle Mädchen und Frauen kess und munter zu machen!

Ja, warum werde ich hier überhaupt konkret, warum nicht nur Warnungen, wie mir bisweilen empfohlen wird? Zunächst weil mir diese ewigen Warnungen zuwider sind, ich kann sie einfach nicht mehr hören. Und sie helfen ja doch nichts! Durch die wird doch gerade das, wovor gewarnt wird, interessant und irgendwann auch faszinierend. Bei einem Vortrag über vernünftige Werbung hörte ich vom Grundprinzip einer guten Werbung: Nie negativ, immer nur positiv! Und Warnungen heißen nun, dass man etwas nicht tun soll, sie sind also etwas Negatives. Und wenn ich den jungen Leuten empfehle, was sie stattdessen tun sollen, also Spaß an der Nacktheit oder schließlich auch am Hautkontakt zu haben, so weise ich auf etwas Positives hin, also auf etwas, was sie tun können. Und ich denke, das hat dann auch eine Chance, dass die jungen Leute da mitmachen.

60. "nur zu gerne wieder den üblichen Geschäftsmodellreligionen angepasst" (s. S. 1 m): Es ist schon merkwürdig: Im alten Ägypten zur Pharaonenzeit wurden die Frauen beschnitten, angeblich weil sie sonst nicht treu sein können. Recht bald nach der Zeit Jesu wurden die Ägypter christlich, doch die Frauen wurden weiter beschnitten. Und irgendwann wurden die Ägyptern moslemisch – und die Frauen (und Mädchen) wurden immer noch weiter beschnitten. Oder: In Israel zur Zeit Jesu wurden Ehebrecherinnen gesteinigt – und in manchen arabischen Ländern, die ja "in der Gegend des alten Israel" liegen, werden hin und wieder immer noch "Ehebrecherinnen" gesteinigt. Es sieht also so aus, dass Religionen in einer bestimmten Gegend kommen und gehen, doch ihre Beeinflussungen sind wie Tünche, also rein äußerlich, die Grundeinstellungen der Menschen, hier etwa die Frauen- und die Leibfeindlichkeit, bleiben immer dieselben. Dabei wäre eine Beeinflussung dieser Grundeinstellungen, also des Inneren der Menschen, doch gerade das Besondere. Und darum geht es also hier!

61. "wichtiger ... als alle Glaubenswahrheiten" (bzw. in manchen Heften noch "Dogmen", s. S. 2 m): Ja, was ist eigentlich christlich? Sind es die eigentlich "unglaublichen Glaubenswahrheiten", die bisweilen eine regelrechte Vergewaltigung unseres Gehirns sind, weil wir also etwas glauben sollen, was schlechterdings unmöglich ist? Theologen haben dafür längst die Worte "sacrificia intellectus", also "Opfer des Verstandes", gefunden, die auch von vielen von ihnen immer mehr als problematisch empfunden werden. Und schließlich kann man auch vieles sagen bzw. daher plappern. Daher gebe ich hier als Kennzeichen einer christlichen Einstellung der "echten Monogamie" den Vorzug, wie sie nur mit Information ("Geist" oder gar "heiligem Geist"!), Freiheit, Ehrlichkeit und Offenheit zu erreichen ist. Da können wir auch die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, leicht beantworten. Er gehört nämlich nicht zu Deutschland, denn zumindest eine Erziehung junger Mneschen mit Information, Freiheit, Ehrlichkeit und Offenheit ist im Islam undenkbar. Siehe auch S. 44f unter Punkt 8 "Weitere Erfahrungen".

62. "abhängig von ihrer entsprechenden Informiertheit" (s. S. 1 m): Ein gutes Beispiel ist hier das Problem der Erkrankung an Magengeschwüren. Bis vor wenigen Jahren galt das Magengeschwür als Paradebeispiel einer psychosomatischen Erkrankung. Heute weiß man, dass die Entstehung eines Geschwürs auf dem Zusammenspiel vielfältiger Mechanismen beruht, die die Schutzfunktion der Magenschleimhaut stark vermindern. Doch letztlich sind für die Krankheit bestimmte Stämme des Bakteriums Helicobacter pylori verantwortlich. Und so ein ähnliches Problem haben wir auch hier, ob ein junger Mensch die echte Monogamie leben möchte oder nicht. Natürlich kann durch ein liebevolle Erziehung, durch Umgang mit ebenso wohlerzogenen und idealistischen anderen jungen Menschen und durch glückliche Umstände eine echte Monogamie auch ohne entsprechende Informiertheit gelingen. Doch wer kann schon solche guten Bedingungen garantieren? Daher wird hier die geeignete Information in den Vordergrund gestellt, die natürlich auch für die Mädchen so überzeugend rüber kommen muss, damit sie auch wirklich „sitzt“. Natürlich, letztlich sind es dann doch wieder Männer und es hängt nun davon ab, ob sie echte Männer sind oder  Machismo-Männer, ob sie also diese geeignete Information an Mädchen weiter geben oder auch nicht.
Hin und wieder wird mir auch vorgeworfen, dass ich unrecht hätte, dass es bei der Durchsetzung der echten Monogamie so sehr auf die Mädchen ankommt, entscheidend seien vielmehr die Jungen, ob die Verantwortungsgefühl, Zurückhaltung und Ritterlichkeit "in sich" hätten. Also müsse man die Jungen zu diesen Eigenschaften erziehen. Hierzu gibt es einen ganz einfachen mathematischen Gedankengang: Angenommen 95 % aller Jungen wären in diesem Sinn perfekt erzogen, doch 5 % nicht, und es ist gewiss realistisch, dass man nun einmal selbst mit der besten Erziehung letztlich doch nicht alle "erwischt". Und wenn die Mädchen nun nicht das Ziel der echten Monogamie in sich haben, dann halten sie die perfekt erzogenen Jungen alle entweder für liebe Brüder oder auch für langweilige Milchbubis und laufen den 5 % "Nicht-perfekt-Erzogenen" hinterher. Und so kommt es dann doch wieder zu dem "nichtmonogamen Durcheinander". Erzieht man dagegen die Mädchen mit der geeigneten Informiertheit, dann werden sie die Jungen im Sinn der echten Monogamie beeinflussen, weil die ja an die Mädchen "ran kommen" wollen und eben anders nicht an sie "ran kommen".

63. "als was ich je aus unserer heutigen Zeit erfahren habe" (S. 29 über der Mitte): Wie das so ist, man unterhält sich nun einmal manchmal auch mit Nachbarn über Gott und die Welt. Und so erzählte mir einer der Nachbarn, ein Bauer, dass er seinen "Abbau" etwa 1,5 km abseits vom Dorf inmitten seiner Felder zu Wohnungen umgebaut hätte. Eines Tages meldete sich ein Interessent, und als er den Preis von 700 DM (damals noch) gehört hatte, bot er ihm gleich das Doppelte. Na klar, hatte er den als Mieter genommen. Und schnell bekam er auch das "Geschäftsmodell" dieses Mieters heraus, also Rotlichtgewerbe und auch Drogen und alles so was. Und da mein Nachbar auch Metzger war und seine Frau einen Imbiss betrieb, lieferten die beiden hin und wieder für die "Feste" dieses Mieters Kaltes-Büfett-Platten. Dabei bekamen sie mit, wer da so alles an Gästen da war, also auch Kriminalisten und natürlich auch die "Mädchen" des Mieters. Und die verschwanden hin und wieder mit diesen Herren in anderen Räumen ... Und ich dazu: Ach so läuft das also, Bestechung der "Bullen" mit umsonstenem Geschlechtsverkehr, damit die bei der Strafverfolgung nicht so genau hinsehen? Daher könnte auch hier in der Gegend keines der Mädchen zur Polizei gehen und das melden, doch was ist, wenn eins von ihnen das mal woanders macht? Ach ja, kann es nicht sein, dass diese "Sünderin" in der Bibel vielleicht auch "so etwas" breit trat und dafür bestraft wurde? Und er darauf: "Mischael, deswegen erzähl´ ich dir dat doch, dat is doch immer datselve..." Klar, nachdem ich in den Vorlesungen von Pater Lay gehört hatte, dass es sich bei der Sünderingeschichte nach Joh. 8 nicht um eine Vergebungsgeschichte handelte, war ich sozusagen vorbereitet und auch offen für diese "Lösung" der Sünderingeschichte, siehe vor allem Hinweis 65 .... Und nun wieder zu diesem Mieter: Etwas später bekam mein Nachbar mit, dass der wegen diverser Straftaten gesucht wurde, doch er bekam das so mit, dass er erst einmal von seinem eine noch ausstehende Miete einfordern und dann auch den Mieter warnen konnte. Und der verschwand auch, wurde allerdings bei einem entfernteren Grenzzollamt gefasst wegen Zuhälterei, Drogendelikten und Menschenhandel, so weit reichten also dessen Beziehungen zur Polizei nicht .... (Anmerkung für mögliche Fahnder: Ich denke, diese Fälle sind längst verjährt! Im Übrigen: In der FAZ vom 27. 2. 1998, S. 14, gab es einen kurzen Bericht über einen etwas anderen Fall im südlichen Sauerland, doch auch hier wurden Polzeibeamte mit kostenlosem Beischlaf belohnt, die Aktionen der Polizei verraten hatten ...)

64. "besser als die übliche Zielsetzung `Scham und Moral´" (s. Seite 16 m): Hierzu eine Scherzfrage: "Was haben ein Bikini (oder eine Badehose) und ein Navi gemeinsam?" Ganz einfach: "Man verliert die Orientierung, beim Bikini in der (Sexual-)Moral und beim Navi im Straßengewirr, weil man sich auf diese `künstlichen Hilfsmittel´ verlässt, statt zu lernen, sich an der Realität zu orientieren." Natürlich, diese Orientierung, hier etwa an Landkarten und Straßenplänen und dort etwa an Indizien für die Menschenkenntnis und für den Umgang mit anderen Menschen, kann man kaum oder nur selten von alleine, doch man kann das alles lernen – und man lernt auch gerne. Doch es muss eben auch Menschen geben, die einem das beibringen. Und dann funktioniert die Orientierung "ohne Bikini und ohne Navi" schließlich weit besser als "mit", vor allem weil man eine Selbstsicherheit bekommt, durch die man schließlich gerade in der Sexualmoral auch eine ganz besondere Ausstrahlung hat.

65. "gegen die Heuchler, gegen die Sünde, für die Liebe" (s. S. 27 ziemlich unten, diesen hiweis habe ich allerdigs auch in "das Heft", allerdings etwas geändert, eingebaut): Gerade in den Gesellschaften, in denen die Prostitution verboten ist, gibt es sie ja doch, so etwas wie die Prostitution hat etwas mit einer inneren Einstellung von Menschen zu tun, und die kann man nicht so einfach per Gesetz regeln. Doch weil die Prostitution nun einmal gerade in solchen Gesellschaften für Frauen so (lebens-)gefährlich ist, brauchen sie "Beschützer", also Zuhälter. Und die passen sozusagen die harten Gesetze "realitätsnah-menschlich" an, indem sie dafür sorgen, dass die Gesetzeshüter nicht so genau hinschauen und also ihre "Schützlinge" in Ruhe lassen - indem sie die etwa mit Geld bestechen. Doch das hat natürlich für die Frauen seinen Preis, indem etwa diese "Beschützer" etwas von dem Geld abbekommen, was die Frauen durch ihren "Beruf" verdienen. Je nachdem müssen die Frauen auch für "umsonstenen Beischlaf" für die dafür Empfänglichen unter den "Gesetzeshütern" zu Verfügung stehen (wie das heute also bisweilen auch läuft, siehe unter Hinweis 63), wie natürlich auch für die Zuhälter selbst. Und wenn eine Frau hier mal "zickig" sein sollte und nicht machte, was und wie die Männer es wollten, dann wurde ihr eben schon mal gezeigt, was passiert, wenn der "Schutz" nicht mehr funktioniert, auch zur Warnung für die anderen Frauen. So stellte man damals also etwa einer Frau eine Falle und richtete es so ein, dass sie "auf frischer Tat" ertappt wurde, wie es das damalige Gesetz vorschrieb, damit sie also vor den "Kadi" kam und ihre "Zickigkeit" mit dem Leben bezahlte. Ob die Gesetzeshüter nun wussten oder zumindest ahnten, was hier lief, ist letztlich gleichgültig. Niemand traute sich jedenfalls, diesen Sumpf aufzudecken, schließlich war das ja auch für die "Aufdecker" gefährlich, hier ging es nun einmal auch um Leben und Tod (siehe Hinweis 34), und wie sollte diese "Aufdeckerei" auch geschehen? Hier war ja sozusagen ein – wenn auch vermutlich unausgesprochenes – Komplott von Kriminellen und Wegschauern am Werk, das auf teuflische Weise zusammen hielt. Offensichtlich war nun dieser Jesus mal der Mutige und prangerte die Zustände in öffentlichen Reden an, was dann für die Menschen seiner Zeit so interessant war, dass sie zu diesen Reden ihm sogar schon mal in die Wüste folgten. (Diese Reden wurden später dann entschärft, indem etwa die Verfasser der Evangelien "Predigten" aus ihnen machten mit dem Tenor "gegen die Heuchler, gegen die Sünde und für die Liebe" und die Details, deren Aufdeckung so gefährlich war, schlicht und einfach wegließen nach dem Motto: "Solche unappetitlichen Details sind ja auch nicht so wichtig".) Doch ließen sich weder die Zuhälter noch die Gesetzeshüter diese sehr konkreten und ausgesprochen aufwieglerischen Reden gefallen und so sorgten sie schließlich dafür, dass dieser "Störenfried Jesus" bei Gelegenheit auf eine "in dieser Branche" sowieso "übliche Weise" beiseite geschafft wurde – diesmal allerdings noch mit der Steigerung einer Kreuzigung, damit sich in alle Zukunft niemand mehr so leicht trauen würde, solche "Aufdeckerei" noch einmal anzufangen. 
Ich möchte hier noch einmal auf dieses Gemälde von Lucas Cranach auf S. 35 kommen – und hier auf die beiden Männer, die rechts im Bild stehen. Es ist nicht klar, was das für Männer sind. Könnte es nicht sein, dass Cranach mit diesen Männern, die ja eigentlich sehr bürgerlich-seriös bis hochgeistig aussehen, genau diese typischen "braven wohlanständigen Bürger" gemeint hat, die lieber wegschauen und die also von den genaueren Zusammenhängen von dem, was hier passiert, keine Ahnung haben und die auch gar keine Ahnung haben wollen? Und ohne deren Uninteressiertheit und Weltfremdheit dem wirklichen Leben gegenüber (und auch Frauenfeindlichkeit) dieses ausgesprochen kriminelle Verhalten der Ankläger auch gar nicht funktionieren würde?

Ich sollte hier auch einmal darauf kommen, für wen die Zuhälter zur Zeit Jesu die Prostituierten brauchten - und das waren durchaus mehr Frauen, als von der normalen jüdischen Bevölkerung "gebraucht" wurden. Das Problem damals war ja, dass Palästina römisches Besatzungsgebiet war, also waren dort gewiss einige tausend, wenn nicht sogar viele tausend, römische Soldaten stationiert, darunter Gallier, Germanen und Thraker (so jedenfalls unter Herodes d. Gr.). Diese Soldaten durften nun bis zu ihrem 35. (?) Lebensjahr nicht heiraten, brauchten also Prostituierte. Und die wurden nun aus dem jeweiligen besetzten Land beschafft, eben mit Zuhältern auch aus dem jeweiligen Land. Wie das so zumindest sehr oft funktionierte, wissen wir aus der Susanna-Erzählung. Da nun solche Details nicht allgemein bekannt waren (wegen der üblichen Tabuisierung von allem, was mit Sexualität zusammen hängt, wird über Details nicht geredet, wir kennen das ja auch heute noch), konnte man alles den Römern in die Schuhe schieben. Ganz offensichtlich waren die ja auch der Grund für die "Unmoral". Ich denke, auch von daher kam die Unbeliebtheit der Römer - zumindest zu einem sehr großen Teil, weswegen man sie loswerden wollte.
Jesus muss sich hier von der übrigen Bevölkerung unterschieden haben, er sah die Ursache der "Sünden" des Volkes nicht bei den Römern, sondern bei den eigenen Leuten. Anders als viele, auch Maccoby und Reza Aslan, kann ich also kein auffälliges Engagement Jesu erkennen, die Römer loszuwerden, die Gegner Jesu waren vielmehr bestimmte Kreise aus dem eigenen Volk.

Und es waren nicht nur die römischen Soldaten, die Prostituierte "brauchten", und die damaligen Bewohner Palästinas! Wir wissen, Jerusalem war auch ein bedeutender Wallfahrtsort, zu dem die Pilger von überall her strömten, nicht umsonst gab es jede Menge Geldwechsler. Und, wie es so oft ist, fährt man zu solchen Wallfahrtsorten nicht nur zum beten. Es wird also nicht nur bei einem moderneren religiösen Ereignis wie dem Konzil von Konstanz (1414 - 1418) so gewesen sein, dass viele Prostituierte (auch aus allen möglichen Ländern) die "Gäste" "bedienten", es wird auch in Jerusalem zur Zeit Jesu so gewesen sein.

Das heißt, es gab viele Prostituierte, und wo es die gibt, gibt es nicht nur Zuhälter, sondern auch eine Halbweltmafia. Und mit der hatte sich Jesus nun angelegt.

66. Fehlervermeidung (s. S. 38 m): Der Priester betet in der Wandlung der katholischen Messe immer, dass die geschieht "zur Vergebung der Sünden". Das heißt also, dass davon ausgegangen wird, dass "Sünden" (oder auch Fehler) erst einmal gemacht werden. Einmal ganz davon abgesehen, ob das "Urabendmahl" überhaupt stattgefunden hat: Wenn uns dieser Jesus hier nicht mehr gebracht hätte also solche "Vergebung", dann wäre unsere Religion nicht besser als alle anderen Religionen, denen es doch auch nur um diese Fehlervergebung ging. Nein und abermal nein! Diesem Handwerker und Geschäftsmann Jesus ging es um die "Vermeidung"! Alles andere ist doch die pure Dekadenz seines Anliegens!

67. Forschungen über den "historischen oder auch wirklichen Jesus" (s. S. 50 o): Ein bedeutender Vertreter der modernen aufgeklärten Jesusforschung war der evangelische Theologe Rudolf Bultmann (1884 - 1976), der besonders bekannt ist für seine Idee der "Entmythologisierung". Damit ist gemeint, dass vor allem das Alte Testament in einer Welt entstanden ist, in der man nicht in unserem heutigen Sinn wissenschaftlich, sondern mythologisch dachte, sich also vieles als Wirken von Geistern und Göttern erklärte. Entmythologisierung bedeutet nun, dass wir dieses damalige Denken in Mythologien in unser heutiges wissenschaftliches Denken übersetzen müssen, um zu verstehen, was "die damals" "wollten". Damit hängt nun auch zusammen, dass es etwa den Verfassern des Neuen Testaments nicht darum ging, die Wirklichkeit des Lebens und Wirkens Jesu darzustellen, sondern dass sie Glauben "erzeugen" wollten, abgestimmt auf das damalige (mythologische) Denken. Daher haben sie von solchen für uns heute im Grunde unverständlichen Geschichten wie Jungfrauengeburt, Wundern und Auferstehung geschrieben, die Menschen brauchten damals einfach so etwas, meinten zumindest die Bibelautoren. Bultmann nannte den Jesus, der dabei herausgekommen ist, den "Jesus der Verkündigung" oder auch den "Jesus des Kerygmas" ("Kerygma" = "Verkündigung" oder auch "Propaganda"). Theologen bezeichnen in auch als "Christus". Dagegen nannte er den wirklichen Jesus den "historischen <oder geschichtlichen> Jesus", oder kurz "Jesus". Das Problem ist nun, dass dieser historische Jesus nicht bekannt ist, sondern nur der "Jesus des Kerygmas", dass wir in unserer heutigen Verkündigung also nur einen Jesus verkündigen können, den es im Grunde so gar nicht gab. Eine sehr schwieriges Thema: Sind wir also bei unserer Verkündigung zur Lüge verdammt? Immerhin konnte man wenigstens einige Begebenheiten des Neuen Testaments dem "historischen Jesus" zuordnen. Doch bleibt dieser Jesus damit eher "farblos", wie Papst Benedikt XVI in seinem Jesusbuch schreibt, also bleibt auch er lieber beim Jesus des Kerygmas und versucht zu belegen, dass dieser Jesus doch geschichtlich ist. Auch Rudolf Bultmann soll auf seinem Sterbebett seine Theorien widerrufen haben, dass unsere Kirchen einen Jesus verkündigen, den es so nie gab.
Mir hat nun diese Diskussion um den "Jesus oder auch Christus des Kerygmas" und den "historischen Jesus" keine Ruhe gelassen, und so denke ich, dass ich offen war für einen geschichtlichen Jesus, dessen Anliegen das Mann-Frau-Problem war und der hier auf eklatante Missstände gestoßen war und ein Konzept vorstellte, wie diese Missstände zu seiner Zeit überwunden werden könnten. Farblos ist dieser Jesus jedenfalls nun wirklich nicht. Warum nicht auch Rudolf Bultmann und Papst Benedikt auf diesen Jesus gekommen sind, erklärt sich schlicht und ergreifend dadurch, dass sie eben letztlich doch "Studierstubengelehrte" sind (s. Hinweis 35).

68. "Religionshistorische Methode" (s. S. 50 o): Deutsche protestantische Theologieprofessoren kamen in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts auf diese Theorie. Sie besagt, dass sich im Buch Genesis der Bibel wichtige Revolutionen der Menschlichkeit im Mittelmeerraum etwa 2000 - 1000 v. Chr. wiederspiegeln, in der Bibel gibt es hierzu nun Geschichten von konkreten Menschen. So wurden die Menschenopfer (zumeist wurde der erste Sohn geopfert) duch Tieropfer ersetzt. In der Bibel finden wir dazu die Geschichte, wie Abraham seinen Sohn Isak opfern will (oder wohl eher auf Geheiß von Götzenpriestern opfern muss) und das Sohnesopfer aber durch ein Tieropfer ersetzt. Wir kennen die Geschichte. Sie war sozusagen eine Revolte gegen den bis dahin gültigen Götzenglauben hin zu einem menschlichen Gott.
In diesem Sinn sehe ich auch die Adam-und-Eva-Erzählung (s. ab S. 22 u und Hinweis 31): Die im Götzenglauben übliche kultische Prostitution wird als "Dienst am Teufel" verurteilt und durch die einmalige Liebe und Partnerschaft von einem Mann und einer Frau, die ein neuer Gott will, ersetzt. Allerdings geschieht diese Veränderung nicht so leicht und so schnell, der historische Jesus hatte damit zu tun, weil das Problem zu seiner Zeit noch nicht zufriedenstellend gelöst war, und auch wir heute noch haben auch noch damit zu tun, wir kennen die Probleme.

69. "Der Name Eva" von Jan Heller" (s. Seite 23 m): Ich schicke Ihnen gerne eine Kopie dieser Arbeit zu!

70. Monogamie als Naturveranlagung des Menschen (S. 1 o): Die Wiener Psychologin Prof. Gerti Senger ist der Auffassung, dass der Mensch von Natur aus nicht monogam ist und dass die Monogamie eine Kulturleistung ist. Hier wird nun davon ausgegangen, dass es genau umgekehrt ist, dass also der Mensch von Natur aus eigentlich monogam ist. Zwangsläufig sieht nun, je nach der Grundannahme, was der Mensch ist, auch eine Pädagogik völlig unterschiedlich aus! Gehe ich von der These aus, dass der Mensch nicht monogam ist, werde ich Kinder zwangsläufig leibfeindlich erziehen müssen, wenn sie gleich oder später einmal monogam sein sollen, weil ja alles, was mit dem Körper zu tun hat, zur Übertretung des "Monogamiegebots" reizt. Und ich werde auch tunlichst Gespräche über das Thema Sexualität vermeiden, gerade auch gegenüber Kindern. Ist dagegen meine Grundannahme, dass der Mensch von Natur aus monogam ist, dann brauche ich in meiner Pädagogik überhaupt nicht leibfeindlich zu sein und kann auch über alles reden, was der Monogmie dient und was ihr nicht dient, ich weiß ja, er saugt geradezu alles begierig auf, was er für das Gelingen seiner Monogamie braucht. Dabei gibt es auch überhaupt keine Probleme mehr, den jungen Menschen die richtigen Tipps zu geben, wie sie es in ihrem Leben mit der Monogamie richtig machen können. In diesem Sinn ist also mein Engagement!

71. Nacktheit ist doch ekelhaft! (S. 19 o): Für Eltern, die ihre Töchter zur echten Monogamie erziehen wollen, sollte eine solche Einstellung ihrer Töchter ein Warnhinweis sein. Denn was vor der Pubertät mit Ekel und Scham befrachtet ist, wird in der Pubertät und gerade auch in der ersten Verliebtheit gerade interessant und faszinierend. Und wenn es für den Spaß an einer harmlosen Nacktheit eine Blockade gibt, dann heißt das, das die Aussicht auf Geschlechtsverkehr interessant und faszinierend wird und die Umsetzung in die Praxis geradezu gesucht wird.

72. Nervenzellen in der Scheide und Orgasmus (S. 10 ziemlich unten): Ich sehe mich hier als Mann als neutralen Dritten, denn es gibt hier sehr emotionsgelade Ansichten und wohl auch Erfahrungen der Frauen. Ein sehr plausibles Argument für die These, dass in der Scheide keine Nervenzellen sind, zumindest keine, die einen besonderen Einfluss auf den Orgasmus haben, ist die Verwendung von Tampons. Denn wenn in der Scheide Nervenzellen wären, wäre solche Verwendung unmöglich oder zumindest schlecht möglich, weil die immer als Fremdkörper empfunden würden.

Doch vielleicht ist das eine bessere und überzeugendere Begründung, auf das Eindringen (die "Penetration") zu verzichten bzw. es zu verweigern: Es gibt Situationen der Verliebheit, da fühlt man sich "wahn-sinnig" zu einem Menschen hingezogen, der ganze Körper brennt einfach, steht in lodernden Flammen... Man (oder auch frau) ist völlig wehrlos und ist zu allem bereit, was der andere will. Gut, für ein Mädchen (oder eine Frau) steht auch die "Muschi" in Flammen Doch jetzt bitte einmal nachdenken über das "Innendrin"! Da steht nämlich gar nichts in Flammen, da ist alles ruhig. Warum also nicht nur das "löschen", was in Flammen steht - und das unangetastet lassen, wo ja gar nichts ist? Und darüber kann man ja auch mit dem Partner reden, dass er "das" doch bitte in Ruhe lassen möge, wenn es zu dem ersehnten "Hautkontakt" kommt. Ich denke, ein wirklich guter Mensch wird hier auch volles Verständnis haben und sich an die Abmachungen halten - zumal "er" bei dem "Hautkontakt" doch auch zu seiner "Entspannung" kommen wird ... Und wenn "er" dabei unten ist, wird davon auch nichts auf "sie" "fallen", also keine Probleme, und "ihn" trifft ja nur etwas, was "von ihm" stammt ....

73. "Brisante Enthaltsamkeit zu zweit, zu dritt, zu viert ..." (S. 42 ziemlich oben): Ich weiß, ein heikles Thema wegen möglicher Vergewaltigungen. Daher sollte sich jemand auf so etwas nur zusammen mit Menschen einlassen, mit denen man wirklich vernünftig miteinander reden kann - und nie unter Alkoholeinfluss. Es ist für mich sehr schwierig, hier gute Ratschläge zu geben, denn gerade Spontanentscheidungen haben ja auch ihren besonderen Reiz. Und ich denke doch, dass viele Menschen hier auch wieder sehr ehrlich sind und schon sagen, was sie wirklich wollen.

74. Leibfeindlichkeit (Seite 4 oben): Wenn diese Gleichgültigkeit bis hin zur Verachtung gegenüber einem solchen Wert wie der Jung­fern­schaft nicht eine Leibfeindlichkeit par excel­lence ist! Denn offens­ichtlich können die jun­gen Damen (wie auch alle jun­gen Leute über­haupt) mit ih­rem „Leib“ und dabei eben mit ihrer Sexualität nichts anderes anfangen als „Sex“ – egal was dabei herauskommt!

75. Rousseau (Seiten 5 - 30):  Interessant ist ja hier, dass Rousseau fünf Kinder hatte, die er allerdings nicht selbst erziehen konnte, sondern die im Findelhaus untergebracht wurden. Theorie und Praxis klafften also bei Rousseau sehr weit auseinander!
Doch mehr zu Rousseau:

Ich habe schon bei meiner Erwähnung des Anliegens von Rousseau darauf hingewie­sen, dass die Autoren der Urgeschichte der Bibel auch wie er zum Ursprung zurück­kehren wollten, jeder eben aus der Sicht seiner Kultur. Und der Geschlechtverkehr des Urmenschen mit einer Prostituierten ist ja nicht nur typischer “nichtmo­no­ga­mer Sex", sondern auch ein Akt zwischen der Unschuld des Naturmen­schen und der Verdorbenheit des Zivilisationsmen­schen. Im Prinzip haben – so wie ich es erkennen kann – die Urgeschichte der Bibel und Rousseau hier unterschiedliche Ansichten: Die Bibel hält den Men­schen von seinem Ursprung her für nackt und monogam, für Rousseau ist der Mensch von seinem Ursprung her eher polygam, dabei interessiert ihn die Klei­dung überhaupt nicht. Die Bibel ist, immer soweit ich erkennen kann, hier also aufgeklärter, im Gegensatz zu Rousseau, der üblicherweise als einer der Väter der Aufklärung gesehen wird. Und das ist wohl auch der Haken an dem hier vorgestellten Konzept, dass sich nämlich hinter der Bibel die wirklichere und echtere Aufklärung verbirgt. Das passt einfach nicht in die Köpfe ... 

76. Jesus als Ethikpädagoge und Paulus mit der Idee des zweiten Adams: Es gibt ja die Theorie, dass Jesus ein Wanderprediger ohne tragfähiges Konzept war und dass erst Paulus eine "ordentliche Religion" aus den Ideen Jesu gemacht hat. Im Grunde spielten ab Paulus die Ideen Jesu allerdings kaum noch eine Rolle. Das heißt, dass wir heute eigentlich keinesfalls "Jesuisten" (oder "Jesuaner") sind, sondern "Paulisten" oder eben "Christen" in dem Sinn, wie Paulus den "Christus" erfunden hat. Man kann das auch so sehen, dass Paulus aus den Ideen Jesu den Grundstein für eine (spätantike) Mysterienreligion gelegt hat, während sich dieser Häuserbauer Jesus als zweiter Adam oder auch als Prophet gesehen hat in dem Sinn, dass es Prostitution und sexuellen Missbrauch zu überwinden galt und die Harmonie der Partnerschaft von Mann und Frau in der Einheit von Leib und Seele wieder "Mode" würde. Daher ging es ihm keinesfalls um eine Religion im üblichen Sinn, sondern um eine ganz praktische sittliche Erneuerung in Form einer "Bewegung für eine neue Lebenseinstellung" (die dann durch die "Ummodelung" des Paulus weitestgehend aus dem Blickfeld geraten ist). Meine Meinung hierzu ist nun: Möglicherweise war in der damaligen Zeit so etwas wie ein Vakuum im Hinblick auf eine zumindest einigermaßen vernünftige Religion. Und in dieses Vakuum passte die Religion des Paulus offensichtlich hervorragend, und Paulus war auch "ein Mann mit großem Arbeitseinsatz und Organisationstalent", denn nicht umsonst bekehrten sich viele Menschen zu ihr. Doch heute ist das anders, diese Religion des Paulus hat sich irgendwie abgenutzt, zumindest in unserer Wohlstands- und Fortschrittsglaubensgesellschaft. Mit Offenbarungen eines Gottes und mit einer sich daraus ergebenden Mysterienreligion können viele moderne Menschen einfach nichts mehr anfangen. Dagegen sind die Ideen Jesu zeitlos und in gewisser Weise auch "religionsübergreifend" und sogar - je nach der Sichtweise - atheistisch, und ich denke, dass eine "Bewegung nach den Ideen Jesu" - richtig rübergebracht - gerade heute die Chancen schlechthin hätte.

Auf Paulus wird wegen der mit ihm verbundenen Mysterien (man kann das Wort sogar wörtlich nehmen im Sinn von "Geheimniskrämereien") hier nicht eingegangen. Schließlich entstanden daraus bedenkliche Entwicklungen.

Deutlich beschreibt auch der Talmudphilologe Hyam Maccoby die verhängnisvolle Rolle des Paulus in seinem Buch "Der Mythenschmied". Und selbst wenn die seher negative Sicht zu Paulus hier nicht stimmen sollte, so bleibt doch, dass er die Botschaft und das Anliegen Jesu entscheidend verändert hat.

Doch hier Zitate aus Maccobys Buch "Der Mythenschmied":

S. 188: "IN DEN VORANGEHENDEN KAPITELN haben wir alleine auf der Grundlage des NT ein Bild von Paulus rekonstruieren können, das sich von dem althergebrachten sehr unterscheidet. Wir haben gesehen, daß Paulus, wenn er sich selbst als profunde ausgebildeten Pharisäer hinstellt, nicht die Wahrheit sagt. Im Gegenteil, wir haben Gründe zu der Vermutung, daß Paulus seinen Mißerfolg beim Streben nach dem anerkannten Pharisäerrang dadurch verarbeitete, daß er eine synthetische Religion aus jüdischen und heidnischen Elementen kreierte, und daß das in seinem Jesuskonzept tief verwurzelte Heidentum mehr für eine außerjüdische denn eine jüdische Herkunft desselben spricht. Weiterhin ist uns aufgefallen, daß der Eindruck von Einmütigkeit zwischen Paulus und den Führern der Jerusalemer Jesusbewegung, der so eifrig vom Verfasser der Apostelgeschichte kultiviert wird, eine Fiktion ist und daß es sowohl in den Paulusbriefen wie in der Apostelgeschichte selbst viele Belege dafür gibt, daß ein heftiger Konflikt zwischen der paulinischen und der Jerusalemer Auffassung der Sendung Jesu bestand. Nachdem dieser Konflikt jahrelang geschwelt hatte, führte er am Schluß zu einem vollständigen Bruch, an dessen Ende die Gründung der durch und durch paulinistischen christlichen Kirche stand, der organisatorischen Hülle einer im Gehalt neuen Religion, die vom Judentum getrennt war, wohingegen die Jerusalemer Nazarener ihre Verbindungen zu jenem keineswegs kappten, sondern sich ihrem Wesen nach für gläubige Juden hielten, die zusätzlich noch an die Auferweckung Jesu, d.h. einer ihrer Natur nach menschlichen Messiasgestalt, glaubten." (Anmerkung: Ich möchte es hier offen lassen, wie die Gemeinde in Jerusalem zu dem Auferweckungsglauben kam, ich kann mir nur vorstellen, dass sich die Gemeinde nicht mit dem Tod Jesu abfinden konnte und ihn daher noch also "lebendig, wenn auch in anderer Form" betrachtete. Möglicherweise hatte Paulus davon gehört und nahm diesen Glauben zum Anlass, dann auf dem Weg nach Damaskus eine Erscheinung draus zu machen.)

S. 194: In diesem Zitat spricht Maccoby auch die Ursache des Antisemitismus an – und ich denke, wie Maccoby etwa die Rolle des Paulus sieht, ist das sehr plausibel. Allerdings sieht Maccoby alles Weitere politisch, ich sehe das dagegen nur indirekt politisch, das Problem sind m.E. viel mehr die zwischenmenschlichen Beziehungen:

"Der Glaube an ein tausendjähriges Reich auf Erden mit Jesus als König am Ende der Zeiten inspirierte zahlreiche politische Aufstandsbewegungen innerhalb des Christentums und bedrohte die Machtstellung von Papst und Kaiser: denn zu diesen Vorstellungen gehört, daß Gerechtigkeit auf Erden erreichbar sein muß und daß Gottes Reich ein verwirklichtes Utopia auf Erden sein soll, nicht die Seligkeit in einer anderen Welt. Die Rolle des Antichrist, der weltlichen Macht, die sich dem dann auftretenden Jesus redivivus (Anm.: "wiedererstanden") entgegenstellt, wurde gewöhnlich den Juden zugewiesen, was dazu führte, daß populistische Endzeitbewegungen oft bösartig antisemitisch waren … ; dann und wann aber wurden die tatsächlichen Unterdrücker der Armen mit dem Antichrist identifiziert, und bei solchen Gelegenheiten drohten die politischen Ziele, die aus dem Judentum und dem Judenchristentum stammten, das Christentum zur »Befreiungsreligion« zu machen, ganz im Gegensatz zu der Theologie des Paulus, die ihre Blicke auf die Welt, die da kommen soll, richtete und immer im Sinne der Herrschenden und der Fortsetzung der bestehenden Zustände funktionierte."

S. 226 ff: "Paulus war der größte Fantasy-Autor von allen. Er schuf den christlichen Mythos, indem er Jesus vergottete, eine jüdische Messiasfigur, dessen wirkliche Pläne sich in der Bandbreite des jüdischen politischen Utopismus bewegt hatten. Paulus schmiedete Jesu Tod in ein kosmisches Opfer um, in welchem die Kräfte der Finsternis die Macht der guten zu überwältigen suchten, aber gegen ihren Willen nur ein Heilsgeschehen zustande brachten. Dies verwandelt auch die Juden, wie die Paulusschriften ausführen, in Werkzeuge der Erlösung, die von ihrer Funktion nichts wissen; ihre Bosheit, mit der sie Jesu Tod bewirkten, schlägt zum allgemeinen Heil aus, weil dieser Tod genau das war, was die Menschheit zu ihrer Rettung benötigte. Die Kombination von Bosheit und Blindheit, die hier beschrieben wird, ist die genaue Analogie zum Baldurmythos der nordischen Mythologie, in der die Bosheit durch den bösen Gott Loki personifiziert wird, die Blindheit durch den blinden Gott Hödur, die beide zusammen den heilbringenden Tod Baldurs bewirken, der alleine eine gute Ernte bewirken kann, welche vor dem allgemeinen Hungertod errettet.

Paulus übernahm das kosmische Drama vom Kampf zwischen Gut und Böse von der Gnosis, und daher übernahm er auch die Juden als Dramenbestandteil, also als die Vertreter des kosmischen Bösen. Aber indem er den Mythos der Gnosis mit dem Mythos der Mysterienreligionen kombinierte (die selbst nicht judenfeindlich waren), verschärfte und intensivierte er den in der Gnosis schon präsenten Antisemitismus. Die Juden blieben nicht einfach die Gegner jener vom Himmel herabgestiegenen Lichtgestalt, sondern wurden die Vollzieher des kosmischen Opfers, durch welches allein der Besucher aus der Lichtwelt die Erlösung bringen kann. Damit verschmolzen die Juden mit den düsteren Figuren, die in Mythen jenen Tod von Göttern bewirken, welcher alleine die Rettung bewirken kann - mit Seth, Mot und Loki; und die Bühne steht offen für die lange imaginäre Laufbahn der Juden in der christlichen Einbildungskraft als das Volk des Teufels. Was immer Paulus vom Judentum übernahm, um seinen Mythos weiter aufzuputzen – das historisierend-religiöse Element, das Jesu Tod in ein welthistorisches Panorama versetzte —, verstärkte nur den dabei herauskommenden Antisemitismus, denn jetzt gab es einen Zug von Usurpation im paulinischen Mythos, eine Tendenz, das jüdische Zeugnis zwecks Rechtfertigung der christlichen Selbstüberschreibung der »Abrahamsverheißung« anzuschwärzen. Was immer den Juden in der bisherigen Geschichte begegnet war, wurde jetzt als Vorprägung ihrer zentralen Rolle ausgemünzt, nämlich der Ermordung des Gotteslammes, eine Rolle, die ich in meinem >Heiligen Henker< näher beleuchtet habe; sie wurden – in der christlichen Ideologie – von ihren Propheten abgeschnitten, die jetzt als Vorläufer der Christen galten und, ganz wie Jesus, von den Juden zu Tode gehetzt worden waren.

Der von Paulus vorgefertigte Mythos entfaltete später ein bilderreiches Leben in den Evangelien, die unter dem Einfluß seiner Ideen zum Einsatz in seiner Kirche geschrieben wurden. Eine abgerundete, romanhafte Erzählung von mythologischem Tiefgang wird dort auf der Grundlage historischer Materialfragmente ausgestaltet, wenn diese sich dafür eignen, ein Melodrama von Gut und Böse abrollen zu lassen. Es entsteht das wirkmächtige Bild des Judas Ischariot: eine Person, vom Schicksal oder sogar seinem Opfer Jesus dazu ausersehen, die böse Tat zu vollbringen, besessen von Satan und unter innerem Zwang seine üble Rolle erfüllend - eine perfekte Verkörperung der Rolle des Heiligen Henkers, designiert für den Vollzug seiner Bluttat und dennoch für deren Ausführung verflucht. Dabei füllt Judas seine Rolle auf der persönlichen Ebene aus, das jüdische Volk – im Evangelienmythos – auf der kollektiven: indem es abwechselnd von Blindheit oder Bosheit befallen wird und auf dem Höhepunkt der Erzählung in der Barabbas-Szene Jesu Kreuzigung fordert und zugleich für dieses Opfer die Verantwortung durch den Sprechchor übernimmt: »Sein Blut komme über uns und über unsre Kinder!« (Mt. 27,25). Was in den Paulusbriefen nur ein Umriß eines Mythos gewesen war, wurde jetzt ausgeformt und mit erzählerischer Qualität versehen, ein Instrument kultureller Indoktrination und ein Vehikel unzerstörbarer Kindheitseindrücke, wenn Kinder die Geschichte zu hören bekommen.

So wurde der von Paulus geschaffene Mythos auf sein Gleis gesetzt und begann die Welt zu durchqueren: eine Erzählung, die der Menschheit mancherlei Trost in Verzweiflung brachte, aber auch jede Menge Übel hervorrief.

Aus seiner eigenen Qual und Verzweiflung erschuf Paulus seinen Mythos. Sein Glaube daran, er habe ihn vom inzwischen im Himmel befindlichen Jesus persönlich erhalten, hat seine eigene Schöpferrolle verdunkelt. Die Mißverständnisse, die er über seine eigene Herkunft förderte und nährte, hielten die Leser des Neuen Testaments davon ab, den paulinischen Mythos von den historischen Tatsachen über Jesus abzupräparieren, über die Jerusalemer Kirche, über die Abenteuer Zusammenstöße des Paulus persönlich mit dessen Zeitgenossen. Sein Charakter war viel farbiger, als christliche Frömmigkeit es wahrhaben will; sein wirkliches Leben entspricht mehr einem Picaroroman als einer gewohnten Heiligenvita. Aber aus den Religionseinflüssen, deren Niederschläge in seinem Hirn spukten, schmiedete er ein bilderreiches Amalgam, das, ob zu ihrem Nutzen oder Schaden, die zentrale Phantasiegrundlage der abendländischen Kultur wurde."

Die Frage stellt sich natürlich, warum Paulus schließlich den Märtyrertod gestorben ist, wenn er doch nur ein Agent einer jesusfeindlichen Clique war und im Grunde überhaupt nicht hinter dem Engagement Jesu stand.
Ich denke, dass gerade von seinem Märtyrertod her auch alles auch ganz anders gewesen sein kann: Dass er etwa voll an den Jesus, den er sich geschaffen hatte, auch tatsächlich ehrlich geglaubt hatte. Wir müssen uns ja bewusst machen, dass Paulus alles, was er von Jesus wusste, sozusagen aus zweiter Hand erfahren hatte,
wenn man mal von den Offenbarungen durch Jesus absieht, an die man ja glauben kann oder auch nicht. Und unter den Menschen, von denen er sein Jesuswissen hatte, waren gewiss die meisten guten Willens und hatten Paulus genau das erzählt, wie sie Jesus erlebt hatten und was er wollte – natürlich so, wie sie ihn verstanden hatten. Doch es dürften unter den Informanten auch solche Menschen gewesen sein, die Abgesandte der Halbweltmafia waren und die alles andere als ein Interesse an dem Engagement des wirklichen Jesus hatten und die Paulus in ihrem Sinn beeinflussten. Gerade bei der hier angesprochenen Thematik ist es ja auch heute schwierig, Wahrheit und Lüge auseinander zu halten. Wie einfach ist es da doch, Jesus zu erzählen, dass die Prostituierten (also die "Sünder") doch immer jammern, wenn sie auf einen Menschen wie Jesus gestoßen sind, der mal nett mit ihnen redet und sie zu verstehen sucht, und dass sie also seine Gutmütigkeit ausgenutzt und ihn in ihrem Sinn regelrecht eingelullt hätten. Doch dass die Prostituierten in Wirklichkeit ganz anders sind. "Die sind doch zu faul zum Arbeiten und vögeln doch zu gerne und machen das dann auch noch um des Geldes willen – und sind letztlich allesamt doch durchtrieben und verlogen." Wir kennen solchen Einstellungen ja auch heute. Aus diesem ganzen Wirrwar an Informationen ist eben das herausgekommen, was wir heute bei Paulus kennen. Und Paulus hatte sich dann auch quasi lebenslang für "diesen seinen Glauben" eingesetzt und sich durchaus mit ihm identifiziert, weil er ihn nicht zuletzt möglicherweise auch aufgrund eigener persönlicher Erfahrungen für besser hielt als das Engagement des Jesus. Und wir müssen ja immer bedenken, dass damals Jesus noch nicht so bedeutend war wie heute und daher auch noch nicht als unantastbar galt. Daher hatte Paulus auch keine Bedenken, "Anleihen" aus anderen Religionen zu nehmen, wie er sie gut fand. Zudem: Welche Chancen hätte Paulus denn im Hinblich auf seine Verurteilung zum Tode denn überhaupt gehabt? Hätte man ihm denn eine Heuchelei betreffs seiner Bekehrung geglaubt, selbst wenn also die Bekehrung nur eine Scheinbekehrung war? Ich bezweifle das, denn er hatte sich ja wirklich überzeugend für den christlichen Glauben eingesetzt, so wie er ihn verstand beziehungsweise wie er ihn sich zurechgebastellt hatte. Also wäre ihm der Märtyrertod auf alle Fälle gewiss gewesen. Und schließlich gibt es auch so etwas wie Ehre, dass man also zu dem steht, wofür man kämpft – bis in den Tod.

Allerdings ist Hyam Maccoby der Auffassung, dass Paulus gar nicht den Märtyertod gestorben ist, dass das alles nur eine fromme Legende ist. Mehr darüber und über die Zwistigkeiten zwischen Paulus und den Judenchristen und den "Schlägern und Raufbolden des Hohenpriesters" siehe unter "Paulus" im Onlinelexikon, Teil 2.
Um den Lesern zugänglich zu machen, wie sich Maccoby den Grund der Bekehrung Pauli denkt, zitiere ich hier die entsprechende Stelle (S. 112):

"Während er die Jesusanhänger verfolgte, dürfte Saulus Jesus immer mehr als eine Figur wahrgenommen haben, die ihm seltsam vertraut vorkam, da sie auf ein seelisches Bedürfnis Antwort gab, das er unter dem Druck der jüdischen Ratio-nalität und des jüdischen Sinnes für Bewußtmachung und Wahrhaftigkeit ohne doppelte Böden niedergehalten hatte. Vor allem dürfte das Bild des langsam am Kreuz sterbenden Jesus seine leistungsfähige Vorstellungskraft entflammt haben. Denn dieses Bild muß ihn unwiderstehlich an die Ikonographie des Gottes Attis in dessen vielfältigen Erscheinungsformen erinnert haben, der er in Kilikien auf Schritt und Tritt begegnet war - der erhängte Gott, dessen blutender, mißhandelter Körper die Felder fruchtbar werden ließ und dessen Mysterien den Seelen seiner Gläubigen, die sich in einen heiligen Wahn hineingesteigert hatten, eine wundersame Erneuerung bescherten. Es ist bezeichnend, daß später die Phantasie des Paulus immer wieder um jene oben diskutierte Deuteronomiumstelle kreiste, in der es, wie Paulus sie verstand, um den Fluch ging, welcher dem Körper eines Gehängten anhaften sollte.

Damals freilich waren derlei Gedanken noch nicht ins volle Licht seines Bewußtseins getreten. Saulus hatte versucht, ein geistlich höchst anspruchsloses Polizistenleben zu führen, da sich seine Hoffnung, einen geachteten Rang als geistlicher Pharisäerführer zu erlangen, zerschlagen hatte. Aber damit konnte er seine innere Unruhe nicht dauerhaft zum Schweigen bringen; und als seine Seelenpein schließlich einen visionären Anfall auf dem Weg nach Damaskus auslöste, nahm eine Gestalt das Zentrum seiner inneren Verstörung ein, die schon lange in seinem Unbewußten rumorte: der Gehängte Gott, der Brennpunkt von Schuld und Hoffnung zugleich. Indem er diese Gestalt mit Jesus identifizierte, dessen Anhänger er bis zu dieser Sekunde verfolgt hatte, gab Saulus der Bedeutungslosigkeit einen Sinn, in welche sein Leben zuvor versunken gewesen war. Statt nur der Mietling eines mit Besatzern kollaborierenden Hohenpriesters zu sein, der gegen Bezahlung Menschen quälte, sah er sich jetzt auf einmal als Person von historischer Bedeutung, die er schließlich ja auch erlangen sollte - er, der den sterbenden und wieder auf erstandenen Gott verfolgt hatte, konnte durch genau diese Schuld jetzt in die Rolle von dessen Hauptverkünder überwechseln, vom Saulus zum Paulus eben. Dieser plötzliche Wechsel von tiefster Verworfenheit zu äußerster geistlicher Befreiung und Entsühnung wurde das Hauptmotiv der neuen Religion, die Paulus ausgehend von jener Vision zu entwickeln begann, welche ihn aus der gesamten Menschheit herausgegriffen und berufen hatte. -"

Auf alle Fälle war Paulus offensichtlich nicht nur sehr idealistisch, sondern auch sehr ehrgeizig und ganz schön selbstverliebt, doch alles das ist keine Sünde.

Doch auf alle Fälle ist eines richtig: Ob böswillig oder gutwillig, Paulus hat etwas völlig anderes aus dem Engagement Jesu gemacht als das, was der wirkliche Jesus wollte.

Anmerkung: Die Geschichte, wie sich ein Agent einschleust und dann sehr hoch emporsteigt, was vielleicht ursprünglich gar nicht beabsichtigt war, kommt uns Deutschen, die schon etwas älter sind, doch sehr bekannt vor. Sie erinnern sich an den Kanzleramtsspion Günter Guillaume, der auch "durch seinen großen Arbeitseinsatz und sein Organisationstalent" aufgefallen war (ich zitiere hier aus dem Stichwort "Günter Guillaume" in Wikipedia, dem berühmten Kanzleramtsspion, der sich bei der SPD eingeschlichen hatte)? Es gibt hier also durchaus starke Parallelen zu Paulus! Und zu den angeblichen Zeugen beim Damaskuserlebnis? Die waren doch auch von dem Hohenpriester mitgeschickt und waren also nicht neutral, also ist deren Zeugenaussage wertlos.

77. von ihren Gefühlen überrumpelt: Ich kenne mehrere dieser Fälle, die mir sehr nahe gehen, weil es sich immer um Menschen handelt, die im Grunde moralisch sehr hochstehend sind. Wie konnte das passieren, dass gerade sie (und ich denke hier vor allem an Mädchen) mit "Sexgeschichten" anfingen, mit denen sie nie gerechnet hatten und die man ihnen auch nie zugetraut hätte und die ihnen hinterher sehr leid taten? Die Erklärung ist ganz einfach: Sie hielten sich davor aufgrund ihrer Schammoral, an die sie felsenfest glaubten und die sie also sozusagen für einen perfekten Schutz hielten und die aber dennoch nur eine Scheinmoral war, immer für moralisch so integer (und das wurde ihnen auch von ihrer Umgebung so eingeredet, insbesondere von ihren Eltern), dass sie sich nie auf "den Fall X" vorbereitet hatten, also auf den Fall, dass es auch einmal anders laufen könnte. Also hatten sie alles, was mit Liebe und Sexualität zusammen hängt, aus ihrem Denken verdrängt und verbannt, weil das angeblich etwas Unanständiges oder sogar Unmoralisches war. Doch auch sie waren nun einmal lebendige Menschen und gerade gegen eine Verliebtheit nicht gefeit. Also kommt sie eines Tages – zu wem auch immer. Und wenn der "Betreffende" nicht alles "falsch" macht, überwindet er diese Schammoral (die ja nur eine Scheinmoral ist, denn eine echte Moral funktioniert völlig anders) und er bekommt, was er will.
An der Pädagogik könnte "Abgleiten von der hohen Moral" ja nicht liegen, denn was hatte man nicht alles getan, dass genau solche Überrumpelungen nicht passierten? Und – das ist die These dieses Engagements hier – man hatte eben doch nicht alles getan: Das Moralmodell, das der Erziehung der jungen Menschen zur (Sexual-)Moral zugrunde lag, nämlich das der Scham, war nämlich schlichtweg falsch oder auch ungeeignet für eine echte Moral: Man hatte die jungen Menschen eben zur Scheinmoral der Scham erzogen und nicht zu einer echten Moral. Und Scham und echte Moral sind eben zwei verschiedene Dinge und haben nur sehr bedingt etwas miteinander zu tun.

Zum Thema, wie starke Gefühlserregungen die Vernunft regelrecht austricksen können, was dann eben bei Gelegenheit zu dem Problem mit der Pädagogik im Fall einer Verliebtheit dazu kommt, erzählte uns im Studium ein Professor eine kleine Geschichte: Da kommt also in eine Klasse oder in eine Familie unversehens ein Polizeikommando und befiehlt, einer Person mitzukommen. Diese Person wird unter irgendwelchen Begründungen in ein Gefängnis gebracht mit der Aufforderung zu warten. Unsere Person ist sich keiner Schuld besusst, vertraut darauf, dass sich alles klären wird und ergibt sich ansonsten in das Schicksal. Am Abend ist dann Essensausgabe und ein Wärter stellt unserer Person einen Teller Suppe hin - und flüstert allerdings dazu, dass diese Suppe vergiftet sei. Unsere Person glaubt dies und rührt die Suppe also nicht an. Am nächsten Tag dasselbe, wieder sonst nichts außer der angeblich vergifteten Suppe, und auch wieder am dritten Tag. Der Hunger unserer Person wird immer stärker und sie fängt an zu überlegen, ob das alles nur ein Test ist, etwas zu glauben, und dass die Suppe in Wirklichkeit gar nicht vergiftet ist. Die Gedanken kreisen also immer mehr darum, dass die Suppe in Ordnung ist und man sie also essen kann - und unsere Person ist schließlich voll und ganz überzeugt, dass die Suppe nicht vergiftet ist und isst sie. Das (Hunger-)Gefühl hat also den Verstand nicht nur so gerade beeinflusst, sondern sozusagen überrumpelt, also komplett umgekrempelt.

In diesem Sinn können wir nun auch eine Verliebtheit sehen: Das Gefühl hebelt den Verstand aus - und (nicht nur) der junge Mensch wirft seine Moral, die bisher galt, über Bord und macht etwas, was für ihn ohne diese Gefühlserregung unvorstellbar war und was er immer als unverschämte Zumutung empfunden hätte, wenn ihm jemand unterstellt hätte, dass es dazu einmal kommen könnte.

Die Idee dieses Konzept hier ist nun, dass dem jungen Menschen keine Leibfeindlichkeit anerzogen wird, sondern Spaß an harmlosen paradiesischen Erlebnissen  – und dass er also die zunächst einmal erleben will und dass er misstrauisch wird (dass er also kritisch nachdenkt), wenn ein Partner die nicht will und er auch noch nicht einmal über die mit ihm reden kann. Denn wenn er "in Ordnung" wäre, müsste er solche Erelbnisse doch auch gerne machen und auch darüber reden wollen. Siehe dazu etwa den Spaß eines Vaters mit seiner Tochter mit der Natürlichkeit und mit harmlosen Paradieserlebnissen (s. Hinweis 42) und dann auch mit den "natürlichen Drogen" (siehe im Heft Seite 53).

78. typisch katholische Monogamie: Ich nenne einmal die Monogamie so, die keine echte ist, weil sie die diversen vorehelichen Sexualbeziehungen nicht als monogamieschädlich ansieht. Vielleicht mögen hier manche protestieren, weil doch gerade die katholische Kirche diese Beziehungen als Sünde ansieht und also auch verurteilt. Hierzu kann ich sagen, dass das reine Theorie ist, in der Praxis interessieren diese vorehelichen Erfahrungen die Kirche nicht. Ich weise auf das nachsynodale apostolische Schreiben "Amoris laetitia" hin. Doch vor allem bin ich mit meinem Engagement für die echte Monogamie gerade auch bei meinen katholischen Glaubensbrüdern bisher immer auf Beton geprallt, die wussten überhaupt nicht, wovon ich rede. Wenn nun auch andere christliche Glaubensgemeinschaften diese "typisch katholische Monogamie" praktizieren (und auch Nichtchristen), so meine ich doch, dass ich sie katholisch nennen kann, weil gerade die katholische Kirche, die doch Vorbild sein sollte, mit schlechtem Beispiel voran geht. Im Übrigen: Zur Zeit Jesu galt der Geschlechtsverkehr als Zeichen einer Ehe, er war also auch ehebegründend neben dem Versprechen der gegenseitigen Partnerschaft. Daher waren Prostituierte "Ehebrecherinnen", weil sie immer wieder neue Ehen anfingen und diese dann wieder "abbrachen". Wir können also davon ausgehen, dass Jesus in demselben Sinn dachte, den ich hier vertrete, wenn er von Ehe redete: Geschlechtsverkehr und Ehe sind dasselbe. Dagegen haben wir und auch die katholische Kirche das römische Eheverständnis, dort galt nicht mehr der Geschlechtsverkehr als Zeichen der Ehe, sondern das Dokument des Zensors. Wenn wir Jesusanhänger sein wollen, müssen wir allerdings wieder zur Einstellung der Bibel und des Jesus zurück kehren. Gut, wir selbst können an der eigenen Ehe nichts mehr machen, doch wir sollten uns zumindest für die Ehemoral derer einsetzen, die die Ehe noch vor sich haben, also der jungen Menschen.

79. Jesus und Sexualmoral: Theologen bezweifeln im Allgemeinen, dass sich Jesus um Sexualmoral gekümmert hat. Sie meinen, dass mit bestem Willen bei Jesus nichts zu finden ist. Dazu kann ich nur sagen, dass hier das Problem ist, was diese Theologen unter Sexualmoral verstehen. Sie verstehen eigentlich immer etwas mit "Scham" – und natürlich hat Jesus nicht darüber geredet und also auch keine Kleindungsvorschriften gemacht, denn die Scham ist ja nur eine Scheinmoral und damit in gewisser Weise auch eine Heuchelei. Und bekanntermaßen hatte er etwas gegen die Heuchler. Die wirkliche Moral hat dagegen etwas mit der Einstellung von Männern gegenüber Frauen zu tun, wie diese hier nicht nur bisweilen, sondern sogar sehr oft zu seiner Zeit nicht nur verachtend sondern sogar ausgesprochen kriminell war. Das war dann auch Thema seines Engagements. Jesus hat sich also sehr wohl um die Sexualmoral gekümmert, allerdings um eine echte und nicht um eine Scheinmoral.

80. Eindringen ohne Ehe = Schlampe oder auch Hure? Wenn ich hier so krass bin, so liegt das nicht daran, dass ich diejenigen kränken oder gar beleidigen will, die sich aus irgendeiner Unwissenheit oder gar Dummheit auf Sex ohne Ehe eingelassen haben. Ich will vielmehr diejenigen motivieren, vor der Ehe ausschließlich ihre Haut (das größte Organ des Menschen!) und ihren Körper zu erleben und zu genießen, die noch keinen Sex hatten. Das scheint nun leider zumindest zur Zeit nur zu funktionieren, wenn der nicht-eheliche Sex als sehr negativ hingestellt wird. Und dann gibt es auch erfahrungsgemäß viele Mädchen "mit Sexerfahrungen", die diejenigen Mädchen, die noch keine solchen "Erfahrungen" hatten, als unemanzipierte und frigide Mauerblümchen, die niemand will, verlachen und verspotten – und ihnen damit Komplexe einreden. Denen möchte ich mit diesem sehr negativen Vergleich nun wirklich mal kräftig vors Schienbein treten, denn "so etwas" macht man einfach nicht ...
Von Schülerinnen wurde bisweilen auch eingewendet, dass ich mit einem solchen Vergleich falsch läge, denn das Kennzeichen einer Hure sei doch, dass diese Geld "dafür" nimmt, während eine normale emanzipierte Frau oder ein Mädchen dafür kein Geld nimmt (oder so ich: es also gratis macht). Ich pflege dann immer zu kontern, dass sie mal überlegen sollten, warum ihnen so ein Scheiß (das Wort passt hier wirklich!) eingeredet wird. Ja warum? Der Grund ist doch der, dass ihnen so etwas Männer erzählen, um in den Genuss von Gratissex gerade auch mit jungen Mädchen zu kommen. Ja, wie schön und günstig, dass die Mädchen das dann auch noch glauben und also sozusagen freiwillig und ohne Bezahlung "einvernehmlich" (wie es so schön im Amtsdeutsch heißt) mitmachen!

81. hohes moralisches Potential und Scheinmoral der Scham – und dazu etwas, damit die echte Moral nicht falsch verstanden wird: Eine sehr anschauliche Parallele sehe ich hier im Problem um die Magengeschwüre: Bis vor nicht langer Zeit galt es als ausgemacht, dass die Ursache für diese Geschwüre eine Übersäuerung des Magens sowie psychische Faktoren wie Stress sind. Bakterien galten als ausgeschlossen, weil man meinte, dass sich in der Umgebung einer derart aggressiven Säure wie der Magensäure einfach keine Bakterien halten können. 1983 haben dann zwei australische Ärzte (Barry Marshall und John Warren) herausgefuneiden, dass die Ursache für Magengeschwüre letztlich doch Bakterien sind, die schließlich "Heliobacter pylori" genannt wurden. Es dauerte dann noch weitere sechs Jahre, bis sich die beiden Ärzte mit ihrer Erkenntnis durchsetzten, schließlich brechen nicht bei allen Menschen, die diese Bakterien in sich haben, Magengeschwüre aus. Denn durch glückliche Umstände und etwa durch Vermeidung von Risikofaktoren können die Bakterien nicht wirksam werden. Und die Parallelen zu unserem Problem der echten Monogamie? Wie ich immer wieder betone, sehe ich die Ursache darin, dass gerade Mädchen mit sexuellen Beziehungen anfangen, die sich später als wenig glücklich herausstellen, dass sie ihr hohes moralisches Potential in die Scheinmoral der Scham stecken statt in eine echte Moral. Damit ist dann verbunden, den Geschlechtspartner zu wechseln, wodurch also die echte Monogamie hinfällig ist. Tiefster Grund dafür ist, dass ihnen in unserer Kultur genau diese Scheinmoral anerzogen wird, es ist also eine Frage der Pädagogik. Dieser Zusammenhang ist nun – genau wie bei den Magengeschwüren – nicht leicht zu erkennen, weil durch glückliche Umstände wie etwa eine liebevolle Fürsorge der Eltern, eine starke religiöse Einstellung (mit der dazu gehörenden Mystik und dem entsprechenden Kult, doch auch mit den damit verbundenen Ängsten) und auch Mangel an Gelegenheit etwa dank einer hohen ethischen Umgebung (also auch kein Zugang zu "schlechten Filmen" und nur Kontakt mit "anständigen Leuten") und schnelles Finden des richtigen Partners es einfach zu keinem "Ausbruch" der "wenig glücklichen sexuellen Beziehungen" kommt. Doch sie passieren eben dennoch oft genug. Der Vergleich mit den Magengeschwüren stimmt sogar bis in Einzelheiten: Bisweilen dachte man früher, dass davon eher Arme und Unterprivilegierte betroffen sind, also immer nur "die anderen in anderen Gesellschaftschichten", doch ist offensichtlich, wenn man nur einmal genauer hinsieht, dass die "Krankheit" in allen gesellschaftlichen Schichten vorkommt. Daher hier: Der Grund ist die Scheinmoral der Scham! Würden die jungen Menschen statt zu dieser von vornherein zu einer echten Moral der Monogamie erzogen werden, wäre alles viel sicherer, unkomplizierter, risikoärmer und gewiss auch harmonischer und einem bewussten Leben dienlicher.
Anmerkung: Wie so eine "Krankheit der Verliebtheit" anfängt, die schon eine Naturgewalt ist, gegen die man machtlos ist, wenn sie erst einmal eintritt, siehe unter Hinweis 77.

82. Doppelt gemoppelt: Bei Atomkraftwerken mag doppelte Sicherheit sinnvoll sein, ja nicht nur doppelte Sicherheit, sondern sogar achtfachte Sicherheit! Wir haben das beim Atomkraftwerk Fukushima in Japan gesehen, dass nämlich "doppelte Sicherheit" nicht ausreicht und wie sinnvoll unsere deutschen Sicherheitsstandards hier sind. Doch "doppelte Sicherheit" kann auch heißen, dass wir einer einzigen Sicherheit doch nicht trauen und also eine weitere und vor allem eine alte, die sich zwar letztlich als untauglich erwiesen hat, wenn es wirklich drauf angekommen wäre, dann doch lieber "zur Sicherheit" noch beibehalten wollen. Doch eine Anhäufung von keinen richtigen Sicherheiten gibt letztendlich doch keine richtige Sicherheit: Null mal Null bleibt eben Null, wie es so schön in dem Kölner Karnevalsschlager heißt. Und zudem: Bisweilen behindern sich Sicherheiten auch gegenseitig oder schließen sich gar aus (was denn nun: Vergnügen an der Nacktheit und dann doch wieder Badehose und Bikini?) und so können mehrere Sicherheiten die Wirksamkeit einer wirklich guten Sicherheit verhindern. In diesem Sinn wird also hier nicht mehr auf die Badehose und den Bikini als Sicherheit vertraut, sondern auf eine sinnvolle geistige Einstellung. Dass (gerade junge) Menschen dann doch bisweilen diese "Accessoires" einer untauglichen Moral benutzen, ist eine andere Sachen. Denn es hängt ja nicht nur von der eigenen Einstellung ab, was man macht, sondern die Mitmenschen müssen die auch verstehen, damit sie die nicht falsch verstehen. Von daher können auch Badehose und Bikini oder sogar Burka und Kaftan sehr sinnvoll sein. Dem Benutzer muss allerdings klar sein, dass diese Accessoires nur unvollkommen schützen und also nur vorübergehender Natur sein können.

83. Ulrich Becker und die Erzählung "Jesus und die Sünderin" (auch "Susannageschichte" oder "Geschichte von der Sünderin") und wie sie "entschärft" wurde: Auch der Autor U. B. kommt zu dem Ergebnis, dass diese Erzählung tatsächlich geschehen ist (S. 3): "Mochte die äußere Bezeugung noch so fragwürdig erscheinen, mochte man immer wieder neu versuchen, diesen Abschnitt, auch innerer Gründe wegen, aus dem NT zu verbannen: Letztlich überzeugte die Perikope von ihrem Inhalt her, und so blieb sie im NT. Denn hier fand man Geist vom Geiste Jesu, ja, vielleicht noch mehr, hier fand man solchen Geist besonders rein bewahrt. Kein Wunder, dass sich Kunst und Literatur ihrer mit besonderer Liebe annahmen, dass sie auch außerhalb des Christentums häufig zum Inbegriff der Verkündigung Jesu wurde und dass selbst kritische Theologen sich ihrem Eindrucke nicht entziehen konnten." Allerdings ist auch Becker ein typischer Studierstubentheologe und so kann er nicht den Wandel der Interpretation dieser Erzählung (oder auch Perikope) und damit ihre Entschärfung erkennen: Von einer Erzählung aus dem "Milieu", bei der es um die Befreiung einer Frau aus einer kriminellen Situation ging, hin zu einer theologischen Vergebungsgeschichte, die ja auch sehr schön ist, der jedoch die Brisanz des höchstwahrscheinlich ursprünglichen Zusammenhangs völlig fehlt.

84. Marc Gibbs: "Die Jungfrau und der Priester". Dieses Buch habe ich in meiner Arbeit nicht verwendet, es gehört jedoch zum Hin­ter­grund, der Autor sieht Jesus eher wie Johannes d. T. als Prophet. Er hat auch eine realistische Erklärung, wer der leibliche Vater Jesu war. Wie dem auch sei, konnte dieser “Tatbestand” natürlich nicht in die "Verkündigung von Jesus" einfließen. Da passte die Geschichte, wie der Erzengel der Jungfrau Maria erschienen war, viel besser.

85. Jan Heller ("Der Na­me Eva", Archiv orientalni, Prag 26, 1958) war allerdings kein “Anti-Theologe”, so viel ich weiß. Doch denke ich, dass in der Arbeit über den Namen “Eva” schon ein sehr kritischer Ansatz ist, den Heller allerdings, wieder so viel ich weiß, nicht weiter verfolgt hat – aus welchen Gründen auch immer. Im Prinzip hat Heller mit seiner Arbeit doch die ganze Erbsündenlehre der Kirchen entzaubert.

86. confirmatio: Ich verwende hier einen Ansatz, auf den ich in mei­ner Dip­lomarbeit im Fach Dogmatik zum Sinn des Firmsakraments ge­kommen war. Ich habe versucht, die Bedeutung der Worte im Urtext in unsere heutige Sprache zu übertragen. Siehe dazu die Abhandlung von Dr. Karl Schlütz: „Isaias 11,2 (die sieben Gaben des hl. Geistes) in den ersten vier christlichen Jahrhunderten“ in: Alttestamentliche Abhandlungen Breslau/Müns­ter, XI. Band, 4. Heft, 1932). Die Arbeit wurde mit „gut“ bewer­tet, damit habe ich also eine Bestä­tigung, dass ich zumindest nicht völlig falsch liege.

Wenn ich den Text näher betrachte und über ihn nachdenke und bedenke, dass es in der frühen Kirche vermutlich sowohl eine Jesus- als auch eine Paulustradition gab, dann gehörte dieser Text eindeutig zu einer Jesustradititon!

87. Zuhälter: Dazu einmal etwas über die Prostitution in Gesellschaften, in denen sie ver­boten ist. Es gibt sie ja doch, so etwas wie die Prostitution hat etwas mit ei­ner inneren Einstellung von Menschen zu tun, und ist nun einmal mit Gesetz­en nicht oder nur sehr schwer in den Griff zu bekommen. Und weil die Prostitu­tio­n nun einmal gerade in solchen Gesellschaften für Frauen so (le­bens-) ge­fährlich ist, brauchen sie „Beschützer“, also Zuhälter. Und die pas­sen so­zu­sagen die harten Gesetze „realitätsnah-menschlich“ dem jeweiligen Leben an, indem sie dafür sor­gen, dass die Gesetzeshüter nicht so genau hinschau­en und also ihre „Schütz­linge“ in Ruhe lassen – indem sie diese etwa mit Geld bestechen. Doch das hat natürlich für die Frauen seinen Preis, in­dem etwa diese „Be­schützer“ etwas von dem Geld abbekommen, was die Frauen durch ihren „Beruf“ ver­dienen. Je nachdem müssen die Frauen auch für „umsonste­nen Beischlaf“ für die dafür Empfänglichen unter den „Gesetzeshütern“ zu Verfü­gung stehen (wie das heute bisweilen auch läuft, siehe unter Hinweis 63), wie natürlich auch für die Zuhälter selbst. Und wenn eine Frau hier mal „zi­ckig“ sein sollte und nicht macht, was und wie die Männer es wollen, dann wird ihr eben schon mal gezeigt, was passiert, wenn der „Schutz“ nicht mehr funk­tioniert, auch zur War­nung für die anderen Frauen. So stell­te man damals also etwa einer Frau eine Falle und richtete es so ein, dass sie „auf frischer Tat“ ertappt wurde, wie es das damalige Gesetz vorschrieb, da­mit sie also vor den „Kadi“ kam und für ihre „Zickigkeit“ mit dem Leben be­zahlen musste. Ob die Ge­set­zeshüter nun wussten oder zumindest ahn­ten, was hier lief, ist letzt­lich gleich­gültig. Niemand traute sich jedenfalls diesen Sumpf auf­zudecken, schließlich war das ja auch für die „Aufdecker“ gefähr­lich, hier ging es nun einmal auch um Leben und Tod (siehe Hinweis 34), und wie sollte die­se „Auf­de­ckerei“ auch geschehen? Hier war ja sozu­sagen ein – wenn auch vermut­lich unaus­gesprochenes – Komplott von Tätern und Wegschauern am Werk, in dem auf teuflische Weise alle Beteiligten zu­sammenhielten.

88. Die Geschichte von der Sünderin nach Johannes 8: Ich denke, ein wunderbares Beispiel, wie es Jesus um eine lebendige Moral ging, die zutefst menschlich ist und die sich gegen die erstarrte Moral sei­ner Zeit richtete, ist die bekannte Erzählung in Johannes 8 von der „Sünde­rin“, die gesteinigt wer­den sollte und die von Jesus gerettet (oder bes­ser „herausgehauen“) wurde. Üblicherweise wird diese Geschichte im­mer als „Vergebungs­ge­sch­ichte“ gedeutet, dass Je­sus also der Frau ihre „Sünden“ ver­geben hat. Doch von einer Vergebung steht nun wirklich nichts in dieser Er­zählung. Jesus verurteilt lediglich die Frau nicht und rät ihr, fortan nicht mehr zu „sün­di­gen“. Und das ist doch etwas an­deres als „Vergebung“. Mein alter Pro­fessor, der bekannte Jesuit Rupert Lay, meinte nun, dass die­se Er­zählung zwar nach heutigen Erkenntnissen nachträglich ins Johannesevan­gelium eingefügt wur­de, doch dass sie gerade deswegen viel eher stimmt als das ganze übrige Johannesevan­gelium. Denn mit dem hatten gewiss schon die dama­li­gen Menschen ihre Prob­leme im Hinblick auf den Wahrheitsgehalt, unter an­derem we­gen der zahlreichen Wunder bis hin zur Auferstehung. Wie sollten sie nun so et­was überprüfen? Wie normale Men­schen das auch heute ma­chen, wenn sie etwas Unwahrscheinliches hören, so haben die damaligen Menschen also vermutlich den Wahrheitsgehalt daran gemessen, ob auch das „drin“ war, was auch sonst noch in ihrer all­gemeinen Erinnerungskul­tur vorhanden war. Und das dürfte bei Jesus nun diese Begebenheit von der Ret­tung der Sünderin ge­wesen sein, die gerade in einer frauenfeindlichen Männer­gesellschaft wie der damaligen immer wieder insbesondere von Müt­tern an die Töchter weiter ge­ge­ben wurde nach dem Motto: „Da war mal ein richtiger Mann, der hatte wirk­lich zu uns Frau­en gehalten, so­gaeine Prostituierte hatte er einmal vor einer Steinigung rausgehauen.

89. kriminelle Strukturen. Die klassische Geschichte, wie eine Frau wegen Ehebruchs mit dem Tod be­straft werden soll, was auch beinahe gelingt, ist die Geschichte von der schö­nen Susanna im An­hang des Buchs Daniel des Alten Testaments – und da wird auch dargelegt, dass der Hintergrund ein krimineller ist. Da wollen also zwei „Ältes­te“, nach außen hin ehrenwerte „Obere“ der jü­dischen Gesell­schaft, Sex mit der schönen Susanna, einer keuschen und gottesfürcht­igen Ehe­frau haben und stellen sie vor die Alternative, entwe­der ihnen „zu Willen zu sein“, also mit ihnen Sex zu machen, oder falls sie sich weigert, dass man sie an­zeigen und ver­klagen werde, dass man sie be­obachtet hätte, wie sie Sex mit einem jun­gen Mann hatte (der aller­dings „lei­der“ entwischt sei). Ich denke, es ist ei­ne span­nende Kriminalge­schichte, in der es auch ein getrenn­tes Verhör gibt, um die Wahrheit heraus­zufinden, und auch noch zwei Todes­strafen. Es ist jeden­falls lohnend, diese Ge­schichte ein­mal genau zu lesen (sie ist in ka­tholischen Bibeln und im In­ter­net zu fin­den), um das Den­ken in der damaligen Zeit bes­ser zu ver­stehen.

Warum nur kommt niemand nun auf die Idee, dass der Hintergrund der Erzäh­lung von der Sünderin in Joh. 8 auch ein krimineller ist? Dazu zunächst einmal zu den damaligen Rechtsverhältnissen: Daher die hier kurz: Sex außer­halb der Ehe galt damals bei den Juden als Göt­zen­dienst, schließlich gehörte die kultische Prostitution in vielen nichtjüdi­schen Religionen zum Kult für die Göt­ter, und wurde daher als Götzendienst, also mit dem Tod, bestraft. Das Prob­lem ist al­lerdings, wie man nun erkennt, wer mit wem solchen Sex treibt, da­mit es überhaupt zu einer Anklage und zu ei­nem Verfahren kom­men kann? Die Vor­schrift war also: Die „Schuldigen“ mussten dafür durch zwei (männli­che!) Zeu­gen auf frischer Tat ertappt worden sein. Aller­dings wer hatte „so etwas“ schon so ge­nau beobachtet, und auch noch zu­sam­men mit einem anderen Zeugen, und wer rennt dann auch noch gleich zum „Kadi“, wenn er doch weiß, dass das die Todess­trafe für die Be­treffen­den bedeu­tet? Und wer hat schon etwas davon, wenn er so gemein ist? In der Pra­xis kam es also so gut wie nie zu sol­chen Ankla­gen und zu Todesur­teilen, selbst wenn es solche Sex­geschich­ten und sogar Prostitu­tion zur Ge­nüge gab.

Aber wann kam es denn zu Anklagen und Verurteilungen? Vermutlich pas­siert­e das nur dann, wenn es gar nicht um eine Bestrafung aus morali­schen Gründen ging, sondern wenn die Gesetze bewusst missbraucht wur­den zur Erpressung von Frauen oder zur Bestrafung von Frauen, die bei sol­chen Er­pressungen nicht mitgemacht hatten – genau wie in der Susannageschichte.

So wird es also hier bei der Verurteilung und geplanten Stei­nigung dieser Sün­derin in Johannes 8 gewesen sein. Anders als Susanna hatte die Frau gewiss Sex, vermutlich war sie eine Prostituierte, doch man hatte ihr wohl eine Falle gestellt, um einen Grund zu haben, sie zu bestrafen – um ihren „“Kolleginnen“ und überhaupt den anderen Frauen zu zeigen, wie es ihnen ergeht, wenn sie nicht mitmachen, was die Männer oder besser Zuhälter in dem damaligen 87 Sexgewerbe wollen. Für Jesus war diese Frau also nur ein Opfer, daher ging er so milde mit ihr um. Ihm ging es vielmehr um die Täter, um den Sumpf, der dahin­ter steck­te, also um diejenigen, die die Ursache waren, dass es sol­che Prosti­tuierten über­haupt gab. Und zu diesen Tätern gehörten für ihn nun nicht nur die ver­brecheri­schen Ankläger, sondern vor allem auch allle diejenigen, die immer nur wegschauen und dazu noch gera­de den jungen Men­schen nur eine fal­sche Moral (oder auch eine Schein­moral) beibringen, so dass sie in 81 diese „kaputten Systeme“ immer wieder neu hi­neinschlitterten.

Und dabei musste er schließ­lich selber ster­ben bei seinem Engagement „ge­gen die Heuchler, gegen die Sünde, für die Liebe“.

Jeden­falls kann man von dieser Geschichte her und ähnlichen Fällen aus Kul­turen, in denen Ehebrecherinnen gesteinigt werden, nun den wirklichen Jesus sehr gut rekonstruieren, so denke ich doch! Die Geschichte ist zwar im Fall Jesus etwas an­ders als bei der Susannageschichte, doch so viel schält sich heraus, wenn wir über diese Geschich­te näher nachdenken: Die Frau wurde nicht zur Steinigung verurteilt, weil sie gesündigt hatte, son­dern wohl eher, weil sie nicht bei dem, was kriminelle Männer von ihr wollten, mitgemacht hatte.

Und da es sich hier vermutlich nicht um einen Einzelfall in einer ansonsten sittlich hochstehenden Gesellschaft handelte, engagierte sich Jesus für eine Ände­rung. Und eine sol­che Änderung hätte zu einer wirklichen Revolution geführt. Doch die wollte niemand wirklich, also musste Jesus „aus dem Weg geräumt werden“.

90. "Tricks der Natur": Beim Besuch eines befreundeten Bauern in Ostpreußen (im heute polnischen Teil), der Schweine züchtet, fielen mir die zahlreichen Rattenlöcher um den Stall herum auf und ich sprach meinen Freund darauf an. “Ja”, meinte er, “mit diesen Tierchen müs­sen wir leider wohl leben. Wir haben zwar Hunde und brauchen die auch, die ab und zu einmal eine Ratte erwischen, doch im All­ge­meinen sind Hunde nicht für die Rat­ten­jagd geeignet. Geeignet wären eher Katzen. Doch leider kommen unsere Hunde nicht mit Katzen klar, wir haben es ja versucht, Katzen her zu holen, es ist auch schon einmal eine von alleine gekommen, doch die Hunde jagen immer die Katzen und beißen sie tot. Es hat einfach keinen Zweck.”

Ich habe nun diese Geschichte hier im Westen Deutschlands Freunden er­zählt und eine – offensichtlich sehr lebenskluge – Freundin meinte, dass ich meinem Freund doch den Tipp geben sollte, der besonders scharfen Hündin einfach mal kleine Kätz­chen “unterzuschieben”, die sie dann erfahrungsge­mäß als Mu­tter annehmen und großziehen würde – und mit diesen Katzen kämen die Hun­de dann auch aus. Zuerst war mein Freund ja skeptisch, ob das so funktionie­ren würde und er machte es einf­ach nicht, vermutlich hatte er auch niemanden, der Kätzchen loswerden wollte, also sprach ich ihn bei einem weiteren Besuch erneut darauf an. Und als ich ihn dann wieder einmal besuchte, fielen mir sich friedlich sonnende Hunde und Katzen vor seinem Haus auf – ja, er hatte es so gemacht, wie meine Freundin es gesagt hatte. Und es hatte funktioniert. Auch war sein Bauernhof jetzt weitgehend frei von Ratten.

Oder eine andere Geschichte: Ich hatte mir vor ca 20 Jahren günstig ein Grund­stück in Südfrankreich am Atlantik mit einem alten Supermarkt gekauft, den ich mit Freun­den gut für Ferienwohnzwecke umbauen konnte. Und da das recht große Grund­stück recht wild aussah, dachte ich, Bäume und Bü­sche anzu­pflan­zen, damit es ein wenig wie ein Park wird. Bei den einen jun­gen Pflänz­chen, den “Arbousiers”, wie Nachbarn sie nannten, die quasi als Unkraut an den Waldfändern wuchsen, klappte das sehr gut, Doch bei den anderen, den kleinen Pinien, klappte das gar nicht. Da gingen von 25 Bäum­chen, die ich ge­pflanzt hatte, nur zwei an. Zufällig kam ich mit einem Nach­barn darüber ins Ge­spräch und er erzähle mir den “Trick” bei den Pinien. Und von den 3 Pinien, die ich daraufhinn unter Berücksichtigung dieses “Tricks” gepflanzt habe, gingen alle an – und sind heute große, stattliche Bäume. Wer den Trick, der eigentlich ganz einfach ist, wissen will, möge mir bitte schreiben. Ich gebe ihn gerne weiter!

Warum ich das alles erzähle? Ganz einfach: Beim Umgang mit der Natur darf man nie aufgeben, man muss eben nur die passenden “Tricks” (das Wort klingt et­was sa­lopp, doch es ist hier genau das passende Wort) kennen. Und wenn man die kennt und entsprechend anwendet, dann sind sogar Dinge möglich, die ansons­ten für ein­fach unmöglich gehalten werden. Ich denke, so ist das auch mit unserer menschli­chen Sexualität und vor allem mit der Sexualer­zie­hung im Hinblick auf eine hohe Mo­ral, also auf eine Moral der echten Mono­ga­mie!

91. Ausblick: Immer wieder: Barry Bennell, Harvey Weinstein, Rothenham, Oxfam, Ärzte ohne Grenzen, Odenwaldschule, katholische Priester, Kölner Dom­platte ...

Allerdings ist dann auch wieder bisweilen oft in eher lächerlicher Weise von Sexismus die Rede, wenn ich etwa an den Vorwurf wegen dieses Gedichts “Avenidas” an der Berliner Alice-Salomon-Hochschule denke.

Auf alle Fälle ist das alles doch nur die Spitze eines Eisbergs. Für mich ist die “Mutter von allem Sexismus”, dass in unserer ganzen Gesellschaft, und kei­nesfalls nur in den Religionen, Mädchen im Hinblick auf echte Monogamie dumm und unwissend gelas­sen werden, und sie dadurch im Endeffekt gera­dezu zu fragwürdigen “Be­ziehungen” manipuliert wer­den. Das funktioniert ganz einfach und sieht auch noch sehr moralisch aus, indem die jungen Men­schen mit ihrem hochmorali­schen Potential in Rich­tung einer Scheinmoral der Scham und des Nicht­re­dens geschickt wer­den. Da ist es schon bald kaum noch er­wähnens­wert, wenn ihnen schließ­lich “diese fragwürdigen Beziehun­gen” auch noch als Zeichen ihres Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung dar­gestellt werden, die dann auch noch angeblich zur besonders gelungenen Emanzi­pation gehören.

Ich sehe die tiefste Ursache von allem, dass wir nach wie vor immer noch ei­ne Macho-Gesellschaft mit allen möglichen und unmöglichen Rationa­li­sierun­gen sind. Ein wirkliches Fitmachen junger Menschen, dass sie ihre Moral in ihre eigenen Hände nehmen können, mit dem Ziel einer echten Moral, und das ist eine Moral der echten Monoga­mie, die will ja niemand wirklich. Natür­lich: Auch mit dieser weitgehend üblichen Beschützerei­men­talität kann biswei­len eine hohe Moral gelingen, doch nur, wenn einige glückli­che Umstände zu­sammenkommen. Doch wo kann man mit denen heute schon rechnen?

Ein schönes Bild, wie man junge Menschen wirklich fit macht, vor dem Ver­derblichen bewahrt zu werden, ist für mich etwa die Pockenschutz­impfung. Die funktioniert, indem der junge Mensch nicht vor allen Krank­heitserregern abgekapselt wird, sondern indem er durchaus mit Krankheitserregern infiziert wird, jetzt allerdings kontrolliert mit ab­geschwächten Krank­heitserregern, so dass er selbst Antikörper bildet. Und diese Antikörper machen ihn gegen die echten Pocken, wenn sie irgend­wann einmal kommen sollten, im­mun (“aktive Immunisierung”). Auf diese Weise wurden übrigens die Po­cken, früher eine gefürchtete Seuche mit weltweit vielen Todesopfern, ausge­rottet.

Wo gibt es nun etwa in unserer Gesellschaft Initiativen, wie eine solche aktive Immunisierung in der Sexualmoral aussehen könnte, die auch zur Diskussion gestellt werden? Hier könnte es gewiss unterschiedliche Wege geben.

Jedenfalls muss es in unserer christlichen Religion einmal anders gewe­sen sein. Denn wenn ich mir die alten Texte gerade von Taufe und Fir­mung anse­he, dann geht es in denen offensichtlich nicht darum, den Glau­ben zu bewah­ren, wie das heute gesehen wird, sondern dass die jungen Menschen, denen diese Sakramente vorwiegend gespendet wur­den, fit (und vor allem intelli­gent) gegen das Böse werden. Diese Texte lassen auf eine vorhergehende “Schulung” schließen, in der den jungen Men­schen also die geeigneten In­formaitonen beigebracht wurden, wie sie die echte Monogamie selbst in einer glaubens- und moralfeindlichen Welt leben können. Also gab es damals wohl so etwas wie eine Immunisierung.

92. "schöne brave Religion": Hyan Maccoby beschreibt Paulus als "Erfinder der christlichen Mysterienkults" bis hin zum Abendmahl ("Der Mythenschmied" S. 128): "In der Zusammenschau aller Belege läßt sich an dieser Stelle festhalten, daß Paulus und kein anderer der Schöpfer des Abendmahlsritus war. Er verlieh dieser Neuerung, die er in Wirklichkeit aus den Mysterienkulten abgeleitet hatte, Ansehen durch eine Vision, in der er Jesus beim Letzten Abendmahl dabei gesehen hatte, wie er seinen Jüngern Anweisungen über den Vollzug dieses Ritus gegeben hatte. Diese paulinische Vision wurde später als historische Tatsache in die Evangelien eingefügt, nämlich in deren Erzählungen vom Letzten Abendmahl, und wurde so als solche von der großen Mehrzahl der NT-Forscher (Anmerkung des Autors der Website: bis heute!) übernommen. Die Anhänger Jesu in Jerusalem, die als fromme Juden die Vorstellung, Jesu Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken, als widerwärtig empfunden hätten, praktizierten diesen Ritus nie, sondern trafen sich schlicht zu gemeinschaftlichen Mahlzeiten, bei denen zuvor das Brot gebrochen wurde, ganz so, wie es die jüdische Überlieferung einzelnen Gemeinden innerhalb der gesamtjüdischen Gemeinschaft empfiehlt."

93. Wissenschaft: Ja, was ist überhaupt Wissenschaft? Günter Dueck, Mathematiker, Jahrg. 1951, kommt in seiner Trilogie "Omnisophie - Supramanie - Topothesie" auch auf das Thema "Wissenschaft" zu sprechen. Er sagt etwa: Wenn jemandem auf einer Gebirgswanderung bestimmte Bäume und Pflanzen auffallen, er bestimmte Verfärbungen des Bodens erkennt und welche Merkwürdigkeiten auch immer (was alles sonst niemandem auffällt) - und er daraus den Schluss zieht, dass hier etwa Gold im Boden sein muss und dass dies schließlich auch wirklich der Fall ist, so ist das ein Zeichen von Wissenschaftlichkeit dieser Person. Das Herausholen des Goldes aus dem Boden ist dagegen "nur" Kunsthandwerk.
Oder auch: Ein Professor berichtet am Semesterende über die Forschungen in seiner Fakultät. Dabei erwähnt er nicht die hervorragende Doktorarbeit eines seiner Assistenten. Der Assistent fühlt sich übergangen und ist ärgerlich. Nein, er muss es nicht sein, denn die Idee dieser Arbeit kam vom Professor, der hatte also die Vermutung, dass hier etwas Wichtiges zu erforschen war, die Arbeit war dann nur noch "Kunsthandwerk".
Also: Wissenschaft hat etwas mit dem Ungewöhnlichen, mit Intuition, sogar mit "Ver-rücktem" zu tun, etwas zu sehen, was sonst niemand sieht - und hier nicht aufzugeben, sondern mit Geduld, Kreativität und Durchhaltevermögen das Ziel bis zur Lösung zu verfolgen. Natürlich, es muss wirklich an dem Ziel etwas dran sein.

94. Pharisäer: Maccoby versucht, das negative Bild der Pharisäer, das wir Christen auch aufgrund der negativen Sicht der Pharisäer im Neuen Testament haben, zu korrigieren. Es waren also nicht die Pharisäer, die etwas gegen Jesus und seine Anhänger hatten, sondern vielmehr der Hohepriester und seine "Mannschaft", die mit den Römern zusammen arbeiteten. Allerdings kann ich nicht glauben, dass die Pharisäer bei dem, um was es Jesus ging, ganz unschuldig waren, sie werden hier genauso weggesehen haben wie das sonstige Establishment zur Zeit Jesu. Ich zitiere dazu zwei Passagen aus dem Buch von Maccoby über die Pharisäer und über die Priester und den Hohenpriester:

S. 19: "WENN WIR die Frage beantworten wollen, ob Paulus ein Pharisäer war oder nicht - oder auch die Bedeutung seines Anspruchs verstehen wollen, einmal einer gewesen zu sein -, dann ist es nötig, uns genauer als gewohnt damit vertraut zu machen, wer die Pharisäer waren und wofür sie standen. Hierbei dürfen wir nicht dem Pharisäerbild der Evangelien vertrauen, welches durch massive Feindseligkeit verzerrt ist. Die Evangelien zeichnen die Pharisäer als die Hauptwidersacher Jesu, die ihn dafür kritisierten, daß er am Sabbat Kranke heilte, und sogar planten, ihn wegen dieser Krankenbehandlungen zu töten. Ebenso stellen die Evangelien Jesus als jemanden hin, der die Pharisäer massiv kritisierte und als Heuchler und Volksbedrücker bezeichnete. Aufgrund dieses Evangelienbildes ist das Wort »Pharisäer« für den abendländischen Geist ein Synonym für »Heuchler« geworden, und die den Pharisäern zugeschriebenen Charaktermängel - Selbstgerechtigkeit, Schäbigkeit, autoritäre Rigidität und Ausschließlichkeitsanspruch - haben manches zu den Stereotypen des Antisemitismus beigetragen und wurden schließlich den Juden allgemein zugeschrieben.

In neuerer Zeit sind auch viele christliche Gelehrte dahintergekommen, daß dieses Pharisäerbild der Evangelien Propaganda ist und nicht Tatsache.2 Unsere Hauptquelle authentischer Information über die Pharisäer ist deren eigenes umfangreiches Schrifttum, das Gebete einschließt, Preislieder, Weisheitsbücher, Gesetzbücher, Predigten, Bibelkommentare, mystische Abhandlungen, Geschichtswerke und vielerlei mehr. Weit davon entfernt, öde und trockene Ritualisten zu sein, waren sie vielmehr eine der schöpferischsten Menschengruppen der Geschichte.

Des weiteren aber waren die Pharisäer - alles andere als starre und mechanische Gesetzesanwender und religiöse Vorschriftenverpasser - für die Milde ihrer Gesetzesentscheidungen bekannt (wie der im ersten nachchristlichen Jahrhundert schreibende Historiker Josephus ausführt [Ant. XIII 294] und wie dies die pharisäischen Gesetzesausführungen in aller Breite bestätigen), ebenso wie für die Menschlichkeit und Elastizität, mit welcher sie das »Gesetz« der Bibel in den sich wandelnden Bedingungen und höher entwickelten Moralkonzepten ihrer Zeit anzupassen suchten. ..."

S. 27: "Unter den Priestern waren es hauptsächlich ein paar Familien von erheblichem Reichtum und politischem Einfluß bei den (fremden und kollaborierenden) Herrschaftsträgern, die Sadduzäer waren. Die Sadduzäer bildeten in der Tat nur eine kleine Minderheit im jüdischen Volk, meist reiche Grundbesitzer oder ähnlich reiche Priester. Solche Leute waren die natürlichen Verbündeten aller gerade regierenden Machtträger, seien das ptolemäische Griechen, seleukidische Griechen, Hasmonäer, Herodianer oder Römer. Von der Unruhe im Volk waren sie demgemäß isoliert. Den Tempel als das sichtbare Zentrum des Judentums konnte jede beliebige herrschende Macht übernehmen und seine Funktionärsstellen mit Kollaborateuren besetzen. Aber mit den wahren Zentren der jüdischen Religion, die diese Funktion durch ihr Ansehen erworben hatten, nämlich den Synagogen, in denen die Pharisäer dominierten, ließ sich das nicht machen, da sie zu unscheinbar und zu verstreut waren; sie wären nicht »pluralistisch« durch eingeschleuste Einflußagenten umzufunktionieren gewesen, auch wenn die Römer dies als besten Weg zur Aushöhlung des jüdischen Widerstands erkannt hätten. Zu Zeiten Jesu und Pauli waren die Römer die Besatzungsmacht, welche für die Einsetzung eines ihnen genehmen Hohenpriesters sorgten, genau wie vor ihnen Herodes. Sie dachten, durch die Einsetzung eines dienstfertigen Quislings als Hohenpriester schon Kontrolle über die jüdische Religion gewonnen zu haben, kaum bemerkend, daß in dieser Religion das äußerlich sichtbare Haupt, der Hohepriester, in Wirklichkeit wenig zählte, da ihn die Mehrheit der Juden verachtete und ihm sogar im Bereich seiner offiziellen Zuständigkeiten wenig echte Autorität zuschrieb."

95."splitternackt": Hier gibt es doch offensichtlich einen Widerspruch in der Überlieferung des Neuen Testaments. Auf der einen Seite sind die Täuflinge bei der Taufe nackt, auf der anderen Seite kennen wir die Passagen am Anfang des 1. Korintherbriefs 11, dass die Frau beim Gebet ihr Haupt verhüllen soll usw. Und die Taufe ist ja auch so eine Art Gebet, wieso bei dem also nackt? Wie passt das zusammen? Die Lösung ist vermutlich ganz einfach: Es gibt nun einmal zwei "Sprösslinge" unseres Glaubens. Der eine ("splitternackt") ist der "Sprössling Jesus", und der steht für Offenheit, Lebensklugheit, Mut, Rationalität, Progressivität, echte Moral, gegen Spießigkeit und gegen Aberglauben, und der anderen steht für den "Sprössling Paulus", und der steht für genau das Gegenteil von allem, also für Mystizismus, Geheimniskrämerei, Glaube an Irrationales, mehr oder weniger blinder Gehorsam an alles, was "von oben" kommt, ja auch Frauen- und Judenfeindlichkeit. Leider hat nun der "Sprössling Paulus" die Botschaft Jesus bisher weitestgehend verfremdet - die Frage ist, wie lange noch? Denn wenn ein Problem erst einmal erkannt ist, dann kann es auch zu einer Lösung kommen.

96. "griechische und römische Kultur": Ja, was im Christentum ist griechisch-römisch, was jüdisch? War Jesus nun derjenige, dem es um die echte Monogamie der Menschen ging, also um eine echtes jüdisches Anliegen, um die es nach allem, was wir wissen, zu seiner Zeit auch nicht so gut bestellt war? Nicht zuletzt zitiert in diesem Sinn auch Papst Benedikt in sei­ner Regensburger Rede den evangelischen Theologen Adolph von Har­nack (1851-1930): “Als Kerngedanke erscheint bei Harnack die Rück­kehr zum ein­fachen Menschen Jesus und zu seiner einfachen Botschaft, die al­len Theolo­gisierungen und eben auch Hellenisierungen voraus liege: Diese einfache Botschaft stelle die wirkliche Höhe der religiösen Entwick­lung der Menschheit dar. Jesus habe den Kult zugunsten der Moral verab­schiedet. Er wird im letz­ten als Vater einer menschenfreundlichen morali­schen Bot­schaft darge­stellt. Dabei geht es Harnack im Grunde darum, das Christen­tum wie­der mit der mo­dernen Vernunft in Einklang zu bringen, eben indem man es von scheinbar philosophischen und theologischen Ele­menten wie etwa dem Glau­ben an die Gottheit Christi und die Drei­ein­heit Gottes be­freie.“

97. "die Rolle des Paulus .... nicht unwidersprochen": Maccoby kommt hier auf die frühe judenchristliche Sekte der "Ebioniten" zu sprechen, die in der Tradition der Jerusalemer Urgemeinde standen und die Ideen esu besonders beachtet hätten. Ich zitiere hier ab Seite 197:

"Dennoch ist das, was von ihrem Zeugnis über die Ursprünge des Christentums überliefert ist, von einzigartiger Bedeutung, denn im Unterschied zur katholischen Kirche standen sie in direkter Kontinuität zur »Kirche von Jerusalem« und dementsprechend zu Jesus selbst. Was sie über Paulus und die Umstände schreiben, unter denen er mit der »Kirche von Jerusalem« brach, verdient Beachtung und Respekt, nicht, wie üblich, Häme und Ablehnung.

Das Zeugnis der Ebioniten ist uns in zweierlei Gestalt überliefert. Zunächst finden sich in den Schriften der Kirchenväter Justinus Martyr (2. Jhd.), Irenäus, Hippolyt und Tertullian (Ende 2. Jhd./i- Hälfte 3. Jhd.), Origenes (Mitte 3. Jhd.), sowie Epiphanius und Hieronymus (4. Jhd.), wie schon erwähnt, Zusammenfassungen ihrer Anschauungen. All diese Autoren bestätigen, daß die Ebioniten sich gegen Paulus wandten, den sie als falschen Propheten ablehnten.

Der zweite Zweig der Überlieferung ist eher indirekter Art, Ergebnis der Detektivarbeit neuzeitlicher Gelehrter, nichtsdestoweniger aber sehr überzeugend. Bestimmte Texte, die uns aus der Antike und dem Mittelalter überliefert sind, stammen nach außen hin nicht von den Ebioniten, sondern von anderen religiösen Gruppierungen; doch aufwendige Analysen von Spezialisten konnten zeigen, daß alle diese Schriften eine Textebene enthalten, die von einem ebionitischen Autor stammt und später von einem nicht-ebionitischen Verfasser übernommen und überarbeitet wurde. Folgende zwei Schriften sind für unser Thema am aussagekräftigsten:

Die pseudoclementinischen Schriften. Diese Schriften blieben als anerkannte Schriften der Kirchenväter erhalten, da man fälschlicherweise annahm, sie stammten von dem ziemlich legendären Papst Clemens L, von dem man seinerseits gemeinhin annahm, er sei Schüler von Petrus selbst gewesen. In Wirklichkeit - das hat F. C. Baur im 19. Jahrhundert schon nachgewiesen, und nachdem eine Zeitlang gestritten und Baurs Arbeit verleumdet wurde, wird es mittlerweile vom größten Teil der Fachwelt akzeptiert - ist das Kernstück dieser Schriften judenchristlicher oder ebionitischer Provenienz; es kommt aus dem Syrien des 2. Jahrhunderts. Es zeugt von einer standhaften Treue zur Thora und enthält einen leidenschaftlichen Angriff gegenüber Leuten, die Petrus gegen die Thora gerichtete Ansichten unterstellen. Paulus wird nicht namentlich erwähnt, aber es gibt überdeutliche Hinweise auf ihn als den schlimmsten Feind unter der Maske des »Simon Magus«, gegen den Petrus im Text polemisiert. Petrus greift den nur oberflächlich verkleideten Paulus mit der Begründung an, er sei ein falscher Prophet, er habe Lügen über ihn, Petrus, verbreitet und, was das Wichtigste ist, er wisse nichts über die wahren Lehren Jesu, da er ihn nie von Angesicht getroffen habe und seine Vorstellungen über Jesus nur auf trügerische Visionen baue. Daß es sich bei diesem »Simon Magus« wirklich um Paulus handelt, wird mittlerweile von der Fachwelt akzeptiert, nachdem zahlreiche Religionswissenschaftler Baurs Ergebnisse in dem verzweifelten Versuch angegriffen hatten, eben diese Schlußfolgerung nicht nachvollziehen zu müssen, da ihnen durchaus klar war, zu welch weitreichenden Folgerungen ein solches Zugeständnis führen würde. Denn damit ist bewiesen, daß Paulus keineswegs eine einmütig akzeptierte Stütze der Kirche war wie Petrus, sondern eine umstrittene Figur, über deren Rolle bei der Gründung des Christentums erbittert gestritten wurde.

Die arabische Handschrift, die Shlomo Pines entdeckte. Der israelische Wissenschaftler Shlomo Pines entdeckte ein interessantes Zeugnis der Ansichten einer judenchristlichen Gemeinde zu einem späteren Zeitpunkt, vermutlich im Syrien des 5. Jahrhunderts. Er untersuchte in Istanbul ein arabisches Werk aus dem 10. Jahrhundert, verfaßt von einem Abd al-Jabbar, und konnte dabei zeigen, daß ein Abschnitt dieses Werkes in Wirklichkeit aus judenchristlicher Quelle stammt und in das arabische Manuskript eingearbeitet worden war. Der Text verrät eine ebionitische Grundhaltung: Glaube an die fortdauernde Gültigkeit der Thora, Bestehen darauf, daß Jesus ein Mensch und Prophet war, und entschlossene Gegnerschaft zu Paulus als dem Fälscher der Lehren Jesu. Folgen wir diesem Text, dann hat Paulus vor allem deswegen die Befolgung der Thora aufgegeben, um dadurch die Rückendeckung Roms sowie Macht und Einfluß für sich selbst zu erreichen. Der Text gibt Paulus sogar Schuld an der Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer: seine antijüdische Propaganda habe die Römer gegen die Juden aufgehetzt. Sein Christentum, so unsere Quelle, war in Wirklichkeit »Römertum«; anstatt die Römer zu Christen zu machen, machte er aus den Christen Römer.

Diese judenchristliche Quelle enthält gleichzeitig einige Äußerungen heftiger Kritik an den Evangelien, von denen es heißt, sie seien nicht vertrauenswürdig und widersprächen sich selbst. Zuverlässig sei einzig und allein das ursprüngliche, hebräisch geschriebene Evangelium; ob jedoch die Gemeinde, die unsere Quelle hervorgebracht hat, immer noch über ein Exemplar dieses Evangeliums verfügte, bleibt unsicher. ...

Insgesamt ergibt sich aus dem Text das Bild einer judenchristlichen Gemeinde aus dem 5. Jahrhundert, die in vielerlei Hinsicht die Verbindung zu den eigenen Quellen verloren hat und es gerade eben schafft, im Untergrund zu überleben, aber immer noch an Glaubenselementen festhält, die aus einigen Jahrhunderten vor ihrer Zeit stammen, einer Gemeinde, die an bestimmten Punkten immer noch die Verbindung zu den allerfrühesten Judenchristen überhaupt bewahrt hat, der Nazarener-Gemeinde von Jerusalem unter der Führung von Jakobus und Petrus.

Die Ebioniten konnten nicht überleben - aus dem einfachen Grund, weil sie erbarmungslos von der katholischen Kirche verfolgt wurden. Wurde jedoch diese Unterdrückung aus irgendeinem Grund unwirksam (z.B. dadurch, daß ein Landstrich aus christlicher unter moslemische Herrschaft geriet), kamen sie gelegentlich aus ihren Verstecken und konnten sich offen zu ihrem Glauben bekennen. Es gibt sogar Anzeichen dafür, daß dies noch im 10. Jahrhundert vorkam, und zwar im Werk des jüdischen Philosophen Saadia.  In den allermeisten Fällen jedoch waren die Ebioniten gezwungen, sich hinter der Maske der Rechtgläubigkeit zu verbergen, und nach und nach führte dies zu vollständiger Assimilation. Während der Zeit allerdings, als sie an ihrem heimlichen Glauben noch festhielten, hatten sie oft einen tiefgehenden Einfluß auf das gesamte Christentum; es gibt Gründe für die Annahme, daß zahlreiche »juda'isierende« Ketzereien in der Geschichte des Christentums einschließlich des Arianismus auf im Untergrund aktive ebionitische Gemeinden zurückzuführen sind. Ihr Einfluß ging in Richtung Humanisierung und Sorge für das Diesseits, richtete sich gegen die schlaffe Anpassung an Sklaverei und Unterdrückung und war bemüht, den Antisemitismus der Christen in Schranken zu halten. Die Ebioniten standen für eine alternative Tradition im Christentum, die nie vollständig ausstarb.
Aus diesen Gründen sind die Ebioniten keineswegs eine zu vernachlässigende oder gar lächerliche Gruppe. Ihr Anspruch, die wahren Lehren Jesu zu vertreten, muß ernstgenommen werden. Es ist daher auch ganz falsch, ihre Aussagen und Wertungen über Paulus als nicht der Beachtung wert abzutun.
Beschäftigen wir uns also genauer mit der ältesten noch nachweisbaren Formulierung der ebionitischen Einschätzung des Paulus, die sich in den Schriften des hl. Epiphanius (4. Jhd.) findet! »Sie sagen, er sei Grieche gewesen [...] Er ging hinauf nach Jerusalem, und als er dort eine Weile gelebt hatte, ergriff ihn eine große Leidenschaft für die Tochter des Priesters, und er wollte sie heiraten. Aus diesem Grunde trat er zum Judenrum über und ließ sich beschneiden. Als er das Mädchen schließlich doch nicht bekam, packte ihn rasende Wut, und er verfaßte Schriften gegen die Beschneidung, gegen den Sabbat und gegen das Gesetz« (Epiphanius, Panarion XXX 16,6-9). Dieser Bericht entspricht natürlich nicht der geschichtlichen Wahrheit. Er entspricht dem, was Epiphanius als Aussagen der Ebioniten im 4. Jahrhundert wiedergibt, und trägt den Stempel sowohl der Feindseligkeit des Epiphanius gegenüber den Ebioniten als auch der Feindseligkeit der Ebioniten gegenüber Paulus. Dennoch findet sich ein Kern in diesen Aussagen, der durchaus der Wahrheit entsprechen könnte.

Vor allem zwei Elemente der Geschichte haben sich schon in unseren vorherigen Erwägungen als wichtig herausgestellt: die Tatsache, daß Paulus »Grieche« war (d.h. ein Nicht-Jude aus dem hellenistischen Umfeld) und daß er mit dem Hohenpriester (hier einfach »Priester« betitelt) zu tun hatte. Als drittes Element, das historische Wahrheit beanspruchen kann, findet sich darin, daß Paulus mit seinem Ehrgeiz gescheitert sei, unter den Juden etwas zu gelten, und daß er daraufhin aus den Diensten des Hohenpriesters desertierte und sich in der Jesusbewegung engagierte. Daß Paulus hier als enttäuschter Liebhaber dargestellt wird, ist ein typisches Produkt volkstümlicher Einbildungskraft, geht aber doch nicht ganz am Kern der Sache vorbei. Paulus war tatsächlich verliebt, wenn auch nicht in die Tochter des Hohenpriesters, so doch in das Judentum, dessen Symbol (wenn auch nicht gültiger Repräsentant) der Hohepriester war. Es war die enttäuschte Liebe zum Judentum, die Paulus zur Erfindung des Christentums trieb.

Auf einer weniger emotionalen, realistischeren Ebene war der Hohepriester ja wirklich die Schlüsselfigur im Leben des Paulus: er war sein Dienstherr, als er die Nazarener verfolgte, er war sein unerbittlicher Feind, als er durch seinen Abfall von dessen Kollaborateursregime in Damaskus aus seinen Diensten desertierte, und er stand ihm wieder als Todfeind gegenüber, als er, der feindseligen nazarenischen Volksmenge entkommen, sich unter den Schutz der römischen Polizei geflüchtet hatte.

Der Bericht des Epiphanius ist eindeutig unvollständig, denn er enthält keinerlei Hinweis auf die Beziehungen zwischen Paulus und den Nazarenern von Jerusalem. Die Ebioniten zu Epiphanius' Zeiten hatten sicherlich eine eigene Einschätzung des Verhältnisses zwischen Paulus auf der einen und Jakobus und Petrus auf der anderen Seite.

Dennoch: so unvollständig und romantisierend der von Epiphanius überlieferte Bericht sein mag, so ist er doch in mehreren Aspekten genauer als der Bericht über Paulus, den die Kirche weitergibt, oder gar die Angaben, die Paulus über seine Person in seinen Briefen macht. Anstelle des respektablen Pharisäers makellos jüdischer Abstammung, anstelle des Freundes von Jakobus und Petrus und mit ihnen ranggleichen Führers entdecken wir hinter den verstümmelten und verzerrten Aussagen im Bericht des Epiphanius über die Ansichten zeitgenössischer Ebioniten doch noch Spuren des realen, historischen Paulus - Spuren eines innerlich zerquälten Abenteurers, der mit List und Verstellung seinen Weg findet, sich immer wieder knapp aus gefährlichen Situationen windet und schließlich eine Religion stiftet, die ganz und gar seine individuelle Schöpfung ist."

Die Frage stellt sich natürlich, warum bei Maccoby, der doch offensichtlich sehr gut recherchiert hat, bei Jesus (und natürlich auch bei Paulus) nichts von dem auftaucht, was ich hier als Kern des Engagements Jesu ausgemacht habe. Ich denke, dafür gibt es mehrere Gründe:
1. Auch Maccoby ist typischer Studierstubengelehrter und findet daher nach der These Albert Schweitzers nur das, was seinem "Hobby" entspricht, und das ist bei Maccoby nun einmal das Problem des Antisemitismus. Dagegen taucht das Problem der Frauenfeindlichkeit in seinem Buch überhaupt nicht auf.
2. Auch die Eboniten hatten vermutlich sehr große Angst, sich genauso die Finger zu verbrennen, wie sie sich Jesus verbrannt hat - und auch sie dachten, "das Problem" durch besondere Gottesfürchtigkeit zu lösen, ohne es ausdrücklich anzusprechen,
3. Möglicherweise hatten sie das Problem des Engagements Jesu auch gar nicht richtig verstanden, wegen der wohl zu allen Zeiten üblichen Tabuisierung von allem, was mit der Moral der Sexualität zusammen hängt.

Hier noch einige Worte zu Maccoby: Es ist gewiss ein hervorragendes Buch. Aber: Er schreibt lang und breit über die Steinigung des Stephanus und dass die ganze Geschichte etwas wirr klingt. Dabei ist doch ganz einfach: Ich habe zwar nicht viel Griechisch gelernt und war dann auch noch ein sehr schlechter Schüler. Doch so viel habe ich mitbekommen: "Stephanos" ist ein griechisches Wort und bedeutet so viel wie "Siegeskranz" (oder auch im kirchlichen Gebrauch "Märtyrerkranz"). Und dass einer gleich so heißt wie das, was ihm später widerfahren ist, ist doch absolut unwahrscheinlich. Das heißt also, dieses Ereignis von der "Steinigung des Stephanus" hat es nie gegeben, es ist also frei erfunden, die Geschichte wurde geschrieben zur Erbauung der Gläubigen. So ähnlich ist das auch mit der Geschichte von der Veronika, die Jesus während seines Kreuzwegs das "Schweißtuch" reicht und mit ihm das Gesicht Jesu abtrocknet – und hinterher auf dem Schweißtuch das Bild Jesu vorfindet, also das "wahre Bild". Und sie heißt also auch gleich so, "Veronia" ist lateinisch-griechisch und bedeutet "wahres Bild". Zur Ehre der Verfasser der Evanglien muss allerdings gesagt werden, dass diese Episode in ihren Schriften gar nicht enthalten ist, das ist spätere von der Kirche initiierte Volksfrömmigkeit.
Und das andere ist der Grund der Kreuzigung Jesu. Maccoby rätselt herum: "....Zu vermuten ist daher, daß der Galiläer Jesus aus dem gleichen Grunde am Kreuz starb wie viele andere Galiläer: weil er für die römische Besatzungmacht eine Bedrohung oder Herausforderung darstellte..." (S. 49f). Oder auch: "Es bleibt also nur noch eine Anklage der politischen Rebellion übrig..." (S. 51 u.). Auch Maccoby fehlt also jede Phantasie, dass es noch etwas anderes gibt als eine Rebellion aus politischen Gründen .... Wie ich immer sage: "typisch Studierstubengelehrter", also auch Hyam Maccoby, schade ...

98. Auftragstaktik: Die funktioniert aber auch nicht immer. Möglicherweise ging der erste Weltkrieg für Deutschland verloren, weil das eigenmächtige Vorgehen des Generalobersten Alexander von Kluck den sorgfältig vorbereiteten Schlieffenplan durchkreuzte, der Anfang September 1914 zur Einnahme von Paris und zum schnellen Kriegsende führen sollte.


99. Zur Literatur
: Ich verweise hier auf die These 6 auf Seite 1

Ulrich Becker, “Jesus und die Ehebrecherin”, Verlag Alfred Töpelmann, Berlin, 1963
Marc Gibbs, "Die Jungfrau und der Priester", siehe unter Hinweis 84.

Jan Heller, "Der Name Eva", siehe unter Hinweis 85.

Christian Lindtner, “Geheimnisse um Jesus Christus”, Übersetzung aus dem Dänischen, Lühe Verlag, ISBN 3-926328-06-1,

Gerd Lüdemann, "Der große Betrug“. Und was Jesus wirklich sagte und tat, (4. Aufl. 2002) Zu Klampen, Springe. Auch für Lüdemann gilt dasselbe wie für Ulrich Becker (s. o.): typischer „Studierstubentheologe“.

Hyam Maccoby, “Der Mythenschmied. Paulus und die Erfindung des Christentums”. Übers. und hrsg. von Fritz Erik Hoevels, Ahriman-Verlag, Freiburg 2007. S. hierzu ein längeres Zitat von H. Maccoby unter Hinweis 76.

Ortega y Gasset, „Über die Liebe“, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1954.

Ulrike Ranke-Heinemann, "Nein und Amen. Mein Abschied vom traditionellen Christentum“, Hoffmann und Campe, Hamburg 2017. Und auch hier wie Ulrich Becker und Gerd Lüdemann: Studierstubentheologin.


100. Halbweltmafia.
Siehe unter "Jesusanhänger".

101. Nacktheit. Da es über 20 Fotos sind, die wohl anlässlich einer Nacktradtour in Deutschland (?) aufgenommen wurden und ich auch noch etwas Text dazu geschrieben habe, habe ich dafür eine eigene URL gemacht. 


102. Zum Thema "Wissenschaftlichkeit" möchte ich hier aus der Arbeit "Naturwissenschaften und manifestes Weltbild - Über den Naturalismus"
von Ansgar Beckermann (Bielefeld) ab Seite 13 zitieren, wie der österreichisch-ungarische Arzt Ignaz Semmelweis mit einer ganz "ursprünglichen Wissenschaftlichkeit" die Ursache des Kindbettfiebers herausgefunden und das Problem gelöst hat, weil sein Erkenntnisweg ganz einfach so interessant ist:

                                                                                                    ***

Ein Hauptanliegen wissenschaftlicher Untersuchungen ist die Elimination möglicher Fehlerquellen und das Ausschließen alternativer Erklärungen der zu erklärenden Phänomene.

Ich kann diesen Punkt hier nicht weiter theoretisch entfalten, möchte ihn aber doch durch ein Beispiel veranschaulichen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden immer mehr Entbindungen in Krankhäusern durchgeführt. Doch dies führte auch zu Problemen. So stieg im Allgemeinen Krankenhaus in Wien seit den 1830er Jahren die Zahl der Mütter sprunghaft an, die am Kindbett- beziehungsweise Puerperal-Fieber starben. Allerdings unterschieden sich die Ansteckungs- und Todesraten der Ersten Geburtshilflichen Abteilung deutlich von denen der Zweiten.

„1844 starben nicht weniger als 260 von 3157 Müttern der Ersten Abteilung (8,2 Prozent) an dem Leiden; 1845 betrug die Todesrate 6,8 und 1846 waren es 11,4 Prozent. Diese Zahlen waren um so alarmierender, als in der benachbarten Zweiten Geburtshilflichen Abteilung des gleichen Krankenhauses, die fast genauso viele Frauen versorgte, die Todesrate durch Kindbettfieber in denselben Jahren viel niedriger lag: 2,3 2,0 und 2,7 Prozent.“ (Hempel 1974, 11)

Einer der Ärzte, denen diese Entwicklung große Sorgen bereitete, war Ignaz Semmelweis, der zunächst verschiedene Erklärungen untersuchte, die zu jener Zeit gängig waren. „[E]inige davon wies er sofort als unvereinbar mit außer Frage stehenden Tatsachen zurück; andere unterwarf er spezifischen Tests.“ (Ebd.) Eine Vermutung lautete: Das Kindbettfieber gehe auf epidemische Einflüsse zurück, „die vage beschrieben wurden als ‚atmosphärisch-kosmischtellurische Änderungen‘“ (ebd).

„Aber wie, so überlegte Semmelweis, hätten solche Einflüsse die Erste Abteilung jahrelang befallen können und die Zweite dabei verschont? Und wie konnte diese Ansicht mit der Tatsache in Einklang gebracht werden, daß, während das Fieber im Krankenhaus wütete, kaum ein Fall sich in der Stadt Wien und seiner Umgebung ereignete: eine echte Epidemie, wie z. B. Cholera, würde nicht so selektiv sein. Endlich fiel Semmelweis noch auf: einige Frauen, die für die Erste Abteilung aufgenommen waren, aber weit entfernt vom Krankenhaus wohnten, wurden auf ihrem Weg von Wehen befallen und entbanden auf der Straße; trotz dieser widrigen Umstände war die Todesrate durch Kindbettfieber bei diesen Fällen von ‚Straßen-Geburt‘ niedriger als der Durchschnitt in der Ersten Abteilung.“ (Ebd., 11 f.)

Eine zweite Vermutung war: Die höhere Ansteckungs- und Sterberate in der Ersten Geburtshilflichen Abteilung gehe auf die Überbelegung dieser Abteilung zurück. Doch Semmelweis fiel auf, dass die Belegung in der Zweiten Abteilung sogar noch höher war. Außerdem gab es zwischen den beiden Abteilungen auch keinen Unterschied im Hinblick auf die Verpflegung und allgemeine Behandlung der Patientinnen. 1846 äußerte eine Kommission eine dritte Vermutung: Die höhere Zahl der Fälle von Kindbettfieber auf der Ersten Abteilung liege an den Verwundungen, die durch die zu grobe Untersuchung durch die Medizinstudenten entstanden sein sollten, die alle in dieser Abteilung ihre Ausbildung erhielten.

„Um diese Ansicht zurückzuweisen, führte Semmelweis an, daß a. die Verletzungen, die natürlicherweise beim Geburtsverlauf entstehen, viel schwerer sind als die durch grobe Untersuchung eventuell hervorgerufenen; daß b. die Hebammen, die auf der Zweiten Abteilung ausgebildet wurden, ihre Patientinnen fast auf die gleiche Art untersuchten, jedoch ohne die gleichen verderblichen Folgen; daß c., als in Reaktion auf den Bericht der Kommission die Anzahl der Medizinstudenten halbiert und ihre Untersuchungen der Frauen auf ein Minimum reduziert wurden, die Sterblichkeit nach kurzem Abfall auf ein höheres Niveau stieg als je zuvor.“ (Ebd., 12)

Eine vierte Hypothese lautete: Die höhere Zahl der Fälle von Kindbettfieber in der Ersten Abteilung gehe darauf zurück, „daß der Priester, der den sterbenden Frauen die Kommunion bringe, erst fünf Stationen passieren müsse, um den dahinterliegenden Krankensaal zu erreichen: das Erscheinen des Priesters, begleitet vom Meßdiener mit einer Klingel habe auf die Patientinnen der Stationen angeblich eine so erschreckende und entkräftende Wirkung, daß es sie zu leichteren Opfern des Kindbettfiebers mache. In der Zweiten Abteilung fehlte dieser widrige Faktor, da der Priester zum Krankenzimmer direkten Zugang hatte.“ (Ebd., 13)

„Semmelweis entschloß sich, diese Vermutung zu überprüfen. Er überredete den Priester, auf einem Umweg und ohne Klingel zu kommen, um das Krankenzimmer leise und unbeobachtet zu erreichen. Die Sterblichkeit in der Ersten Abteilung sank jedoch nicht.“ (Ebd.)

Schließlich beobachtete Semmelweis, dass in der Ersten Abteilung die Frauen auf dem Rücken liegend entbunden wurden, in der Zweiten dagegen auf der Seite liegend. Konnte dies der entscheidende Faktor sein? Semmelweis „führte auf der Ersten Station die laterale Stellung ein, aber wiederum blieb die Sterblichkeit unverändert“ (ebd.).

Schließlich führte Anfang 1847 ein Unglücksfall Semmelweis auf die richtige Spur. „Einer seiner Kollegen, Kolletschka, erhielt von dem Skalpell eines Studenten, mit dem er eine Autopsie durchführte, eine punktförmige Verletzung am Finger und starb nach einer quälenden Krankheit, in deren Verlauf er die gleichen Symptome erkennen ließ, die Semmelweis bei den Opfern des Kindbettfiebers beobachtet hatte. Obwohl die Rolle der Mikroorganismen bei solchen Infektionen zu jener Zeit noch nicht bekannt war, begriff Semmelweis, daß ‚Leichensubstanz‘, vom Skalpell des Studenten in Kolletschkas Blutstrom geraten, die tödliche Krankheit des Kollegen verursacht hatte. Die Ähnlichkeiten im Krankheitsverlauf bei Kolletschka und bei den Frauen in seiner Klinik führten Semmelweis zu dem Schluß, daß seine Patientinnen an der gleichen Art von Blutvergiftung gestorben waren: er, seine Kollegen und die Medizinstudenten waren die Träger des infektiösen Materials, denn sie kamen gewöhnlich direkt in die Stationen, nachdem sie im Autopsie-Saal Sektionen durchgeführt hatten, und untersuchten die in Wehen liegenden Frauen, nachdem sie sich nur oberflächlich die Hände gewaschen hatten, denen auch oft noch ein charakteristischer Verwesungsgeruch anhaftete.“ (Ebd., 13 f.)

Semmelweis testete diese letzte Hypothese. Da Chlorkalk auch bisher schon zur Reinigung und Desinfektion der Präparierbestecke eingesetzt wurde, ordnete er an, dass alle Studenten, die von einer Sektion kamen, die Hände mit Chlorkalk-Lösung waschen mussten, bevor sie auf die Wöchnerinnenstation gingen. „Die Sterblichkeit an Kindbettfieber begann prompt zu sinken; sie fiel 1848 auf 1,27 Prozent in der Ersten Abteilung, gegenüber 1,33 Prozent in der Zweiten.“ (Ebd., 14)

„Seine Idee, oder – wie wir auch sagen werden – seine Hypothese, wurde wie Semmelweis bemerkte, auch durch die Tatsache gestützt, daß die Sterblichkeit in der Zweiten Abteilung durchweg so viel niedriger lag: dort wurden die Patientinnen von Hebammen gepflegt, deren Ausbildung keinen Anatomie-Unterricht mit Leichensektion umfaßte. Die Hypothese erklärte auch die niedrigere Sterblichkeit bei ‚Straßen-Geburten‘: Frauen, die mit ihrem Kind auf dem Arm ankamen, wurden nach der Aufnahme kaum noch untersucht und hatten somit eine größere Chance, der Infektion zu entkommen.“ (Ebd.)

Weitere Beobachtungen brachten Semmelweis schließlich dazu, seine Hypothese zu erweitern. „Zum Beispiel untersuchten er und seine Kollegen, nachdem sie sich sorgfältig ihre Hände desinfiziert hatten, bei einer Gelegenheit eine in Wehen liegende Frau, die an einem eitrigen Gebärmutterkrebs litt; daraufhin setzen sie ihre Untersuchungen an zwölf weiteren Frauen in diesem Raum fort, nachdem sie sich nur routinemäßig ohne erneute Desinfektion gewaschen hatten. Elf der zwölf Patientinnen starben an Puerperalfieber. Semmelweis folgerte daraus, daß Kindbettfieber nicht nur durch Leichensubstanz, sondern auch durch ‚verfaulende Materie aus lebendigen Organismen‘ verursacht werden kann.“ (Ebd.)

Semmelweis’ Vorgehensweise illustriert das systematische Vorgehen bei wissenschaftlichen Untersuchungen in besonders eindrucksvoller Weise. Wenn man herausfinden will, was für ein Phänomen A verantwortlich ist, muss man erstens Fälle, in denen A auftritt, sorgfältig mit Fällen vergleichen, in denen A nicht auftritt. Wenn man einen Faktor B gefunden hat, in dem sich Fälle der ersten Art von Fällen der zweiten Art unterscheiden, ist man aber noch nicht am Ziel. Denn dann muss man zweitens überprüfen, ob hier nicht nur ein zufälliger Zusammenhang besteht. Dies lässt sich zum Beispiel feststellen, indem man untersucht, ob man A erzeugen kann, indem man die Bedingung B selbst schafft, und ob man A verhindern kann, indem man dafür sorgt, dass B nicht der Fall ist. Experimente dienen genau diesem Zweck: Mit ihnen versucht man, wirklich relevante von nur scheinbar relevanten Faktoren zu unterscheiden. Natürlich lassen sich nicht in allen Fällen Experimente durchführen; dann muss
man auf andere Weise versuchen, relevante von nur scheinbar relevanten Faktoren abzugrenzen. Wissenschaft ist also nicht auf experimentelle Verfahren festgelegt; sie sind nur für die Klärung bestimmter Fragen besonders nützlich. Aber nicht, weil es um Naturbeherrschung geht, sondern weil Experimente besonders geeignet sind, wenn man tatsächlich relevante von bloß scheinbar relevanten Faktoren unterscheiden möchte.

Um es auf den Punkt zu bringen, meine These lautet: Es gibt nicht so etwas wie eine einzige oder die wissenschaftliche Methode. Was es gibt, ist eine Vielzahl von Methoden, die allerdings ein gemeinsames Merkmal haben – alle sind Teil eines besonders methodischen oder systematischen Vorgehens bei dem Versuch, Belege zu finden und zu bewerten. Aber dieses Vorgehen ist immer geboten, wenn man herausfinden will, wie die Welt wirklich beschaffen oder was für ein Phänomen tatsächlich verantwortlich ist. Und: Dieses Vorgehen schließt nichts aus; es gibt nichts, was sich auf diese Weise nicht untersuchen ließe.

                                                                                                ***

Ja, das ist doch noch echte Wissenschaftlichkeit, und völlig anders als etwa diese moderne Sexualwissenschaft, deren Basis "naturalistische Fehlschlüsse" sind, siehe Frage und Antwort 29 unter https://basisreli.lima-city.de/fragen.htm!
 
Bei meinen "Untersuchungen", warum "unschuldige Mädchen" ohne irgendeine Not mit dem Sex anfangen, bin ich im Prinzip genauso vorgegangen wie dieser Arzt Ignaz Semmelweis - und ich stoße bei manchen Menschen auch erst einmal auf großes Unverständnis (aber nicht bei allen!). Siehe hierzu in der online-Broschüre "Echte Monogamie von der Vernunft her" https://basisreli.lima-city.de/ehe-krim.pdf ab Seite 8 und die Lösung ab Seite 31.


103. Vorsatz und Gebet um ein intelligentes ethisches Leben: Es fällt auf, dass es in diesem Text 86  offensicht­lich um etwas völlig ande­res geht, als um das, das wir heute in dem Sakrament der Firmung sehen, zu dem dieses Segensgebet gehört. Das hier frei übersetzte Gebet um die sie­ben Geistesgaben war nach dem Kir­chenvater Justin (um 100-165) in der frü­hen Kirche üblich. Es handelt sich also offensichtlich um einen früh­christlichen Segen, der eigentlich von allen heutigen Konfession­en an­erkannt werden soll­te. Aus dem Zusammenhang (Justin dial. 87,5 <Mg PG 6 683/684 A>) geht ganz deutlich hervor, dass es da­mals nicht um eine Glau­bensbe­teuerung an wen oder an was auch immer (so etwas wie ein Glaubensbekenntnis gab es ja auch noch gar nicht) ging, son­dern um eine mo­rali­sche Ein­stellung und um eine kreative und intelli­gente Treue zu dieser Ein­stellung. Auch ist von einem Ge­löbnis des Gesegneten dabei nicht die Rede. Damit scheint dieses Segensgebet noch zur Jesusideologie zu gehören und nicht zur Paulusideologie – und somit kann es hier nicht nur akzeptiert werden, sondern es ist so etwas wie eine zentrale Orientierung!

Wenn wir nun beden­ken, dass ein Gebet um Geistesgaben, die offensicht­lich das Wichtigste in diesem Gebet sind, vor al­lem jun­ge Men­schen be­trifft, die ja in ihrem persönlichen Le­ben vor nicht gera­de einfachen morali­schen Entscheidungen stehen, und dass an­de­rerseits ganz offensichtlich die Scham da­mals nicht als Grund­lage der Sexualmo­ral galt (bei der­ Taufe waren die Täuf­linge sogar splitternackt), sondern der Geist oder eben die „In­forma­tion“, dann dürf­te das Gebet damals genau in der Weise einge­setzt wor­den sein, für die ich auch heute plädiere. Denn „diese zwi­schenmenschli­chen Prob­leme“ gab und gibt es doch zu al­len Zeiten – und doch auch „im alten Rom“. Der Hinter­grund der christlichen Pädagogik kann also damals nicht diese Frühsexualisierungs­h­ysterie gewesen sein, wie sie heute immer noch man­che Pädago­gen beherrscht, die sich oft genug auch noch für sehr christlich halten. Sie muss viel­mehr so konkret gewesen sein, dass die jungen Men­schen begriffen hat­ten, um was es ging, damit sie in ein Kon­zept einer echten Monogamie früh- und rechtzei­tig hin­ein­wachsen konnten. Nur so konnte ja vermieden wer­den, dass sie erst einmal „falsch“ an­fingen, denn dann wäre ja das Ziel der echten Mo­nogamie schon in der Ju­gend ver­passt worden. (Wie man es bes­ser machen könnte, siehe un­ter Hinweis 48.)

Jedenfalls würde der Text durchaus als krönender Abschluss einer sol­chen realistischen Pädagogik (auch heute noch!) passen (lateinisch unter 40):

Heiliger Geist (oder auch bestmögliche Intelligenz) komme über Euch und die Kraft des Allerhöchsten be­wahre Euch vor Sünden (al­so vor Fehlern in Euren menschlichen Beziehungen)!

Höchster ewiger Gott! Der Du diesen Deinen Kindern die Wie­dergeburt aus dem Wasser und aus heiligem Geist gewährt hast, Dich bit­ten wir:

Gieße auf sie Deinen siebenfältigen Geist aus:

  • Den Geist der Weisheit und des Verstandes. Dass ihr also das Gute vom Schlechten, das Vernünftige vom Dummen, das wirklich Morali­sche vom Scheinmoralischen, das Pro­blematische vom Unproblema­tischen unterschei­den könnt.

  • Den Geist der richtigen Entscheidung und des Durchhaltevermög­ens. Dass ihr die für Euch die passen­den Ent­scheidungen trefft, das Proble­matische nicht zu tun und das Unprob­lemati­sche zu tun, und diese auch durch­haltet.

  • Den Geist der Erkenntnis und der Demut. Dass Ihr er­kennt, welche Ideen und Ideologien gut und nützlich sind und Ihr also nicht falschen Ideen und Ideologien hin­terher lauft. Und dass Ihr Euch im­mer bewusst seid, dass Ihr nicht alles wisst und Ihr also auch nicht den komplet­ten Über­blick habt und dass Ihr schon von daher immer offen für sinnvolles Neues seid.

  • Den Geist der Furcht Gottes. Dass bei allem die Gebote Got­tes oder eben auch die Spielregeln des Paradieses un­ter allen Umstän­den für euch Gültigkeit haben.“

Und jetzt für jeden Gesegneten einzeln:

Ich bezeichne dich mit dem Zeichen des Kreuzes, also dem Zei­chen desjeni­gen, der sich bis zu und mit seinem Tod für die Ver­wirklichung der Liebe ein­gesetzt hat und dem du dich hiermit ver­pflichtet sehen solltest.“

Zum Ursprung der confirmatio s. unter Hinweis 86.

Die Folge dieser offensichtlich realistischen Pädagogik war, dass schon die jungen Christen damals so sehr Christen waren, dass sie sogar lieber für ih­ren Glauben starben als gegen ihn zu handeln. Ja, wer will schon auf die wirkliche Liebe im Leben verzichten, wenn er erst einmal weiß, um was es da­bei geht?

In der frühen Kirche gab es dazu dann eben noch eine Ganzkörpersal­bung (also des nackten Körpers – durch den Bischof) mit geweihtem Öl. Das Öl wur­de hier von sei­ner heilenden Kraft her gesehen, das auch für die Din­ge der See­le und des Geistes wirksam ist. Wir denken hier nun heu­te et­was an­ders und wollen gewiss nicht einem fremden Mann, der der Bischof ja ist, eine Ganzkörper­salbung unserer Kinder zumuten. Doch könnte es ja auch hier so et­was wie ein „Dreiecksverhältnis Eltern-Kirche-Kinder“ geben: Eltern und Kir­che sind sich also beim Erziehungsziel der echten Monogamie einig, also in­formiert die Kirche im Gruppenrahmen die jungen Leute über die Idee der echten Moral und begeistert sie auch davon und die Eltern übernehmen die „Praxis“. Das wäre doch mal etwas, wenn der Vater also die Ganzkörpersal­bung vornimmt!

Doch sollte nicht alles, was mit Sexualerziehung zu tun hat, Aufgabe der El­tern sein? Ich habe hier meine Bedenken. Denn das Problem einer solchen Elternerziehung ist doch, dass auf diese Weise in der Praxis doch immer nur ein­zelne junge Men­schen anges­prochen würden. Um auch hier wieder ein Bild zu ge­brauchen: Was hätten ein­zelne Kinder davon, wenn ihnen El­tern, die alle aus anderen Ländern stam­men, ihre speziellen Herkunftsspra­chen bei­bringen, die eben bei ihnen zu Hause gesprochen wurden? Die Folge wäre doch ein Turmbau-von-Ba­bel-Chaos, keiner versteht die anderen – oder im­mer nur falsch! So also auch in der Moral: Es funktioniert einfach nicht, es den Eltern zu überlassen, ihre Mo­ral ihren jungen Leuten beizubringen. Also kann eine Moralerziehung immer nur eine Gemeinschaftssache sein!

104. Warum gerade diese Geschichte wohl viel eher auf den wirklichen Jesus zurückzuführen ist als das ganze sonstige Johannesevangelium und überhaupt das Neue Testament: Zwar ist die Erzählung, wie Jesus die Sünderin vor der Steinigung rettet, nachträglich in das Johannesevangelium eingefügt worden, doch – so der Jesuit Professor Rupert Lay – gerade deswegen ist sie wohl wahrer als das ganze übrige Johannesevangelium. Ich kann mich nicht mehr an seine Begründung erinnern, doch ich gebe hier meine wieder mit dem Hintergrund der „Enttarnung“ des Neuen Testaments in dem Text "Der Krominalfall Jesus": Diese Erzählung erinnerte bei der Konstruktion der Evangelien in dem Sinn, den ich für den ursprünglichen halte, einfach zu sehr an den wirklichen Jesus. Daher wurde sie weggelassen, denn genau die Erinnerung an den wirklichen Jesus sollte ja unterdrückt werden. Auch als dann um 100 n. Chr. das Johannesevangelium von wem auch immer verfasst wurde, war sie in diesem Evangelium nicht enthalten. Doch weil nun Jesus in dieser Erzählung so brisant war, weil er einmal ein Mann war, der die große Ausnahme unter allen sonstigen Männern war, der sich wirklich für Frauen einsetzte, war sie im Volk noch in Erinnerung. Sie war eben immer wieder von den Müttern auf die Töchter und von denen dann auf ihre Töchter usw. weitergegeben worden. Als dann das Johannesevangelium auftauchte, wurde „vom Volk“ sein Wahrheitsgehalt daran gemessen, ob also auch diese Erzählung in ihm enthalten war. Und weil sie nicht enthalten war, wurde sie nachträglich eilends in es eingefügt – darauf spekulierend, dass der ursprüngliche Sinn vergessen war – jetzt mit einem anderen Sinn, nämlich dem der Barmherzigkeit und Vergebung Jesu und dass wir uns daran ein Beispiel nehmen sollen. So wurde auch hier wieder der wirkliche Jesus entschärft – und dabei ist es bis heute geblieben, wenigstens vorerst.

105. Mafia: Darauf, dass es auch damals schon so etwas wie eine Mafia gab, bin ich durch einen Artikel vom 28.5.2018 in der Zeitung DIE WELT "Russische Mafia ist im Westen allgegenwärtig" über ein Buch von Mark Galeotti, Leiter des Zentrums für Europäische Sicherheit in Prag gekommen. Und wenn ich überlege, was ich bisher von diversen Mafia-Organisationen gehört habe, die es heute so gibt, also von der süditalienischen und sizilianischen Mafia in Italien, von der italienischen in den USA, von der Mafia in Japan und in Indien – und um was es da alles geht, also um Prostitution, Drogen, Glücksspiel, Subventionsbetrug, Geldwäsche, Schutzgelderpressung, Vergabe von (öffentlichen) Aufträgen und Stellen, dann heißt das für mich, dass es Mafias wohl zumindest in allen anonymen Gesellschaften gibt. Bedingung ist, dass etwas in einer Gesellschaft verboten ist, was es aber trotzdem gibt, und/oder dass es relativ leicht mit irgendetwas (viel und einfach) Geld zu verdienen gibt und vor allem wonach Bedarf bis zur Sucht besteht und die Menschen bereit sind, dafür (viel) Geld auszugeben. Und wenn es solche Mafias heute gibt, warum soll es die nicht auch vor zweitausend Jahren schon gegeben haben, wo es doch dieselben oder vergleichbare Bedingungen gab wie heute, also "anonyme Gesellschaft" und "Verbot von etwas, das es trotzdem gab, und wonach großer Bedarf besteht"? Natürlich, es ist nie leicht, zu erkennen, wo es eine Mafia gibt und wie sie arbeitet und wie sie geführt wird, und es ist so nur eine Vermutung, dass es auch damals in Israel eine Mafia gab, doch eine mit sehr guten Gründen. Und dann ist es auch nahe liegend, dass nicht alle Menschen einer Zeit "dabei" einfach mitmachen, sondern dass es bisweilen intelligente und beherzte Menschen gibt, die etwas gegen solche Mafias unternehmen – und hier könnte Jesus so jemand gewesen sein. Ich bin jedenfalls der festen Überzeugung, dass es so war. In dieser Überzeugung sehe ich mich bestätigt, weil dieses Thema nirgendwo angesprochen und noch nicht einmal im Entferntesten angedacht ist, dabei ist das alles´doch sehr nahe liegend. Hier fehlt einfach nur die Wahrnehmung.
Im Übrigen schadet es gewiss nie, wenn man vor einer Mafia auf der Hut ist, also wachsam ist, so wenig wie es nie schadet, wenn sich etwa eine Stadt vor Hochwasser schützt, das es noch nie gab, wo aber die Bedingungen für dieses Hochwasser gegeben sind. Und gibt es nicht unsere militärische Rüstung auch unter dem Aspekt, dass ein Staat gegen etwas gewappnet ist, das es gar nicht gibt, wo aber diese Wappnung doch sehr sinnvoll ist?

106. Paulus und das Neue Testament: Ich habe Anfang September 2019 zu dem dänischen Sanskritspezialisten Christiam Lindtner Kontakt aufgenommen. Und er schrieb mir, dass eindeutig auch Paulus eine Erfindung der Autoren des Neuen Testaments ist, auch Paulus gehört also zum Plagiat aus den buddhistischen Texten. Die Lösung dafür kann sein, dass die Halbweltmafia den mit einer Neuinterpretation beauftragten buddhistischen Spezialisten freie Hand gelassen hat, wie sie diese Neuinterpretation des Neuen Testaments anstellen, ob sie nur ihren Buddhismus einbauen oder Teile aus anderen Religionen und auch aus dem, was über Jesus noch in Erinnerung war. Hauptsache der echte Jesus wird radikal ausgelöscht. Und Lindtner zu Paulus: "You can trace Paulos back to Pûrnas in The Lotus sitra – the most eloquent of all disciples", na ja, auch die Eloquenz würde ja passen.
Dass auch Paulus quasi eine "Erfindung" der buddhistischen Mönche oder eben Spezialisten ist, würde auch erklären, warum Maccoby ihn nicht als Pharisäer einschätzen kann, weil er eben nicht wirklich pharisäisch gedacht und geschrieben hat. Ja, so wie es im Neuen Testament über Paulus geschrieben ist, so haben sich eben buddhistische Spezialisten die Pharisäer gedacht. Ob esPaulus nun gegeben hat oder nicht, an dem echten Jesus ändert das nichts – und allein der ist für uns wichtig und entscheidend.

107. Missbrauch der Sexualität: Ja, was ist alles Missbrauch der Sexualität? In den Beichtspiegeln der katholischen Kirche geht es um alle möglichen und unmöglichen Sünden im Zusammenhang mit der Sexualität. Manches kann durchaus Unsinn sein wie zumindest einige Verstöße gegen die Sexualscham, manches ist aber auch durchaus "Sünde" und sogar "schwere Sünde". Das ist dann vor allem alles, was mit dem Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe zu tun hat, dazu gehört vor allem auch Pädophilie, also Geschlechtsverkehr mit Kindern.
Ein schwieriger Fall ist hier der Geschlechtsverkehr vor der Ehe, denn es kann sich hier auch um eine "vorgezogene Ehe" handeln, das heißt, beide Partner leben schon eine Ehe und die ist auch voll beabsichtigt, doch aus irgendwelchen Gründen ist es noch nicht zu einer Eheschließung gekommen. Das Problem bei einer solchen vorgezogenen Ehe ist, dass einer der Partner ja sehr gutwillig sein kann, dass es auch ausdrücklich eine Ehe will, doch weiß er sicher, ob der andere auch so gutwillig ist oder ob hinter dem schönen Schein nicht doch ein mehr oder weniger raffinierter Betrug steckt und dass es also dem anderen nur um ein Abenteuer und/oder um einen Zeitvertreib geht und/oder um "sie" als "Übungsmatratze" und/oder als "Protzobjekt" zu missbrauchen ("die habe ich auch schon vernascht"), dass es ihm (oder auch ihr) letztlich doch nur um unverbindlichen Geschlechtsvekehr geht? Ich denke, dass diese Möglichkeit ein guter Grund auch für die Gutwilligen ist, die geschützt werden sollen, bis zur Ehe zu warten. Immerhin ist bis dahin ja nicht alles ausgeschlossen und wenn gerade die Frau bei einem harmonischen Hautkontakt den Orgasmus erlebt, dann dürfte sie auch mehr als voll zufrieden sein – und der Junge oder Mann, der ein Mädchen wirklich liebt, auch!

108. Vorsatz eines intelligenten ethischen Lebens: Wie das mit der Sexualerziehung bei uns heute läuft, ist eigentlich unglaublich: Die macht nämlich ein kommerzielles Unternehmen (die Website der Jugendzeitschrift "Bravo" wird im Monat über 2 Millionen mal besucht!). Die Grundlage dafür ist ein naturalistischer Fehlschluss (also eine Pseudowissenschaft nach der Masche: "Was alle machen, muss doch richtig sein!", mehr dazu unter Fragen und Antworten Nr. 29) und diese Grundlage ist inzwischen auch die der schulischen Sexualerziehung. Und unsere Kirchen? Die machen einen leeren Kult mit dem Sinn, einer mehr oder weniger lebensfernen Ideologie treu zu bleiben, nämlich der, die sie verkünden – dabei wäre eine Sexualerziehung oder besser eine sinnvolle Moralerziehung doch genau deren Aufgabe – wenigstens wenn sie in der Nachfolge des wirklichen Jesus wären.

109. Jesus und das Menschsein: Ich gebe zu, dass ich hier etwas "aus dem Bauchgefühl" urteile, was "echt-Jesus" ist und was nicht. Doch ich meine, dass es im Neuen Testament durchgängig zu erkennen ist (und daran konnten auch die Autoren des Neuen Testaments nichts ändern), dass Jesus zwar Jude war, doch dass er eine aufgeklärte Einstellung zum jüdischen Glauben hatte, um es einmal so auszudrücken. Deutlich wird diese aufgeklärte Einstellung etwa im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk. 10, 25ff). Der Priester und der Tempeldiener gehen an dem Verletzten vorbei, nicht, weil sie zu faul oder zu geizig waren, ihm zu helfen, sondern weil er blutete und weil sie durch die Berührung mit Blut unrein geworden wären – und um wieder rein zu werden, hätte es komplizierter Reinigungsriten bedurft. Jesus verurteilt hier also solchen Kult – und stellt den (im Sinne der frommen Juden) ungläubigen Samariter, der frei von solchen religiösen Behinderungen ist, als leuchtendes Beispiel hin. Das heißt doch, dass für Jesus das Menschsein wichtiger war als die (jüdische) Religion.

110. Manipulation: Eine Manipulation ist immer eine Beeinflussung zum Nachteil eines Menschen. Dabei ist das Kennzeichen einer Manipulation, dass sie so geschickt geschieht, dass der Manipulierte selbst gar nicht merkt, wie mit ihm verfahren wird, und am besten noch meint, dass alles, wozu er in Wirklichkeit manipuliert wird, von ihm selbst ausgeht. In unserem Fall, bei dem es um die Sexualität geht, wird also das eigentlich Harmlose und sogar Paradiesische (nämlich die Freude an der Nacktheit, die doch zutiefst menschlich ist) so mies gemacht und oft sogar ausdrücklich verboten, dass es geradezu zu einer Blockierung kommt: Die Nacktheit gilt also fortan als unmoralisch. Wie die Manipulation dann geschieht, siehe in dem Kasten, wie der Oberteufel dem Halbweltobermafioso Ratschläge gibt.

111. Ideal des Judentums. Ich zitiere dazu einmal, was Maccoby schreibt ("Mythenschmied", S. 148):

"Andererseits war der Messias auf indirekte Weise auch für Nichtjuden von Bedeutung, denn die Ankunft des Messias würde ja das Ende imperialistischer Militärmächte auf der ganzen Welt bedeuten, insbesondere das des Römischen Weltreiches. Obwohl der Messias kein Weltherrscher sein würde, würde er Führer eines Priestervolkes sein, das messianischen Zeitalter die ihm zukommende Rol­le als geistiger Führer der Welt einnehmen würde: die Lehren des Monotheismus, Friede und Nächstenliebe, für die die Juden als erste eingetreten waren, würden von allen Völkern zur Richtschnur erhoben, und dem auserwählten Volk würden besondere Ehren für seinen jahrhundertelangen Kampf für diese Ideale gezollt.
Zahlreiche Nichtjuden fühlten sich vom Judentum angezogen, schon wegen seiner Regeln für das Alltagsleben ohne seinen messianischen Aspekt, und waren daher entweder Volljuden oder »Gottesfürchtige« geworden. Eine jüdische Bewe­gung, die sich durch einen starken messianischen Impetus auszeichnete und die baldige Ankunft des messianischen Zeitalters versprach – eines Zeitalters des Frie­dens, wo Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet würden –, musste auch auf Nichtjuden, die der Politik des Schwertes überdrüssig waren, einen besonderen missionarischen Reiz ausstrahlen."

Wir können uns vorstellen, dass Jesus bei seinem Engagement ganz und gar Jude war. Allerdings darf ich anmerken, dass es ihm offensichtlich nicht nur um die Nächstenliebe ging, die ja auch in anderen Religionen ein Ideal ist, sondern um die Liebe schlechthin, also um die Liebe, die mit der Sexualität zu tun hat und dann auch mit unserem ganzen Menschsein. Und eine allgemeine Sehnsucht nach dem Gelingen dieser Liebe im Hinblick auf eine realistische Chance – beginnend bei jungen Menschen – hätte dann vermutlich auch eine weltverändernde Wirkung, wie sie Ortega y Gasset sah (s. S.19f bzw. 21f u.) – und eben auch Jesus. Also setzte er sich dafür ein.
Leider was das Bewusstsein für diese weltverändernde Liebe nicht nur zur Zeit Jesus im Judentum verloren gegangen, es ist offensichtlich auch heute noch so. Jedenfalls ist es nicht Kennzeichen der jüdischen Religion. Stattdessen gibt es Steinzeitbräuche wie die Beschneidung der Jungen und Männer und die grausame Quälerei von Tieren bei der Schlachtung durch das Schächten. Für mich haben diese Bräuche jedenfalls eher eine abschreckende Wirkung und ich denke, anderen Menschen geht das genauso. Damit die jüdische Religion wieder eine Ausstrahlungskraft auf das Menschsein hat, wäre also eine Reform gewiss sinnvoll. Die könnte sich etwa auch auf die Bar Mizwa, also auf das jüdische Gegenstück zur confirmatio (bei den Jesusanhängern) auswirken, indem es bei der nicht mehr um das Judesein geht, sondern in erster Linie um das Menschsein. Ja, ist das Menschsein denn nicht das dringlichere Anliegen gerade in unserer heutige Welt und nicht irgendeine Gruppenzugehörigkeit? Und bei diesem dringlichsten Anliegen könnten sich dann Juden und Jesusanhänger treffen und auch noch andere mitreißen ...

(Anmerkung zum Ritus der Bar Mizwa: Bei Google findet man heute ja (fast) alles. Wenn ich also nach der Geschichte dieses jüdischen Initiationsritus google, stelle ich fest, dass sie bis zum ersten nachchristlichen Jahrhunderts zurück reicht, also bis zu der Zeit, in der auch die christliche confirmatio entstanden ist. Mir drängt sich hier die Vermutung auf, dass beide Riten einen gemeinsamen Ursprung haben, und zwar im Jüdischen! Nicht zuletzt stammt ja der Text des Segensgebets der cofirmatio aus dem (jüdischen) Alten Testament, nämlich aus dem Buch Jesaia (Is 11,2). Könnte es nicht sein, dass es hier also zunächst einen jürischen Ritus für Jungen gab, möglicherweise angeregt durch den Juden Jesus, der natürlich auch von den Jesusanhängern praktiziert wurde? Doch dass dieser Ritus dann bei den Juden in dieser Form dann in Vergessenheit geraten und er wurde im Laufe der Zeit durch einen Ritus der Treue zur jüdischen Religion ersetzt, dagegen hat er bei den Christen jedoch überlebt, wenn allerdings auch nur "äußerlich", das heißt, dass das Ziel des Segensgebets nach Jesaia auch hier vergessen oder auch verdrängt wurde? Nicht zuletzt ging und geht es biweilen auch hier um einen Ritus der Treue – je nachdem – zum katholischen oder zum evangelischen Glauben – und eben auch nicht um einen Segen für ein gelingendes Menschsein.)


Zum Urheberrecht:


Zum privaten Gebrauch, den ich allerdings großzügig auslege, können Sie gerne den Text ausdrucken und auch Teile und auch weiter geben, allerdings bitte nicht aus dem Zusammenhang gerissen und mit Quellenangabe. Ich sehe das so: Was ich hier geschrieben habe, gehört durchaus zu meinem Religionsunterricht. Und für den bin ich ja vom "Steuerzahler" bereits bezahlt worden. Was liegt es also näher, als dass auch er etwas Komplettes von mir zurück bekommt, und leider war nun einmal bei meiner Entlassung mein Unterricht noch nicht komplett. Allerdings: Ich würde mich über Erfahrungsgsberichte sehr freuen!



www.michael-preuschoff.de