Und was war sein Anliegen und der wirkliche Grund für seinen Tod?

 

Es gibt genügend Untersuchungen zum „wirklichen“ oder - wie die Theologen sagen - zum “historischen Jesus”. Beispielsweise zum Umgang Jesu. Wer waren seine Freunde, mit wem verkehrte er? Mit den Worten  “mit Außenseitern” wird da wohl etwas zu schnell unter den Teppich gekehrt. Genau genommen waren seine Freunde nämlich kleine Handwerker, Zolleintreiber, Prostituierte, andere Frauen, mit denen er eher zufällig zusammenkam, jedenfalls eine wirklich ungewöhnliche Gesellschaft für einen „typischen“ Religionsstifter.

Meine Überlegung ist: Wenn Prostituierte und andere Frauen zu den Freunden Jesu gehörten, was mögen wohl die Themen ihrer Gespräche gewesen sein?

Immerhin wird von Jesus einstimmig berichtet, daß er “sündenfrei” war, da gibt es ja keine große Auswahl, was das im Zusammenhang von Prostituierten und anderen Frauen bedeutet. Und über was würde sich ein Mann heute in vergleichbarer Situation unterhalten? Die Frauen würden den doch „üblicherweise“ neugierig fragen: Warum machst du “das” nicht, warum bist du anders als die anderen Männer (“Männer sind Schweine...”)?

Und so erfährt Jesus nun, was die Frauen sonst mit Männern für Erfahrungen haben, wie ihnen mitgespielt wurde, wie sie als letzter Dreck behandelt werden – und dann geht er in die Wüste (fernab von denen, über die er da etwas erfahren hat) und prangert vor vielen Menschen an, “tritt also breit”, was ihm die Frauen erzählt haben, nicht um der Sensation willen, sondern weil er darin eine Chance sieht, daß sich etwas zum Besseren ändert. Daher auch seine Reden gegen die Heuchler bei Matthäus (Kapitel 23). Wenn davon nur die Hälfte stimmte, wäre das schon provozierend genug.

Und immer mehr Leute strömen hinzu von nah und fern, das lassen die sich nicht entgehen, wie der mit denen “vom religiösen Establishment“ und vielleicht auch - wie Johannes der Täufer - mit denen „vom politischen Establishment” abrechnet... Irgendwann bekommen die alle das natürlich mit – und fädeln eine Anklage gegen Jesus ein und machen kurzen Prozeß mit ihm – natürlich mit anderen an den Haaren herbeigezogenen Begründungen.

Jesus also das Opfer eines Justizmords? Eine gewagte Theorie? Welche anderen Möglichkeiten gibt es denn sonst noch?

Nein, nein, das gibt es noch heute. In Saudi-Arabien sollten (nach einer Meldung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24.12.92, siehe am Ende des Stichworts Jesus und die Sünderin) zwei philippinische protestantische Geistliche hingerichtet werden, angeblich fand man bei einem eine Bibel. Also, so ohne weiteres richtet man keine ausländischen Bürger hin, schon gar nicht wegen einer Bibel, und dann auch Bürger befreundeter Nationen. Die werden allenfalls ausgewiesen. Da muß wohl schon etwas mehr vorliegen.

Den möglichen Hintergrund erfuhren wir im Zusammenhang mit einer anderen Sache: Vor nicht allzu langer Zeit war da doch die 14jährige philippinische Hausangestellte Sarah Balabagan zum Tode verurteilt worden, weil sie ihren arabischen Arbeitgeber erstochen hatte. Und das Mädchen hatte sich gerechtfertigt, weil sie immer vergewaltigt worden war (oder werden sollte?). Mehr oder weniger offen wurde in den Medien erwähnt, daß es in Saudi-Arabien viele philippinische Hausmädchen gebe und daß es sozusagen “normal” sei, daß die von “ihren Arbeitgebern” vergewaltigt würden. “Es ist eine gemeinsame Erfahrung von zahlreichen Migranten”, so die philippinische Abgeordnete Loretta Rosales, “daß sie blauäugig auf Reisen gegangen sind und als Beinahe-Sklaven auf ihren neuen Arbeitsplätzen endeten”. Sie berichtet von Heimkehrern mit massiven psychischen Problemen und sogar von Frauen, die unter dubiosen Umständen ums Leben gekommen sind. Weiter führt sie aus, daß die Beschwerden über Mißhandlungen, Vertragsbrüche, Unterbezahlungen und sexuelle Belästigungen ständig zunehmen (DIE WELT vom 8.12.1999).

Es ist nun nicht abwegig, daß philippinische “Betreuer” sich um diese Frauen bemühen, sie in ihrer Not beraten, ihnen ihre Rechte in Saudi-Arabien erklären, sie informieren, wie sie gegen ihre Arbeitgeber vorgehen können – und vielleicht auch im Heimatland die Schattenseiten des Geldverdienens in Saudi-Arabien „an die große Glocke hängen“ – so wie Jesus zu seiner Zeit die Missstände öffentlich bekannt gemacht hat.

Und das nervt natürlich die heuchlerische machistische Gesellschaft in Saudi-Arabien. Und bei Gelegenheit machen sie den „Querulanten“ den Prozeß – und für den kommen die Religionsgesetze sozusagen höchst gelegen und ein Verstoß gegen die findet sich leicht.

Es riecht förmlich danach: So oder so ähnlich waren die Verhältnisse in Israel zur Zeit Jesu (siehe unter Frau), und auch Jesus verstand sich mit den Frauen ausgezeichnet. Und angeklagt wurde Jesus ja auch wegen abstruser Vergehen. Nur Jesus hatte dann eben keine internationale Presse hinter sich wie diese philippinischen Christen. Daher kam es dann eben auch zum Justizmord an ihm. (Wörterbuch von basisreligion)