Das folgende Buch ließ ich 1987 für meine Schüler drucken. Zu der Entstehung dieses Buches haben sehr viele Freunde und Kollegen und auch Schülerinnen und Schüler und deren Eltern mit ihrem Rat beigetragen und bisweilen auch sehr viel Zeit geopfert. Ihnen allen war es ein großes Anliegen, anderen zu helfen. Ob dies gelungen ist, wird die Zukunft zeigen. Ich habe jedenfalls sehr zu danken.

Michael Preuschoff
GLAUBE OHNE ABERGLAUBEN

Christentum der hohen Liebe

Beglückende und erfüllende seelisch-geistig-körperliche Harmonie im Höchstmaß für jeden Menschen - das ist das Grundanliegen unseres Christentums! Durch unseren Glauben soll das einzigartige wirklich konkrete Geheimnisvolle unseres Menschseins - die Liebe - nicht mehr länger ein Lotteriespiel sein, sondern für alle, "die guten Willens sind", erreichbar werden. Dieses Buch wurde verfaßt, um Hoffnung und Zuversicht zu geben und auch Wege anzubieten und Hindernisse aufzuzeigen, damit das Ziel auch erreicht werden kann.
Von Ihnen, lieber Leser, wird bei der Auseinandersetzung mit der ganzen Thematik gar nicht einmal erwartet, daß Sie alles von vorne bis hinten durchstudieren. Mit den einzelnen Kapiteln werden vielmehr unterschiedliche Lesergruppen angesprochen. Natürlich ist Neugier auf das, was Sie selbst nicht gerade persönlich betrifft, zusätzlicher Gewinn und das gilt vor allem für die "Zweifler"!



INHALT

Für alle als Wissenshintergrund:

I. DIESSEITIGES PARADIES ALS ANLIEGEN DES CHRISTENTUMS
A. Glaube und Aberglaube im Alten Testament
B. Biblische Berichte und Ungereimtheiten
C. Ausflug in die moderne Anthropologie: Gesteigerte Sexualität als besonderes Merkmal des Menschen
D. Liebe in der Einheit von Leib und Seele als Konzept der Bibel
E. Liebe in der Einheit von Leib und Seele als Notwendigkeit auch für den heutigen Menschen
F. Akzentverschiebungen im Christentum

Für diejenigen, die jede Diesseitsreligion gleich für marxistisch (kommunistisch) halten:

II. MARXISTISCHE UND CHRISTLICHE ERLÖSUNGSVORSTELLUNG; ARBEIT ODER LIEBE - WAS IST DAS MERKMAL DES MENSCHEN?
A. Arbeit als wichtigste zwischenmenschliche Beziehung?
B. Philosophischer Materialismus als Hintergrund des marxistischen und auch des biblischen Weltbildes
C. Paradiesutopien und ihre Verwirklichung

Für diejenigen, die einen "wissenschaftlich aufweisbaren Gott" brauchen:

III. VERSUCH EINER METAPHYSIK EINES "MATERIALISTISCHEN CHRISTENTUMS"
A. Unbrauchbarkeit traditioneller Physik und Metaphysik
B. Ausgangspunkte heute notwendiger Metaphysik: menschliche Sehnsüchte und geistige Voraussetzungen des Menschen
C. Kybernetik als materialistische Wissenschaft vom Geist
D. Kybernetische Grenzen der Leistungsfähigkeit des Geistes und Überwindung dieser Grenzen durch geeignete Metaphysik
E. "Atheismus" des materialistischen Christentums

Für alle, die sich um ein Gelingen ihrer Erziehungsbemühungen an jungen Menschen sorgen:

IV. DIE BESSEREN CHANCEN EINER ERZIEHUNG OHNE FALSCHHEIT UND OHNE LÜGEN
A."Tabu-Themen" für Kinder?
B. Unwahrhaftigkeit in unserer heutigen Religionspädagogik
C. "Militärisches" Informationsmodell
D. Selbstzucht und Neurosen
E. Lebensideale und Gemeinschaftsunterricht

Für meine Schülerinnen und Schüler und für alle jungen Menschen überhaupt (zur persönlichen Information):

V . ENTTÄUSCHENDE VERLIEBTHEIT ODER ERFÜLLENDE LIEBE
A. Störung und Zerstörung der Leib-Seele-Einheit aus Unkenntnis oder aus Charakterschwäche
B. Störung und Zerstörung trotz charaktervoller Bemühung
C. Das Phänomen der "Enttäuschung"
D. Einheit von Leib und Seele als Grundlage für erfüllende Liebe
E. Das Elend der "rosaroten Brille"
F. Wege der geistigen und körperlichen Erkenntnis
G. Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen

ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK

Zur Erinnerung: Biblischer Text der Adam-und-Eva-Erzählung

Nachwort

I. DIESSEITIGES PARADIES ALS ANLIEGEN DES CHRISTENTUMS

(Dieses erste Kapitel wurde als Referat im Dezember 1985 gehalten vor dem Arbeitskreis katholischer Religionslehrer an Berufsbildenden Schulen des Erftkreises in Hürth)

Wenn ich Euch, meine lieben Schülerinnen und Schüler, nahe bringen will, daß christlicher Glaube Lebenshilfe gibt, während Aberglaube solche Hilfe nur vorgaukelt, spüre ich stets, daß meine Argumentation nicht so recht in Euren Verstand und in Euer Herz dringt. Ihr könnt einfach die Lebenshilfe unseres christlichen Glaubens nicht so recht erkennen, ja bisweilen erwartet Ihr sogar von ausgesprochenem Aberglauben mehr Lebenshilfe. Und bei vielen Dingen in unserem Glauben seht Ihr überhaupt keinen Unterschied zum Aberglauben. Und irgendwann fragt man sich ja als Lehrer: Habt Ihr mit Eurer Skepsis nicht recht? Steht nicht auch vieles von dem, was wir heute gemeinhin zum Bestandteil unseres christlichen Glaubens zählen, noch in der Nähe des Aberglaubens? Ob so etwa nicht die ungeheure Wichtigkeit, die dem Leben nach dem Tode in unserem heutigen Christentum zugemessen wird, auf einer abergläubischen Fehlinterpretation der biblischen Botschaft beruht auf Kosten des für uns Menschen zunächst einmal vordringlicheren Problems eines erfüllten Diesseits? Hängt dieses erfüllte Diesseits nicht vor allem mit dem einzigartigen wirklich konkreten Geheimnisvollen unserer Geschöpflichkeit, nämlich unserer Existenz als Mann und Frau zusammen?
Und darum soll es in diesem Buch eines Glaubens ohne Aberglaube gehen!

A. Glaube und Aberglaube im Alten Testament

"Aberglaube" umfaßt im Judentum der Frühzeit, dem äußersten Ursprung unseres christlichen Glaubens, mehr als wir heute mit diesem Begriff verbinden. Denn der jüdische Glauben hat sich als Gegenentwurf zu den Religionen und Lebensweisen der Nachbarvölker des jüdischen Volkes, also Israels, gebildet und bezieht sich darauf. Dabei stuft der jüdische Glaube kurzerhand alles, was - auch unter dem Vorwand des Gottesdienstes für irgendwelche Gottheiten - nur zu oft keineswegs zum Wohl und noch öfter sogar zum ausgesprochenen Unglück der Menschen dient, als Götzendienst oder Aberglaube ein, verurteilt und bekämpft es. Daher kann der Atomphysiker Albert Einstein in einer verstandesmäßigen Betrachtung seines jüdischen Glaubens schreiben: "Judentum ist kein Glaube. Der jüdische Gott ist nur eine Verneinung des Aberglaubens, ein Phantasieersatz für dessen Beseitigung ... So ist das Judentum keine transzendente (Anm.: jenseitig, übernatürlich, übersinnlich) Religion; es hat nur mit dem von uns erlebten, gewissermaßen greifbaren Leben zu tun und mit nichts anderem. Es scheint mir daher fraglich, ob es eine 'Religion' im geläufigen Sinn des Wortes genannt werden kann, zumal eben vom Juden kein Glaube verlangt wird, sondern Heiligung des Lebens im überpersönlichen Sinn." (Zitat: Albert Einstein, Mein Weltbild, hrsg. v. Carl Seelig, Ullstein TB 35024, 1982, S. 90 Der Sozialpsychologe und bedeutendste Vertreter der humanistischen Psychologie Erich Fromm beschreibt in seinem Buch "Ihr werdet sein wie Gott" (rororo 7332) ein ähnliches Gottesbild als das typische jüdische.)
Zunächst zum Gott als "Phantasieersatz"! Bedeutet diese Einstufung des jüdischen Gottes, der ja auch unser christlicher Gott ist, nicht eine Abschaffung Gottes, bedeutet diese Einstufung nicht in letzter Konsequenz radikale Gottlosigkeit? Da ist sicher etwas dran. Stehen wir aber nicht auch ohne die Einsteinsche Deutung stets in Gefahr, uns über Gott etwas vorzumachen, weil wir ihn im letzten doch nicht erkennen können? Können wir uns dagegen mit der "Kurzformel" Einsteins über den Charakter unseres Gottes klarer werden? Einen "Phantasieersatzgott" kann man so etwa nicht über wissenschaftliche Arbeiten erkennen, jeder Versuch in dieser Richtung ist von vorneherein verschwendete Zeit und Liebesmüh. Es handelt sich ja doch um einen Phantasieersatzgott! Ein solcher Gott läßt sich nicht in den Kasten unserer menschlichen Vernunft sperren. Wir kommen allenfalls zu einem Götzen. Für unseren Christenglauben ist diese Unmöglichkeit wissenschaftlicher Gotteserkenntnis jedoch gar nicht einmal von besonderer Tragik.
Durch Jesus wissen wir ohnehin von einem anderen Gott. Und wir können diesen Gott, der ja ein Gott der "Heiligung des Lebens im überpersönlichen Sinn" ist, bei Fragen dieser Heiligung in innerer Zwiesprache "beteiligen", etwa im Sinn von "Was würde Gott sagen, wenn es ihn gibt ..." Zu diesem Gott können wir ohne uns etwas vorzumachen auch beten. Durch die Zwiesprache und durch das Gebet sind wir offen für das "Überspringen" des "Funken Gottes" - der ersten und einzigen Bedingung jüdischen und christlichen Gottesglaubens. Es ist tröstlich zu wissen, daß so etwa das Rosenkranzgebet des nur zu oft geringschätzig belächelten "alten Mütterchens" eher zu Gott führt als jede wissenschaftlich-theologische Bemühung hochkarätiger Professoren.
Mit der "Verneinung des Aberglaubens" ist nun nicht nur die Verneinung von Wahrsagerei, Magie, Kontaktaufnahme mit Toten und was es da sonst noch gibt, gemeint, sondern es dreht sich vor allem um die Bekämpfung von sehr handfesten Unmenschlichkeiten, teilweise ausdrücklich im Namen von Gottesglauben. An drei Beispielen möchte ich das Anliegen der "Heiligung des Lebens im überpersönlichen Sinn" erläutern:

1. Die jüdische "Religion" schenkte der Menschheit den freien Tag in der Woche!

Sinn der Schöpfungsgeschichte ist keinesfalls, eine Erklärung für die Entstehung der Welt zu geben, so etwas ist nicht Aufgabe der Bibel. In der Schöpfungsgeschichte geht es zunächst einmal um die Entlarvung der nichtjüdischen Religionen, die ja Geschöpfliches zu Göttern gemacht und verehrt hatten (etwa Sonne, Mond, Wind, Fruchtbarkeit), mit nur zu oft erniedrigenden und sogar perversen Bräuchen, die gleichzeitig angeprangert und bekämpft wurden (s. 5.10). Vor allem gibt diese Geschichte jedoch eine theologische Begründung für einen freien Tag in der Woche: "Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig, denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte (Genesis 2, 3)". Etwas prosaischer finden wir dasselbe Anliegen in den Zehn Geboten wieder: "Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinem Stadtbereich Wohnrecht hat (Exodus 30, 10 f)" . Die ungeheuerliche soziale Bedeutung dieser Forderung können wir heute in unserer Wohlstands- und Versorgungsgesellschaft mit ihrer geregelten Arbeits- und Freizeit kaum ermessen: Die jüdische Religion wollte in der damaligen vorderorientalischen "Sklavereigesellschaft" ein Zeichen setzen - auch Sklaven und Tiere sollten irgendwann einmal zur Ruhe kommen können! Religion zum Wohle jeder Kreatur!
Darüberhinaus galt die Arbeit im benachbarten assyrischen Kulturbereich als Gottesdienst. Da das "Leben" von den Göttern herrührt, also auch die Fruchtbarkeit des Ackerbodens, wird landwirtschaftliche Arbeit als Unterstützung der Arbeit der Götter, also als Gottesdienst und aus jüdischer Sicht eben als Götzendienst angesehen. In der jüdischen Religion ist daher der Tag ihres Gottes frei von Arbeit - frei von Götzendienst! (vgl. Claus Westermann, Genesis - 1, Teilband Genesis 1-11, Neukirchen-Viuyn 1974, S. 301 f)

2. Die jüdische "Religion" befreite die Menschheit von der Geißel der Menschenopfer

Gewöhnlich sehen wir in der Erzählung von Abraham, der auf Geheiß Gottes seinen einzigen Sohn Isaak opfern soll und der stattdessen dann aber einen Widder, der sich im Gestrüpp verfangen hatte, opfert, eine Prüfung des unbedingten Gehorsams und Gottvertrauens Abrahams, Diese Interpretation hat allerdings einen ganz großen Haken: Wie mag Gott das dem Abraham wohl beigebracht haben, daß er seinen Sohn opfern soll? Eine Forderung Gottes nach einem Sohnesopfer müßte schon so eindeutig ausgesprochen sein, daß kein Ausweichen und keine Interpretation möglich wäre. So etwas ist aber schlechterdings unmöglich! Gott redete mit Abraham vor bald 4000 Jahren gewiß nicht anders als heute mit jedem von uns. Wie könnten wir uns bei einer solch ungeheuerlichen Forderung, den eigenen Sohn zu opfern, sicher fühlen, daß sie wirklich von Gott stammte und nicht aus einer abartigen, egoistischen Täuschung?
Die Lösung des Rätsels ist, daß Gott natürlich nie die Forderung nach einem Sohnesopfer erhoben hat. Das ist eine Interpretation aus dem Nachhinein. Es geht um etwas anderes: In den vorderasiatischen polytheistischen (Polytheismus = Vielgötterei) Religionen waren Menschenopfer in gewissen Situationen üblich, etwa wenn eine Hungersnot herrschte oder eine Seuche grassierte, was man sich nur als Strafe eines Gottes erklären konnte. Auf unserer Ferienreise nach Sizilien, das im Altertum in engster Verbindung mit Vorderasien stand, gehen wir heute noch etwa auf der kleinen Insel Mozia bei Marsala über den "Tophet", den Begräbnisplatz der erstgeborenen Söhne, die dem Gott Baal geopfert wurden. Der Stammvater Abraham schwankte nun zwischen dem Glauben an solche Götzen mit der Verpflichtung zum Menschenopfer und erkannte dann den menschlichen einzigen Gott, der diese unmenschlichen Opfer nicht wollte. Abrahams Leistung ist, daß er sich für diesen Gott entschied und sich ihm bedingungslos anvertraute. Auch hier ein Gott zum Wohl der Menschheit!
Weniger poetisch wird die Forderung nach Beendigung der Menschenopfer später aus der Sicht der etablierten Religion wiederholt: "Der Herr sprach zu Mose: Sag zu den Israeliten: Jeder Mann unter den Israeliten oder unter den Fremden in Israel, der eines seiner Kinder dem Moloch (Moloch = kanaanäischer Opferbegriff, meist im Zusammenhang mit Menschenopfern gebraucht) gibt, wird mit dem Tod bestraft. Die Bürger des Landes sollen ihn steinigen. Ich richte mein Angesicht gegen einen solchen und merze ihn aus seinem Volk aus, weil er eines seiner Kinder dem Moloch gegeben, dadurch mein Heiligtum verunreinigt und meinen heiligen Namen entweiht hat. Falls die Bürger des Landes ihre Augen diesem Mann gegenüber verschließen, wenn er eines seiner Kinder dem Moloch gibt, und ihn nicht töten, so richte ich mein Angesicht gegen ihn und seine Sippe und merze sie aus der Mitte ihres Volkes aus, ihn und alle, die sich dem Molochdienst hingeben" (Levitikus, 20, 1-- 5).
Abraham hatte die Religion ohne Menschenopfer, die Religion zum Wohle des Menschen, entdeckt; bedauerlich ist, daß diese Religion mit ihrer späteren Etablierung selbst zum Hilfsmittel des Tötens von Menschen griff ...

3. Die jüdische "Religion" ebnete der Menschheit den Weg für die beglückende Gemeinschaft von Mann und Frau - für die Liebe!

In den Büchern "Exodus" (das mit den "Zehn Geboten") und Levitikus finden wir aus der Sicht der etablierten Religion strenge Vorschriften zum Sexualverhalten, etwa: "Du sollst nicht die Ehe brechen" (Exodus 20, 14) oder "Ein Mann, der mit der Frau seines Vaters schläft, hat die Scham seines Vaters entblößt. Beide werden mit dem Tod bestraft ... Schläft einer mit seiner Schwiegertochter, so werden beide mit dem Tod bestraft ... Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft... beide werden mit dem Tod bestraft .. . Ein Mann, der einem Tier beiwohnt, wird mit dem Tod bestraft .. ." usw. (Levitikus 20, 11 ff).
Bei diesen strengen Vorschriften (die wohl auch ihren Anlaß hatten, da muß also was losgewesen sein!) ist kaum noch auszumachen, daß die dazugehörige "poetische Fassung" zu den bekanntesten Bibelerzählungen gehört und als Ausgangspunkt der Erbsündenlehre in besonderer Beziehung zu unserem christlichen Glauben steht. Dabei geht es gerade hier um Glück und Unglück, um Höhen und Tiefen, um Hoffnungen und Enttäuschungen, kurz um das Einmalige unseres Menschseins! Es geht um die Angelegtheit des Menschen zu höchster und erregendster Gemeinschaft von Mann und Frau und die Zerstörung dieser Gemeinschaft durch einen ganz speziellen Aberglauben.

B. Biblische Berichte und Ungereimtheiten


"Märchen", sagen meine Schüler wie zu vielen anderen Geschichten aus der Bibel, wenn ich sie auf die Adam-und-Eva-Erzählung anspreche. Sie glauben leider immer noch, daß diese Erzählung im weitesten Bereich etwas mit dem biblischen Glauben an die Erschaffung des Menschen zu tun hat. Noch nie haben sie davon gehört, daß diese Erzählung mit der Erschaffung genausoviel zu tun hat wie das Kinderkriegen mit dem Klapperstorch: nämlich rein gar nichts. Die Adam-und-Eva-Erzählung enthält keine theologische Aussage über die Herkunft des Menschen oder über die Herkunft des Lebens überhaupt, Fragen danach können wir getrost und ohne Schaden für unseren Glauben den Naturwissenschaftlern heute überlassen. Ebenso wie die anderen Erzählungen der Urgeschichte der Bibel, so der Bericht von Abrahams Opfer, aber auch die Kain-und-Abel-Erzählung, die Erzählung von der Sintflut, die Erzählung vom Turmbau zu Babel, der Bericht vom Untergang Sodom und Gomorrhas handelt es sich auch bei der Adam-und-Eva-Erzählung um eine Entlarvung und Verurteilung der Lebensweise der Völker, mit denen das Volk der Juden in Nachbarschaft lebte.
Berichtet aber die Bibel nicht doch von einer Erschaffung des Menschen, die doch immerhin als "Wort Gottes" wörtlich genommen werden müßte? Wie wenig die Wörtlichnahme eines Textes uns das Wort Gottes erschließt und wie wenig die Wörtlichnahme uns auch zum Verständnis eines Textes verhilft, mag folgender Vergleich verdeutlichen: Als kürzlich (Anmerkung: als dieser Text verfaßt wurde, also im Jahr 1987) eine Filiale der "Dresdner Bank" in Tokio eröffnet wurde, konnten unbedarfte Japaner aufgrund des Namens auf den Gedanken kommen, daß es sich um eine Bank aus dem kommunistischen Machtbereich handele - schließlich trägt die Filiale ja den Namen einer Stadt im kommunistischen Machtbereich Deutschlands. Und wahrscheinlich gibt die Bank auch nirgendwo einen Hinweis, daß sie keine kommunistische Einrichtung ist, ein solcher Hinweis ist auch überflüssig für den "Normalmenschen von heute", denn jeder "weiß Bescheid".
Dieser Vergleich macht deutlich, daß die Wörtlichnahme eines Textes oft nichts bringt, wenn es um die Entschlüsselung des tatsächlichen Sinn dieses Textes geht. Zur Erkenntnis des Sinns gehört auch der Hintergrund, der Zusammenhang, eben das, was "jeder Normalmensch" einer bestimmten Zeit "weiß", ohne daß dies besonders dargelegt wird. Und wenn dieser Hintergrund schon heute zum Verständnis des Namens einer Bank erforderlich ist, wieviel wichtiger ist die Notwendigkeit der Kenntnis des Hintergrunds einer Geschichte, die nunmehr weit über 3 000 Jahre alt ist und dazu noch aus einem ganz anderen Kulturkreis stammt!
Vertauschen wir also den Hintergrund einer biblischen Geschichte mit unserem heutigen Denkhorizont, laufen wir höchste Gefahr, die Geschichte zu verfälschen und dadurch bisweilen zu den unsinnigsten Ergebnissen zu kommen. Mit "Wort Gottes" hat das dann gar nichts mehr zu tun, sondern mit einer schlechten Mischung aus Ungereimtheiten und mißverstandener Tradition.
Und wie können wir nun erkennen, wo bei einer Erzählung aus einem anderen Kulturkreis es zunächst einmal auf das richtige Verständnis des jeweiligen Hintergrundes ankommt, wo wir uns also erst einmal mehr "wissenschaftlich" bemühen müssen? Ganz einfach: Gehen wir wie Fernsehkommissar "Derrick" vor - setzen wir bei den "Ungereimtheiten" nach unserem heutigen Verständnis an! Gehen wir davon aus, daß es auch in früheren Zeiten und in anderen Ländern nichts gab, was nicht heute auch noch möglich ist. Wenn etwa eine Frau aus der Rippe eines Mannes entsteht, wenn eine Schlange sich um den Stamm eines Baumes windet und dann redet, wenn sich etwa zwei Menschen nach dem Genuß eines "Apfels" nackt fühlen und das Bedürfnis haben, sich zu bekleiden, so sind das solche Ungereimtheiten, die den "Derrick-in-uns" erwachen lassen sollten. Gehen wir ruhig noch einen Schritt weiter: Nicht nur stehen hinter diesen Ungereimtheiten höchstwahrscheinlich keine Unsinnigkeiten, wir können uns vielmehr sogar darauf verlassen, daß hinter so alten ehrwürdigen Überlieferungen, wie es gerade die ersten Erzählungen der Bibel sind, sich grundlegende und zeitlose Aussagen verbergen.
Doch welche?

Um an diese grundlegenden und zeitlosen Aussagen heranzukommen, gibt es zwei Wege:

1. zu versuchen, tiefer in die Bibel, d.h. zunächst einmal in den Text einzudringen. Der evangelische Theologe Rudolf Bultmann hat allerdings die Schwierigkeit für diesen Weg aufgezeigt, daß nämlich ein alter Text nur aus dem Zusammenhang verstanden werden kann, man zum Verständnis des Zusammenhangs wiederum auf dem Sinn des Einzeltextes aufbauen muß. In der Fachsprache der Philosophen und Theologen spricht man hier vom "hermeneutischen Zirkel" (Hermeneutik, die Lehre von der Auslegung, Deutung, Erklärung von Texten, Kunstwerken u.a. ). Dieser hermeneutische Zirkel ist vor allem in Fragen von gegenteiligen Ansichten aus den vorliegenden Texten allein nicht zu lösen.

Es bleibt jedoch ein zweiter Weg:

2. zu vertrauen, daß die Bibel von Wahrheit, Heil, Glück und Sinn des menschlichen Lebens handelt ("existentielle Interpretation als positive Forderung des Entmythologisierungsprogramms").
Dadurch wird es dann möglich, von der heutigen Erforschung über den Menschen auszugehen (Psychologie, Anthropologie) und nach zeitlosen Merkmalen, nach grundlegenden Eigentümlichkeiten und Fragestellungen, zu suchen.
Der Vorteil dieses zweiten Weges liegt vor allem in der Konkretheit der heutigen psychologischen und anthropologischen (Anthropologie, die Wissenschaft vom Menschen, die alle ausgestorbenen und gegenwärtigen Formen des Menschen unterscheidet und charakterisiert) Forschung, die uns langes Herumrätseln erspart und uns schnell auf eine günstige Fährte führt. Soviel ich sehe, können wir auch hier sehr gute "Indizien" für eine Erkenntnis des biblischen Inhaltes finden. Durch Befragen des biblischen Textes kann die Fährte überprüft und gegebenenfalls ausgebaut werden.

C. Ausflug in die moderne Anthropologie: Gesteigerte Sexualität als besonderes Merkmal des Menschen

Ob es uns paßt oder nicht - mit den meisten angeblichen Besonderheiten des Menschen gegenüber "nichtmenschlichen Wesen" ist es bei genauerer Nachprüfung nicht weit her! Wenn meine Schüler etwa anführen, daß das Besondere der Menschen ist, daß sie denken könnten - anders als Affen oder auch Computer, so scheitert der Beweis für die Richtigkeit dieser These an der Definition des Denkens. Wenn wir etwa "Denken" definieren als "Speichern und Verarbeiten von Informationen", so kann genau dieses auch ein Computer. Und mit der "Selbständigkeit" des Denkens des Menschen sieht es auch nicht besonders gut aus, es werden in jedem Fall nur Beobachtungen (die ja auch "Informationen" sind) in neuer Weise verknüpft - und genau dies "kann" auch ein Computer. Außerdem ist auch uns alles, was wir gemeinhin unter "Denken" verstehen, irgendwie einmal beigebracht worden, sei es bewußt etwa in der Schule, sei es unbewußt durch Beobachtung der Umwelt. Wenn einem Menschen nichts beigebracht wird, wenn er in einem dunklen Keller ohne Kontakt mit der Außenwelt aufwächst, so wie etwa Kaspar Hauser, bleibt auch der Mensch "dumm", seine 15 Milliarden Gehirnzellen helfen ihm da gar nichts, so wenig wie einem Computer seine Speicherkapazität und sein toller Gigabite-Prozessor, wenn nichts in geeigneter Weise programmiert wurde. Sicher, das menschliche Gehirn ist gewiß variabler als ein Computer, doch das liegt wohl nicht an einem grundsätzlichen Unterschied von Gehirn und Computer, sondern vor allem an der unheimlichen Kompliziertheit des Gehirns und der riesigen Zahl der Gehirnzellen auf kleinstem Raum, die dazu noch leistungsfähiger sind als die entsprechenden "Computerzellen". Beim Computer ist vorerst noch allerdings eine solche Kompliziertheit vor allem aus wirtschaftlichen Gründen auch gar nicht beabsichtigt, wie sie für den Menschen zu seinem Überleben notwendig war und noch ist.
Leider ist die Diskussion über die Denkfähigkeit etwa von Computern äußerst vorurteilsbeladen, was schon daraus hervorgeht, daß bei den Gegnern dieser "Denkfähigkeit" etwa die Standardwerke "Automat und Mensch" des Nichtmarxisten Karl Steinbuch im Westen (Heidelberg, verschiedene Auflagen) oder "Kybernetik und Erkenntnistheorie" des Marxisten Georg Klaus im Osten unseres Vaterlandes (Berlin/Ost, verschiedene Auflagen seit 1965) weitgehend unbekannt sind.

Ich kann es mir jedenfalls nicht vorstellen, daß im Gehirn des Menschen andere Gesetze als die der Materie, also Unberechenbarkeit und Gesetzlosigkeit, beim Bilden der Gedanken herrschen. Und kaum werden etwa "Geister" (oder was denn sonst?) die Gedanken senden oder sonstwie beeinflussen. Was im Gehirn "passiert", hat ganz gewiß seine Logik, wenn wir auch wegen der Komplexität nicht immer alle Schritte nachvollziehen können. Daher schließe ich mich den Ausführungen Karl Steinbuchs in seinem soeben genannten Werk an, daß das Denken nicht das typische Merkmal des Menschen ist.

Wie steht es hingegen mit der "Arbeit"? Ist sie die Besonderheit des Menschen? In der Auseinandersetzung mit dem Marxismus ist diese Frage heute so bedeutsam, daß ich ihr ein besonderes Kapitel widme. Nur soviel hier: Auch was die Arbeit betrifft, können wir getrost vergessen, daß es sich dabei um eine Besonderheit des Menschen handelt, die ihm allein von der Natur gegeben wurde. Sie ist nicht das ursprünglichste, das wichtigste Merkmal der Menschwerdung.

Was ist also, wenn nicht Denken, wenn nicht Arbeit? Bei der Suche nach einer wirklichen Unterscheidung des Menschen gegenüber nichtmenschlichen Wesen, und zwar bereits von der Veranlagung her, bei der Suche nach Eigenschaften, die nur Menschen haben im Gegensatz zu Tieren (oder auch Computern), sind nun die Verhaltensforscher auf etwas gestoßen, was uns wohl aufgrund anerzogener, oft auch unbewußter Hemmungen überhaupt nicht in den Sinn gekommen wäre: der Mensch hat eine besondere Geschlechtlichkeit. Computer haben überhaupt keine - und auch unterscheidet sich die menschliche Sexualität von der der Tiere. Zunächst einmal ist die menschliche Sexualität nicht wie die Sexualität der Tiere unbedingt mit der Fruchtbarkeit gekoppelt. Jeder kann es beobachten: Die Tiere haben nur “Lust”, "Trieb", "Appetit" auf sexuelle Betätigung, wenn sie auch der Fortpflanzung dient. So hat mancher Kleinbauer seine Ziege vergeblich zum Bock im Nachbardorf geführt, weil er ihre "Tage" falsch berechnet hatte: Die Ziege zeigte überhaupt kein "Interesse", sie verbiß sogar den Bock. Der Verhaltensforscher Eibl-Eibesfeldt schreibt dazu über die Sonderstellung des Menschen im Zusammenhang mit der Sexualität: "Bei den Menschenahnen wird wohl die Kopulationsbereitschaft, wie bei den meisten anderen Säugern, auf die Zeit der Empfängnisbereitschaft beschränkt gewesen nein. Diese enge physiologische Bindung ist später aufgegeben worden. Zugleich entwickelte die Menschenfrau die Fähigkeit zum Orgasmus, was ihre Begattungsbereitschaft erhöht. Es ist leicht einzusehen, daß dies die gegenseitige Bindung stärkt. Eine weitere Anpassung im Dienste der Partnerbindung ist schließlich die gesteigerte sexuelle Potenz des Mannes. Es liegt bei ihm nicht nur eine dauernde sexuelle Bereitschaft vor, sie bleibt auch bis ins hohe Alter erhalten . . . Ohne Zweifel hat die geschlechtliche Vereinigung beim Menschen sowohl die Aufgabe, den Partner zu binden, als auch der Fortpflanzung zu dienen. Beide Funktionen sind trennbar. Biologische Anpassungen sichern geradezu, daß auch außerhalb der fruchtbaren Perioden eine Vereinigung stattfindet, was die große Bedeutung der partnerbindenden Funktion der Sexualität belegt. Das leuchtet vom selektionistischen Standpunkt durchaus ein. Sind einmal mehrere Kinder in einer Familie geboren worden, dann ist es sicher im Sinne der Arterhaltung, wenn der Mann weiter bei seiner Frau bleibt und die heranwachsenden Kinder betreut, auch wenn die Fortpflanzungsfähigkeit der Frau erloschen sein sollte” (Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Liebe und Haß, München 19769, S, 179). Wir können also nach unserem heutigen Erkenntnisstand sagen, daß für die Menschwerdung die Bildung einer Familie von Bedeutung war und daß der Auslöser hierfür die biologische Tatsache der gesteigerten Sexualität war. In gewissem Sinne hat also die gesteigerte Sexualität den Menschen geschaffen!

Der Vollständigkeit halber sei kurz dargelegt, was nun unter diesem einmaligen Menschlichen, nämlich dem Orgasmus, zu verstehen ist: Es handelt sich dabei um den Höhepunkt der sexuellen Lust und die Endbefriedigung des Sexualaktes. Der Orgasmus ist ein psychisches Phänomen, das aus der Tiefe der menschlichen Person entsteht, die ganze Person total erfaßt und sogar erschüttert. Es wird auch 'kleiner Tod' genannt, da es mit kurzem Verlust des Bewußtseins verbunden ist. Die Intensität hängt besonders auch vom Grad der steuernden, fördernden und hemmenden seelisch-geistigen Beteiligung ab. Wiederholte sexuelle Erregungen, die nicht durch Orgasmus zur Befriedigung gebracht werden, rufen organische und neurotische Störungen hervor. Das bewußte Miterleben des Orgasmus eines geliebten Menschen ist eine der kostbarsten Erfahrungen der menschlichen Seele. Neben dem Saugreflex des Säuglings gehört der Orgasmus zu den einzigen angeborenen Reflexhandlungen des Menschen, die nicht erlernt werden können. Es ist bemerkenswert und verdächtig, daß eine typische menschliche Eigenschaft, wenn nicht gar die typische menschliche Eigenschaft überhaupt, kaum als solche gewertet wird, ja daß sogar das Reden von ihr weitgehend tabuisiert ist.
Vom Zusammenhang der menschlichen Sexualität mit der Partnerbindung, die ja nach Eibl-Eibesfeldt unbedingter Zweck ist, sehen gewisse Psychologen wie etwa Wilhelm Reich (1897 - 1957, Marxist, jedoch aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen) allerdings ab, wenn sie meinen, daß die menschliche Sexualität auch heutzutage nur unzureichend zu ihrem Recht komme, und sie daher eine Verhaltensänderung fordern. Ihre stiefmütterliche Behandlung sei für die Menschheit ein großer Schaden: "Daß die Menschen als einzige Spezies das Naturgesetz der Sexualität nicht erfüllen, ist die unmittelbare Ursache einer Reihe vernichtender Seuchen. Die äußere gesellschaftliche Lebensverneinung hat Massensterben zur Folge, in Gestalt der Kriege ebensowohl wie infolge seelischer und körperlicher Störung der Lebensfunktion (Wilhelm Reich, Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB 6752, 1972/1983, S.17). Denn der "lebens- und sexualverneinend erzogene Mensch erwirbt eine Lustangst, die physiologisch in chronischen Muskelanspannungen verankert ist. Die neurotische Lustangst ist die Grundlage der Reproduktion der lebensverneinenden, Diktatur begründenden Weltanschauungen durch den Menschen selbst. Sie ist der Kern der Angst vor selbständiger, freiheitlicher Lebensführung. Dies wird die wichtigste Kraftquelle jeder Art politischer Reaktion, der Herrschaft von Einzelpersonen oder Gruppen über die Mehrheit der arbeitenden Menschen" (s.o. S. 16).
Nach Meinung Reichs muß die menschliche Sexualität also, da sie wichtigste menschliche Eigenschaft ist, da sie das Kriterium des Menschen schlechthin ist, in unserer Gesellschaft einen viel bedeutenderen Stellenwert erhalten, wir alle müßten sexuell viel "freier" werden. Wir mögen diesem Vorwurf Reichs nun entgegenhalten, daß wir heute doch schon recht großzügig geworden sind, daß wir doch gar nicht mehr so "leibfeindlich" sind. Ist das aber nicht nur deshalb so, weil sich bei relativ unvorbereiteten Menschen ganz einfach die Natur ihr Recht nimmt - und daß wir Pädagogen dann die Waffen strecken und die Natur laufen lassen, etwa nach dem Motto: "Hauptsache, es, geschieht nichts, wenn wir gerade als Aufsichtspersonen betroffen sind!" Bestenfalls beklagen wir als Entschuldigung noch den berühmten Zeitgeist, gegen den man halt nichts machen kann. Eine bewußte Erziehung zur Bewältigung der Sexualität findet jedenfalls nicht statt. Ob allerdings die Forderung Reichs (und anderer) nach ungezwungener Betätigung der Sexualität schon von Kindheit an zu einer Lösung aller Probleme des einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit überhaupt führt, dürfte fraglich sein. Diese Sexualität vergißt nämlich den eigentlichen von dem Wechselspiel Mutation und Selektion in der Entstehungsgeschichte des Menschen herrührenden Sinn: nämlich den der Partnerbindung. Die von Reich geforderte sexuelle Betätigung wird den Beigeschmack nicht los, daß es sich dabei mehr oder weniger um Selbstbefriedigung handelt, wenn auch zu zweit oder gar noch zu mehreren.

D. Liebe in der Einheit von Leib und Seele als Konzept der Bibel

Die Bibel dagegen geht vom ganzen Menschen aus!
Nicht anders als Eibl-Eibesfeldt es beschreibt, sieht auch die Bibel die Sexualität im Zusammenhang mit der Partnerbindung. Das Unglück des einzelnen Menschen und damit auch der Menschheit überhaupt rührt nun nach der Bibel nicht von nicht ausgelebter Sexualität her, sondern von einer Sexualität, die am "Zweck" der Partnerbindung vorbeigeht. Das Alte Testament vertritt jedenfalls durchgängig dieses Anliegen der Partnerbindung, wenn es um Sexualität geht.
Und wie ist das mit dem Neuen Testament, also der Erlösungsbotschaft Jesu? Um was geht es eigentlich in dieser Erlösung? Um es auch hier ganz deutlich zu sagen: Kein Mensch weiß heute nach fast 2000 Jahren nach Leben und Tod Jesu genau, was unter der Erlösung durch Jesus zu verstehen ist, von was und wofür wir erlöst wurden. In einer so langen Zeitspanne verändert sich so ziemlich alles, auch verändern sich die Bedeutungsinhalte von Botschaften, selbst wenn das Äußere davon, also etwa die Wörter dieselben bleiben.
In dieser Schwierigkeit bringt uns da der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer auf eine "heiße Spur": Er setzt die Erlösung durch Jesus mit der bis dahin für theologische Spekulationen nicht verwendeten Sünde "Adams" in Beziehung. Wenn wir hier dem heiligen Paulus einmal unterstellen, daß er diese von ihm gefundene Beziehung nicht leichtfertig aufgestellt hat, sondern einen konkreten Zusammenhang sah, brauchen wir nur noch die Art der Sünde Adams festzustellen, um von daher dann auf das Anliegen der Erlösung Jesu rückzuschließen. Und danach geht es dann bei der Botschaft Jesu um dasselbe Anliegen wie im Alten Testament, nur daß hier eine echte Lösung angestrebt wird, auch für die ganze Menschheit. Doch der Reihe nach!

Zu Ihrer Information erst einmal die besagte Stelle aus dem Brief des Apostel Paulus an die Römer (5, 6ff): 6 Denn Christus ist, als wir noch kraftlos waren, zur bestimmten Zeit für Gottlose gestorben. 7 Denn kaum wird jemand für einen Gerechten sterben; denn für den Gütigen möchte vielleicht jemand auch zu sterben wagen. 8 Gott aber erweist seine Liebe gegen uns darin, daß Christus, als wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist. 9 Vielmehr nun, da wir jetzt durch sein Blut gerechtfertigt sind, werden wir durch ihn vom Zorn gerettet werden. 10 Denn wenn wir, als wir Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, so werden wir viel mehr, da wir versöhnt sind, durch sein Leben gerettet werden. 11 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben. Durch Adam den Tod, durch Christus das Leben. 12 Darum, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod und so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben 13 - denn bis zum Gesetz war Sünde in der Welt; Sünde aber wird nicht zugerechnet, wenn kein Gesetz ist. 14 Aber der Tod herrschte von Adam bis auf Mose selbst über die, welche nicht gesündigt hatten in der Gleichheit der Übertretung Adams, der ein Bild des Zukünftigen ist. 15 Mit der Übertretung ist es aber nicht so wie mit der Gnadengabe. Denn wenn durch des einen Übertretung die vielen gestorben sind, so ist viel mehr die Gnade Gottes und die Gabe in der Gnade des einen Menschen Jesus Christus gegen die vielen überströmend geworden. 16 Und mit der Gabe ist es nicht so, wie [es] durch den einen [kam], der sündigte. Denn das Urteil [führte] von einem zur Verdammnis, die Gnadengabe aber von vielen Übertretungen zur Gerechtigkeit. 17 Denn wenn durch die Übertretung des einen der Tod durch den einen geherrscht hat, so werden viel mehr die, welche die Überschwenglichkeit der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den einen, Jesus Christus. 18 Wie es nun durch eine Übertretung für alle Menschen zur Verdammnis [kam], so auch durch eine Gerechtigkeit für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens. 19 Denn wie durch des einen Menschen Ungehorsam die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden.).

Die schon zu Beginn erwähnte Adam-und-Eva-Erzählung bezieht sich natürlich nicht auf Erschaffung und irgendeine abstrakte Sünde eines Urpaares aus Ungehorsam gegen Gott, sondern enthält ein Bekenntnis zur Partnerschaft in Liebe mit Leib und Seele von Mann und Frau und den in die Mythologie der Entstehungszeit dieser Geschichte gekleideten Bericht von der Zerstörung dieser Partnerschaft durch mißbrauchte Sexualität. Berichte von der Sexualität, und damit auch vom Leben, aus der damaligen Zeit sind immer mythologisch, denn gerade die Fragen nach der Herkunft des Lebens, auch des individuellen Lebens, wurden ja stets mit Göttern in Verbindung gebracht; die prosaischen Vorstellungen von Spermien und Chromosomen etwa, wie wir sie heute haben, waren den damaligen Menschen fremd. Alles andere, etwa der Bericht von der Erschaffung des Menschen, ist Rahmenerzählung, irgendwie muß eine Einleitung da sein, die gleichzeitig eine Allgemeingültigkeit ausdrückt (wie auch sonst üblich bei mythologischen Erzählungen aus dem Kulturbereich der Bibel).
Ganz gewiß hat jedenfalls kein Reporter neben dem "lieben Gott" mit einem Notizblock gestanden und genau Tagebuch geführt! Die Erschaffung der Frau aus der Rippe des Mannes soll nicht eine Minderwertigkeit der Frau bezeichnen, sondern sie bedeutet, daß der Ursprung der Frau ganz nahe beim Herzen des Mannes ist, daß sie also ganz nahe zu ihm gehört. Sie unterscheidet sich darin von den Tieren, deren Erschaffung nichts mit der Erschaffung des Menschen unmittelbar zu tun hat - der Mensch ist seit seiner Entstehung grundsätzlich vom Tier verschieden. Beide Quellen der Urgeschichte ("P" = Priesterschrift und "J" = Jahwist, so bezeichnet nach der Thematik bzw. dem verwendeten Gottesnamen) sehen das Mann-Frau-Verhältnis als das besondere Kennzeichen des Menschen in verschiedener Weise: "Das Verhältnis von Mann und Frau hat bei P eine schöpfungstheologischkultische Funktion, während J an diesem Verhältnis vor allem das Personale im organisch-funktionalen, im psychischen und sozialen Bereich interessiert" ( Ernst-Joachim Waschke, Untersuchungen zum Menschenbild der Urgeschichte, (Ost-)Berlin, 1984, S, 162).

Aus dem, was mir an Literatur über das Menschenbild der Urgeschichte der Bibel in die Hände geriet, ob Westermann (vgl. Westermann, a.a.0., S. 340), oder Drewermann (vgl. Eugen Drewermann, Psychoanalyse und Moraltheologie 2, Wege und Umwege der Liebe. Mainz 1984 , S, 18), es wird immer wieder darauf hingewiesen, daß das zentrale Thema die Liebe zwischen Mann und Frau ist. Die Liebe ist nicht nur eine Urbestimmung des Menschen und die wichtigste Kraft des Herzens, sie ist auch in sich selbst für ihn die Urerinnerung an ein verlorenes Paradies. Konkret drückt Fritz Leist das Menschenbild der Bibel am deutlichsten aus: "Wir müßten sagen, der Mensch hat nicht ein Geschlecht als eine Summe sexueller Merkmale, vielmehr der Mensch existiert sein Geschlecht. Die ungewöhnliche grammatikalische Konstruktion will das Einmalige ausdrücken: Der Mensch existiert sein Geschlecht, indem er sein Existieren als Mann und Frau vollzieht.” (Fritz Leist, Utopie Ehe, Tübingen 1973, S. 180) "Nach der Bibel bezeichnet Geschlecht die grundlegende Verfaßtheit menschlichen Existierens. Der Mensch existiert, als Mann und als Frau, getrennt und verschieden, in Getrenntheit und Verschiedenheit aufeinander hingeordnet." ( Leist, s.o., S. 178) Die Frau ist gleichwertig, Mann und Frau ergänzen sich notwendigerweise. Dabei ist das Alte Testament auch im Sexualleben nicht prüde: Der Sabbat ist nicht nur zur Ruhe da, sondern auch zur Freude am Geschlechtlichen (vgl. Erich Fromm, Märchen, Mythen. Träume, rororo 7448, 1981, S.165 auch in: Haben oder Sein, Stuttgart 1976, S. 58), auch wird der Frau das Erlebnis des Orgasmus zugebilligt. Ziel des biblischen Menschenbildes ist die Partnerschaft von Mann und Frau in Liebe mit Leib und Seele, die ja auch für den einzelnen, da Geschlechtswesen in existentieller Weise, Einheit von Leib und Seele bedeutet. Dabei ist für "die alten Juden" der Leib-Seele-Begriff funktional, gemeint sind also etwa seelische Sehnsüchte auf Treue, Liebe, Geborgenheit und leibliche Sehnsüchte, wie etwa auf das gemeinsame orgiastische Erlebnis.

Sehr schön wird diese Liebe, um die es geht, im "Hohen Lied", im "Lied der Lieder", im "Schönsten Lied" der Bibel besungen. In einer Folge von Gedichten verbinden sich Mann und Frau, verlieren sich, suchen und finden sich. Die Verse sind so wundervoll und im schönsten Sinn romantisch, daß ich davon ausführlich zitiere:

Mit Küssen seines Mundes bedecke er mich. Süßer als Wein ist deine Liebe.
Jauchzen laßt uns, deiner uns freuen, deine Liebe höher rühmen als Wein, dich liebt man zu Recht.
Du, den meine Seele liebt, sag mir: Wo weidest du die Herde? Wo lagerst du am Mittag?
Wozu soll ich erst umherirren bei den Herden deiner Gefährten?
Wenn du das nicht weißt, du schönste der Frauen, dann folge den Spuren der Schafe, dann weide deine Zicklein dort, wo die Hirten lagern.
Mit der Stute an Pharaos Wagen vergleiche ich dich, meine Freundin.
Schön sind deine Wangen zwischen den Kettchen, dein Hals in der Perlenschnur.
Mein Geliebter ruht wie ein Beutel mit Myrrhe an meiner Brust.
Eine Hennablüte ist mein Geliebter mir aus den Weinbergen von Engedi.
Schön bist du, meine Freundin, ja du biet schön. Zwei Tauben sind deine Augen.
Schön bist du, mein Geliebter, verlockend. Frisches Grün ist unser Lager.
In das Weinhaus hat er mich geführt. Sein Zeichen über mir heißt Liebe.
Stärkt mich mit Traubenkuchen, erquickt mich mit Äpfeln, denn ich bin krank vor Liebe.
Seine Linke unter meinem Kopf, seine Rechte umfängt mich.
Horch! Mein Geliebter! Sieh da, er kommt. Er springt über die Berge, hüpft über die Hügel.
Der Gazelle gleicht mein Geliebter, dem jungen Hirsch.
Ja, draußen steht er an der Wand unseres Hauses; er blickt durch die Fenster, späht durch die Gitter. Der Geliebte spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch!
Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen, auf der Flur erscheinen die Blumen; die Zeit zum Singen ist da.
Meine Taube im Felsennest, versteckt an der Steilwand, dein Gesicht laß mich sehen, deine Stimme hören!
Denn süß ist deine Stimme, lieblich dein Gesicht.
Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht.
Mich fanden die Wächter bei ihrer Runde durch die Stadt.
Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt?
Kaum war ich an ihnen vorüber, fand ich ihn, den meine Seele liebt. Ich packte ihn, ließ ihn nicht mehr los, bis ich ihn ins Haus meiner Mutter brachte, in die Kammer derer, die mich geboren hat.
Bei den Gazellen und Hirschen der Flur beschwöre ich euch, Jerusalems Töchter: Stört die Liebe nicht auf, weckt sie nicht, bis es ihr selbst gefällt.
Schön bist du, meine Freundin, ja, du bist schön.
Hinter dem Schleier deine Augen wie Tauben. Dein Haar gleicht einer Herde von Ziegen, die herabzieht von Gileads Bergen.
Deine Zähne sind wie eine Herde frisch geschorener Schafe, die aus der Schwemme steigen.
Rote Bänder sind deine Lippen; lieblich ist dein Mund.
Dem Riß eines Granatapfels gleicht deine Schläfe hinter dem Schleier.
Wie der Turm Davids ist dein Hals, in Schichten von Steinen erbaut.
Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, wie die Zwillinge einer Gazelle, die in den Lilien weiden.
Alles an dir ist schön, meine Freundin; kein Makel haftet dir an.
Verzaubert hast du mich, meine Schwester Braut; ja verzaubert mit einem Blick deiner Augen, mit einer Perle deiner Halskette.
Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester Braut; wieviel süßer ist deine Liebe als Wein, der Duft deiner Salben köstlicher als alle Balsamdüfte.
Von deinen Lippen, Braut, tropft Honig; Milch und Honig ist unter deiner Zunge.
Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut, eine verschlossener Garten, ein versiegelter Quell.
Ein Lustgarten sproßt aus dir, Granatbäume mit köstlichen Früchten, Hennadolden, Nardenblüten, Narde, Krokus, Gewürzrohr und Zimt, alle Weihrauchbäume.
Die Quelle des Gartens bist du, ein Brunnen lebendigen Wassers, Wasser vom Libanon. Nordwind erwache! Südwind herbei! Durchweht meinen Garten, laßt strömen die Balsamdüfte!
Mein Geliebter komme in seinen Garten und esse von seinen köstlichen Früchten.
Ich komme in meinen Garten, Schwester Braut; ich pflücke meine Myrrhe, den Balsam; esse meine Wabe samt dem Honig, trinke meinen Wein und die Milch.
Freunde, eßt und trinkt, berauscht euch an der Liebe! Ich schlief, doch mein Herz war wach. Horch, meine Geliebter klopft: Mach auf, meine Schwester und Freundin, meine Taube, du Makellose!

Das ist Liebe in voller und ursprünglicher Kraft! Für die Menschen des Alten Testaments ist solche Liebe gottgefällig, da im Sinne "ihres" Gottes. Und alles das, was im Sinne ihres Gottes ist, ist direkter Gottesdienst, also auch die Liebe zwischen Mann und Frau! Spekulationen über das Wesen der Seele oder den Leib und damit auch über Sterblichkeit und Unsterblichkeit passen da nicht hinein! Thema der "alten Juden" waren nicht Seele und Leib als solche, sondern was für Seele und Leib hier und jetzt "förderlich und schädlich" ist ( vgl. Westermann, a. a. 0. S . 329).
Und dieses alttestamentliche Bild vom Menschen läuft nun genau auf dasselbe hinaus, was wir auch bei Eibl-Eibesfeldt als Erkenntnis der modernen Verhaltensforschung finden: Der Mensch ist auf Partnerschaft angelegt, der Mensch ist entstanden, weil eine besondere Veranlagung zu einer Mann-Frau-Beziehung vorlag! Und in genau diesem Punkt sind nach der Bibel und auch nach denselben Erkenntnissen der modernen Verhaltensforschung Mensch und Tier verschieden! Doch anders als Wilhelm Reich etwa, der die Ursache der Entmenschlichung des Menschen im Nichtausleben seiner sexuellen Veranlagung sieht, und zwar unabhängig von der seelischen Bindung an einen konkreten Partner, geht es der Bibel genau um diese Partnerproblematik. Die Bibel sieht das Unheil der Menschen in der Verzeichnung der Partnerbeziehungen, die als besonders verwerflicher Aberglaube angesehen wird und die bei den Nachbarvölkern Israels in allen Variationen gang und gäbe war. Nur zu oft wurde sie auch im Volke Israels nachgeahmt, bisweilen auch in sehr schmieriger Weise. Denn bei den Nachbarvölkern Israels kam es im Zusammenhang mit der Sexualität nicht auf die Partnerschaft von Mann und Frau an, die Sexualität war hier zu einem kultischen Element in unterschiedlichstem Anliegen mit austauschbaren Gelegenheitspartnern geworden. Also ein totaler Gegensatz zu der Liebe, die im Hohen Lied besungen wird!

Und die Liebe mit wechselnden Partnern wird mit Prostitution bezeichnet, und wenn es aus kultischen Gründen geschieht, eben mit "kultischer Prostitution" oder "Tempelprostitution". Der Begriff "Prostitution" ist allerdings mißverständlich, weil wir heute dabei immer nur die Hingabe gegen Geld verstehen. Bei der Betrachtung von kulturellen Zusammenhängen wird der Begriff auch verwendet, wenn verschiedene Geschlechtspartner im Spiel sind.

Ernest Borneman unterscheidet in jener Zeit der Muttergottheiten, "wo Fruchtbarkeit und Sexualität gleichgestellt wurden, so daß der Gottesdienst oft zum Geschlechtsverkehr und der Geschlechtsverkehr oft zum Gottesdienst wurde", drei Erscheinungsformen der Tempelprostitution:

1. Hieros Gamos: Paarung zwischen Priester und Priesterin, zwischen Priesterin und Gläubigem oder zwischen Priester und gläubiger Frau. Zweck: Fruchtbarmachung durch mimetische (nachahmende) Magie. Durch den Ritus der Paarung will man Fruchtbarkeit der Gläubigen und ihrer Felder und Tiere erlangen. Verbreitung: Hellas, Magna Gaecia, Vorderasien.

2. Apotropäische (Unheil abwehrende) Prostitution: einmalige Hingabe der unverheirateten Frau vor der Eheschließung. Zweck: Sühne der Fruchtbarkeitsverweigerung. Da die Frau durch den Eintritt in die Ehe gegen das Gebot der Göttin verstößt, jede Frau müsse der Fruchtbarkeit halber allen Männern zur Verfügung stehen, muß sie sich in einem symbolischen Opferakt dem ersten besten Mann hingeben, der sie haben will. Verbreitung: Babylon, Byblos, Hierapolis, Paphos auf Zypern.

3. Hierodulenpaarung (Hierodulen = heilige Sklaven, Gottesdiener): Paarung zwischen dem Gläubigen und der Dienerin der Gottheit. Zweck: Erkenntnis der Gottheit durch Aufgabe des Ichs. Wie der katholische Priester durch Entgegennahme der Beichte und Auferlegung der Buße Absolution erteilt, also als Mittler zwischen Gott und Mensch handelt, konnten bestimmte Tempeldienerinnen, die man hieroduloi, "Gottesbräute", nannte, durch die Darbringung ihres Körpers die Verbindung mit der Gottheit herstellen. Der Orgasmus der Gläubigen, der Augenblick der Selbstaufgabe, galt als der Moment der Erkenntnis, in dem die Göttin sich enthüllte. Die Gottesbraut nahm nicht an der Ekstase teil: sie war nur Instrument der Göttin. Ihre Hingabe war nicht Befriedigung eigener Lust, sondern Opfer des Körpers im Dienste der Gottheit. Verbreitung: Korinth, Kalydon in Aitolien, Abydos, Komana, Ephesos, die Inseln Aigina, Kythera, Zypern und Kos, Eryx auf Sizilien. (Ernest Borneman. Das Patriarchat. Fischer TB 3416, S. 265)

Spätestens bei der dritten Erscheinungsform der kultischen Prostitution es geht um "Erkenntnis" - fällt uns etwas auf, worum es auch im Adam-und-Eva-Bericht geht: auch hier geht es um eine Erkenntnis. Leider habe ich bisher kein weiteres konkretes wissenschaftliches Material zur Erscheinungsform der Tempelprostitution zur "Erkenntnis der Gottheit" gefunden, doch soviel scheint sich aus den drei Erscheinungsformen zu ergeben: Womit man mit den Göttern in Kontakt kommen kann, um sie zur Fruchtbarmachung zu veranlassen, damit kann man sie auch herbeirufen, um böse Geister ganz allgemein zu vertreiben, d.h. Krankheiten zu heilen. Und  schließlich kann man natürlich auch damit zur Erkenntnis einer Gottheit überhaupt gelangen.

Daß es sich beim Adam-und-Eva-Bericht, also dem Ausgangspunkt für unsere Erbsündentheologie, um die mythologische Schilderung einer Situation aus dem Bereich der kultischen Prostitution handelt, die von den Verfassern der Bibel als Ursache allen Unglücks der Menschheit angesehen und daher an zentraler Stelle behandelt wird, ergibt sich besonders aus folgenden Überlegungen:

1. Die Rolle eines Baumes der Erkenntnis und auch des Lebens.

Hinter dem Baum der Erkenntnis steckt gewiß kein Apfelbaum, ein solcher Baum war dem Kulturkreis, in dem die Bibel entstand, wohl auch fremd. Der in diesem Kulturkreis allgegenwärtige Baum ist die Dattelpalme. Und diese Dattelpalmen haben nun eine unter Pflanzen nicht allzuoft anzutreffende Besonderheit: sie sind zweihäusig, d.h. es gibt weibliche und männliche Pflanzen. Da nur die weiblichen Pflanzen Früchte tragen, wurde gewiß einmal in früherer Zeit das knappe Fruchtland für die weiblichen Bäume vorbehalten. Wir können uns gut vorstellen, daß daher irgendwann einmal auch die Früchte bei den weiblichen Bäumen ausblieben, weil, wie wir heute wissen, die Bestäubung durch männliche Pollen gänzlich unterblieb. Da in der damaligen Zeit nun alles Leben als von den Göttern gegeben geglaubt wurde, schloß man, daß die männlichen Bäume den Ursprung des Lebens in sich haben, also göttlich sind. Die Bestäubung der weiblichen Bäume wurde eine Aufgabe der Priester; die Bestäubungswerkzeuge, männlicher Blütenstand und Polleneimerchen, wurden Zeichen der Priesterwürde und später wohl in diesen theokratisch verfaßten Staaten, der Herrscherwürde schlechthin. In allen großen archäologischen Museen mit vorderasiatischen Abteilungen (Berlin, London, Paris, Istanbul, Kopenhagen, Stockholm) können wir zahlreiche entsprechende Kolossalreliefs bewundern, siehe etwa das Relief im Pergamonmuseum in Berlin. 
Und wie sorgten sich nun die Priester in ihrem Gottesdienst um ein Gelingen der Fruchtbarmachung der Bäume?
Sie ahmten das nach, was als Wirken der Gottheit angesehen wurde also durch sogenannte "kultische Prostitution".

2. Adam und Eva sind ein Paar der kultischen Prostitution.

Es ist nicht an ein konkretes, zusammengehöriges Paar gedacht, denn "Eva war eine der im Mittleren Orient gebräuchlichen Namen der höchsten weiblichen Macht. Für die Hethiter war dies Hawwah ("Leben"), für die Perser war dies Hvov ("die Erde"). Die Aramäer nannten sie Hawah ("Mutter allen Lebens"). In Anatolien war sie Hebst oder Hepat, mit einer griechischen Ableitung Hebe, 'jungfräuliche Mutter Erde', mit derselben Beziehung zur Großen Muttergottheit Hera wie Kare - Persepone zu Demeter... Die Namen Eva, Schlange und Leben haben im Arabischen dieselbe Wurzel." (The Woman´s Encyclopedia, New York, S. 289 - Stichwort "Eve") "Mit höchster Wahrscheinlichkeit war bei der Übernahme dieser Sage (Anm.: der Adam-und-Eva-Erzählung) in den israelitischen Sagenkreis schon beides, der Name wie auch der Titel "Mutter alles Lebendigen" vorhanden, und zwar als eine - später natürlich umgedeutete und verklungene - Erinnerung an den in Palästina früher einheimischen Kultus der 'großen Mutter´". Die theologische Absicht der Verfasser der biblischen Adam-und-Eva-Erzählung ist also, daß diese im Volke damals weitbekannte Gestalt der Urmutter unter die Herrschaft Jahwes gestellt wird und sie so zur Menschengestalt degradiert, damit entmachtet und entmythologisiert wird (vgl. Jan Heller. Der Name Eva, in: Archiv orientalni, Prag 1958, S, 655). Gleichzeitig wird damit der Kult zu Ehren dieser Gottheit entlarvt und verurteilt: Heller (Heller, S. 653) weist wie auch Borneman (Borneman, S. 277) auf orgiastische Frauenfeste hin, die schließlich auf die "Erzeugung schöner Kinder" hinausliefen. Schon in vorgeschichtlicher Zeit war am Tag der Großen Mutter etwa das Inzesttabu rituell aufgehoben, vor allem zwischen Mutter und Sohn, zum Gedächtnis der Paarung der göttlichen Großen Mutter mit ihrem göttlichen Sohn (Borneman, S. 81 f).

3. Adam und Eva sind keine "Eheleute".

Klingt uns aber nicht die biblische Stelle in den Ohren, daß Eva von der Frucht aß und dann “ihrem Mann" davon gab? Weist das nicht doch auf ein konkretes, zusammengehöriges Paar hin?
Die Widersprüchlichkeit dieser Stelle beruht auf einem Übersetzungsproblem. In der hebräischen Sprache, in der der Urtext der Bibel ja geschrieben ist, ist der Unterschied von einem besitzanzeigenden und einem umstandsbezeichnendem Hinweis für uns oft kaum auszumachen, beide Hinweise werden mit einer Vorsilbe angegeben. Westermann, der nach neuesten Erkenntnissen (Westermann, S. 340) übersetzt, ohne allerdings weiter darauf einzugehen, schreibt daher: "Sie gab auch dem Mann bei ihr”, wobei im Grunde jeder beliebige Mann gemeint sein kann, der gerade "in der Nähe" ist.


4. Die Schlange als phallisches Symbol.

Eine in Mari/Mesopotamien ausgegrabene Tonscherbe gibt weitere Auskunft über den Hintergrund der biblischen Mythologie: "Eine Frau kniet in einem Garten vor einem Baum. Offenbar pflanzt sie neben dem großen, einer Dattelpalme, einen jungen. Der Baum repräsentiert im Kult jener Zeit die große Mutter, und die Frau bittet, wie in allen solchen Kulten, um Fruchtbarkeit. So schmiegt sich eine Schlange in ihren Schoß. Die Schlange ist ein phallisches Symbol (Anm.: Phallus, Penis: Symbol der Zeugungskraft). Die ganze Paradiesgeschichte wird lebendig. Sie ist eine Geschichte gegen die Fruchtbarkeitskulte" (Jörg Zink. Bildwerk zur Bibel, Bd. 1, Bild 18/19). Daß die Interpretation der Schlange auf der Tonscherbe korrekt ist, erkennen wir aus einem Heilungstraum, der aus dem griechischen Epidaurus überliefert ist: Nikesibule von Messene z.B. "schlief wegen Kindersegen im Heilraum und sah einen Traum: es träumte ihr, der Gott sei mit einer Schlange, die ihm folge, zu ihr gekommen; mit dieser habe sie verkehrt. Und darauf bekam sie übers Jahr zwei Buben (Eugen Drewermann, Tiefenpsychologie und Exegese, Bd. II. Olten-Freiburg,1985. S. 183, zitiert aus R. Herzog. Die Wunderheilungen von Epidaurus, Nr. 42). Eine parallele Beziehung wie von der Sünde Adams zur Erlösungstat Jesu finden wir im Johannesevangelium ausgehend vom Sexualsymbol der Schlange. Die Erhöhung Jesu am Kreuz wird in Beziehung zur Erhöhung der Schlange durch Mose in der Wüste gesetzt, bei der es um Abwehr eines Sexualkultes ging: "Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muß der Menschensohn erhöht werden" (Joh. 3, 14). Was Mose damit für die Juden durch die Befreiung von den unwürdigen Sexualkulten (wohl nur vorübergehend erfolgreich!) tat, tut Jesus erfolgversprechend für die ganze Menschheit.

 


Bild: Tonscherbe aus Mari, Mesopotamien: Kniende Frau mit Schlange und Dattelpalme (Museum Damaskus)

5. Die Schlange als Symbol für eine Fruchtbarkeitsgottheit

Am Sonnentempel im indischen Konarak finden wir ein "Modellpaar" der Tempelprostitution mit Schlangengottheit und unter Fruchtbarkeitsbaum. Daß es sich nicht um ein "festes Partnerschafts-Paar" handelt, das den Sex zur Freunde des Schöpfers seiner gelungenen Partnerschaft praktiziert, sondern eher um ein beliebig zusammengewürfeltes Paar, geht aus den sonstigen Skulpturen an diesem und ähnlichen indischen Tempeln hervor, es gibt nämlich sogar Figurengruppen! Zwar wurde dieser Tempel erst lange nach der Entstehung der Adam-und-Eva-Erzählung gebaut, doch steht er kultur- und religionsgeschichtlich im engen Zusammenhang mit ihr. Ein Beweis hierfür mag sein, daß im Nationalmuseum in Bombay genau ein solches Dattelpalmenbestäubungsrelief steht wie in unseren europäischen Museen - zumindest aus indischer Sicht sind die kulturellen und religiösen Wurzeln wohl dieselben! (Anmerkung: Zu diesen Punkt bin ich erst auf einer meiner späteren Reisen gekommen, er ist also in dem ursprünglichen Buch "Glaube ohne Aberglauben" nicht enthalten.)

Dattelpalmenbestäubungsrelief im vorderasiatischen Museum in Berlin


6. Es handelt sich um Geschlechtsverkehr zur "Erkenntnis" im Rahmen der "kultischen Prostitution”.

Für diesen Zusammenhang gibt es im fast tausend Jahre älteren Gilgameschepos eine Parallelstelle zur biblischen Erzählung. Auch hier wird durch Gebotsübertretung im sexuellen Bereich ein paradiesischer Zustand verloren und ein Schritt ins Gegenwärtige vollzogen. Nachdem das Epos geschildert hat, wie eine Dirne den Urmenschen Enkidu geschlechtlich verführt hat, berichtet es über die Folgen dieses Sündenfalls:

Dann wandte er den Blick nach seinem Tier.
Doch nun, als die Gazellen Enkidu erblickten, flohen sie vor ihm davon.
Das Wild der Steppe wich vor ihm zurück, und Enkidu erschrak, sein Leib ward starr, die Knie wankten, und es war nicht wie zuvor, doch nun hatte Wissen; er begriff.
Umkehrend sank er zu der Dirne Füßen, erhob zu ihrem Antlitz seine Augen und hörte auf die Worte, die sie sprach.
Es hob die Dirne an zu Enkidu: Klug bist du nun, Enkidu, wie ein Gott!
 

(zitiert nach Oswald Loretz, Schöpfung und Mythos, Mensch und Welt nach den Anfangskapiteln der Genesis, Stuttgarter Bibelstudien 32, 1968, S. 114)

Nicht nur der ungezwungene Umgang mit den Tieren stimmt mit der Paradieserzählung überein, sondern in unserem Zusammenhang stimmt vor allem das Versprechen der Schlange in Genesis 3, 5: "Sobald ihr davon eßt, gehen euch die Augen auf; ihr werdet sein wie Götter und erkennt Gut und Böse" mit der letzten zitierten Zeile aus dem Gilgameschepos überein "klug bist du nun, Enkidu, wie ein Gott!"
Im Unterschied zum Gilgameschepos weist die Bibel, die ja "Gut und Böse" funktional sieht, also im Sinn von "was gut und böse für den Menschen ist", dazu noch mit feiner Ironie auf das Objekt der Erkenntnis hin, eben "Gut und Böse" etwa in dem Sinn: Jetzt wo du die "Sache" hinter dir hast, weißt du, was eigentlich gut gewesen wäre und was du nun für einen Mist gebaut hast... Und da wir aus dem Gilgameschepos wissen, um was für eine Tat es sich handelt, können wir uns auch erklären, was mit dem Essen der "verbotenen Frucht" gemeint ist.

7. Doppelbedeutung des Wortes "essen".

Zum in der Sündenfallgeschichte angesprochenen "Essen" (der verbotenen Frucht) bringt Igor Kon einen Hinweis: "Interessant ist die Frage nach der Beziehung von Sexualität und Nahrung. Das mythologische Bewußtsein bringt diese Sachverhalte in einen so engen Zusammenhang, daß in vielen Sprachen, z.B. afrikanischen, die Bedeutungen 'kosten/essen/schmecken und koitieren/sich begatten durch ein und dasselbe Wort ausgedrückt werden. Die sexuellen Verbote sind eng mit den Speiseverboten verflochten" (Igor Kon, Einführung in die Sexuologie. Berlin (Ost) 1985, S. 149). Ganz fremd ist auch uns im Deutschen nicht die Verwendung von Begriffen aus der Nahrungsaufnahme für sexuelle Vorgänge, so ist gewiß das Wort "genießen" mehrdeutig, "zweideutig" sind auch die Worte "naschen" ("vernaschen”!) und "enthaltsam sein". Das muß man auch bei uns näher erklären, was nun gemeint ist, wenn davon die Rede ist... Umso weniger überrascht uns, daß auch im Hebräischen das in der Bibel verwendete Wort für "essen" ("`kl") bisweilen die Bedeutung "den Beischlaf ausüben" hat; die jeweilige gültige Bedeutung geht natürlich auch hier aus dem Zusammenhang hervor (Jacob Levy, Wörterbuch über die Talmudim und Midraschim, Berlin/Wien 1924 - Darmstadt 1963, S. 73).

8. Doppelbedeutung des Wortes "Frucht".

Der katholische Alttestamentler Oswald Loretz (s. Anm. 23) weist auf eine weitere Doppelbedeutung hin: "Wie unmittelbar vielfach mit dem Fruchtessen der Geschlechtsverkehr gemeint wird, zeigen besonders deutlich die Überlieferungen der Pangwe (Anm.: zentralafrikanisches Bantuvolk): die Frucht, deren Genuß Gott verbietet, trägt bei diesen die gleiche Bezeichnung wie die Vulva (Anm.: äußeres weibliches Geschlechtsorgan) (zitiert nach Herrmann: Symbolik, 139 f und Baumann: Schöpfung 291 f.) "Da wir auch im Deutschen - in der Vulgärsprache allerdings - die Verwendung der Bezeichnung einer Frucht (hier einer bestimmten) für die Vulva kennen ("Zwetschge", "Pflaume"), liegt nahe, solches auch für die Umwelt zur Zeit der Entstehung der Urgeschichte der Bibel möglich zu halten. Zu bedenken ist, daß solche Begriffe aus der Vulgärsprache im allgemeinen nicht schriftlich festgehalten werden und daher kaum überliefert sind.

Als ich darüber mich einmal mit einem spanisch-amerikanischen Ehepaar unterhielt, lachten sie und meinten, daß es sowohl im Spanischen als auch im (amerikanischen) Englisch genauso ist...

9. Auch der biblische Text allein läßt auf sexuellen Verkehr schließen.

Die Folge des Sündenfalls ist, daß sich das sündige Pärchen nackt fühlt (3, 7). Eine rein geistige Deutung dieses Nacktseins im Sinne einer "Beschämung"  unabhängig von jedem Zusammenhang der Entstehung des Lebens wird m. E. schon vom biblischen Text her hinfällig, da auch auf das "schmerzhafte Kindergebären" und auf "das Verlangen der Frau nach dem Mann" (3, 16) hingewiesen wird.

Es läßt sich in der Zusammenschau der angeführten Punkte einfach nicht mehr wegdiskutieren: Die Sündenfallgeschichte bezieht sich auf Geschlechtsverkehr, allerdings nicht von vornherein jeden, sondern den des Mißbrauchs im Rahmen der kultischen Prostitution. So viele Indizien, die auf einen gemeinsamen Nenner hinweisen, lassen sich einfach nicht anders interpretieren! Man kann natürlich jede Lösung eines Kreuzworträtsels - um einen anderen Vergleich als den mit Derrick zu verwenden - anzweifeln, aber irgendwann ergeben sich halt bei einer Deutung mehr und plausiblere "Waagerechte" und "Senkrechte" als bei der anderen. Die Argumente, daß es sich bei der "verbotenen Frucht" um eine Angelegenheit auf rein geistiger Ebene handelt, scheinen mir dagegen schwach, denn dabei wird "Erkenntnis" nur einseitig als geistiger Vorgang gesehen - bei den "alttestamentlichen Juden" ist aber nun einmal etwas Geistiges auch körperlich und etwas Körperliches auch geistig. Nicht zuletzt steht ja hinter der Erfahrung mit unserem Körper eine "Erkenntnis".

Außerdem: Die Nennung einer konkreten Tat beim Namen und die Verurteilung dieser konkreten Tat ist allemal wirksamer als eine allgemeine philosophisch-theologische Betrachtung. Der Konfrontation mit konkreten Taten muß sich jeder stellen, der nachdenkt, bei allgemeinen philosophisch-theologischen Betrachtungen kann man sich selbst leicht ausklammern. Die Militärs wußten schon immer, warum sie ihre Befehle in Anweisungen für konkrete Handlungen oder für konkrete Unterlassungen formulierten, denn gerade in heiklen Situationen neigen wir Menschen doch dazu, allgemeine Anweisungen so zu interpretieren, daß wir ungeschoren davonkommen...

Natürlich geht es auch bei der Bibel um den ganzen Menschen und nicht nur allein um den Menschen in seiner geschlechtlichen Sicht, doch sieht die Bibel hier eine "Schlüsselproblematik" für die Einheit von Leib und Seele: Ist dieses Problem im Sinn der Bibel gelöst, lösen sich andere Probleme des Menschen und der Menschheit überhaupt von selbst. Ähnlich kennen ja auch die Militärs "Schlüsselpositionen"; sind erst einmal diese, etwa gewisse Geländeziele, erreicht, die vielleicht für Nichtmilitärs sogar bedeutungslos erscheinen, ist vielleicht schon der ganze weitere Kampfverlauf entschieden.
In diesem Sinn sieht wohl auch der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther (12,26) einen Zusammenhang zwischen einem einzelnen leidenden Glied und dem dadurch leidenden gesamten Leib: "Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, oder wenn ein Glied verherrlicht wird, so freuen sich alle Glieder mit". Oder mit einem modernen Vergleich: Wenn bei einem Auto auch nur ein Reifenventil fehlt, eine wirklich geringe Sache, die sogar jeder reparieren kann, ist das ganze Auto fahruntüchtig... Und es ist verständlich, daß für einen Autofahrer, der ein solches Problem an seinem Auto hat, dies das vordringlichste Problem ist!

Für das Alte Testament dürfte so die kultische Prostitution gleichzeitig konkreter Ansatz wie auch Schlüsselposition für den ganzen Menschen sein. Und warum wird diese kultische Prostitution von der Bibel verurteilt, warum ist sie dem in der Urgeschichte enthaltenen Bild von der Partnerschaft von Mann und Frau abträglich? Dazu müssen wir uns in Erinnerung rufen, daß die Israeliten von ihrem Ursprung her ein Nomadenvolk sind. Da in den vorderasiatischen wenig fruchtbaren Wüstengebieten kaum größere Nomadengemeinschaften ständig zusammenleben können, war wohl schon seit alters her die übliche Nomadengruppe die der Familie mit der gegenseitigen Hilfe und Ergänzung von Mann und Frau. Ich habe bei meinen Fahrten durch die syrische Wüste solche "Gruppen" selbst erlebt. Mann und Frau sind hier unbedingt aufeinander angewiesen, die Familie kann in den unwirtlichen Wüsten nur überleben, wenn Mann und Frau eine echte Gemeinschaft sind. Stellen wir uns etwa vor, wenn der Mann zum weit entfernten Markt geht und Frau, Kinder und Herde zurückbleiben; dann muß die Frau ihren Mann stehen, notfalls muß sie sogar mit Wölfen und Hyänen allein fertig werden. Wechselnde Partnerschaften sind da von Nachteil, sie bringen keinen Verlaß. Und daß die  Partner aus kultischen Gründen "wechseln”, macht die Sache auch nicht besser. Einen solchen Umgang von Mann und Frau konnte man sich nur dort "leisten", wo die unbedingte Partnerschaft von Mann und Frau zum Überleben nicht wirklich existentiell notwendig war, also in den wirtschaftlich günstiger gestellten Gebieten. Dazu gehören Gegenden mit intensiver Landwirtschaft mit den Möglichkeiten der systematischen Bewässerung, also etwa das Zweistromland (Mesopotamien). Die ursprünglich nomadischen Israeliten gerieten zwangsläufig in Gegensatz dazu, vor allem die Religion der seßhaften Bevölkerung mit der damit verbundenen Lebensweise war für die Israeliten einfach existenzgefährdend. Daher schlägt sich die Bibel auf die Seite der Nomaden, sie sieht das Leben der Nomaden als allein Gott wohlgefällig an. Besonders deutlich wird dies im Kain-und-Abel-Bericht: Der kleinviehzüchtende nomadische Abel und nicht der ackerbebauende Kain wird von Gott bevorzugt (Kein und Abel sind natürlich auch hier keine geschichtlichen Personen, sondern stehen für "Ackerbau" und "Nomadenleben"). "Leider" gewinnt auch hier wie in der Adam-und-Eva-Erzählung die Gegenreligion Israels. Denn geschichtlicher Hintergrund ist es nun einmal, daß irgendwann auch die Israeliten seßhaft wurden, die Tugenden ihrer Nomadenherkunft vergaßen und in dasselbe Fahrwasser wie die zunächst bekämpften Völker gerieten. So war 150 v. Chr. der Tempel in Jerusalem zum Asyl der Freudenmädchen geworden. Die Auseinandersetzung zwischen der Lebensweise der ursprünglich nomadischen Israeliten und der Lebensweise der ursprünglich allein seßhaften Nachbarvölker ist Gegenstand der Bibel in weiten Bereichen. Und nicht ohne Grund geht die Bibel dabei vor allem gegen das heidnische Verständnis der Sexualität an, da sie ja vor allem dem biblischen Konzept vom Menschen zuwiderläuft. Das Wirken der Propheten ist nur zu berechtigt, weil dieses Ziel nur zu oft pervertiert ist und unter einem Wust von kultischen Veranstaltungen und Vorschriften und auch von Heuchelei kaum noch auszumachen ist.

E. Liebe in der Einheit von Leib und Seele als Notwendigkeit auch für den heutigen Menschen

Der evangelische Exeget Claus Westermann vermißt in seinen Untersuchungen ein menschheitliches Phänomen des Bösen bei den Gegenreligionen Israels: "Daß das Böse...seinen Urgrund in der Gegenreligion Israels...hat, ...kann in Genesis 3 aber auf keinen Fall gemeint sein, ebenso wie die Sünde des Menschen, die Übertretung. Adam steht in Genesis 2-3 in gar keiner Weise für Israel, Adam repräsentiert die Menschheit... Das Böse bleibt (dabei) in seiner Herkunft absolut rätselhaft" (Westermann, S. 325). Westermann kann ganz offensichtlich nicht verstehen, wieso die Ausübung einer Religion "böse" sein kann.
Ich frage mich da allerdings: Übersieht Westermann, daß mit der Religion der Nachbarvölker Israels eine bestimmte, sehr konkrete Lebenspraxis verbunden ist, die auch dem von Westermann dargelegten Bild vom Menschen in der Bibel zuwiderläuft? Übersieht Westermann, daß diese Lebenspraxis von einer bestimmten Religion eines bestimmten Volkes unabhängig ist, daß diese Lebenspraxis überzeitlich ist? Bornemann schreibt doch, daß in einer Zeit, in der Fruchtbarkeit und Sexualität gleichgestellt waren, "der Gottesdienst oft zum Geschlechtsverkehr und der Geschlechtsverkehr oft zum Gottesdienst wurde..." ( Borneman, S, 264). Geht es am Ende den Verfassern der Bibel gar nicht einmal um einen "Gottesdienst" in unserem heutigen Verständnis, also um einen Gebetsgottesdienst oder um einen Gottesdienst mit einem symbolischen Opfer, sondern mit der Ablehnung dieser "Geschlechtsverkehrgottesverehrung" um eine Front gegen den damit gegebenen Zusammenbruch der personalsten zwischenmenschlichen Beziehungen? Rätselhaft ist für mich also nicht das Böse in dem biblischen Text, rätselhaft für mich ist dagegen, warum ein Exeget so blind ist...

Wir stehen heute gewiß über den Götzen der Antike, über dem Glauben an Ischtar, an Inanna, an Mylitta, an Astarte, an Aphrodite, an Artemis, an Hepat, dieser ganzen Göttergesellschaft, zu deren Verehrung es die geschilderten Bräuche gab. Siehe hierzu die oft zitierte Bibelstelle: Baruch 6,42 ff): "Die Frauen <der Kaldäer in Babylonien> aber sitzen, mit Schnüren umwunden, an den Wegen und räuchern Kleie. Sobald nun eine aus ihnen von einem Vorübergehenden mitgenommen wurde und sich ihm hingegeben hat, verspottet sie ihre Nachbarin, daß diese nicht gleich ihr für würdig befunden und ihre Schnur noch nicht zerrissen wurde. Trug ist alles, was bei ihnen geschieht! Wie kann man da glauben oder behaupten, daß sie Götter seien?" Aber ob wir heute auch über der dazugehörenden Lebenspraxis stehen?
Immerhin konnten sich die Menschen der Antike noch auf gottesdienstliche Notwendigkeiten berufen, aber wir heute? Die so genannte "Vulgärprostitution" also die öffentliche Selbstdarbietung zum Geschlechtsverkehr gegen Entgelt, geht auch heute nach allgemeiner Meinung nur relativ wenige an. Immerhin soll es allerdings in Deutschland 400 000 Prostituierte (davon etwa die Hälfte registriert) geben. Rechnet man die "Kundschaft" und die betroffenen Familien dazu, wird die Zahl schon gewichtiger, was schon schlimm genug ist (Welt am Sonntag vom 15. 12. 1985). Bedeutet das, daß sonst alles "in Ordnung" ist? Wenn wir bedenken, daß vom prinzipienstrengen Menschenbild der biblischen Urgeschichte alles an Sexualverkehr verurteilt wird, was nicht im Sinn einer immerwährenden Partnerschaft aus Liebe in der Einheit von Leib und Seele ist, müssen wir auch heute den Begriff der “Prostitution” leider erweitern. Leider ist es doch gerade heute so, daß vieles dem Sinn der biblischen Partnerschaftsidee geradezu ins Gesicht schlägt! Ist es etwa im Sinn des biblischen Menschenbildes, wenn Menschen miteinander Geschlechtsverkehr treiben, ohne überhaupt an die Ehe zu denken? Ob das nun in Form einer Vergewaltigung geschieht oder freiwillig, ist für die Beurteilung von biblischer Sicht her ohne Bedeutung. Was ist, wenn junge Menschen "zur Probe" miteinander "verkehren", oder wenn ein Partner glaubt, durch Bereitschaft zum Geschlechtsverkehr den anderen zur Heirat bewegen zu können? Was ist, wenn sich die jungen Leute vor der Ehe angeblich die "Hörner abstoßen" müssen? Was ist mit dem Geschlechtsverkehr, der vollzogen wird, um heute "in" zu sein, um "mitreden" zu können, um nicht als rückständig und verklemmt zu gelten? Was ist mit den berühmten "Erfahrungen", die angeblich jeder machen muß, um zu wissen, daß das spätere Sexualleben auch klappt...
Diese ganzen "guten Gründe" hatten schon vor Jahren zur Folge, daß über 50 % aller Frauen intime Beziehungen zu mehr als einem Partner hatten, bei den Männern waren es um 90 % (Spiegel-Umfrage).
Soviel zur Anzahl der Intimpartner, doch es gibt auch die "Ein-Partner-Prostitution". Und die liegt vor, wenn ein Mann nur heiratet, damit er umsorgt werden kann, wenn ein Mädchen heiratet, um in den Genuß von Annehmlichkeiten zu kommen, die ihr Rang und Besitztum des Mannes bieten? Der Psychologe Arno Plack schreibt dazu zur Motivation der Partnerwahl wohl aus seiner Erfahrung als Psychologe: “Frauen fühlen sich abgewertet, wenn Männer sie als bloßes 'Sexobjekt' ansehen. Doch kein ehrlich begehrender Mann kann eine Frau so verachten, so versachlichen, wie umgekehrt eine Frau den Mann verachtet, den sie nach seiner Position, seinem Einkommen taxiert. Unsere Geschlechtseigenschaften sind immerhin körperlich mit uns verwachsen, unsere Brieftaschen nicht" (Arno Plack, Ohne Lüge leben, 1978/2, S. 210).

Oder wie ist das zu beurteilen, wenn frühere Herrscher aus Gründen der Staatsraison eine ganz bestimmte "Wahl" treffen maßten? Heinrich VIII. von England "mußte" etwa mit 12 Jahren die 18-jährige Witwe seines Bruders heiraten, ist sein Wechsel später zu anderen Frauen nicht nur die Fortsetzung der "Prostitution", die ihm in früher Jugend aufgezwungen wurde? Im Sinn unseres christlichen Glaubens ist jedenfalls das alles nicht. Ehen, die aus solchen Motiven geschlossen werden, sind keineswegs "von Gott verbunden" und wir sollten uns über ihr späteres Scheitern nicht wundern.

Meine Schüler protestieren stets, wenn ich ihnen die Zustände ihrer Meinung nach zu schwarz male. Doch sollten sie auch bedenken, daß es Umfragen gibt über die mit fortschreitendem Lebensalter abnehmende Einstellung junger Mädchen, als Jungfrau in die Ehe zu gehen. Mädchen vor der Pubertät haben etwa zu 100 % diese Einstellung (Anmerkung im Jahr 2005: Das ist allerdings schon einige Zeit her!), während der Pubertät und später wird der Prozentsatz immer geringer bis er dann bei 20jährigen auf wenige Prozent zusammengeschmolzen ist. Das wäre vielleicht gar nicht einmal so schlimm, wenn das jeweilige körperliche Zusammenleben eine "vorgezogene Handlung" einer heilen Partnerschaft und einer später fixierten Ehe wäre, doch ist die später fixierte Ehe ja in der Wirklichkeit keinesfalls selbstverständlich. Nur zu oft machen wir uns doch da etwas vor. Daß wir uns nicht vor Gott zur Partnerschaft bekennen, mag schon seinen Grund haben - daß wir uns eben doch nicht so sicher sind!

Wenn Schüler mich schon einmal fragen, ob ich also junge Leute verurteile, die sich "falsch" im Sinne des Christentums verhalten, frage ich zurück, wen denn Jesus eigentlich zu seiner Zeit verurteilt hat. Sah er die eigentlichen Schuldigen nicht eher bei den Schriftgelehrten und Pharisäern, also bei uns Theologen und Pädagogen, die ja üblicherweise irgendwann jede Lehre zu ihren Gunsten umzuinterpretieren pflegen? So hat Jesus die Ehebrecherin für ihr Verhalten zwar nicht gelobt, aber wütend ist er geworden über die Männer, die sie verurteilt hatten, obwohl sie selbst auch nicht ohne "die Sünde" waren.

Ob wir uns so bei der Deutung des Tatbestandes der "Erbsünde" heute auf die Theorie von der Konkupiszenz ("böse Begierlichkeit") des heiligen Augustinus (Augustinus, Civitas Dei, 21,12) oder auf Immanuel Kants Theorie von der Entwicklung des nach seinem Instinkt handelnden Tieres zum denkenden Menschen (Immanuel Kant: Werke in 6 Bänden, VI, Darmstadt 1964. S. 92 f) berufen, ist belanglos. Denn weder die Interpretationen des hl. Augustinus noch die von Immanuel Kant stützen sich auch nur im geringsten auf den Hintergrund der Umwelt der Antike - daher verwirren wohl beide Theorien mehr als daß sie helfen. Die Tradition läßt uns hier völlig im Stich, anhand von konkreten Indizien (kritische Bibelauslegung, Archäologie) müssen wir tatsächlich wie scharfsinnige Detektive völlig von vorne anfangen! Immerhin hat der für die Glaubenslehre der katholischen Kirche zuständige Kurienkardinal Ratzinger zugestanden, daß die "Notwendigkeit einer Wiederentdeckung" der "eigentlichen Wirklichkeit" der Erbsünde noch aussteht und er sich, wenn ihm die entsprechende Zeit vergönnt sei, dieser Wiederentdeckung widmen möchte ( Joseph Kardinal Ratzinger, Zur Lage des Glaubens, München-Zürich-Wien 1985. S. 79).

Ein ähnliches Problem wie das mit der Entschlüsselung der Erbsündenproblematik kennen wir auch in einem anderen Fall: Die Kenntnisse aus der Spätantike über die ägyptischen Hieroglyphen verwirrten vor der Auffindung des Steins von Rosette mehr als daß sie halfen. Solange man sich im Abendland auf ein Traktat eines Gräcoägypters namens Horapollon verlassen hatte, scheiterten Versuche zur Entzifferung. Erst als man ohne Rücksicht auf überliefertes Wissen - dann allerdings mit neuem Material - völlig von vorne anfing, gelang der Durchbruch.
Bei meiner Aufzählung dessen, was im Sinn der Bibel alles unter Prostitution fällt, und wer daran "schuld" ist, geht es mir nicht darum, jemanden zu verurteilen, sondern ich möchte nur deutlich machen, daß wir nur zu oft gar keine Christen sind, selbst wenn wir es uns vormachen. Selbst wenn ich mir mit dieser Behauptung die letzten Sympathien verscherze: Das einzige Sakrament, bei dem man nicht heucheln kann, vor allem nicht vor sich selbst, bei dem jeder an sich überprüfen kann, was er nun wirklich selbst vom ganzen Christentum hält, ist nun einmal das Ehesakrament. Dieses Sakrament hat nichts mit einem Schein fürs Ordnungsamt oder fürs Finanzamt zu tun (auch das klingt ein wenig nach Prostitution, nur zu oft hat man ja dabei einen finanziellen Vorteil), sondern es stellt den alleinigen Ort für die Liebe in seelischer und leiblicher Gemeinschaft unter den Schutz einer höchsten Instanz, eben Gottes.
Immerhin geht aus den Arbeiten Reichs, Bornemans, Placke, um nur die zu nennen, die ich hier zitiert habe, hervor, daß die angeschnittene Problematik auch heute noch von höchster Brisanz ist und auf eine Lösung wartet. Wenn wir weiter bedenken, daß sich etwa der größte Teil der musikalischen Kulturproduktion (soweit Vokalmusik - vor allem der klassischen Opern, aber auch der Schlager), aber auch ein sehr großer Teil der literarischen Erzeugnisse, vom kitschigen Arztroman bis hin zu höchster Poesie, ganz ausdrücklich mit der Thematik intimster zwischenmenschlicher Beziehungen, und damit der Einheit von Leib und Seele, beschäftigt, können wir daraus schließen, daß hier auch heute noch ein ungelöstes Arbeitsfeld vor uns liegt.

F. Akzentverschiebungen im Christentum

Es klingt zunächst sicher höchst exotisch, daß der gekreuzigte Jesus etwas mit leib-seelischer Gemeinschaft von Mann und Frau zu tun haben soll. Offen gesagt, auch ich habe lange gebraucht, um mich an diese Gedanken zu gewöhnen. Immerhin geht es ja hier um die Liebe in ihrer tiefsten Dimension, und schließlich ist das Christentum ja die Religion der "Liebe" - und auch hier gibt es ja auch das Problem der Zerstörung, der Zerstörung der Seele. Zum Bekannten- oder gar Freundeskreis Jesu gehörten schließlich auch Dirnen, also werden deren Probleme mit der Liebe auch Thema gewesen sein. Nur haben wir diese Liebe eben leider fast immer recht schmalspurig auf die Nächstenliebe reduziert, deren Anforderungen wir uns dann auch noch günstigenfalls mit einigen zumeist relativ spärlichen Spenden (jedenfalls im Verhältnis zu unserem Überfluß) entledigen. Kreuzigung und damit gegebene Erlösung haben wir zu gründlich und zu lange allein mit dem Tod am Ende unseres irdischen Lebens in Verbindung gebracht; das seelische "Kaputtgehen", den psychischen Tod etwa, wie er mit der Zerstörung der Einheit von Leib und Seele gegeben ist, haben wir außer acht gelassen, dabei ist doch dieser Tod die Wirklichkeit, die unser Leben bestimmt!

Gerade in der Urgeschichte, aber auch in den Paulusbriefen, wird der Begriff "Tod" oft synonym mit dem Begriff "Sünde" verwendet, daher ist der Begriff "Todsunde" auch eine Tautologie ("zweimal dasselbe"). Statt die "Erlösung vom Tod" auf einen Vorgang in unserem jetzigen Leben zu beziehen, also in eine praktisch-greifbare Dimension, haben wir sie in nicht-greifbare Bereiche verlegt, etwa wenn es um eine Erlösung nach unserem irdischen Leben für eine sogenannte "ewige Seligkeit" geht. Und selbst wenn es im Evangelium auch um diese Seligkeit gehen sollte, scheint es immer sinnvoll, diese außer acht zu lassen. Denn alles das, was wir nur wegen einer solchen Seligkeit an guten Werken etwa tun, dürfte vor Gott nicht sonderlich wohlgefällig sein. Gott umgibt sich gewiß nicht mit Menschen, die nur deswegen gut sind, weil sie auf eine entsprechende Belohnung spekulieren!
Über diesen Gedanken hinaus wird der Glaube an ein jenseitiges Weiterleben natürlich vor allem von nichtchristlicher Seite angegriffen. Der bereits zitierte Psychologe Arno Plack sieht einen Zusammenhang mit dem "verpaßten Diesseits" in der hier dargelegten Linie: "...ein seinem Leib entfremdetes Selbstbewußtsein" ist "auch die Konsequenz seiner Endlichkeit nicht anzunehmen bereit": "weil unerfüllte Sehnsüchte bis zuletzt ein Weiterleben verlangen. Wir sind alle nicht in der Weise lust- und lebensbejahend erzogen, daß wir den Tod als vorgegebene Bedingung des Lebens akzeptieren könnten. Wir verdrängen den Tod, wie wir die Sexualität verdrängen: Die doppelte Verdrängung erspart uns ein waches Bewußtsein der Flüchtigkeit des eigenen Daseins... Todesverdrängung und Sexualverdrängung schließen sich so zusammen zur Verdrängung der Endlichkeit des eigenen Daseins." (Plack, S. 51 f )
Aber auch von christlicher Seite her kommt etwa der Jesuit und Theologe Rupert Lay - hier mehr aus exegetischen Überlegungen zur Erkenntnis des diesseitigen Charakters des Gottesreiches, ohne allerdings einen Zusammenhang mit dem Menschenbild der Urgeschichte zu sehen (Rupert Lay, Vor uns die Hoffnung, Olten 1974 (s. auch R. Lay, Der Glaube der Ketzer, München/Wien 1983, S. 48 f): "Als Jesus von den Pharisäern wieder einmal gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er: 'Das Gottesreich kommt nicht mit großen Erscheinungen. Auch wird man nicht sagen können, hier oder dort ist es, denn wisset sehr wohl: Es ist bereits mitten unter euch' (Lk 17, 20f. ). - `Wenn ich die bösen Geister durch den Geist Gottes austreibe, dann ist das Himmelreich schon unter euch´ (Mt 12,28).- Nachdem Johannes gefangengesetzt worden war, zog Jesus nach Galiläa und verkündete dort die Heilsbotschaft, die da heißt: `Die Zeit ist erfüllt und das Gottesreich ist herbeigekommen.' Werdet also frei und glaubt an die Botschaft (Mk 1, 14 f. ). - Seit dem Auftreten des Johannes bricht sich das Himmelreich mit Gewalt seine Bahn, und die, welche Gewalt anwenden, reißen es an sich (Mt 11,12). - Wahrlich ich sage euch: 'Die Zöllner und Dirnen kommen eher als ihr (Pharisäer) ins Gottesreich' (Mt 21,31). - Jesus sagte zu ihm (der ihm nachfolgen wollte): 'Niemand, der die Hand an den Pflug gelegt hat und dann nach rückwärts blickt, ist tauglich für das Gottesreich.' (Lk 9, 62 )" .

Lays Kritik an der Interpretation des Gottesreiches als jenseitiger Erfüllung oder der Selbstidentifikation der Kirche mit diesem Gottesreich haben zu keiner Verurteilung durch die kirchlichen Zensurbehörden geführt (- oder zumindest erst zu einer sehr späten, allerdings durfte er dann nur nicht mehr Theologiestudenten unterrichten):

"Und wieder stellt sich die Frage, was die etablierte Kirche, die - vielleicht aus enttäuschter Erwartung - nicht mehr recht an das Gottesreich zu glauben scheint, aus dem einzig Wesentlichen der Christusbotschaft und des christlichen Glaubens gemacht hat. Es sind da vor allem zwei Irrwege, beide radikal unutopisch, gegangen worden: a) Die Vollendung des Gottesreiches wird zusammen gesehen mit dem 'Untergang der Welt' und das Gottesreich in einen fernen Himmel verlegt (Antiutopie), oder aber b) die Kirche identifizierte sich selbst mit dem Gottesreich (Hoffnungslosigkeit).

Schon recht früh ist in der Kirche eine Tendenz aufweisbar, das Gottesreich mit dem Weltuntergang zu verbinden. Es kommt, wenn wir Menschen diese Erde zugrunde gerichtet haben (Katastrophentheorie). Noch heute wird der Bericht vom Weltuntergang (in den beiden synoptischen und der sog. Johannesapokalypse) mit dem Kommen Jesu und der damit verbundenen Vollendung des Gottesreiches von vielen Christen zusammen gesehen. Das Weltende wird mit Angst erwartet. Die induzierte Grundhaltung ist die der hoffnungslosen Furcht. Hier liegt ein offensichtliches Unverständnis der apokalyptischen Berichte zugrunde: Sie alle wollen nicht ein historisches Ereignis berichten, sondern Teil der Frohbotschaft sein, die die Drangsale dieser Welt als metahistorische Geschehnisse, die alle Menschen aller Zeiten bis hin zur Wiederkunft Christi betreffen, verstanden wissen. Sie sagen, daß diese Drangsale nicht das Letzte sind, sondern daß hinter (jenseits) aller Not, jenseits von bedrückender Armut, von sinnlosem und unverstandenem Tod ein Reich kommt, in dem dies alles aufgehoben ist. Historisch wird gesagt, daß 'diese Welt' - insoweit entfremdet - untergehen wird. Ein andersgeartetes historisches Verständnis christlicher Apokalyptik macht das frohe Beten 'Dein Reich komme', 'Maranatha', zur Lüge, denn wer wäre schon bereit, um Schreckliches zu beten. Da solche Lüge verdrängt zu werden pflegt, wird das zentrale christliche Gebet, Ausdruck christlicher Hoffnung, entweder leer und bedeutungslos geplappert, oder aber das Reich wird in ein 'besseres Jenseits' verlegt. In beiden Fällen stirbt christliche Hoffnung, die Hoffnung in dieser und für diese Welt ist. Wie sehr Jesus von der Weltlichkeit des Reiches überzeugt. ist, zeigt sich etwa in seiner beiläufigen Aussage, daß auch im Gottesreich getrunken werde: Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr vom Gewächs des Weinstocks trinken, bis das Reich Gottes kommt.' (Lk 22,18) Die Identifikation von Gottesreich (Himmelreich) mit `Himmel´ ist auch heute noch vielen Christen geläufig. Das Gottesreich ist ja, wie Jesus selbst sagt, 'nicht von dieser Welt' (Joh 18, 36), doch es wird in und mit dieser Welt. Die Hoffnung des Christen ist nicht ein ferner Himmel, sondern die Verwandlung dieser Welt (und keiner anderen) in Gottesreich."

Vor allem durch zwei philosophisch-theologische Beeinflussungen ist das Christentum schon recht bald in seiner nun fast 2000-jährigen Geschichte entstellt worden:

1. Durch den Austausch des jüdischen Hintergrundes der Botschaft Jesu gegen griechisches Denken.

Das Christentum basiert auf jüdischem Denken. Jesus war nun einmal Jude, dem es zunächst mit Sicherheit erst einmal darum ging, seine verlotterte jüdische Umwelt im Sinne der heiligen Schrift zu reformieren. Dabei ging er vom jüdischen Menschenbild aus, eben dem Menschenbild, wie es auch in der Urgeschichte der Bibel vertreten wird. Ein anderes Menschenbild ist bei Jesus einfach unglaubwürdig.
Nach diesem Menschenbild war für Jesus das Ziel eine Befreiung des Menschen aus der "Sklaverei" der Lebensweise, die den Menschen an einer Einheit von Leib und Seele hindert. Für dieses Ziel ging er sogar in den Tod. Der Glaubenssatz von der diesseitigen "ERNEUERUNG DES MENSCHEN MIT LEIB UND SEELE" hat leider im griechischen Denken mit den dort üblichen Jenseitsvorstellungen und dem gleichzeitig aber fehlenden Verständnis für die leib-seelische Einheit des Menschen (es war eben eine Frauenverachtungs- und eine Sklavereigesellschaft), die ohne die Einheit von Mann und Frau gar nicht denkbar ist, eine ganz andere Bedeutung bekommen: Es wurde ein Glaubenssatz an ein Weiterleben nach dem physischen Tod mit einer typischen griechischen "Geistseele" und einem bedürfnislosen Idealkörper (?) daraus. Damit wurde allerdings das diesseitige Anliegen Jesu von der Erneuerung aller Menschen aufgegeben. Wenn wir in der vorkonziliaren Karfreitagsliturgie in den Fürbitten für die "treulosen Juden" ("pro perfidis Judaeis") gebetet haben, so müssen wir auch den Juden zugestehen, daß die "Treulosigkeit" nicht nur bei den Juden lag. Wir Christen haben doch die Erlösungsbotschaft Jesu so "umfunktioniert", daß sie den Juden gar nicht mehr zugänglich war und bis heute noch nicht ist.

2. Durch den Einfluß der Gnosis.

Den zweiten "Schlag", bei dem die letzten Reste des Anliegens Jesu von der Einheit von Leib und Seele fortgeräumt wurden, brachten dann spätantike religiöse Strömungen, besondere der Gnostizismus als eine spektakuläre Erlösungslehre mit Elementen verschiedener Religionen. Der Gnostizismus kam aus dem Orient und hat Anleihe bei babylonischen und persischen Religionen genommen. Wichtigstes Merkmal ist die grundlegende Verschiedenheit von Leib und Seele. Die ganze Welt wird in zwei Prinzipien geteilt (Dualismus!), von denen das eine göttlich und gut, das andere teuflisch und schlecht ist. Dabei gehörte die Seele des Menschen wie alles Geistige zum Guten, der Leib aber wie alles Materielle zum Bereich des Bösen. Der Leib war ein für die Seele verderbliches irdisches Gefängnis: "Der Mensch, d.h. der wahre, innere Mensch, das Ich, das Selbst, die Seele, der "nous", wie immer man es nennen mag, befindet sich in der Fremde, in feindlicher Umgebung. Er ist gefangen in der Welt und gefesselt an den Leib, das Grab der Seele. Der Mensch selbst ist ein Stück Licht, während die Welt das Reich der Finsternis ist. Der Mensch kann also nicht aus der Welt stammen. Er ist vielmehr ein versprengter Teil aus der oberen Welt, dem Reiche des Lichtes, das über dem Reiche der Finsternis liegt.” (Leipoldt/Grundmann. Umwelt der Urchristentums, Berlin 19826, S. 377)

Damit galt alles Leibliche schlechthin als minderwertig und für das Heil der Seele nachteilig. Die Erlösung des Menschen lag in der Trennung der beiden menschlichen Prinzipien, Leib und Seele, also im Tod. Auf diese Erlösung konnte man schon während des Lebens, also etwa durch die richtige Erkenntnis des Übernatürlichen (gnosis, griech., Erkenntnis) hinwirken.

Da die Welt und der Leib schlecht sind, "muß man protestieren gegen das Schlechte und sich selbst möglichst distanzieren von Welt und Leib. Das geschieht normalerweise in der Form strenger Askese (Anm.: Enthaltsamkeit). Man kann aber zuweilen aus derselben Weltanschauung auch eine ziemlich entgegengesetzte ethische Haltung ableiten: Gebt der Welt, was der Welt gehört! Das berührt den inneren, wahren Lichtmenschen überhaupt nicht. Solche Ethik mit umgekehrtem Vorzeichen (der sog. Libertinismus) kann auch als bewußte Brüskierung der bösen Weltherrscher verstanden werden. Und speziell auf sexuellem Gebiet kommt noch der Gedanke hinzu, daß die Fortpflanzung ja eine heimtückische Erfindung des Demiurgen (Anm.: Weltenschöpfer) ist, um die Menschen in Gefangenschaft zu halten; also darf man mit dem Samen und Zeugungsorganen alles machen, nur keine Kinder hervorbringen. Ob Askese (Ethik des Sich-Zurückziehens) oder Libertinismus (Ethik des leidenschaftlichen Protestes), jedenfalls ist man von der eigenartigen neuen Weltanschauung hingerissen" hingerissenen" (Leipoldt/Grundmann. S, 395 f). Während die libertinistische Spielart der Gnosis verständlicherweise von der frühen Kirche schnell als abwegig entlarvt und bekämpft wurde, brachte sie der asketischen Spielart Sympathien entgegen. Vieles klang ja ähnlich wie die Lehren des vom jüdischen Denken losgelösten Christentums. Damit wurde das Anliegen des Christentums weiter entstellt. Letztlich hat aber die asketische Richtung der Gnosis genauso wenig wie die libertinistische etwas mit dem Anliegen des Christentums zu tun. Für die Theologie der Einheit von Leib und Seele bedeutet die Entstellung durch die Gnosis, daß eine Harmonie zwischen den ekstatisch-orgastischen Bedürfnissen und den seelischen Sehnsüchten gar nicht mehr gesehen, daß vielmehr sogar "Gebrauch" und "Missbrauch", in einen Topf geworfen wurden. Gleichgültig, wie die Sexualität gebraucht wurde, alles, was mit den Zeugungsorganen zusammenhing, war schon schlecht.

Da die asketische Richtung der Gnosis für uns Menschen allerdings ziemlich lebensfremd war und noch ist, schlägt das Pendel immer wieder fast "periodisch" hin zur libertinistischen Richtung. Das typische Argument von "Gnostikern" dieser Richtung mag heute etwa sein, daß das Sexualleben jedermanns Privatsache sei und recht wenig mit wahrem Christsein zu tun habe.

Zwar wurden die Lehren der Gnosis von der frühen Kirche stark bekämpft, doch müssen wir uns die dennoch erfolgte Beeinflussung des Christentums durch die Gnosis etwa so vorstellen wie etwa tausend Jahre später die Beeinflussung der Kirche vom Hexenglauben: Im frühen Mittelalter wurde dieser Glauben von der Kirche auch heftigst bekämpft, bis er dann leider im späten Mittelalter und im größten Teil der Neuzeit zum Wesen des Christentums überhaupt zu gehören schien.

Den Hexenglauben haben wir wenigstens heute - wenigstens offiziell - überwunden, die gnostische Entstellung unseres Christentums, gleich ob asketischer oder libertinistischer Spielart, leider noch nicht.

Ob wir dieses gnostisch gefärbte Christentum nun mit noch so ausgefeilter Pädagogik, mit geist- und aufopferungsvoller Verkündigung vertreten: Wir "mühen uns vergebens am falschen Projekt". Eine Wende läßt sich da wohl heute nur durch eine Rückbesinnung auf ein ursprüngliches Christentum erreichen, das dem Menschen wieder zu einer diesseitigen Einheit von Leib und Seele "verhilft". Wir müssen endlich einmal den Mut aufbringen, im jüdischen Sinn alles das aus unserem Christentum auszuschalten, was mit dieser diesseitigen Einheit von Leib und Seele nichts zu tun hat und daher nach jüdischem Denken als Aberglaube eingestuft werden müßte. Wenn "leib-seelische Einheit" Grundidee der Lehre Jesu ist, und wenn andererseits die Botschaft Jesu "göttlich" ist, dürfte von einer Verkündigung im ursprünglichen Sinn auch heute noch eine Erneuerung des Menschen zu erwarten sein. Nur eine Verkündigung "im Sinne Gottes" hat auch Chance, auf offene Ohren zu stoßen, wenigstens auf Dauer, eine verzerrte Botschaft wird sich irgendwann immer totlaufen.

Eine Welt ohne Gott und ohne Menschlichkeit, aber eine perfekte Wohlstandsgesellschaft, beschreibt wohl am besten: Aldous Huxley,
Schöne neue Welt, Roman, Fischer, Taschenbuch 26. Sehr lesenswert!



II. MARXISTISCHE UND CHRISTLICHE ERLÖSUNGSVORSTELLUNG; ARBEIT ODER LIEBE - WAS IST DAS MERKMAL DES MENSCHEN?

Am Schluß des Grußwortes zum päpstlichen Rundschreiben "Laborem exercens" vom 14. September 1981 lesen wir: "Die Arbeit trägt somit ein besonderes Merkmal des Menschen und der Menschheit, das Merkmal der Person, die in einer Gemeinschaft von Personen wirkt; dieses Merkmal bestimmt ihre innere Qualität und macht in gewisser Hinsicht ihr Wesen aus."

Dem Sinn nach nicht viel anders, allerdings noch etwas grundsätzlicher, heißt es unter dem Stichwort "Arbeit" im in (Ost-)Berlin herausgegebenen "Kleinen Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Philosophie": "Die Arbeit ist das grundlegende Merkmal des Menschen, das den Menschen vom Tier unterscheidet; alle anderen Wesensmerkmale des Menschen, wie Bewußtsein, Denken und Sprache, konnten erst zusammen mit der Arbeit und auf ihrer Grundlage entstehen ... (Buhr/Kosing, Kleines Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Philosophie, Berlin (Ost) 1979, S. 29)
Um es gleich zu sagen: Die Annahme, daß die Arbeit das mehr oder weniger entscheidende Wesensmerkmal des Menschen ist, ist marxistische Lehre. Damit baut das päpstliche Rundschreiben ("Enzyklika") über die Arbeit auf einem marxistischen Menschenbild auf. Wie wir gesehen haben, liegt jedoch dem Christentum eigentlich ein anderes Menschenbild zugrunde.

A. Arbeit als wichtigste zwischenmenschliche Beziehung?

Obwohl wir heutzutage - wenigstens geographisch gesehen - hautengen Kontakt mit Ländern im Machtbereich der Lehre von Marx und Engels haben, obwohl die Trennlinie zu diesem Machtbereich mitten durch unser eigenes Vaterland verläuft, haben wohl die meisten Menschen bei uns recht unklare Vorstellungen über diese Lehre. Es scheint ja auch gar nicht zu lohnen, sich damit ernsthaft zu beschäftigen, schließlich sprechen ja Mauer, Stacheldraht. Minenfelder und Schießbefehl für sich. Vielleicht auch irgendwie zu recht sträubt sich etwas in uns, sich mit einer Lehre auseinanderzusetzen, deren Aushängeschild Unmenschlichkeiten sind.
Müßten wir uns aber nicht gerade wegen dieses Aushängeschildes damit beschäftigen, können wir nicht nur durch solche Beschäftigung zu einer Änderung kommen?
Eine eingehende Auseinandersetzung ist auch schon aus dem Grunde sinnvoll, da wir im Marxismus seit langem wieder einmal eine Lehre vor uns haben, die mit dem Anspruch aufgetreten ist, die Welt zu verändern und sie nicht bloß zu erklären.
Schwebte den Marxisten nicht als Ziel das Paradies auf Erden vor? Verständlich, wenn man sich auf dem Weg zu einem solchen Ziel nicht auf die Änderung von Symptomen beschränkte, die zwar notwendige, aber im Sinne der Marxisten nur provisorische Verbesserungen gebracht hätten. Irgendwann wäre doch wieder allen zum Alten zurückgefallen.
Nach Auffassung der Marxisten kann nur ein grundlegendes Konzept mit einer gut durchdachten Theorie über Mensch und Gesellschaft und einer Änderung an grundsätzlicher Stelle eine umfassende und dauerhafte Verbesserung unseres menschlichen Daseins bringen. So ist auch alles das, was wir gemeinhin für grundsätzliche marxistische Programmpunkte halten, also etwa die Gleichheit aller Menschen, die Enteignung derer, die Produktionsmittel besitzen, und die Vergesellschaftlichung dieser Produktionsmittel, oder auch der Kampf gegen die Religion, nur praktische Konsequenz eines mit peinlicher Genauigkeit ausgetüftelten Ideengebäudes für ein "Paradies auf Erden". Schlüsselstellung in diesem Ideengebäude hat die menschliche Arbeit. Kommt hier der Mensch zu sich selbst, findet er hier seine Erfüllung, ist diese Erfüllung der Auslöser für das Paradies im marxistischen Sinn.
Doch der Reihe nach!
Nach den marxistischen Theoretikern ist die Arbeit der entscheidende Faktor, der das Menschsein ausmacht: "Indem K, Marx und F. Engels die bestimmende Rolle der Arbeit im gesellschaftlichen Lebensprozeß erkannten, fanden sie den Schlüssel zur wissenschaftlichen, materialistischen Erklärung der Gesellschaft und ihrer Geschichte" (wie zuvor, S. 29). Wie nun der Mensch angeblich durch die Arbeit "entstand", schildert Friedrich Engels, einer der Väter des Marxismus, in seinem 1876 veröffentlichten Manuskript:
"Vor mehreren hunderttausend Jahren, während eines noch nicht fest bestimmbaren Abschnitts jener Erdperiode, die die Geologen die tertiäre nennen, vermutlich gegen deren Ende, lebte irgendwo in der heißen Erdzone - wahrscheinlich auf einem großen, jetzt auf dem Grund des Indischen Ozeans versunkenen Festlande - ein Geschlecht menschenähnlicher Affen von besonders hoher Entwicklung. - Sie waren über und über behaart, hatten Bärte und spitze Ohren, und lebten in Rudeln auf Bäumen.
Wohl zunächst durch ihre Lebensweise veranlaßt, die beim Klettern den Händen andre Geschäfte zuweist als den Füßen, fingen diese Affen an, auf ebner Erde sich der Beihilfe der Hände beim Gehen zu entwöhnen und einen mehr und mehr aufrechten Gang anzunehmen. Damit war der entscheidende Schritt getan für den Übergang vom Affen zum Menschen... Die Hand war frei geworden und konnte sich nun immer neue Geschicklichkeiten erwerben, und die damit erworbene größere Biegsamkeit vererbte und vermehrte sich von Geschlecht zu Geschlecht .... So ist die Hand nicht nur das Organ der Arbeit, sie ist auch ihr Produkt. Nur durch Arbeit, durch Anpassung an immer neue Verrichtungen...hat die Menschenhand jenen hohen Grad der Vollkommenheit erhalten, auf dem sie Raffaelsche Gemälde, Thorvaldsensche Statuen, Paganinische Musik hervorzaubern konnte."
Engels führt im folgenden alle typischen menschlichen Fähigkeiten und Eigenschaften auf die Befähigung zur Arbeit zurück, "sie ist" für ihn "die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, daß wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen" (MEW Bd. 20, S. 444). 
Die Theorie von der Arbeit als entscheidendem Schritt für den Übergang vom Affen zum Menschen gehört zum philosophischen Fundament des Marxismus, sie ist Grundlage der von den Marxisten erhobenen Forderung, bei einer Änderung unserer Welt im Bereich der Arbeit, also im ökonomischen Bereich, zu beginnen. In vergleichbarer Weise gilt auch hier wie im zuvor beschriebenen Christentum die Forderung, daß der Mensch zu dem zurückkehren muß, wodurch er entstand, um zu seinem Paradies zu gelangen. Beim Christentum vor dem jüdischen Denkhorizont war dies die leib-seelische Einheit (und damit zusammenhängend die Liebe), beim Marxismus ist dies die "ursprüngliche" Form der Arbeit. Denn wie nach zuvor geschildertem jüdisch-christlichen Denken mit der Liebe einiges "schief lief", lief nach marxistischem Denken mit der Arbeit einiges schief. Der entsprechende Gedankengang der Marxisten dazu ist etwa folgender (die Darstellung folgt in etwa Rupert Lay in seinem Werk "Dialektik für Manager", München 1975/5, S. 232 f.):

Die durch die Arbeit "frisch" entstandene Menschengesellschaft verwendete ihre Fähigkeit zu arbeiten zunächst nur in im Sinne der Marxisten allein sinnvoller Weise: Jedes "Exemplar" der neuen Gattung Mensch nutzte diese Fähigkeit für den eigenen Lebensunterhalt oder den seiner Familie, seiner Sippe. Dabei arbeitete jeder in eigener Regie oder in harmonischer Gemeinschaft mit den anderen Familien- oder Sippenmitgliedern. Jeder war sein eigener Auftraggeber, Ideenlieferant, Arbeiter und Nutznießer. Arbeit und Menschsein waren eine harmonische Einheit. Auch das Geld, das irgendwann einmal auftauchte, brachte - wenigstens vorerst keine Komplikationen, denn auch die Einführung des Geldes führte nicht zwangsläufig zu einem Bruch zwischen Arbeit und Menschlichkeit. Das Geld erleichterte lediglich den Austausch von Waren freier Produzenten, die dann auf dem "Markt" ihre eigenen Produkte gegen die Produkte anderer einhandeln konnten. Sinn dieses Handels war nicht Geschäftemacherei zum Vorteil der einen und zum Nachteil der anderen, sondern Zweckmäßigkeit. Warum sollte man selbst etwas herstellen, was andere besser konnten, und warum sollte man selbst nicht mehr, als man selbst brauchte, von dem herstellen, was man selbst gut konnte? Bis hierher war die Arbeit noch harmonische Grundlage allen menschlichen Tuns.
Doch währte dieser "arbeits-paradiesische" Urzustand nicht für immer. Irgendwann kriselte es auch in diesem Paradies. Und zwar kam es zu Komplikationen, als einige unser frühen Produzenten auf den Gedanken verfielen, andere Menschen für sich arbeiten zu lassen.
Stellen wir uns zur Veranschaulichung einen vorgeschichtlichen Sandalenmacher vor, der sich eines Tages einer größeren Nachfrage gegenüber sah, als er selbst in eigener Arbeit herstellen konnte. Hier geschah nun das, was für die Marxisten als Ursünde der Menschheit gilt: Das Wechselspiel von freier Arbeit und Nutzen daraus wurde durchbrochen: Der Sandalenmacher stellte einen Gehilfen ein. Was das für unser Menschsein, so wie Marx es sieht, bedeutete, erkennen wir leicht bei genauerem Hinsehen: Dieser Gehilfe leistete in Abhängigkeit von seinem "Chef" Arbeit und wurde für diese Arbeit bezahlt. Von untergeordneter Bedeutung ist, ob er gut oder schlecht bezahlt wurde, das Fragwürdige daran ist das Herabsinken der Arbeit zu einer Ware. Arbeit und Geld wurden austauschbar und damit Tauschobjekte. Damit wurde die wichtigste zwischenmenschliche Beziehung, eben genau das, was den Menschen vom tierischen Affen unterscheidet, das, was den Menschen schlechthin ausmacht, zur Ware. Wenn nun in irgendeiner Angelegenheit das Charakteristische eine neue Qualität erhält, bedeutet das für die ganze Angelegenheit eine Änderung ihrer Qualität. In unserem Zusammenhang heißt das, daß der Mensch selbst zur Ware, zur Sache wird, wenn das wichtigste Merkmal des Menschen zur Ware wird. Nach Marx ist es von da ab mit der Würde des Menschen vorbei, weil er zur Ware geworden ist, er ist nur noch dem Äußeren nach Mensch, er ist sich selbst "entfremdet". Entfremdung ist auch der entsprechende marxistische Fachausdruck für diese Ursünde im marxistischen Sinn. Die Menschlichkeit des Menschen ist an der Stelle zerbrochen, die das besondere, einzigartige Merkmal des Menschen ist. Alles weitere Unglück des einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit beruht auf dieser grundsätzlichen Entfremdung durch diejenige Gesellschaft, in der es Besitzende und Arbeitende gibt, also durch die sogenannte kapitalistische Gesellschaft. Denn hat jemand erst Blut geleckt, und läßt andere arbeiten, statt selbst zu arbeiten, kommt es in der Folge zu Schlimmerem: Ausbeutung, Krieg, Unterdrückung und Verbrechen auf der einen Seite, Not, Elend, Leid, Prostitution und aller sonstige sittliche Verfall auf der anderen Seite. Und nach Marx der einzigmögliche Ausweg: Die Entfremdung der Arbeit, die Entmenschlichung der Arbeit, muß rückgängig gemacht werden.

Und das läßt sich auch heute noch bewerkstelligen! Es muß einfach der paradiesische Urzustand wiederhergestellt wer den, indem jeder, der arbeitet, wieder die volle Verantwortlichkeit für seine Arbeit erhält und nicht mehr in Abhängigkeit eines Arbeitgebers arbeitet. Konkret bedeutet das die Abschaffung des "Sandalenmachers", der seinen Gehilfen zur Ware macht. Und auf die heutige Zeit übertragen heißt das die Abschaffung der "Kapitalisten", das  heißt, derjenigen, die die Produktionsanlagen besitzen und andere arbeiten lassen. Der Fachausdruck dafür ist "Revolution", das heißt "Umkehrung der Verhältnisse": diejenigen, die vorher "oben saßen", werden jetzt zu Arbeitern und umgekehrt. Kein Mensch darf mehr in der Lohnabhängigkeit eines anderen Menschen stehen, jeder muß sein eigener Eigentümer, Verwalter, Unternehmer, Ideenlieferant, Produzent sein, erforderlichenfalls im Zusammenschluß in sogenannten Genossenschaften oder in "volkseigenen" Betrieben.

Die positiven Folgen dieser "Revolution", dieser "Umkehrung der Verhältnisse", dieser "Befreiung des Menschen von aller Entfremdung" dürften nach Marx nicht lange auf sich warten lassen: keine Ausbeutung mehr, kein Verbrechen, kein Haß, kein Neid, kein Elend, kein Krieg, keine Diskriminierung, keine Prostitution - kurzum das angebliche Paradies auf Erden. (Der Marxismus ist allerdings nur gegen die "Vulgärprostitution", das heißt die Prostitution gegen Entgelt oder unter Zwang. Das geschlechtliche Zusammensein aus anderen Gründen mit verschiedenen Partnern - im Sinn der Bibel auch schon Prostitution! - wird dagegen ausdrücklich gefördert!)

Auf alle Fälle ist der Gedankengang folgerichtig und selbst bei näherem Hinsehen überzeugend, selbst wenn die Menschen im kommunistischen Machtbereich mindestens genauso weit vom Paradies entfernt sein dürften wie wir hier im "unerlösten" Kapitalismus.

Wo ist also der "Haken"? Wo ist der Denkfehler in der marxistischen Ideologie? Wenn behauptet wird, daß die Theorie des Marxismus gut, in der Praxis aber nicht durchführbar sei, so ist eine solche Behauptung doch Unsinn: Eine gute Theorie führt auch zu guter Praxis, und wenn eine Theorie in der Praxis nicht "funktioniert" dann muß auch ein Fehler in der Theorie sein! (Etwa wie: Wenn die Konstruktion eines Flugzeugs als gut bezeichnet werden soll, dann "funktioniert" das nach dieser Konstruktion gebaute Flugzeug auch in der Praxis, und wenn es nicht "funktioniert", das heißt etwa abstürzt, dann waren eben auch schon Fehler in der Konstruktion!)
Um es kurz und bündig zu wiederholen: Die Ausgangshypothese von der universalen Bedeutung der menschlichen Arbeit stimmt einfach nicht! Die Überlegungen von Engels, wie durch die Arbeit der Affe zum Menschen wurde, sind ideologische Lyrik, die aus der Mottenkiste des 19. Jahrhunderts oder noch davor stammen.

Selbst Wissenschaftler im kommunistischen Machtbereich erkennen inzwischen die entscheidendere Bedeutung der Sexualität für die Menschwerdung an: "Im biologischen Bereich kam es infolge der Abhängigkeit der Frau von der Versorgung mit Fleischnahrung durch den Mann zur Tendenz längerfristiger Bindungen an ein und denselben Mann und der Herstellung eines Vater-Kind-Verhältnisses. Stimulierend für solche dauerhaften individuellen Bindungen konnte das Sexualverhalten wirken, unter anderem begünstigt durch die Veränderungen des Östrozyklus der Frau mit der Tendenz zu ständiger Rezeptionsbereitschaft beziehungsweise zum permanenten Sexualverhalten. Unter den gegebenen Bindungen hatte ein Verhalten zu ausgedehnter Kopulationsbereitschaft der Frau einen deutlichen Selektionsvorteil, da dadurch das Interesse eines Mannes über einen größeren Zeitraum geweckt und erhalten werden konnte. Das Äquivalent für die Fleischversorgung durch die Männer (oder die biologische Antwort auf die neue Verhaltensweise der Fleischerbeutung) war die sexuelle Belohnung" (Joachim Herrmann: Die Menschwerdung, Berlin (Ost) 1985, S. 109 ff mit Zitat aus: Werner Mohrig. Biologische Aspekte zum Inzesttabu und zur Evolution der menschlichen Familie. In: Archäologische Zeitschrift, Berlin(Ost), 20. Jg. 1979. S. 466/467).
Da hilft auch alles weitere "Drumherumgerede" nicht, das nur gewertet werden kann als Tribut an den Zensor, damit bessere wissenschaftliche Erkenntnisse auch im kommunistischen Machtbereich veröffentlicht werden können. Die Katze ist aus dem Sack - die angeblich menschheitsstiftende "Arbeit" ist zur Zweitrangigkeit degradiert!
Und es ist geradezu höchst merkwürdig, wenn wir bei einzelnen Wissenschaftlern im Machtbereich der kommunistischen Lehre eine Annäherung an ein Menschenbild finden, das auch dem Menschenbild der Urgeschichte der Bibel entspricht, während wir bei der päpstlichen Enzyklika über die Arbeit "Laborem exercens" feststellen können, daß die katholische Kirche sich gerade anschickt, das marxistische Menschenbild zu übernehmen... Daß wir Christen doch immer zuerst einmal auf die Irrtümer unserer Gegner hereinfallen müssen!
Eine besondere Nuance der Übernahme fremder Irrtümer dürfte heute die sogenannte "Befreiungstheologie" sein, bei der es in konsequenter Parallelität zur marxistischen Ideologie um die Befreiung von der Entfremdung des Menschen durch politische und wirtschaftliche Abhängigkeiten geht. Wie die Bibel zu einer derartigen "Befreiung" steht, mag aus ihrer Beurteilung des Falles "Judas Ischariot" hervorgehen, also des Apostels, der Jesus um 30 Silberlinge verraten hat. Zwar ist das genaue Motiv seines Verrats nicht überliefert, doch können wir aus dem Zusammenhang schließen, daß es ihm weniger um das Geld ging, sondern daß er Jesus aus enttäuschter Erwartung verriet. Ihm war es wohl wie auch anderen Anhängern Jesu um eine Befreiung von der römischen Besatzung gegangen, nicht zuletzt hatte ja auch Petrus bei der Gefangennahme Jesu ein Schwert dabei, eine für die damalige Zeit hochkalibrige Waffe. Die Bibel hat diese Interpretation der Botschaft Jesu verurteilt, indem sie vom Selbstmord des Judas Ischariot berichtet.

Sicher werden wirtschaftliche und politische Abhängigkeiten auch im Neuen Testament nicht als Idealzustand angesehen, aber sie werden als Folge einer übergeordneten Entfremdung .des Menschen gewertet, deren (Er-)Lösung Anliegen der biblischen Botschaft ist. Die Liebe zwischen Mann und Frau, ob sie erhofft wird, ob sie erreicht ist oder ob man von ihr enttäuscht ist, ist wohl nun tatsächlich die wichtigere und sogar wichtigste übergeordnete zwischenmenschliche Beziehung. Wie diese Liebe in allen möglichen Varianten von Kunst und Literatur mehr oder weniger gelungen und daher mehr oder weniger ansprechend behandelt wird, ist uns nicht unbekannt. In diesem Buch werden genügend Beispiele dafür gebracht. Wie es aber aussieht, wenn marxistische Dichter die ihrer Meinung nach wichtigste zwischenmenschliche Beziehung, nämlich die Arbeit "bedichten", möchte ich doch gleichermaßen als Kostprobe zitieren:

Im Anfang war die Arbeit. Nimm die Hand,
Betrachte sie als Spiegel deines Werdens!
Sie pflügte, bahnte, ebnete, sie brach
Durchs Urwalddickicht, schürte dir das Feuer,
Sie schuf dir den Gedanken, wölbte dir
Die Stirne, deines Denkens kühne Flüge
Verdankst du ihr. Sie gab auch deinem Mund
Die ersten Laute, ihr dankt das Gedicht
Und alle Klänge, sie schrieb ihre Zeichen
In Bauten hoch bis in den Himmel ein,
Sie jubelt vor uns auf im Farbenspiel,
Und über Tasten gleiten sie dahin,
Träumende Hände....Halte heilig sie,
Die Hand, und deiner Hände Werk bleib sichtbar!
Und reichst du einem deine Hand,
so legt Ihr ineinander eurer Hände Arbeit,
Vereinigt sie. Was in dem flüchtgen Gruß
Zusammenfand, o hieltet ihr es fest
Umschlungen. Es vergesse nicht die Hand,
Woher sie wuchs, und die Gedanken,
die Entsprungen sind der Hände Arbeit, mögen
Dem Schaffen dienen ungezählter Hände
Und künden dies: Im Anfang war die Arbeit.

Meine Schülerinnen und Schüler halten allerdings dieses "Gedicht auf die Arbeit" von Johannes R, Becher, den wir ja auch als Verfasser der DDR-Hymne "Auferstanden aus Ruinen" kennen, schlicht für "abartig". Ob das nicht ein noch schlüssigerer Beweis ist, daß der Marxismus mit seiner Hypothese von der Arbeit als wichtigster zwischenmenschlicher Beziehung falsch liegt?

 

Vergleich zwischen Marxismus ("Kommunismus") und Christentum nach der Interpretation von basisreligion:

 

  wesent-liche zwischen-mensch-liche Be-ziehung
 
"Sünden-fall", d. h. Ursache allen Unheils Konse-quenz für den Menschen Fachaus-druck
für die Ursache des Unheils
mehr oder weniger auto-matische Folge Verant-wortliche Ände-rungs-vorstel-lungen mehr oder weniger auto-matische Folgen Fach-ausdruck

Marxismus

Arbeit

Arbeit
wird zur
Ware,
Sache

Mensch
wird zur
Sache

Ent-fremdung

Ausbeu-tung,
Unter-drückung,
Elend,
Hass, Un-frieden,
Lüge,
Enttäu-schung
("Hölle")

Eigen-tümer an fremder Arbeit =
"Kapitalist"

Besei-tigung der Kapi-talisten, Revolution

Heile Welt

Paradies auf Erden

Christen-tum ent-sprechend jüdischer Tradition

personale Erfüllung, insbeson-dere Liebe in der Einheit von Leib und Seele

 


Liebe wird zur Sache ("Leben aus dem Fleisch")

Mensch wird zur Sache

Sünde

jeder selbst, allenfalls auch noch unfähige Priester und Päda-gogen ei-ner Prie-sterreligion

Halten der Gebote, Leben aus dem Geist

Heile Welt in der Einheit von Leib und Seele

Paradies auf Erden, Reich Gottes, Himmel

 


B. Philosophischer Materialismus als Hintergrund des marxistischen und auch des biblischen Weltbildes

Eine Weltanschauung, die auf der besonderen Bedeutung der Arbeit aufbaut, dürfte demnach eigentlich keine Chance haben, weder bei Wissenschaftlern, noch bei wissenschaftlichen Laien. Wenn also schon nicht die "Arbeit" vom wissenschaftlichen Standpunkt her die Zugkraft des Marxismus ausmacht, die ja trotz aller Pleiten in der Praxis noch bei vielen Menschen ungebrochen ist, was dann?
Das Bestechende an der marxistischen Lehre ist wohl, daß wir hier ein Denkmodell vor uns haben, das vollständig ohne Zuhilfenahme "übernatürlicher" Erklärungen auskommt. Der Marxismus versteht sich als materialistische Weltanschauung und erklärt die Gesellschaft und ihre Geschichte materialistisch (vergleiche Zitat Nr.39, S. 38). Damit entspricht der Marxismus heutigen Forderungen nach einer Weltanschauung vom Verstand her. Mit einem nicht verstandesmäßigen Ansatz, etwa mit einer göttlichen Schöpfungserklärung, können die meisten unserer Mitmenschen dagegen beim besten Willen nichts mehr anfangen, schon die Kinder fühlen sich bei einer solchen Erklärung genasführt.

Wenn die marxistischen Ideologen mit ihrem Materialismus auch richtig zu liegen scheinen, so ist es für sie und für die ganze Menschheit sehr schade, daß sie bei der Suche nach der bestimmenden Rolle im gesellschaftlichen Lebensprozeß bei der "Arbeit" hängen geblieben sind, womit sie sich ja leider irrten.

Doch zum philosophischen Materialismus:

Im Gegensatz zur Theorie des "Idealismus" geht diese Grundrichtung der Philosophie davon aus, daß das Sein (die Materie) letztlich das Grundlegende und das Bewußtsein nur eine Folge davon ist. Einfacher ausgedrückt heißt das, daß alles, was existiert, entweder Materie oder Funktion von Materie ist. Karl Steinbuch gibt eine ausführlichere Definition: "Was wir an geistigen Funktionen beobachten, ist Aufnahme, Verarbeitung, Speicherung und Abgabe von Informationen. Auf keinen Fall scheint es erwiesen oder auch nur wahrscheinlich zu sein, daß zur Erklärung geistiger Funktionen Voraussetzungen gemacht werden müssen, welche über die Physik hinausgehen. Hierbei ist der Begriff 'Physik' weiter gefaßt, als dies normalerweise geschieht. Er soll den gesamten Bereich der exakten, im Prinzip quantifizierbaren Naturwissenschaften vertreten, also außer Physik im engeren Sinne (z.B. Mechanik, Wärmelehre, Optik, Elektromagnetismus, Atomistik) auch Chemie einschließlich Biochemie und Physiologie" (Karl Steinbuch. Automat und Mensch, Heidelberg/New York, 1971, S. 2).

Dieser philosophische Materialismus hat nun nichts mit dem praktischen Materialismus zu tun, also mit einer Lebenspraxis von Menschen, in der es nur um Besitz und Genuß geht. Auch führt philosophischer Materialismus genausowenig zu solcher Lebenshaltung, wie die gegenteilige Weltanschauung, also philosophischer Idealismus, automatisch zu Selbstlosigkeit und zu Begeisterung für Gutes und Schönes führt. Es gibt Materialisten mit geistigen Idealen für eine bessere Welt, ich denke da an Giordano Bruno, der sogar den Tod auf dem Scheiterhaufen nicht scheute. Zur gleichen Zeit brachten "idealistische" Europäer, die über jede "materialistische" Weltanschauung erhaben waren, in zutiefst materialistischer Gier Not und Elend über die neuentdeckten Erdteile. Auch allem unserem "idealistischen Denken" heute steht doch in Wirklichkeit nur zu oft eine blanke materialistische Praxis gegenüber. Den Zusammenhang, den Papst Paul Johannes II. in seiner Enzyklika über den Heiligen  Geist (Pfingsten 1986) zwischen der Theorie des Materialismus, die die Wirklichkeit erklärt, und dem Materialismus sieht, der als Grundprinzip des  persönlichen und gesellschaftlichen Handelns angewandt wird, kann ich nicht erkennen. Es stimmt einfach nicht, daß "der Horizont der Werte und Zielsetzungen des Handelns, den dieser (Anm.: der gelebte Materialismus) aufweist", "eng mit der Interpretation der Gesamtwirklichkeit als `Materie' verbunden" ist (Papst Johannes Paul II. Enzyklika vom Heiligen Geist. Pfingsten 1986, Nr. 57).

Natürlich wird es wohl immer unmöglich bleiben, etwa wissenschaftlich nachzuweisen, daß nicht der Geist doch das Primäre ("das Erste") ist; weil wir "Geist" (oder gar "Geister") unabhängig von materieller Erscheinung einfach nicht erkennen können. Genausowenig wird sich letztlich nachweisen lassen, ob es nicht doch Menschen, die mit dem Teufel im Bund stehen, also Hexen, gibt. Aber der Glaube an so etwas oder die Ablehnung eines solchen Glaubens ist einfach eine Frage der Plausibilität und der Wahrscheinlichkeit!

Bei der Auseinandersetzung zwischen philosophischem Materialismus und philosophischem Idealismus befinden wir uns wieder im Spannungsfeld von griechischem Denken, das ja schon an anderer Stelle keinen guten Einfluß auf das Christentum ausgeübt hat, und biblischer Sicht. Das griechische Denken, soweit es von Bedeutung für unsere abendländische Kultur geworden ist, geht von einer Aufspaltung dieser Welt in die beiden unterschiedlich bewerteten Prinzipien "Geist" und "Materie" aus, wobei der Geist höher eingestuft wird. Diese unterschiedliche Bewertung hat ja auch zur Entwicklung der gnostischen Weltanschauungen beigetragen. Das biblische Denken hingegen, so wie wir es vor allem aus der Urgeschichte der Bibel kennen, kennt eine solche Aufspaltung nicht. Soweit das Neue Testament, also die Berichte von Jesus, im Sinn der Urgeschichte verfaßt ist, trifft darauf dasselbe zu: "Das Verhältnis von Leib und Seele, Leib und Geist des Menschen (stellt sich) für die Bibel grundsätzlich anders da als für das griechisch-römische Denken. Gewiß kennt die Bibel durchaus einen Unterschied zwischen Leib und Seele, bzw. Geist, aber nicht so, daß die geistige Seite des Menschen Gott qualitativ näher stände, die Seele, das Geistige womöglich gar ewig wäre. Bei aller Unterschiedenheit stehen Leib und Seele auf ein und derselben Ebene: auf der Ebene der Endlichkeit, des Sterblichen. Nicht nur der Körper ist dem Gericht Gottes verfallen, ebenso ist das 'Dichten und Trachten des Menschen böse von Jugend auf'. Auferstehung ist von hier aus dann auch nicht Befreiung der Seele aus dem 'Kerker' des Leibes. Wenn Gott neu macht,, macht er grundsätzlich alles neu. Auferstehung wird darum von Paulus in Analogie zur ersten Schöpfung als 'neue Schöpfung´ verstanden, in die nichts Altes hinübergerettet wird" (Klaus Reblin: Kybernetik und Anthropologie, in: Der geregelte Mensch, hrsg. v. Horst Bannach. Stuttgart 1968, S. 76).

Im Hinblick auf den Materialismus entspricht das marxistische Weltbild sogar dem Weltbild der Bibel! Nicht dem materialistischen biblischen Weltbild entspricht dagegen die marxistische Einschätzung der Arbeit, die von der Bibel eher als Fluch angesehen wird. Vorrangige Bedeutung im  biblischen Weltbild hat die Liebe zwischen Mann und Frau in der Einheit von Leib und Seele. Auch diese Liebe ist gebunden an tatsächlich existierende Menschen. Wir können diese Liebe als (höchste) Eigenschaft der Materie ansehen, die es zur höchsten Blüte zu entfalten gilt und die dann auch nicht im Widerspruch zu einem materialistischen Weltbild steht. Erinnern wir uns an das zu Anfang Gesagte: Die das konkrete Leben auch tatsächlich verbessernden Leistungen der Juden für die ganze Menschheit, nämlich ein arbeitsfreier Wochentag, Abschaffung der Menschenopfer, Schutz der Liebe, kamen innerhalb eines materialistischen Weltbildes zustande!
Auch Jesus dachte und wirkte in diesem Weltbild - wahrscheinlich hatte er nie etwas von den "hochgeistigen" Vorstellungen etwa des griechischen Kulturkreises gehört. Wir können daher die aus dem Griechischen stammenden Denkansätze getrost außer acht lassen, ja wir müssen sie sogar übergehen und herausfiltern, wenn wir das Anliegen der Botschaft erkennen wollen.

Der Unterschied zwischen Marxismus und Christentum ist nicht Erwartung des Paradieses im Diesseits oder im Jenseits, auch nicht Materialismus oder Idealismus. Vielmehr verknüpft der Marxismus die Theorie des Materialismus als Erklärung der Wirklichkeit mit der Vorstellung von der Arbeit als wichtigster zwischenmenschlicher Beziehung. Das vom griechischen Denken entstellte Christentum dagegen hat das Anliegen der Einheit von Leib und Seele in eine nichtgreifbare Dimension entrückt, während die Idee der Einheit von Leib und Seele vor dem Hintergrund einer materialistischen Theorie wohl am ehesten dem vom jüdischen Denken her zu erklärenden Anliegen Jesu entgegen kommt.

Unsere Schwierigkeit mit dem Materialismus mag wohl daher rühren, daß wir ihn einfach nur zu oft zu banal sehen. Vielleicht hilft uns da zu einer Änderung unserer Einstellung der Umgang mit elektronischer Intelligenz und das Staunen darüber. Über die Änderung unseres Weltbildes schreibt Günter Ewald: "Jedenfalls wurde im Laufe der Neuzeit, also etwa in den letzten 500 Jahren, Schritt für Schritt das Bild vom Menschen, wie wir es vom Griechentum her mitgebracht haben, verändert: allerdings sehr langsam, und man muß sagen, der Materialismus war einfach zu grob in seiner Darstellung dessen, was der Mensch ist, um das griechisch-humanistische Menschenbild entscheidend antasten zu können... Bisher war das Geistige im Menschen, das Lebendige, etwas Metaphysisches, ja vielleicht Transzendentes, weit weg von dem, was Materie und elektrischer Strom sind. Jetzt aber rückt es in größere Nähe" (Günter Ewald, Kybernetik und Menschenbild, in: Der Evangelische Erzieher, Diesterweg Verlag; Frankfurt 1967, Heft 11, S. 417 f).

Gegenüberstellung von philosophischer Sicht der Welt und Vorstellung von wichtigster zwischenmenschlicher Beziehung:

             philosophische Sicht der Welt:            Idealismus                                    Materialismus

 

 

wichtigste

zwischenmenschliche Beziehung:

____________________________________________________________________________________________

Arbeit                                                           in gewissen Sinn die                            Marxismus

                                                                      Enzyklika "Laborem exercens"

Liebe in der Einheit von                              vom griechischen Denken ent-             auf altjüdischer Tradition
Leib und Seele                                             stelltes Christentum: Weiterleben          aufbauendes Christentum: diesseitiges
                                                                      nach dem Tod mit Geistseele               Enstnehmen der Einheit

                                                                      (und Leib)                                           von Leib und Seele
 



C. Paradiesutopien und ihre Verwirklichung


"Paradies auf Erden" ist das marxistische Schlagwort für die Verwirklichung einer heilen Welt nach Aufhebung aller Entfremdungen. "Paradies auf  Erden" ist allerdings auch zutiefst eine jüdisch-christliche Erwartung! Wo ist der Unterschied? Um das marxistische "Paradies" zu erreichen, sind enorme gesellschaftliche Umwälzungen erforderlich, die oft sogar aller Vernünftigkeit Hohn sprechen. Ausgangspunkt ist die menschliche Arbeit - nicht mehr die Freiheit von Arbeit wie im Schöpfungsbericht der Bibel, an die der jüdische Sabbat erinnert, sondern die Erfüllung durch und in Arbeit. Die Arbeit wird als einzigartige - in religiöser Überhöhung ausgedrückt: "göttliche" - Eigenschaft des Menschen eingestuft, daher wird auch bei ihr mit der Aufhebung der Entfremdung des Menschen begonnen.

Diesem Anliegen wird dann alles andere untergeordnet. Zunächst einmal muß die gesamte Wirtschaft umstrukturiert werden, damit das ideologische Konzept von der Unterbindung des Eigentums an fremder Arbeit erfüllt wird. Die Unternehmer werden enteignet, Funktionäre treten an ihre Stelle. Leitungsgewalt hat nicht mehr jemand, der persönliches Interesse am Gedeihen der Firma hat, weil sie ihm "gehört", weil er sie vielleicht sogar aufgebaut hat, sondern ein von oben eingesetzter Verwalter oder besser "Funktionär". Obwohl sicher ist, daß Eigeniniative die beste Triebfeder für sinnvolles wirtschaftliche Handeln ist, ist diese Eigeniniative im marxistischen Wirtschaftsleben nur eingeschränkt erwünscht und stößt immer wieder an ihre engen Grenzen. Sinnvolles praktisches Wirtschaften wird einem ideologischen Konzept zuliebe geopfert und oft genug auch davon erheblich behindert.
Bei den Umwälzungen wird nur zu oft radikal und brutal vorgegangen, auf ein paar Tote mehr oder weniger darf es nicht ankommen, wenn es um die Verwirklichung des Paradieses geht: Wo gehobelt wird, da fallen eben Späne! Um hier wieder in religiöser Überhöhung zu reden, heißt das, daß für das Zustandekommen einer besseren Welt "Menschenopfer" gebracht werden müssen. Wenn es um das vermeintliche Glück aller geht, kann nur zu oft auf das Glück des einzelnen keine Rücksicht genommen werden, vor allem wenn sich dieser einzelne auch noch im Sinn des  "Glücks der Gemeinschaft" schuldig gemacht hat, das heißt "Ausbeuter" ist.
Damit nun auch von den tiefsten Wurzeln her dem Menschen sein "gemeinschaftsschädigendes" und daher höchst verwerfliches Eigentumsdenken  ausgetrieben wird, gab es während der russischen Oktoberrevolution absonderliche Versuche zur Abschaffung der vermeintlichen Ursache. In Verdacht kam da vor allem auch die Einehe mit dem gegenseitigen "Sich-Gehören" der Ehepartner. Von nun an sollte die Frau nicht mehr einem bestimmten Mann allein "gehören": Frauen wurden zum "Allgemeinbesitz". Aus praktischen Erwägungen (wer soll die Kinder aufziehen?) ist man aber recht bald von dieser Praxis abgekommen, doch von einer strengen Moral mit all ihren Vorzügen für das Glück des einzelnen kann keine Rede sein: Im kommunistischen Kuba gibt es öffentliche Stundenhotels für junge Leute; das in jedem Fall als Sprachrohr der 'offiziellen gültigen marxistischen Lehre' zu wertende - DDR-Jugendlexikon "Jugend zu zweit" bemerkt zum ersten Geschlechtsverkehr: "Die Entjungferung erfolgte (nach bürgerlichen Moralbegriffen) in der Hochzeitsnacht durch den Ehemann. Heute sind diese Moralbegriffe überholt" (Jugendlexikon "Jugend zu zweit". Leipzig 1978, S. 72).
Daß diese Handhabung menschlicher Sexualität, die der Idee der Liebe und Partnerschaft von Mann und Frau mit Leib und Seele zuwiderläuft, auch bei uns fröhliche oder leider eben traurige Urständ feiert, wurde bereits beklagt. Doch daß daraus noch eine offizielle Ideologie gemacht wird, der irgendwann einmal niemand mehr entrinnen kann, erinnert fatal an das, was die Juden der Frühzeit in ihrer heidnischen Umwelt als 'kultische Prostitution" vorfanden. In beiden Fällen handelt es sich - schlicht und einfach - um "Partnertausch zum Heil der Gesellschaft", der Unterschied ist lediglich, daß er bei den Nachbarvölkern Israels zur Vermittlung dieses Heils durch irgendwelche Götzen diente.


Zur Methode der Verwirklichung des Marxismus kann also gesagt werden: Solange wir den Begriff "Aberglaube" auf Tischerücken, Horoskope, Wahrsagerei, Schwarze Messen und ähnliches einengen, erscheint der Marxismus tatsächlich als Vorkämpfer gegen den Aberglauben. Wenn wir aber den Bedeutungsinhalt des Wortes Aberglaube auf das erweitern, was die Juden der Frühzeit darunter verstanden und verurteilten, ist der Marxismus eine extrem abergläubische Weltanschauung - und nicht erst durch seine Praxis, sondern schon von seiner Theorie her! Er steht der Wirklichkeit der zentralistischen Priesterstaaten in der Nachbarschaft der nomadischen Juden in dem, was noch nicht einmal wie Glaube an Horoskope und Wahrsagerei als Kinkerlitzchen abgetan werden kann, in nichts nach: Vergötzung der Arbeit, Menschenopfer, Prostitution (nicht die vulgäre gegen Entgelt, sondern die "kultische", um des angeblichen Heils der Menschheit willen ausgeübte).

Die modernen zentralistischen Priesterstaaten mit marxistischer Lehre haben zwar den Glauben an einen Gott aufgegeben, stehen aber in nichts den persönlichkeitszerstörenden Kulten der Antike nach. Abhilfe ist nur zu erwarten von einer Weltanschauung, in der das personale Glück des einzelnen Vorrang hat: dem Christentum der diesseitigen Einheit von Leib und Seele. Dieses Christentum - immer entsprechend der Lehre Jesu! - verordnet keine wirtschaftlichen oder politischen Umwälzungen, kennt keine Ausrottung von angeblich Schuldigen und vergewaltigt niemanden mit glückzerstörender Lebensführung, es ist niemanden schädigende Entscheidung jedes einzelnen.

 

Eine mögliche Kritik von marxistischer Seite an der Wirksamkeit der Aufhebung von Entfremdungen im personalen Bereich (= Sünde!) berücksichtigt nicht die Intensität personaler Erfüllung im jüdisch-christlichen Sinn und ist daher für das Christentum einer Einheit von Leib und Seele gegenstandslos. Dagegen ist ein wie im Marxismus von oben verordnetes Paradies ein Unding. Ein wirkliches Paradies muß schon von jedem einzelnen individuell erkämpft werden und bei jedem einzelnen selbst wachsen. Der Vorteil unserer christlichen Paradiesutopie ist, daß dies nie und nirgendwo auf Kosten anderer geschieht, solange wir wirklich christlich sind. Je mehr Menschen dieses Paradies dann für sich erreichen und ausstrahlen, desto näher kommen wir seiner allgemeinen Verwirklichung. Und es ist nicht einzusehen, warum Unternehmer, Manager, "Kapitalisten" von dieser Ausstrahlungsmöglichkeit ausgenommen sein sollen, denn auch sie sind Menschen mit personalen Sehnsüchten und damit auf eine Erlösung ansprechbar. Wenn auch diese "Ausbeuter" wirklich christlich sind, können sie - etwa im positiven patriarchalischen Sinn - bestens für die ihnen anvertrauten Menschen sorgen.

Zusammenfassend läßt sich sagen:

Vieles in unserem christlichen Glauben fand Jesus bereits als Aberglaube vor, oder es ist im Laufe der letzten 2000 Jahre hinzugekommen. So sind auch im Namen des christlichen Glaubens Menschen umgebracht worden, oder es wurde auch während des Baus der Peterskirche in Rom zur Geldbeschaffung die Prostitution geduldet, wenn nicht gar gefördert. Aber dieser "Aberglaube" gehört nicht zum Wesen des Christentums. Diese Verirrungen sind zu ändern bis hin zum Wunder- und Jenseitsglauben heute.

Demgegenüber gehört das, was wir im Marxismus an Aberglaube vorfinden, zum untrennbaren Wesen dieser Weltanschauung. Eine unbedingt erforderliche Änderung würde zu deren Zusammenbruch führen.
 

III. VERSUCH EINER METAPHYSIK EINES "MATERIALISTISCHEN CHRISTENTUMS"

Ein Porscherennwagen ist noch längst keine Garantie für einen Sieg (man kann sich sogar damit zu Tode fahren), die besten Essenszutaten allein ergeben noch kein Festmenu (man kann sie auch völlig ungenießbar zusammenkochen) - die herrlichste Veranlagung des Menschen zu erfüllender und berauschender Liebe mit Leib und Seele besagt noch überhaupt nichts über ihre Verwirklichung im praktischen Leben. Noch mehr als beim "Porscherennwagen" oder bei den "Essenszutaten" bleiben die meisten Menschen hier im Mittelmaß stecken oder vergaloppieren sich sogar völlig. Wenn heute eine von drei Ehen bei uns geschieden wird, mag das ein Anzeichen für das Mißlingen sein, wir können uns aber auch fragen, wie viele Ehen nur deswegen halten, weil die einer Scheidung folgende Einsamkeit noch schlechter zu ertragen ist als etwa der tägliche Ärger mit dem leidgewordenen Ehepartner. "Die meisten Paare lieben sich nicht. Sie mögen sich nicht einmal besonders", wurde auf dem 12. Westdeutschen Psychotherapieseminar in Aachen festgestellt. "Viele Paare leben nicht in einer Liebesbeziehung, sondern Angst vor Einsamkeit, materielle Erwägungen und ähnliches sind ihre Beweggründe" (DIE WELT vom 12.1.1987, S. 16).

Außerdem: Wie viele Partnerschaften kennen wir eigentlich in unserem Bekannten- und Verwandtenkreis, die wir als so ideal empfinden, daß wir uns eine davon als Vorbild für unsere eigene ersehnte Partnerschaft vorstellen können? Menschliches Glück kommt also ganz offensichtlich nicht eben selbstverständlich auf uns zu, menschliches Glück ist vielmehr etwas höchst Ungewisses. Das Erreichen dieses Glücks ist so unsicher wie der Ausgang eines "strategischen Spiels", etwa wie der Sieg in einem Fußball-, einem Schach- oder einem Skatturnier.
Hier einem Menschen zu einem geglückten Verlauf seines "Lebensspiels" zu verhelfen, ist Aufgabe der christlichen Botschaft. Denn das Glück (= Heil) des einzelnen ist Vorbedingung für eine heile Gesellschaft. Und dies muß auch wieder erste Aufgabe für eine heutige christliche Theologie und Philosophie werden.

A. Unbrauchbarkeit traditioneller Physik und Metaphysik

Die Frage nach dem Glück des Menschen wurde in der traditionellen christlichen Theologie und Philosophie weitgehend als zweitrangig zurückgestellt. Vorrangig waren die Fragen nach der Existenz und dem Wesen Gottes und nach dem Glauben an Gott.
Nach katholischer Vorstellung gehört zu diesen Fragen eine Metaphysik, das heißt, für unseren christlichen Glauben etwa reicht eine Erklärung aus der Bibel allein nicht aus, sondern der Glaube an Gott muß auch - quasi auf einem zweiten Bein - ohne Bibel vernünftig und einsehbar sein. Die Bibel könnte uns sonst ja etwas Überflüssiges "aufschwatzen". Das würde uns mit der Zeit doch sehr in unserem Glauben unsicher machen und dann nicht zuletzt vor der ganzen denkenden (und vor allem nicht denkenden) Menschheit blamieren.
Der Gedankengang einer herkömmlichen "Metaphysik" ist etwa folgender: Auf den erfahrbaren Naturwissenschaften ("Natur" = griechisch "physis") wird eine "Überwissenschaft" ("über" = griechisch "meta") aufgebaut, die dann für den geistigen Bereich zuständig ist. Auf diese Weise kann man dann höchst "wissenschaftlich" alle geistigen Fragen durchdenken und sogar bis zu Gott gelangen.

Aufbauend auf Denkansätzen aus der griechischen Antike (schon wieder!) hat sich vor allem der mittelalterliche Kirchenlehrer und Heilige Thomas von Aquin (1225 - 1274) um die wissenschaftliche Erklärung unseres Christentums verdient gemacht: Noch heute ist die von ihm entworfene Metaphysik offizielle wissenschaftliche Grundlage der katholischen Lehre.

Das Anliegen einer wissenschaftlichen Erklärung von den Naturwissenschaften her ist sinnvoll und berechtigt, denn wer wollte sein Leben schon auf irgendeiner weit zurückliegenden mehr mythisch wunderlichen als einsehbaren Offenbarungsbotschaft aufbauen? So weit, so gut! Das Problem dabei ist nur: Die Metaphysik des heiligen Thomas von Aquin baut auf einer "Physik" auf, die wir heute gar nicht mehr als solche bezeichnen würden, weil sie größtenteils als unsinnig erkannt, damit höchst fragwürdig und überholt ist! Mangels entsprechender Grundlage einer stimmigen "Physik" bricht dann auch die darauf aufbauende "Metaphysik" zusammen, sie ist zu reiner Gedankenakrobatik geworden, mit der allenfalls den Studenten der katholischen Theologie eine Scheinwissenschaftlichkeit vorgegaukelt wird.

Und um was ging es in dieser überholten "Physik"? Die frühesten Formen rationaler Naturerklärung, die zugleich auf eine umfassende Interpretation aller Erscheinungen abzielte, waren spekulativ. Die griechische Philosophie entwickelte verschiedene Konzeptionen über Ursprung, Struktur und Bewegung des Seienden. Dabei ging es besonders um die Frage nach der Ursubstanz und ihre Umwandlungen und um die das Sein beherrschenden Prinzipien. Im Mittelalter wurden diese Vorstellungen, nach denen man sich die Materie beseelt vorstellte (daher also die Unterscheidung nach edlen und unedlen Elementen!), in der Alchemie weiterentwickelt: Man glaubte etwa, durch die Veränderung der Seele eines Elements mittels Feuer u.a. dieses in ein anderes umwandeln zu können (Goldherstellung!). Trotz einiger Zufallserfolge (Schwarzpulver, Porzellanherstellung) war diese "Physik" bestenfalls ein Durchgangsstadium, ihr Konzept stimmte einfach nicht. Wir können daher alles das, was damit zusammenhängt, ihre Fragestellungen, ihre Ansätze, ihre Weiterentwicklungen getrost vergessen. Und auch die Übertragungen von Fragestellungen dieser "Physik" auf unsere heutigen Überlegungen beweisen nur, daß wir immer noch den mittelalterlichen Vorstellungen verhaftet sind.

B. Ausgangspunkte heute notwendiger Metaphysik: menschliche Sehnsüchte und geistige Voraussetzungen des Menschen

Am Beginn des ersten Kapitels wurde mit dem Zitat Einsteins darauf hingewiesen, daß jeder Versuch eines wissenschaftlichen Aufweises Gottes von vornherein verlorene Liebesmüh ist: Einen "Phantasieersatzgott" kann man nicht aufweisen! Solch ein Versuch soll auch hier gar nicht erst begonnen werden. Die Trasse für einen heute gangbaren Weg zu einem Gottesglauben muß neu geschlagen werden!
Ausgangspunkt kann da nur der Mensch sein in seinem Streben nach personaler Erfüllung, wie sie zunächst einmal in einer harmonischen Gemeinschaft von Mann und Frau zu finden ist. Wir können das Nächstliegende einfach nicht übergehen! Trotz aller unserer Bedingtheit sind für dieses Streben natürlich zunächst einmal Wille und Verstand zuständig oder sollten es wenigstens sein. Wir können sagen: Das Ziel des Menschen liegt auf der Ebene der Sehnsüchte und der Gefühle, während der Geist des Menschen als Mittel zur Erreichung dieses Ziels dienen sollte. Da das "Ziel" bereits in allen anderen Kapiteln behandelt wird, geht es in diesem Kapitel um das Werkzeug zur Erreichung des Ziels, also den Geist, das Denken des Menschen. Von der Position des Materialismus her können wir nun den Menschen, also sowohl seine Gefühle und Sehnsüchte wie auch seinen Geist, als Materie beziehungsweise Funktion von Materie erklären. Wenn wir nun schon den Menschen als materialistisch erklärbar (ein "Chemiewerk") einstufen, können wir ihn auch - in völlig materialistischer Denkweise - definieren als "ein System, das durch seinen Aufbau auf seelisch-orgastische Erfüllung angewiesen ist". Eine Erfüllung "stabilisiert" dieses System nun, macht es verträglich mit seiner Umwelt, eine Nichterfüllung dagegen macht das System "instabil" und damit zu einer Gefahr. Verstand und Wille des Systems "Mensch" sind dabei für die richtige Steuerung zuständig.

C. Kybernetik als materialistische Wissenschaft vom Geist

Die Wissenschaft, die sich nun heute mit der Selbststeuerung von Systemen, damit also mit dem Geist und seinen Möglichkeiten vor dem materialistischen Denkhorizont beschäftigt, ist die Kybernetik. Da sie sich nicht auf technische Systeme beschränkt, auch nicht auf bestimmte Materialien dieser Systeme, sondern größte Allgemeingültigkeit besitzt, möchte ich hier näher auf sie eingehen und mit ihrer Hilfe die Begrenztheit des "Geistes" aufzeigen. Wenn ich dabei besondere auf Literatur aus dem kommunistischen Machtbereich in Deutschland zurückgreife, so hat das einfach den Grund, daß von der in diesem Machtbereich herrschenden Ideologie her ein größeres Interesse an einer materialistischen Wissenschaft vom Geist besteht als bei uns - und daher dort auch mehr, bessere und ergiebigere Literatur zur Verfügung steht.

Sowohl im kommunistischen Machtbereich, als auch bei uns, wurde das kybernetische Denken in der Mitte der 60er Jahre auch bei Geisteswissenschaftlern mit großem Enthusiasmus aufgenommen, ist aber inzwischen wieder ziemlich in Ungnade gefallen. Die Kybernetik hat nicht das gebracht, was man sich von ihr versprochen hat. Die Schuld an dieser Entwicklung dürfte allerdings nicht bei der Kybernetik gelegen haben, sondern an ihrer eingeschränkten Anwendung innerhalb der Geisteswissenschaften, sowohl bei uns wie auch im kommunistischen Machtbereich.
Obwohl bereits der Name Kybernetik (von griechisch "kybernetes" = "Steuermann", "Lotse") auf einen Zusammenhang mit der Steuerung eines fest umschriebenen Systems hinweist, wurde in unserer westlichen Geisteswissenschaft die Kybernetik sehr eingeschränkt nur unter ihrem "Informationsaspekt" gesehen, das heißt beachtet wurden nur die Erzeugung, Übertragung, Umwandlung und Speicherung von Informationen. Die Kybernetik besitzt aber "vier wesentliche Aspekte - den System-, den Regel-, den Informations- und den Spielaspekt, von denen der Systemaspekt der grundlegende ist, da Regelung und Steuerung stets in und an Systemen stattfindet. Die Erzeugung, Übertragung, Umwandlung und Speicherung von Informationen interessieren die Kybernetik nur, sofern sie sich zwischen und in dynamischen selbstregulierenden Systemen vollziehen. Die Theorie der Spiele ist schließlich nur insofern kybernetisch, als sie den Kampf zwischen ebensolchen Systemen zum Thema hat" (Georg Klaus: Kybernetik und Gesellschaft, Berlin 1973/3, S. 56).

Während es den westdeutschen geisteswissenschaftlichen Kybernetikern (v. Cube, Frank, Zemanek) nur um die Vermittlung und Aufnahme von Informationen geht und sie dabei den System-, den Regelungs- und den Spielaspekt vollkommen vernachlässigen, wird im kommunistischen Machtbereich die Kybernetik von ihren Aspekten her in der Geisteswissenschaft vollständig gesehen. Allerdings erfolgte auch dort nicht ihre Anwendung auf das naheliegende lebendige System: das menschliche Individuum. Wie es nicht anders sein kann, wurde im kommunistischen Teil Deutschlands die Kybernetik auf Probleme der Gesellschaft angewandt, offenbar wird dort ein der Gesellschaft innewohnender Super-Geist vermutet (vgl. hierzu: Georg Klaus, Kybernetik und Gesellschaft, Berlin 1973/3).

Es ist mir unverständlich, warum die Kybernetik nirgends von ihrem wesentlichen Aspekt her, nämlich dem System- und dem Regelaspekt, auf das uns vor allem interessierende typische organische System, und zwar auf den einzelnen Menschen mit der für ihn ausgeprägten und einmaligen Veranlagung auf seelisch-orgastische Erfüllung angewandt wurde.

Dies soll also nun hier versucht werden.

Kybernetiker sind der Überzeugung, daß die Denkvorgänge des Menschen kybernetisch gesehen werden können, ja daß sogar das kybernetische Denken hervorragend geeignet ist, auch menschliche Verhaltensweisen zu verstehen, zu erklären, vorauszusehen und zu beeinflussen. Der Einfachheit halber beginne ich bei technischen Systemen, um dann auf die Probleme des menschlichen Individuums zu kommen. Dabei geht es dann vor allem darum, daß der Mensch das, worauf er angelegt ist, auch erfolgreich anstreben und verwirklichen kann.

1. Kybernetische Steuerung

Charakteristisch für das Verhalten kybernetischer Systeme ist, daß sie den Wirkungen äußerer Störungen nicht einfach "hilflos" ausgeliefert sind, sondern daß sie die Störungen in dieser oder jener Weise selbsttätig "verarbeiten". Man könnte sagen, "sie machen aus der Not eine Tugend".
So ist etwa bei einer automatischen Aquariumsheizung eine Temperatursenkung eine solche "Störung", die jedoch über einen Wärmeschalter (Thermostat) wieder ein Aufheizen bis zur vorher eingestellten vorgesehenen Temperatur veranlaßt. So bleibt durch eine sinnreiche Konstruktion die Temperatur des Wassers trotz üblicher "Störungen" stets in etwa konstant.
Während nichtkybernetische Systeme ein "ideales Milieu" voraussetzen, gehen kybernetische Systeme von realen Sachverhalten in der wirklichen Welt aus, eben von der Tatsache, daß in der wirklichen Welt unausgesetzt ein Wirkungsaustausch zwischen den verschiedenen Systemen  stattfindet und daß jedes System den vielfältigsten äußeren Störungen ausgesetzt ist, die ihm zum Teil schädlich, zum Teil nützlich sind.

2. Hochorganisierte kybernetische Systeme besitzen ein Internes Modell der Außenwelt.

Das Vorhandensein selbsttätiger Steuerungen ist nun nicht nur auf so einfache Systeme, wie das oben beschriebene, beschränkt. Im Gegenteil, zumeist handelt es sich um höchst komplizierte Systeme. Normalerweise ist nicht nur ein zu regelnder Faktor, wie etwa die Wärme des Aquariumswassers, zu berücksichtigen, sondern mehrere Faktoren. Und dann dürfen auch manche Reaktionen unter Umständen gar nicht erfolgen, weil sie etwa das ganze System zerstören würden (z.B. müßte in einem Aquarium dafür gesorgt werden, daß nicht durch einen "Irrtum" des Systems oder auch durch außergewöhnliche Zimmertemperaturen, etwa starke Sonneneinstrahlung, das Wasser zu heiß wird). Zwischen "Eingabe" und "Ausführung" wird daher in der modernen Technik noch ein "Elektronengehirn" zwischengeschaltet, das etwa verschiedene Anweisungen und Bedingungen koordiniert und vor allem auch vor der Ausführung einer "Handlung" überprüft, ob diese "Handlung" überhaupt sinnvoll ist. Und diese Überprüfung geschieht erst einmal im "Innern" des "Elektronengehirns", das heißt an dem, was das "Elektronengehirn" (in der Fachsprache "Rechner") über den Gegenstand seiner Arbeit "weiß", und zwar an einem sogenannten "inneren Modell der Außenwelt". (Um zu verstehen, was mit einem solchen Modell gemeint ist, reicht hier etwa die Vorstellung einer Modelleisenbahn: Wie wir aus der Funktion einer Modelleisenbahn durchaus bestimmte Rückschlüsse auf die Funktion einer großen Eisenbahn ziehen können - hierin besteht ja der erzieherische Wert einer Modelleisenbahn - , spielt auch ein "Elektronengehirn" vorgegebene Anforderungen am Modell durch.) Das "Wissen", aus dem dieses Modell besteht, kann nun von außen in den Rechner eingegeben worden sein ("eingespeichert") oder es kann auch mit Hilfe von eigenen "Prüforganen" selbst erworben sein. Derartige Prüforgane sind zum Beispiel Temperaturfühler wie die erwähnten zusammengenieteten Metallstreifen mit unterschiedlicher Wärmeausdehnung in einem Wärmeschalter oder optische Fühler wie Fotozellen bei der Straßenbeleuchtung. Der Rechner hat die Aufgabe, aus allen möglichen Informationen sinnvolle Handlungen zu erarbeiten und vor der Ausführung zu überprüfen. Wie wichtig gerade die Überprüfung ist, erkennen wir nicht nur an der Temperaturregelung in einem Aquarium mit kostbaren temperaturempfindlichen Fischen sondern vor allem an hochmodernen technischen Anlagen. Denken wir an die Steuerung einer Stahlerzeugungsanlage: Welche Katastrophe würde eintreten, wenn durch einen Fehler an irgendeiner Stelle im System der Anlage eine zu hohe Kesseltemperatur veranlaßt und es dadurch zu einer Kesselexplosion kommen würde?
Ganz hochorganisierte kybernetische Systeme spielen Handlungen vor der Ausführung in der Wirklichkeit an diesem "inneren Modell der Außenwelt" durch, so wie ein Schachspieler vor einem Zug auf dem wirklichen Schachbrett alle möglichen Züge in seinem Innern durchspielt, oder auch wie der Generalstab eine Schlacht erst einmal im Kartenzimmer durchspielt, bevor es zum Gefecht auf dem wirklichen Schlachtfeld kommt. Durch dieses Durchspielen am "inneren Modell der Außenwelt" werden ungünstige "Handlungen" schon frühzeitig als nachteilig für das System erkannt und daher in der Praxis gar nicht erst ausgeführt. Erst wenn das Durchspielen eine günstige Lösung anzeigt, wird mit der Ausführung in der Praxis begonnen. Dadurch wird für das kybernetische System größtmögliche Selbständigkeit erreicht: Es besitzt die Fähigkeit, auch mit Situationen fertig zu werden, die der Konstrukteur des Systems gar nicht kannte.

Die Fragestellung für den Konstrukteur eines technischen kybernetischen Systems lautet nun: Wie muß dieses System konstruiert sein, damit es mit. allen möglichen auf es zukommenden Situationen fertig wird, ganz gleich, ob diese Situationen nun regelmäßig auftreten oder rein zufällig vielleicht einmal vorkommen.

Als Vorbild diente für solche Konstruktionen zunächst der Mensch mit seinen "Steuerungsvorgängen". Diese Steuerungsvorgänge laufen im Menschen natürlich nicht mit zusammengenieteten Metallstreifen ab, sondern mit vielfältigen anderen Mitteln, mit Hebeln und vor allem mit chemischen Reaktionen. In jedem Fall aber sind es "kybernetische" Vorgänge.

3. Der Mensch als kybernetisches System

Wenn wir uns selbst als "kybernetisches System" beobachten, können wir sehr gut das Wesen derartigen Systemverhaltens verstehen lernen. Gelangen wir zum Beispiel auf einer Wanderung an einen Bach oder Wassergraben, den wir überqueren müssen, dann springen wir keineswegs sofort blindlings darauf los, um schließlich am Ergebnis zu merken, ob wir auf der anderen Seite gut angekommen oder ins Wasser gefallen sind. Statt dessen werden wir uns - was uns selbstverständlich im einzelnen gar nicht bewußt wird - an ähnliche Situationen erinnern, ungefähr abschätzen, ob wir bei der vorliegenden Breite und dem möglichen Anlauf gut hinübergelangen werden oder nicht. Wir "spielen" auch die verschiedenen Varianten durch, die es gibt, indem wir überlegen, ob es überhaupt sinnvoll ist zu springen oder ob es vielleicht besser ist, sich Schuhe und Strümpfe auszuziehen und durch den Bach zu waten. Für diese Denkoperationen nehmen wir einen Teil in unserem Gehirn in Anspruch, der in der kybernetischen Terminologie "Umweltmodell" oder "inneres Modell der Außenwelt" genannt wird. Das Beispiel von unserer Wanderung, die uns an einen Bach führt, ist selbstverständlich ein sehr primitiver Fall, und das "Modell", das hierbei für die Auswahl einer entsprechend "günstigen" Entscheidung nötig ist, sehr geläufig. Allgemein gesehen, handelt es sich aber um eine für den Menschen typische Verhaltensweise, das "Nachdenken".
Wir können jetzt auch erklären, was man allgemein unter "Lernen eines kybernetischen Systems" versteht. Wir haben dann etwas Neues hinzugelernt, wenn wir in der Lage sind, auf der Grundlage des Gelernten unser Verhalten günstiger zu gestalten, uns klüger zu verhalten oder - anders ausgedrückt - aus verschiedenen möglichen Verhaltensweisen die günstigste auszuwählen. In kybernetischer Ausdrucksweise bedeutet dies, das Modell der Außenwelt, das bis zu einem bestimmten Zeitpunkt bereits im Gehirn eingespeichert ist, zu "verbessern". Lernen eines kybernetischen Systems besteht also darin, daß es auf der Grundlage seiner im Laufe der Zeit errungenen Erfolge oder erlittenen Mißerfolge, also entsprechend seiner "Erfahrungen", sein inneres Modell der Außenwelt ständig verbessert. Diese Erfahrungen müssen allerdings nicht unbedingt in der Wirklichkeit geschehen sein, auch aus "Erfahrungen, die man aus dem Durchspielen am inneren Modell der Außenwelt gewonnen hat", also aus "Nachdenken", kann man "lernen"!


System ohne und System mit Lernstruktur (in Anlehnung an K. Steinbuch):   

    


In der Abbildung wird einem System ohne Lernstruktur ein System mit Lernstruktur gegenübergestellt. Im Falle a steht ein System unmittelbar mit der Umwelt in Verbindung. Erfolg oder Mißerfolg seiner Handlungen werden in ihm zwar registriert, und die günstigste Variante wird ausgewählt, aber es besteht die Gefahr, daß das System auch Handlungen vornimmt, die zu Katastrophen in der Wirklichkeit führen, bzw. ihn selbst zerstören.
Im Falle b haben wir es mit einem wesentlich verbesserten System zu tun. Auch dieses System steht in Verbindung mit der Umwelt, aber seine "Entschlüsse" werden nicht unmittelbar in Einwirkungen auf die Umwelt umgesetzt, sondern es "probiert" zunächst so, wie wir dies bereits kennengelernt haben, die möglichen Folgen an einem Umweltmodell durch. Und erst, wenn dabei die günstigste Variante gefunden ist, erfolgt die Wirkung des Systems auf die Umwelt.
Die ganze komplizierte Struktur des Menschen, sein Gehirn mit den etwa 15 Milliarden kleinsten Bausteinen, seine Sinnesorgane wie Augen, Ohren, Hände ("Fühler"), seine Ausführungsorgane wie Hände, Füße, Stimme ("Werkzeuge"), sind nun nicht nur dazu da, ihm zu verhelfen, bei einer Wanderung über einen Bach zu springen. Sie sind auch nicht nur dazu da, ihn im Winter bei Kältegefühlen dazu zu bewegen, sich einen Mantel anzuziehen oder einen Ofen zu heizen. Die kybernetische Struktur soll dazu dienen, dem Menschen schlechthin das Überleben zu sichern und das Leben angenehmer zu gestalten.

Und neben den Bedürfnissen nach Nahrung und Schutz gibt es da vor allem das aufgrund des Wechselspiels von Mutation und Selektion im Laufe der Menschheitsgeschichte entstandene Verlangen nach Harmonie seiner seelischen und körperlichen Sehnsüchte. Denn vor allem von einer Erfüllung dieser Sehnsüchte hängt nun einmal das Wohlbefinden ab. In der Sprache der Kybernetiker können wir dieses Verlangen nach leib-seelischer Harmonie als Sollwert bezeichnen. Damit wird der Mensch auch von der Kybernetik nicht als gefühlskalte Maschine gesehen, sondern es werden sinnvollerweise Gefühle und Denkvorgänge erst einmal getrennt betrachtet. Es wurde bereits darauf hingewiesen: Die Gefühle sind Ziel und Inhalt, die Denkvorgänge sind der Weg. In wirklichkeitsgerechter Einschätzung seiner "materiellen" Bedingtheit sollte der Mensch von der Pädagogik her überhaupt einmal in den Zustand versetzt werden, im Sinne seines Eigeninteresses an umfassender Erfüllung seines Gefühlslebens zu denken und zu handeln. Jeder Mensch, auch derjenige, bei dem es angeblich wegen seines "schlechten Elternhauses" aussichtslos ist, sollte die Fähigkeit erhalten, Aussichten für die eigene Zukunft zu erkennen, "Störungen", die zu Enttäuschungen und sonstigen Katastrophen führen können, rechtzeitig abzuschätzen und diesen Störungen auszuweichen. Der Mensch, der Chancen und Risiken ohne Verbrämungen erkennt, wird sich am ehesten bemühen, selbständig Risiken zu vermeiden und Chancen zu nutzen!

In diesem Sinn ist in einem auf dem materialistischen Menschenbild aufbauenden Christentum "materialistisch" und "menschlich" kein Widerspruch. Im Gegenteil, ein solches Christentum nimmt den Menschen richtig "für voll" - sowohl in seinen personalen Hoffnungen und Sehnsüchten, als auch in seinen geistigen Fähigkeiten, eine Erfüllung dieser Sehnsüchte zielstrebig anzusteuern und zu erreichen.

D. Kybernetische Grenzen der Leistungsfähigkeit des Geistes und Überwindung dieser Grenzen durch geeignete Metaphysik

Gerade sich für gläubig haltende Menschen tragen ganz offensichtlich in ihrer "Sorge um Gott" ständig die Frage mit sich herum: "Und was hat Gott damit zu tun?" Und recht kurzschlüssig wird zum ganzen materialistischen und damit auch kybernetischen Weltbild gefolgert, daß es da keines Gottes bedarf und daß damit dieses ganze Denken von einem gläubigen Menschen von vornherein zu verwerfen sei.

Als ob Gott unserer Sorge um ihn bedürfe! Als ob wir Erkenntnisse über die Schöpfung unterbinden sollten, um damit Gott zu retten! Wie klein stellen wir uns überhaupt Gott vor? Vielleicht retten wir mit unseren "Zensurmaßnahmen" irgendeinen Götzen, aber mit Sicherheit nicht den Gott, um den es uns geht! Diese Rettungsversuche sind umso unverständlicher, als schon Thomas von Aquin stets einer zutreffenderen Erkenntnis der Schöpfung den Vorzug gegeben hat: "Offenkundig falsch ist die Meinung derer, die sagen, es sei - im Hinblick auf die Wahrheit des Glaubens - völlig gleichgültig, was einer über die Schöpfung denke, sofern er nur von Gott die rechte Meinung habe: ein Irrtum über die Schöpfung aber wirkt sich aus in einem falschen Denken über Gott" (Thomas von Aquin, Summa contra Gentes, 2, 3; ähnlich C . G. 2, 2 am Schluß). Also - keine Rettungsversuche durch krampfiges Festhalten an fragwürdiger Wissenschaft!

Doch worin liegt nun die "bessere Erkenntnis" Gottes über den Weg des materialistischen Denkens?

Es stimmt schon, auf einen Schöpfergott, auf einen Glauben an Wunder, auf ein Leben nach dem Tod, auf Gottesbeweise kommt man über diesen Weg nicht. Aber ist das überhaupt Anliegen der christlichen Botschaft? Ist der Glaube an irgendwelche Glaubenssätze Anliegen des Christentums oder nicht vielmehr ein Leben nach der Lehre Jesu?

Das in diesem Konzept vertretene Christentum entscheidet sich unter allen Umständen für eine Lebensführung nach diesem Glauben, zumal nur dies der Beweis für tatsächlichen Glauben ist!
Aber kann ein prinzipientreues Leben nicht auch ohne christlichen Glauben geführt werden? Ist damit der christliche Glaube nicht verweltlicht und irgendwann überflüssig?
Im folgenden sollen zwei (materialistische) kybernetische Gedankengänge einen Hinweis geben, daß "Materialismus" keineswegs auch gleichzeitig "Gottlosigkeit" bedeutet.

1. Idee des stets siegreichen Spielers - hier vielleicht besser "des stets siegreichen Gegenspielers"

Der Schachweltmeister Emanuel Lasker (in der Zeit von 1894 -1941), der während der Naziherrschaft in die Emigration gehen mußte und alt und krank in der Fremde starb, war gleichzeitig Philosoph. Die von ihm vor allem untersuchte philosophische Idee ist die des Kampfes. Die zentrale Figur dieser Theorie ist der "Macheide". Das ist gewissermaßen der ideale Kämpfer (von griech. "mache", Kampf, daher auch gesprochen mache-ide bzw. mache-idisch), dem für alle möglichen Situationen optimale Strategien zur Verfügung stehen: Lasker denkt dabei an einen Kämpfer, "der keinen Fehler macht, der also keine menschlichen Unzulänglichkeiten aufweist, sondern alles tut, was bei Vorliegen der betreffenden sachlichen Bedingungen überhaupt getan werden kann bzw. was bei Vorliegen bestimmter vollständiger oder unvollständiger Information über die Sachlage zu tun möglich ist". Kämpfer, die mit einem vollkommenen Wissen über die Theorie des Kampfes ausgerüstet sind, deren Entscheidungen also nur von den sachlichen Gegebenheiten der Kampfsituation und von den Informationen abhängen, die sie darüber erhalten können, nennt Lasker eben Macheiden (vgl. Georg Klaus, Spieltheorie in philosophischer Sicht. Berlin (Ost) 1968, S. 62).

Für die Spiel-Gegner heißt das, daß sie gegen einen solchen macheidischen Kämpfer (Kybernetiker können sich einen solchen "Macheiden" am ehesten als perfekten Automaten vorstellen) nie gewinnen können, selbst wenn sie sich zunächst einmal solcher Illusion hingeben mögen!
Bei seiner rationalen Analyse aller möglichen Formen des Kampfes hatte Lasker festgestellt, daß sich auch Konfliktsituationen des Menschen durch Spiel- oder besser Kampfsituationen simulieren lassen. Außer dem bereits erwähnten militärischen Modell kann - weiter vereinfacht - das Skatspiel als vorzügliches Modell angesehen werden. Genau wie das wirkliche Leben eines Menschen lebt auch das Skatspiel von den beiden Gegebenheiten "Zufall" und "Können/Berechnung". Sowohl im wirklichen Leben wie im Skatspiel gibt es Zufälle, das heißt etwa, wem wir begegnen, neben wem wir auf der Schulbank sitzen, neben wem wir arbeiten - oder eben welche Karten wir erhalten. Dabei wird der Begriff "Zufall" ohne jeden Hintergedanken an eine göttliche Fügung verwendet, sondern nur im Sinn eines Treffers bei der Ziehung der Lottozahlen. Andererseits gibt es sowohl im Skatspiel wie im wirklichen Leben Können und Berechnung. Und damit kann dann ein "guter Spieler" etwas aus den Zufällen machen, damit das Spiel in seinem Sinn weitergeht. Und die Bewältigung von Zufällen haben etwa beim Skatspiel manche Spieler so gut im Griff, daß sie sogar "Meister" werden! Diese Skat-Meister sind nun wirklich erhaben darüber, daß sie nur deswegen siegen, weil sie gute Karten erhalten oder gar betrügerisch gespielt haben, ihr Erfolg war eine Folge ihres Könnens, ihrer Fähigkeit, mit den "Zufällen" für sich vorteilhaft umzugehen.

Im praktischen Leben bedeutet die Vorstellung eines Macheiden nun, daß wir stets damit rechnen müssen, wenn schon nicht einem "macheidischen", so doch wenigstens einem "besseren" Kämpfer gegenüberzustehen. Sucht dieser "Kämpfer" rücksichtslos seinen eigenen Vorteil, ist unsere Niederlage und damit unser Unglück bereits "vorprogrammiert". Und das alles gilt auch und gerade in dem Bereich, wo es um unsere tiefsten Sehnsüchte nach Glück und Erfüllung geht! Denn gerade dieses Glück und diese Erfüllung - an und für sich seelisch und leiblich - haben ja eine "leibliche" Komponente, die allein schon so lustbringend ist, daß man sie - sehr zum Leid des vor allem erstmalig davon Betroffenen - auch ohne Sinn auf Erfüllung der seelischen Seite anstreben kann. In den Vertraulichen Gesprächen wird ein solcher besserer Kämpfer in der Figur des Alexander vorgestellt (siehe Gespräch 1 im Buch "Spaß an der Moral"). Das Mädchen, von dem er berichtet, war sich seiner "Situation im Sinn eines Kampfspiels" nicht im geringsten bewußt und vollkommen unfähig, "strategisch" im Hinblick auf das eigene Glück zu reagieren. Setzt man eine ähnliche Erziehung wie bei dem Mädchen, das im Einleitungsbericht von ihren Enttäuschungen berichtete, voraus, war allerdings auch alles wirklich "Zweckdienliche" für einen Zustand besserer Strategiefähigkeit unterlassen worden. Um es ganz deutlich zu sagen: Notwendig ist für ein optimales Handeln nicht irgendein ehrfurchtsvolles Wissen um biologische Gegebenheiten, sondern ein vernünftiges "strategisches" Konzept! Eine entsprechende Erziehung hätte hier möglicherweise schon einiges anders verlaufen lassen. Doch ist auch eine solche Erziehung im letzten noch
unsicher, da es ja bei uns Menschen zu oft geschieht, daß wir in Anwandlung außerordentlich starker Gefühle unsere Vernunft sehr schnell beiseite schieben. Und dies trifft insbesondere auch auf junge Menschen zu, die ja noch zudem die Situation, um die es hier geht, zum erstenmal erleben.

Daher scheint mir der folgende philosophisch-theologische Gedankengang zur Abrundung des spieltheoretischen Ansatzes bei der Frage nach der Erfüllung des Glücks unbedingt notwendig: Wenn es im personalen Bereich auch sicher keinen leibhaftigen "Macheiden" im Sinn der Figur des Alexanders schlechthin gibt, so besagt doch die Theorie des Macheiden (oder auch nur des "besseren Spielers"), daß jeder von uns damit rechnen muß, in Situationen zu kommen, die uns gefühlsmäßig so stark überwältigen, daß wir nicht mehr nüchtern "spielen" können und Fehler begehen, die schließlich zur Zerstörung unserer Einheit von Leib und Seele führen und uns damit den wirklichen Höhepunkt in unserem Leben, nämlich das Erlebnis der Liebe, sehr erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen. Auslöser kann dabei etwa ein "Alexander-Typ" sein.

Und statt des "Alexander-Typs", der nur auf kurzfristiges Vergnügen aus ist, gibt es da auch den "Typ", der zwar auf langfristige Bindung aus ist, aber deswegen noch lange nicht auch auf leib-seelische Harmonie (siehe letztes Kapitel!).
In beiden Fällen gelingt das, was wir uns von einer Partnerschaft erträumen, nicht oder nur sehr schwer.
Eigentlich sollten wir hier zur Erkenntnis kommen: Im Grunde sind wir im Hinblick auf unsere Zukunft dem Zufall schutzlos ausgeliefert! Es ist vom Zufall abhängig, ob sich jemand findet, der berechnend oder instinktmäßig unsere Erwartungen und Sehnsüchte spürt, diese zu seinen Gunsten ausnutzt und uns damit genau dorthin bringt, was wir noch kurz zuvor für absolut unmöglich gehalten haben. (Das ist das Problem meines Unterrichts: Meine Schüler(innen) glauben mir einfach nicht, was ich ihnen da für ihre Zukunft prophezeie, und unterlassen es daher auch, mit mir Strategien zu überlegen, die ihr Schicksal ändern können.)
Das Ziel einer solchen Manipulation braucht keinesfalls nur im Bereich der Problematik Mann/Frau zu liegen, im politischen oder wirtschaftlichen Bereich haben wir dieselben Probleme. Vor dem Hintergrund der Idee des "Macheiden" müssen wir immer damit rechnen, auch wenn wir alles noch so pedantisch durchchecken, daß irgendwann unser Lebenskonzept durchkreuzt wird, indem wir schließlich sogar den Weg zu unserem Unheil freiwillig einschlagen.
Es ist angedeutet, daß es überhaupt keinen "leibhaftigen" Alexander zu geben braucht, dem wir gegenüberstehen können, sondern daß wir vielmehr selbst die "treibende Kraft" sind. Wer garantiert, daß die von "Alexander" ausgehenden "Versuchungen" nicht in uns selbst entstehen, vielleicht angeregt durch unsere Umwelt, durch unsere Sehnsucht nach Kontakt mit anderen Menschen, durch Schwierigkeiten im Alltag, vielleicht auch durch falsche, vordergründige Vorstellungen von Liebe und Partnerschaft? Oder weil wir endlich einmal diese lästige uns anerzogene Leibfeindlichkeit über Bord werfen wollen?
Eine Lösung dieser "Ohnmachtsituation" gibt das spieltheoretische Denken nicht, dieses Denken macht lediglich deutlich, daß sich der Mensch letztlich in einer ungewissen, schutzbedürftigen Lage befindet, in der eine arrogante Selbstsicherheit, alles im Leben allein zu durchschauen und zu bewerkstelligen, völlig unangebracht ist. Abgesehen davon, daß in der Wirklichkeit des Lebens der Fall, daß wir in unseren Hoffnungen und Sehnsüchten "zerstört" werden, recht häufig vorkommt, gehört es zur Eigenart des kybernetischen Denkens, daß es den Menschen nicht in einen Glaskasten setzt, sondern daß es ihm hilft, mögliche Störungen zu erkennen, zu umgehen, oder sogar noch für die eigenen Ziele zu nutzen. Somit wird auch ein noch so seltener Fall, sofern er für eine Zerstörung in Frage kommt, zum Maßstab aller Maßnahmen gemacht. Es kommt darauf an, daß ein solcher Fall vom denkenden Menschen im Vorfeld erkannt und positiv bewältigt wird (das heißt, daß er etwa sehr schnell aus sich heraus eine Beziehung, die nichts Gutes verheißt, abbricht).

Dazu ein Beispiel aus einem anderen Bereich: Selbst wenn eine Hochwasserkatastrophe in einem bestimmten Gebiet noch so unwahrscheinlich ist, wird bei der Berechnung eines neuen Deichs genau eine solche Katastrophe zugrunde gelegt - und noch eine Sicherheit dazu gegeben!
Doch gibt es gerade für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen allein vom spieltheoretischen Denken her nicht mehr die Sicherheit einer Lösung - hier liegt so etwas wie eine "mathematische Lücke" vor, schließlich ist ja auch die Spieltheorie eine mathematische Disziplin.
Und diese "mathematische Lücke", die nicht zu gering eingeschätzt werden sollte, wenn es um wirkliches Lebensglück, um "höhere und intensivere Freuden" geht, schließt die Hilfe- und Heilszusage Gottes, nicht eines Gottes der Philosophen, sondern des lebendigen Gottes, der uns letztmalig durch Jesus und seine biblische Offenbarung zugänglich ist. Diesen Gott können wir tatsächlich nicht "beweisen", es gibt keine Sicherheit dieses Gottes, damit wir so über ihn verfügen können, wir können nur hoffen, daß das, was Jesus uns gesagt und zugesichert hat, wahr ist. Wir können nach der Botschaft Jesu davon ausgehen, daß sich Gott denen, die darum bitten, auch tatsächlich offenbart, so daß wir einen beweisbaren Gott der Philosophen und Theologen gar nicht brauchen. Und wir können zu ihm beten, von ihm können wir Schutz und Hilfe erhoffen, besonders wenn es darum geht, vor Fehlentscheidungen im Bereich leib-seelischer Harmonie bewahrt zu bleiben. Denn wegen dieser Fehlentscheidungen, dieser Sünden, hat sich ja Jesus für uns am Kreuz geopfert. Denn es ist ja Gottes dringendstes Anliegen, daß wir uns ein "Leben in Fülle" nicht durch "Sünde" verscherzen.

Ohne die Art und Weise der Heilszusage des christlichen Glaubens zu zerpflücken, kann davon ausgegangen werden, daß sie jeden erreicht, in dem die Sehnsucht nach einem "Leben in Fülle" brennt, der sich seiner zwiespältigen Situation bewußt ist und der daher demütig mit sozusagen kindlicher Unmittelbarkeit auf Gottes Hilfe hofft und vertraut.

2. Aus dem "Geleitzugproblem" ergeben sich feste Handlungsnormen

In den klassischen wissenschaftlichen Theorien geht es darum, die Wahrheit über die objektive Realität zu erforschen. Dies trifft selbst auf die Theologie zu, wo in den verschiedenen Disziplinen die Wahrheit über Jesus, über die Schöpfung, über die biblische Geschichte, über unser Leben nach dem Tod und nicht zuletzt auch über Gott erforscht werden soll. Der Spieltheorie (immer im Sinn von "Theorie des Kampfes") geht es nun nicht in erster Linie um die wissenschaftliche Erforschung der Wahrheit, sondern "die Spieltheorie stellt wissenschaftliche Sätze auf, die den Charakter von Empfehlungen für Spieler haben, von Empfehlungen, durch deren Befolgen die einzelnen Spieler in Konfliktsituationen die günstigsten Resultate erzielen bzw. die ungünstigsten vermeiden können. Es geht also um den Nutzen bzw. um die Vermeidung von Schaden. Die
Spieltheorie ist in diesem Sinne eine Theorie der menschlichen Entscheidungen... Der Unterschied zwischen den klassischen Formen der Theorie und der Spieltheorie läßt sich deshalb wie folgt skizzieren:

Art der Theorien:                     Klassische Theorien                  Spieltheorie
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Elementarakt:                          Formulierung einer Aussage           Zug

Systematisierung:                    Theorie                                         Strategie

Ziel:                                          Abbild der Realität                        Gewinn einer Partie

(nach G. Klaus, Spieltheorie .... S. 49)

Vorsichtig sei hier schon einmal die Vermutung formuliert, ob nicht die biblische Offenbarung, in der wir so gerne Aussagen über die Realität (Gottes) vermuten und daher den klassischen Theorien zuordnen, in Wirklichkeit eine Art "Spieltheorie" ist, also eine Theorie zur Vermeidung von Schaden und zum Gelingen eines beglückenden Lebenskonzeptes!

Doch zunächst einmal weiter im mathematischen Denken:
Zur Anwendung der Spieltheorie in der Praxis kamen bewußt zunächst einmal die Amerikaner, als sie feststellten, daß sie während ihres Kampfes gegen die Japaner im 2. Weltkrieg in Südostasien unverhältnismäßig hohe Verluste hatten. Sie ließen die Ursachen von Mathematikern untersuchen, die dann auf das sogenannte "Geleitzugproblem" kamen und mathematische Methoden entwickelten, die den Amerikanern schließlich wieder zu einem günstigeren Abschneiden verhalfen. Als Beispiel sei hier rückschauend eine Situation wiedergegeben:
"Die amerikanische Aufklärung hatte ermittelt, daß die Japaner vom Hafen von Rabaul aus einen Geleitzug mit Truppen, Munition, Verpflegung usw. zur Verstärkung ihrer Streitkräfte in Neuguinea absenden würden. Dieser Geleitzug konnte entweder nördlich der Insel New Britain oder südlich von ihr zum Ziele gelangen. Nördlich der Insel war die Sicht schlecht, und Bombardierung bzw. Aufklärung durch Flugzeuge waren erschwert. Im Süden der Insel war klares Wetter, der Geleitzug würde bis zu seinem Ziel drei Tage brauchen. Für den Kommandeur Kenney ging es nun darum, wo er seine Aufklärungsflugzeuge konzentrieren sollte, im Norden oder im Süden der Insel. Je eher der Geleitzug entdeckt wurde, desto länger konnte man ihn auf der Strecke bombardieren. Die Zeit der Bombardierung würde reduziert werden, wenn man auf der vom Gegner nicht benutzten Route Aufklärungen durchführt (G. Klaus: Spieltheorie..., S. 102 f, nach: Haywood, Miltary decisione and game-theory, in: Journal of the Operations Research Society of America, 2, 1954. S.365ff).
 
Den Lesern sei erspart, diese wirkliche Kriegssituation weiter mathematisch zu durchdenken. Nur soviel: Die Amerikaner bekamen aufgrund ihrer mathematischen Überlegungen Gelegenheit, den japanischen Geleitzug zwei Tage lang zu bombardieren und fügten damit den Japanern schwere Verluste zu. Dabei brauchte sich auch der japanische Oberkommandierende keine Vorwürfe zu machen; auch er hatte strategisch richtig gehandelt.

"Die Spieltheorie (Anm.: die solche Situationen systematisiert) hat die Aufgabe, alle sich aus den Spielregeln ergebenden Möglichkeiten aufzudecken. Sie gibt keine direkte Anweisung zum Handeln. Ob man sich so verhalten soll, wie die Spieltheorie es als rationellste Spielweise empfiehlt, hängt von einer ganzen Reihe von Umständen ab, die selbst nicht Gegenstand der Spieltheorie sind. Die beiden Oberkommandierenden der erwähnten Szene aus dem Seekrieg im Pazifischen Ozean werden sich beispielsweise von ihren bisherigen Erfahrungen mit dem Gegner haben leiten lassen. Der eine wird etwa überlegt haben, daß der andere erfahrungsgemäß stets viel riskiert, bzw. daß er stets äußerst vorsichtig ist. Hätte der amerikanische Kommandeur beispielsweise die Südroute gewählt in der Überzeugung, daß die Japaner sie auch wählen, so wäre ihm ein großer Gewinn in den Schoß gefallen, nämlich die Möglichkeit, den Geleitzug drei Tage zu bombardieren. Er mußte allerdings riskieren, daß die Japaner die Nordroute wählten und er dann die ungünstigste von allen Möglichkeiten zur Verfügung gehabt hätte. Die Spieltheorie sagt also nichts darüber aus, ob und wieviel man riskieren soll; sie gibt lediglich Auskunft, wie man mit dem geringsten Risiko spielt, was man bei bestmöglichem beiderseitigen Spiel erreichen kann. Sie sagt uns ferner, wie groß das Risiko ist, das sich bei den Strategien ergibt, die von der bestmöglichen abweichen."
Selbstverständlich muß hier von der konkreten Kriegssituation abgesehen werden, es ging nur darum, darzulegen, daß menschliche Entscheidungen mathematisierbar sind. "Eine mathematische Theorie ist natürlich weder moralisch noch unmoralisch; derartige Wertbegriffe sind hier nicht anwendbar. Anders steht es mit dem Verhalten des Spielers und seiner Stellung zu einem fairen bzw. vorteilhaften oder nachteiligen Spiel. Will der Spieler A den Spieler B zu einem Spiel überreden, das für A vorteilhaft ist, und macht den Spieler B, der dieses Spiel noch nicht kennt, glauben, daß es sich um ein faires Spiel handele, so ist dies ein Verstoß gegen die Spielmoral". Im folgenden bringt der marxistische Philosoph Georg Klaus, dessen Untersuchungen hier verwendet wurden, ein Beispiel zur Unfairneß in den "bürgerlichen Demokratien" - wie kann es anders sein! Wes Brot ich eß, des Lied ich sing...

Wie bereits oben darauf hingewiesen, erscheint es sinnvoller, statt eines gesellschaftlichen Problems die Probleme von Individuen aufzugreifen. Spielen nicht auch "Alexander" und mit ihm alle, die das, was da geschieht, als "normal" darstellen, unfair? Verdrängen wir hier nicht eine Unfairneß größten Ausmaßes? Durch Schweigen verhindern wir ja nur, daß junge Leute sich eine Strategie im Sinn ihres Glücks doch noch aufbauen können!

Denn eine Aufforderung zu "fairem Verhalten" dürfte nur sehr begrenzte Wirksamkeit haben, da es stets "Alexander-Typen" geben wird, die nicht erreicht werden können. Aussichtsreicher dürfte es daher sein, die möglichen "Opfer" zu einer Verhaltensänderung zu veranlassen, solange bei diesen noch mit unmittelbarem Eigeninteresse gerechnet werden kann. Doch wie soll eine solche Verhaltensänderung aussehen, wie kann man unfaires Spiel erkennen, wie kann man sich vor ihm schützen? Gibt es da nicht "Züge", die so "risikoreich" sind, daß man sich zu ihnen unter keinen Umständen hinreißen lassen sollte? Eine mathematische Theorie, wie die Spieltheorie es ist, gibt auf die Art dieser Züge keine Antwort, denn eine mathematische Theorie ist da völlig neutral.

Eine Antwort etwa für das personale Glück kann es eigentlich nur aus der Erfahrung geben, einer Erfahrung, wie sie am ehesten wohl einer jahrtausendealten monotheistischen Religion zugrunde liegt (Monotheismus = Glaube an einen einzigen Gott). Und diese Erfahrung, die ja nicht erst mit dem Christentum aufkam, lautet für das personale Glück sehr eindringlich: "Du sollst die Ehe heilig halten!" Im "Spiel des Lebens" dürfte ein solches Gebot, wie wir es zunächst einmal aus den Zehn Geboten kennen, als "Geleitzugregel" gedacht sein: Was man bestenfalls ohne das Halten dieses Gebotes erreichen kann, erreicht man in jedem Fall, wenn man sich daran hält. Die Rede ist hier natürlich von einem innerlich akzeptierten Halten des Gebotes und nicht von einem Halten aus Angst und Verklemmung. Die Haltung dazu kann genauso "stur" sein, wie etwa unser Verhalten bei einer roten Verkehrsampel. Da läuft dann nichts mehr!  Diese "Sturheit" hat im zwischenmenschlichen Bereich einen sehr praktischen Nebeneffekt: Man braucht sich nicht mehr weiter zu rechtfertigen, man kann jedem Zwang zu einer Diskussion, in der man dann doch unterliegt, entfliehen! Die "Verweigerung der letzten Intimität" kann folglich auch nicht mehr als fehlende Liebe oder gar als Mißtrauen in die vielleicht diesmal wirklich lauteren Absichten des "fordernden" Partners mißdeutet werden! Das ist eben der Vorteil einer gelebten Religion: Die "Verweigerung" hat nicht mehr den Funken des Mißtrauens in sich, sobald das dahinterstehende Gebot als unumstößliches göttliches Gesetz erkannt und anerkannt ist. Denn nur ein "göttliches Gesetz" ist für jede weitere Diskussion tabu, nur auf ein solches Gesetz kann man auch seinen Partner festlegen.
Pädagogische Aufgabe ist es, das "göttliche Gesetz" so zu lehren, daß dieser Vorteil auch erkannt wird und unter die Haut geht. Natürlich geht das nur mit Unmittelbarkeit und Offenheit!
Ich kann mir hier durchaus einen jungen Menschen vorstellen, der zunächst einmal mit Gott und Kirche recht wenig anfangen kann, den aber die Idee von der Heiligkeit der Ehe überzeugt hat und der diese Idee in seinem Leben Wirklichkeit werden lassen will. Um vom geliebten Freund nun nicht als mißtrauisch beargwöhnt zu werden, weil er von dem sogenannten "Liebesbeweis" nichts hält und sich verweigert gibt er als Verweigerungsgrund das "göttliche Gesetz" und damit Gläubigkeit an. Hier stellt sich nun die Frage, ob ein Mensch, der sich zwar an die Gebote Gottes hält, für den aber Gott nur ein Vorwand (ein "Phantasieersatz"!) ist, nicht zu sündigen, ein Heuchler ist. Oder ist nicht eher der ein Heuchler, der an Gott zwar "glaubt", der auch Wunder und Weiterleben nach dem Tod nicht ausschließt, aber die Gebote Gottes nicht hält? Jesus gibt hier eine eindeutige Antwort: "Ein Mann hatte zwei Söhne. Er wandte sich an den ersten und sprach: `Sohn, geh, arbeite heute im Weinberg'. Der antwortete: `Ja Herr' und ging nicht. Da wandte er sich an den zweiten und sprach ebenso. Der antwortete: `Ich will nicht'. Später aber besann er sich und ging. Wer von beiden hat den Willen des Vaters getan?" (Mt 21, 28ff)

Dieses "den Willen tun" ist die Absicht der Botschaft Jesu schlechthin und auf keinen Fall eine Beschäftigung mit über- oder außerirdischen Dingen. Diese Akzentuierung erklärt auch die spärliche Auseinandersetzung des Neuen Testamente mit theologischen Problemen und den "großzügigen" Umgang mit wissenschaftlichen Beobachtungen und Aussagen. Noch von der Urkirche wurde ja eine Lehre bekämpft, bei der es in erster Linie um "Erkenntnis" (= gnosis) ging!

Nach allem hier Dargelegten erscheint die oben gemachte Vermutung gerechtfertigt: Die Botschaft Jesu ist nicht einer "klassischen Theorie" zuzuordnen, sondern sie gehört zur Klasse der Spieltheorien. Die Botschaft Jesu enthält keine wissenschaftlichen Aussagen über Gott und ist für jede weitere Spekulation in dieser Richtung untauglich. Das heißt nicht, daß die Botschaft Jesu "unwissenschaftlich" ist, sondern sie gehört eben schlicht und einfach zu einer anderen Kategorie wissenschaftlicher Theorien. Der "Theorie Jesu" geht es darum, den Menschen Hilfe zu geben, überflüssige Risiken und überflüssigen Schaden (im Sinn von Sünde) zu vermeiden, damit sie dadurch das "Reich Gottes" erlangen, das mit einem "Leben in Fülle" identisch ist. Und dafür hat sich Jesus sogar selbst geopfert.
Nicht Gott bedarf unserer Sorge, sondern wir bedürfen seiner, und das, selbst wenn wir materialistisch denkende Menschen sind. Und diese Sorge, diese Hilfe Gottes kann durchaus als "metaphysisch", als "überirdisch", als "übernatürlich" bezeichnet werden. Damit kann auch im Rahmen eines materialistisch begründeten Christentums von einer "Metaphysik" gesprochen werden. Im Gegensatz zur Metaphysik, die auf dem mittelalterlichen naturwissenschaftlichen Denken aufbaut und daher überholt ist, ist die "materialistische Metaphysik" auch heute von größter Bedeutung. Für jeden von uns ist eine solche Metaphysik notwendig. Mit ihr ist dann unser Leben nicht mehr wie ein strategisches Spiel mit ungewissem Ausgang. Mit ihr ist unser Glück eine sichere Sache.

E. "Atheismus" des materialistischen Christentums

Ausdrücklich wird hier also auf eine konkrete philosophische Gotteserkenntnis, wie etwa von den bekannten Gottesbeweisen her, verzichtet, denn Gott läßt sich nun einmal nicht beweisen. Wir können nur das Angewiesensein des Menschen nach "metaphysischer" Hilfe bewußt machen und ein geeignetes Angebot dieser Hilfe von der Offenbarung Gottes, also dem Evangelium, her vorstellen.

Mit den Überlegungen zum "stete siegreichen Gegenspieler" oder zum "Geleitzugproblem" muß sich auch derjenige auseinandersetzen, der nicht an Gott glaubt. Und auch der Nichtgläubige müßte eigentlich einsehen, daß es sinnvoll ist, sinnlose Risiken im Leben zu vermeiden, um Schaden zu verhindern. Das Halten der Gebote Gottes ist eben auch sinnvoll, wenn es Gott gar nicht gibt. Und wahrscheinlich "funktioniert" aus psychologischen Gründen sogar das Gebet um göttliche Hilfe - selbst wenn es Gott gar nicht gibt, solange man nur an ihn glaubt...

Ist Gott also doch nicht mehr als ein psychologisches Gedankenspiel? Ist damit der "materialistische" Weg zu Gott letztlich nicht doch atheistisch (gottlos)? Vielleicht für den Engherzigem. Der sozusagen "gläubige Atheist" befindet sich mit seinem Glauben jedenfalls in guter christlicher Tradition: Schon die Christen der Urkirche wurden nicht verfolgt, weil sie einen "anderen" Gott hatten, sondern weil man sie als Atheisten ansah. Hätten sie einfach einen anderen Gott gehabt, hätte man zu dessen Ehren im "Tempel für alle Götter", im Pantheon, in Rom eine weitere Statue aufgestellt, doch der Glaube der Christen warf alle bisherigen Religionsvorstellungen über den Haufen. Es war neu und unglaublich, sich an etwas zu halten, statt zu glauben und zu verehren!

Ich zitiere hierzu wieder den Jesuiten und Theologen R. Lay: "Von hier aus muß auch bestimmt werden, was `Unglaube' (das Gegenteil von  Glaube) heißt. Kann man ungläubig sein, wenn man irgendeine christliche Lehraussage leugnet? Oder ist ein Mensch nicht gläubig, wenn er zwar alle Lehraussagen ganz und gar und ohne jede Beschränkung akzeptiert, aber nicht den Willen Gottes tut im sittlichen Handeln? Die kirchliche Praxis ist hier eindeutig. `Ungläubig' wird der genannt, der einen für wesentlich erachteten Satz christlicher Doktrin nicht für außerhalb allen Zweifelns für wahr hält. `Gläubig' ist dagegen der, der keinen dieser Sätze leugnet, unabhängig von seiner Weise, mit seinen Mitmenschen umzugehen. Ich vermute lebhaft, daß diese Praxis nicht ganz identisch ist mit der Jesu und der frühen Gemeinde. Ich vermute, daß nicht ausgeschlossen werden kann, daß hier ein intellektualistischer Gottesbegriff vorausgesetzt wird, der der Gnosis oder der aristotelischen Scholastik näher steht als der Jesusbotschaft und der frühen Gemeindepraxis. So will ich hier zur besseren Entscheidung zwei Sätze zu bedenken geben. Der erste stammt aus der Bergpredigt, der andere aus dem ersten Johannesbrief: Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein;...wer aber zu ihm sagt: Du Gottloser!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein (Mt 5,21f). Die Liebe zu Gott besteht darin, daß wir seine Gebote halten. Seine Gebote sind nicht schwer. (5, 3). . .

Das zweite Evangelium legt... Jesus einen wiederum recht bedenkenswerten Satz in den Mund, der ein Sprichwort umkehrt: Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns (9,40). Und das kann doch wohl nichts anderes bedeuten (wie auch aus dem biblischen Zusammenhang deutlich), daß zunächst einmal anzunehmen ist, daß Menschen nicht gegen Jesus sind, sondern, bis zum Beweis des Gegenteils - für ihn. Auch die frühkirchliche Praxis kennt keinerlei Listen von zu glaubenden Inhalten, wenn es um die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft geht. Die Apostelgeschichte berichtet, daß der Kämmerer der äthiopischen Königin nach einem einzigen Gespräch in die Gemeinschaft aufgenommen wurde." (Rupert Lay, Credo - Wege zum Christentum in der modernen Gesellschaft, München 1982, S, 85 f. Vergleiche hierzu auch E. Fromm "Ihr werdet sein wie Gott" (Anm. 2:) "Gott lieben'' oder "Gottes Existenz bekennen" ist keine Spekulation über Gott oder über seine Existenz; es ist keine Theologie (S. 34). Das zentrale Thema der Propheten ist der Kampf gegen den Götzendienst (S. 36), Götzen sind Natur, Macht, Besitz, Sexualkräfte oder irgendein vom Menschen künstlich gefertigtes Gebilde (S. 37). Als Götzendienst bezeichnet die Bibel ausdrücklich mißbräuchliches Sexualverhalten: "...man wird in seiner (des Volkes) Mitte Unzucht treiben, indem man den fremden Göttern des Landes nachfolgt...", Dtn.31, 16 ). In der biblischen und in der späteren jüdischen Überlieferung nimmt das Verbot des Götzendienstes eine ebenso hohe, ja vielleicht noch höhere Stelle ein als das Gebot der Verehrung Gottes. Diese Überlieferung läßt keinen Zweifel daran, daß man Gott nur verehren kann, wenn jede Spur von Götzendienst getilgt ist (S. 42).

Ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich gegen ein "Privatchristentum im stillen Winkel" wenden. Die Verwirklichung einer besseren Welt ist nun einmal eine Angelegenheit der Gemeinschaft, selbst wenn jeder bei sich selbst damit beginnen muß. Wir sind jedoch unbedingt darauf angewiesen, daß unsere Mitmenschen von denselben Idealen ergriffen sind wie wir. Und um dieser Gemeinschaft willen sind daher auch entsprechende Gemeinschaftsveranstaltungen aus dem Glauben heraus, also "Gottesdienste" in unserem heutigen Sinn, nicht wegzudenken. Und diese Gottesdienste kommen doch hervorragend unserem Ziel des Christentums entgegen!
Schauen wir uns doch einmal die überlieferten Texte der katholischen heiligen Messe an - geht es hier nicht ständig um ein Halten der Gebote, um Abkehr, Befreiung von Sünde, also von allem, was unser menschliches Glück zerstört und von uns selbst beeinflußbar ist? Beginnen wir doch damit, uns von dieser Bedeutung unserer Gottesdienste packen zu lassen, statt uns immer nur damit zu entschuldigen, daß wir nicht die Gottesdienste besuchen, weil da doch nur Leute seien, um ihre Pelzmäntel zu zeigen und um hinterher zum Frühschoppen gehen zu können! Sind auch wir nicht ganz schön heuchlerisch?


IV. DIE BESSEREN CHANCEN EINER ERZIEHUNG OHNE FALSCHHEIT UND OHNE LÜGEN

Mit verwässertem Treibstoff kann kein Auto mehr fahren, man kann bestenfalls besonders präparierte Autos damit noch beheizen und beleuchten - oder man kann auch mit besonders guter Mischung die Insassen betrunken machen und ihnen dann einreden, daß sie fahren. Daher ist auch einer verwässerten christlichen Lehre, die ja schließlich eine Art Treibstoff unseres Christentums sein sollte, bei großem Einsatz durchaus ein gewisser Erfolg beschieden, das soll hier gar nicht bestritten werden! Doch richtig zündend und antreibend ist eine solche Lehre längst nicht - nach unserem Glauben kann das auch nur eine unverwässerte Lehre, also eine Lehre im Sinne Jesu, sein. Und eine solche Lehre ist dann auch völlig anders einzusetzen als eine verfälschte Lehre - ähnlich wie man mit einem funktionstüchtigen Kraftfahrzeug mit "gutem Sprit" etwas ganz anderes anstellen kann als mit einem, das wegen des "schlechten Sprits" zum Fahren nicht mehr taugt, und das man allenfalls noch als Notunterkunft etwa während eines Unwetters brauchen kann. Und an diese "Zweckentfremdung" eines Autos kann man sich sogar gewöhnen, wenn lange Zeit kein vernünftiger Sprit mehr kommt, man erwartet ja auch gar keinen mehr und hält das Gegebene für das Normale. Es weist alles darauf hin, daß bei unserem christlichen Glauben eine solche Gewöhnung eingetreten ist und wir uns gar nicht mehr vorstellen können, welche Aussichten uns "guter Sprit" eröffnet!
Bei Verwendung von "gutem Sprit" wird allerdings wohl manches zur Nebensache oder gar falsch und sinnlos, was bei schlechtem Sprit wichtig und unerläßlich erschien, anderes hingegen bekommt herausragende Bedeutung, was vorher als überflüssig angesehen und beinahe oder tatsächlich abgeschafft wurde. Vieles bekommt einen neuen Stellenwert, der mit dem früheren nicht mehr viel zu tun hat. So können wir mit den Kaffeetassen, die in einem stehenden Auto gewiß wichtig waren, in einem fahrenden Auto überhaupt nichts mehr anfangen!
Daher darf uns manches auf den ersten Blick Befremdliche in diesem und dem folgenden Kapitel nicht verwirren. Es hängt eben mit der anderen "Brisanz" der Lehre Jesu zusammen!

A. "Tabu-Themen" für Kinder?

Wenn ich mich an meine Erziehung zur Lebensführung im sittlichen Bereich erinnere: Hätte ich in meiner kirchlichen Jugendgruppe nicht einen engagierten (kaum älteren) Gruppenführer gehabt, der uns offen, detailliert und auf seine natürliche jugendliche Weise lebensnah die christliche Moral begründete, hätte ich doch gar nicht den Sinn dieser Moral begriffen! Und das ist doch eigentlich die erste Voraussetzung für eine entsprechende Lebensführung. Wie viele junge Menschen haben aber schon solch einen engagierten Gruppenführer? In der Rückschau hätten die Hinweise des Gruppenführers allerdings wohl kaum ausgereicht. Ergänzende positive Motivation waren - so unwahrscheinlich es für viele klingen mag - die sogenannten "schmutzigen Witze" und zweideutigen Redensarten, die ich so auf der Straße aufschnappte.
Ich erinnere mich, daß mich einmal, als ich etwa 15 Jahre alt war, zwei Kameraden zu homosexuellen Spielchen drängten und dabei meine vom christlichen Glauben beeinflußte Einstellung infrage stellten. Und ich war dadurch ganz schön verunsichert! Ich weiß noch heute, wie fieberhaft mein Gehirn arbeitete. Ich war mir gar nicht gewiß, ob mir da mein christlicher Glaube nicht doch etwas Überflüssiges aufgezwungen hatte. Doch da kamen mir die bekannten "Witze" und Redensarten über Homosexuelle in den Sinn: War nicht der Tenor dieser Redensarten genau derselbe wie der in den Geboten Gottes? Hier wie dort wurde doch die ganze Homosexualität verurteilt! Und viel mehr als noch vor den Geboten Gottes (da konnte man schließlich wieder beichten!) hatte ich "Schiß" im wahrsten Sinn des Wortes davor, daß man auch über mich wie in den Witzen und Redensarten herziehen würde! Und ich machte die Tür von außen zu! Die angeblich "schlechten" Redensarten hatten auf mich in meiner damaligen Situation keinesfalls eine moralbeeinträchtigende oder gar moralzerstörende Wirkung, sondern im Gegenteil eine moralerhaltende und sogar moralfördernde! Auf was hätte ich mich eingelassen, wenn ich diese Redensarten nicht gekannt hätte!
Wir müssen hier einmal ganz klar sehen: Vieles, was für einen bereits unter eigenen Fehlentscheidungen leidenden Menschen aufreizend, schädlich oder zermürbend wirkt, hat nur zu oft bei einem noch nicht unmittelbar betroffenen Menschen eine völlig entgegengesetzte Wirkung - und umgekehrt! Aus der Medizin wissen wir: Um einen Menschen etwa vor einer Krankheit zu bewahren, empfehlen wir ihm Abhärtung durch Jogging, Schwimmen im kalten Wasser, kräftige Nahrung. Wenn ein Mensch aber von Krankheit befallen ist, würde gerade das Befolgen dieser Empfehlungen höchst schädlich, wenn nicht gar tödlich wirken. Jetzt sind ganz andere Maßnahmen erforderlich! Jetzt braucht der Patient Bettruhe, Medikamente und eine Operation, genau das, was bei dem gesunden Menschen schädlich gewesen wäre. Wir sehen: Mit den jeweiligen "falschen" Maßnahmen helfen wir niemandem und verschlimmern nur alles. In der Medizin sehen wir diese Problematik leicht ein. Aber sie gilt auch in anderen Bereichen, vor allem auch in der Erziehung zu einem Leben nach dem Glauben. Es ist unvorstellbar, wie wir uns hier an gesunden jungen Menschen versündigen und sie mit bester Absicht geradezu krank machen. Wir scheinen nicht zu ruhen, bis wir sie genau dort haben, wo wir auch sind. Und genau dies soll mit der Lehre von einem diesseitigen Christentum verhindert werden.
Daher wird im Verlauf dieses und des nächsten Kapitels, wo es um Lebenshilfe für "unerfahrene" junge Menschen geht, so manches als gut und sinnvoll empfohlen, was üblicherweise als schädlich angesehen wird (von Menschen, die offensichtlich doch nicht so "moralisch" sind, wie sie zu sein vorgeben?).
Weiter motivierend im Sinn der kirchlichen Moralvorstellungen wirkten auf mich später dann auch Theater- und Opernbesuche. Allerdings meine ich hier nicht Besuche von Opern, die üblicherweise im Schulunterricht besprochen werden, wie Zauberflöte und Freischütz, sondern solche, in denen die typischen Opernthemen - Ehebruch, und Eifersucht mit folgender Verzweiflung bis hin zu Mord und Selbstmord und allen damit zusammenhängenden Gefühlen - angesprochen werden. Ich denke hier etwa an Verdis Otello (vermeintliche Untreue der über alles geliebten Ehefrau) und an Mozarts Don Giovanni (Dummheit und Naivität von Mädchen, die auf einen "Playboy" größten Stils hereinfallen). Nicht nur die Mozartoper Don Giovanni, auch weitere Mozartopern wie Figaros Hochzeit und Cosi fan tutte sind trotz oder gerade wegen ihrer leichten Frivolität dabei von einer Sehnsucht nach einer heilen Welt erfüllt, wie sie auch in seinen Messen und anderen Kompositionen sakralen Inhalts zu verspüren ist.
Um es deutlich zu sagen: Wenn ich von einem gewissen Sinn der niveaulosen Redensarten auf der Straße spreche, wenn ich Theater- und Opernbesuche über alle möglichen Varianten des Themas Liebe befürworte, so plädiere ich damit nicht für bestimmte ausschließliche Informationsquellen. Erst das Zusammenspiel verschiedener Eindrücke führt zu einem wirklichkeitsnahen Bild, das wiederum Voraussetzung für eine prinzipientreue Lebensführung ist. Wir brauchen auch nicht unbedingt vor unseren Kindern mit allen möglichen und unmöglichen ordinären Reden zu glänzen, wir brauchen ihnen nicht noch perverse Videofilme zugänglich zu machen, aber wir brauchen auch nicht in Panik zu geraten, wenn die Kinder so etwas woanders aufschnappen, wir können sie lieber auf den Unterton von dem allen hinweisen.

Ob wir mit der Akzentsetzung einer christlichen Erziehung auf die Mann-Frau-Problematik hin junge Menschen aber nicht "übersexualisieren"?

Ich kann mir nicht helfen, aber ich habe den Eindruck, daß mit diesem Schlagwort von der "Übersexualisierung" eine dringende Aufgabe abgewertet werden soll, um alles beim alten zu belassen. Es ist doch wohl ein Unterschied, ob wir das Problem der Sexualität schon bei sehr jungen Menschen aufgreifen, um sie auf Gebrauch von Pille, Kondomen und anderen Verhütungsmitteln vorzubereiten oder um ihnen ein Lebenskonzept mit wirklich erfüllender und beständiger Partnerschaft und ohne Enttäuschungen nahe zu bringen, das auch den christlichen Moralbegriffen entspricht. Es gibt da nämlich eine pädagogische Theorie, die besagt, daß eine zwanzigjährige Erziehung dann als gelungen bezeichnet werden kann, wenn sich ein Mensch in einer einzigen Situation richtig verhält. Und gilt das nicht gerade für den intimsten zwischenmenschlichen Bereich? (An dem gemessen, ist heute wohl vieles, was da Erziehung genannt wird, als "gescheitert" zu bezeichnen!) Mit dem Schlagwort von der "Übersexualisierung " werden zwei völlig verschiedene Dinge in einen Topf geworfen, es ist doch nun wirklich ein Unterschied, ob eine Problematik aufgegriffen wird, um zu helfen oder um zu verderben!
Außerdem: Was galt in der Vergangenheit nicht schon alles als schädlich beziehungsweise unschädlich, worüber wir heute ganz anders denken. Es gab Zeiten, da galt das Essen mit Messer und Gabel oder das Benutzen von Taschentüchern als verwerflich und moralgefährdend (weil diese Utensilien wohl über die Dirnen aus den höfischen Kreisen ins Volk gebracht wurden und man sie daher in unmittelbaren Zusammenhang mit Unmoral brachte), während im Jahre 1461 offenbar niemand daran Anstoß nahm, als bei einem Festspiel in Paris drei nackte Mädchen als Sirenen mitwirkten... Auch gab Erasmus von Rotterdam im 16. Jahrhundert ein sehr verbreitetes Lesebuch heraus, das Millionen von Kindern benutzten, in dem rückhaltlos von geschlechtlichen Dingen gesprochen wird. Dort lesen wir zum Beispiel: "Gewisse Frauen sind so eigensinnig, daß sie sogar beim Koitus zanken und streiten.. ."
Wenn wir nach schädlichen Einflüssen auf unsere Jugend suchen, sollten wir uns nicht bitteschön auch die Frage gefallen lassen, ob die frühe Konfrontation mit Kreuz und Kreuzweg, also mit Folter und Schaumord, nicht auch schädlichen Einfluß auf das Gefühlsleben hat? Vor allem haben solche Marter auf gar keinen Fall jemals einen schönen, harmonischen Aspekt, was in der Frage der Liebe doch nicht grundsätzlich auch so ist, normalerweise sollten doch hier Glück und Harmonie eine Rolle spielen! Entlarven nicht unserer Bedenken unsere eigene Verderbtheit, daß wir uns die Liebe, und gerade die körperliche Liebe, nur noch als Schock für Kinder, wenn sie davon erfahren, vorstellen können? Ich kann mir nicht helfen, für mich ist eine Pädagogik im Sinne unserer christlichen Religion, die gerade die sexuellen Fragen nicht ausklammert, genausoviel beziehungsweise genausowenig - oder noch weniger - schädlich wie die Beschäftigung mit Kreuz, und Kreuzweg! Es kommt nun wirklich in jedem Fall auf die Zielsetzung an!

B. Unwahrhaftigkeit in unserer heutigen Religionspädagogik

Schädlich dagegen dürfte es in jedem Fall für Kinder sein, wenn man ihnen gegenüber nicht wahrhaftig ist, selbst wenn dies aus noch so gut gemeinten pädagogischen Überlegungen heraus geschieht. Der bereits mehrfach zitierte Informatiker Karl Steinbuch hat sich einmal über die Unproduktivität unserer schulischen Erziehung beklagt: Im herkömmlichen Religionsunterricht lernen die jungen Menschen, an Wunder zu glauben,  im Physikunterricht ist das Gegenteil richtig; im Religionsunterricht lernen die Kinder an die Erschaffung der Welt in sechs Tagen und an Adam und Eva als Stammelternpaar zu glauben, für den Geographie- und Biologieunterricht ist jedoch dieses Wissen unnütz und sogar hinderlich.
Und bei näherem Hinsehen sind diese vordergründig religiös geprägten Lehrinhalte sogar auch für unsere Glaubenserziehung höchst nachteilig: Machen wir dadurch unseren Religionsunterricht auf die Dauer nicht unglaubwürdig? Junge Menschen wägen ihr Gelerntes irgendwann einmal ab und werfen dann alles das in die "Kiste der abzulehnenden Dinge", weil sie bessere Informationen haben. Die unwahrscheinlichere Information erscheint dann eben als Lüge. Daß in die "Kiste der abzulehnenden Dinge" dabei auch vieles gelangt, was durchaus sinnvoll ist, jedoch in  bestimmten Situationen nur eben einfach unbequem erscheint, ist leider unvermeidlich und gar nicht einmal den jungen Menschen selbst anzulasten. Denn es stammt eben leider aus derselben Quelle wie das ganz offensichtlich "Erfundene" oder gar "Erlogene". Versündigen wir Pädagogen uns daher mit unserer herkömmlichen Religionspädagogik nicht an begierig lernenden jungen Menschen? Wird daher nicht die Theorie, daß gerade in der Erziehung die ersten drei Lebensjahre im Elternhaus von entscheidender Wichtigkeit sind, zur faden Ausrede, wenn die Pädagogen später so versagen?
So hat der Psychologe Hansjörg Hemminger aufgezeigt ("Kindheit als Schicksal", Rowohlt, 1982), daß sich ein Nachweis der Bedeutung der Bindungen in der frühen Kindheit für Erfolg oder Mißerfolg im späteren Leben nicht führen läßt: Es gibt Menschen mit offensichtlich alles andere als harmonischer Kindheit, die im späteren Leben durchaus glücklich und erfolgreich werden, und Menschen mit nach unseren Vorstellungen vorbildlicher Kindheit, bei denen im späteren Leben so ungefähr alles "schief" läuft. Welches Kindesalter nun von besonderem Einfluß auf das weitere Leben ist, läßt sich kaum sagen, da sich im allgemeinen das Milieu, in dem der Mensch aufwächst, nicht ändert. So schicken etwa "konservative" Eltern ihre Kinder auf "konservative" Schulen, "fortschrittliche" Eltern schicken ihre Kinder eben eher auf "fortschrittliche" Schulen, was auch immer unter "konservativ" und "fortschrittlich" zu verstehen ist. Wo und wann nun im einzelnen die entscheidenden Weichen gestellt wurden, läßt sich im nachhinein kaum mehr ausmachen, da in jedem Fall das Milieu dasselbe geblieben ist!

Hemminger selbst hält die Zeit kurz vor der Pubertät für höchst geeignet zum Aufbau eines vom bisherigen Milieu unabhängigen Lebenskonzepte. Und dazu reichen bisweilen recht unscheinbare, dafür aber umso eindrucksvollere Ereignisse aus.

Wir müssen uns endlich von der Theorie vom überragendem Einfluß frühkindlicher Schädigungen auf das gesamte weitere Leben des betroffenen Menschen freimachen! Wir Pädagogen, Theologen und Psychologen müssen endlich aufhören, uns mit einer famosen Ausrede aus unserer Verantwortung für die Entwicklung junger Menschen davonzustehlen und die Schuld an einem Mißlingen dieser Entwicklung auf die Eltern abzuschieben, die ja bereite vor unserem "fundierten Wirken" schon alles "verpfuscht" haben.
Eine Glaubenserziehung, die nicht mit Unwahrscheinlichkeiten und Halbwahrheiten operiert, die von den jungen Menschen irgendwann einmal als nutzlose Märchen oder gar als irreführende Lügen empfunden werden, der es aber stattdessen gelingt, einsichtige und glückverheißende Ideale in einem noch dafür günstigen Alter aufzubauen, ist ein erster konkreter Schritt zur Änderung unserer heutigen mißlichen Lage. Nach meiner pädagogischen Erfahrung sind die jungen Leute auch heute noch für solche pädagogischen Bemühungen empfänglich.
In konsequenter Weiterverfolgung des philosophischen materialistischen Denkens ergibt sich daher das folgende pädagogische Modell.

C. "Militärisches" Informationsmodell

Mit einem höchst aktuellen Gedankengang möchte ich die Unerläßlichkeit sachlicher, positiver wie negativer Information und die Problematik der richtigen Auswahl dieser Information darstellen.
In jedem Kompaniegebäude, das ich während meiner militärischen Dienstzeit erlebt habe, hatten "dienstfreudige" Unteroffiziere in irgendeinem Keller- oder Mansardenraum einen Sandkasten aufgebaut, keinen Sandkasten auf dem Fußboden für Kinder, sondern einen Sandkasten mit Tischbeinen, einen Sandkasten für "militärische Übungen", für "militärische Lagespiele". Solche Sandkästen erfüllen einen mindestens so bedeutenden Sinn wie die Sandkästen für Kinder: An ihnen können "Lagen" durchgespielt werden, das heißt, es können Gefechtssituationen ohne viel Aufwand am Modell erprobt werden, bevor es mit großem Materialeinsatz, viel Anstrengung und vielleicht auch unter unangenehmen Witterungsverhältnissen zur weiteren Erprobung auf dem Truppenübungsplatz kommt. Und erst wenn mehr oder weniger lange Überlegungen am Sandkasten mit allen möglichen Für und Wider ein günstiges Ergebnis gebracht haben, wird die Situation auch in der Praxis durchgespielt, wohl wissend, daß auch diese Praxis immer noch eine Art Sandkasten für das eigentliche Kampfgeschehen ist. Die Sandkastenerprobung spielt sich auf  unterer Ebene der Truppe ab; auf höherer Ebene, etwa beim Generalstab, gibt es das bereite erwähnte Kartenzimmer, indem vor Aktionen gegen den Feind diese auch erst einmal durchgespielt werden, hier eben anhand von Landkarten. Und auch hier gilt, daß erst nach einem "Erfolg" im Kartenzimmer eine entsprechende Aktion in der Wirklichkeit eingeleitet wird.

Leicht wird die Problematik der Erprobung einer militärischen Lage am Sandkasten oder im Kartenzimmer deutlich: Eine als sinnvoll herausgearbeitete oder erfolgversprechende Aktion kann in der Wirklichkeit des Truppenübungsplatzes sich als unvorteilhaft oder undurchführbar erweisen oder eben in der Wirklichkeit des Schlachtfeldes erbärmlich und verlustreich scheitern. Das "Modell" Kampf im Sandkasten oder an der Generalstabskarte - stimmte mit der Wirklichkeit nicht überein. Irgendwelche entscheidende Annahmen waren ganz offensichtlich schon im "Spiel" unzutreffend, etwa aufgrund falscher Informationen über den Gegner, ungewöhnlicher Reaktionsweise des Gegners, falscher Einschätzung der eigenen Kampfkraft oder gar außer acht gelassener Witterungsbedingungen. Zumindest eine entscheidende Annahme im "Spiel" stimmte nicht mit der Wirklichkeit überein.

In ähnlicher Weise, wie ein Sandkasten im Kompaniegebäude einer Bundeswehreinheit oder noch mehr wie eine Generalstabskarte, ist nach Auffassung der Kybernetiker nun etwa das Denken des Menschen aufgebaut. Und sowie nun der Generalstab vor einer Schlacht diese am Modell "Karte" durchspielt und erst Aktionen in der Praxis unternimmt, wenn Vorteile offensichtlich oder zumindest keine Nachteile erkennbar sind, spielt auch der Mensch vor einer Handlung diese in seinem Denken an einem dem Sandkasten oder der Generalstabskarte vergleichbaren "Modell" durch. Ein solches "inneres Modell der Außenwelt" hat sich entsprechend zahlreicher Informationen, Erfahrungen, Beobachtungen, Denkanstößen und Überlegungen im Laufe seines bisherigen Lebens gebildet. Erst wenn das Durchspielen an diesem Modell einen Vorteil für das weitere Leben ergeben hat, wird auch die entsprechende Handlung in der Praxis ausgeführt. Umgekehrt heißt das, daß eine Handlung nicht ausgeführt wird, wenn schon das "Durchspielen am Modell" unverhältnismäßige Nachteile ergeben hat.
Und hierbei können dem einzelnen Menschen ebenso wie dem Generalstab Fehler unterlaufen: etwa aufgrund falscher Einschätzung der Wirklichkeit, falscher Information, falscher Erwartungen. Ursache von Fehlentscheidungen können natürlich auch affektbedingte Kurzschlußreaktionen oder unvorbereitete Überrumpelungen sein. Für das konkrete Leben des Menschen wurde im Bericht eines Mädchens von Enttäuschung und Abtreibung eine solche Situation dargestellt. Besonders gedacht ist hier an das Erlebnis mit dem ersten Freund, das ja schließlich unmittelbarer Auslöser der verhängnisvollen Entwicklung war. Nicht nur mit diesem Bericht, sondern mit dem ganzen Konzept basisreligion bzw. basisglaube ist beabsichtigt, dem jungen Menschen einigermaßen zutreffendes Material zum Aufbau seines "inneren Sandkastens", seiner "inneren Generalstabskarte", seines "inneren Modells der Außenwelt" zu geben. Wesentlich dabei ist, daß die Handlungen in ihren positiven und negativen Auswirkungen deutlich werden. Nur vollständigkeitshalber wird kurz auf die rein biologische Seite der "Aufklärung" eingegangen.

Ungleich wichtiger ist der ethische Bereich, und da muß der junge Mensch einfach über vage Ahnungen um sein Verlangen nach leib-seelischer Erfüllung hinauskommen, die dazu noch oft von Erwachsenen als unreif und illusionär belächelt werden. Er muß motiviert werden, konkrete Vorstellungen und konkretes Verlangen aufzubauen. Aber auch das mögliche Scheitern muß gesehen werden. Deswegen geht es darum, den jungen Menschen zum Durchspielen von in der Zukunft liegenden Lebenssituationen anzuregen (im kybernetischen Sinn: "denken"!), dazu
Strategien zu entwickeln, damit sie schließlich schon im "Planungsstadium" zu der Erkenntnis kommen, sich wegen der ganzen Ungewißheit der Hilfe eines sich für ihn hingebenden Gottes anzuvertrauen. Die Gebote Gottes sollen dabei als sinnvolle "Markierungen" und auch als "Barrieren" erkannt werden, die nur dem Menschen selbst dienen, die zu seinem Vorteil da sind, da sie Anhaltspunkte geben, wo sich Irrwege anbahnen. "Generalstabsmäßig" soll erkannt werden, daß die Gebote Gottes den Menschen vor Schaden schützen sollen. Um das Vertrauen in diese Gebote nicht zu untergraben, gehe ich nur auf wirklich bedeutungsvolle Handlungen ein, im Bereich der leib-seelischen Einheit also auf vor- und außerehelichen Verkehr, auf Lüge und Täuschbarkeit und nicht etwa auf "Unschamhaftigkeit".

Für die frühzeitige Ausbildung eines der Wirklichkeit entsprechenden "inneren Modelle der Außenwelt" spricht:

1. Leichte Nachvollziehbarkeit

Der junge Mensch ist noch keinem sexuellen "Hormondruck" ausgesetzt, das heißt normalerweise hat er nicht die geringste Schwierigkeit, enthaltsam im sexuellen Bereich zu leben. Es fällt ihm überhaupt nicht schwer, sich einem Verhaltenskonzept anzuschließen, in dem z. B. voreheliche Enthaltsamkeit gefordert ist. Der junge Mensch kann beim "inneren Durchspielen" von in der Zukunft liegenden Lebenssituationen noch ohne inneres (hormonbedingtes) Widerstreben bis zu höchsten Idealen mit jeder dafür notwendigen Konsequenz kommen.
Für ältere Jugendliche wie auch für Erwachsene dürfte dagegen das zutreffen, was mir eine Schülerin von sich sagte, daß ein Nachdenken oft eben unterbleibt, weil es lästig ist, eventuell zu Vorstellungen von Konsequenzen zu kommen...

2. Sachgerechte Information

Eine Erziehung nach herkömmlicher Weise bringt zunächst einmal, ähnlich wie die Erziehung im "Geständnis von der Abtreibung", sicher auch oft den jungen Menschen zur Einsicht in die Enthaltsamkeit. Allerdings ist die Motivation dafür eigentlich mehr oder weniger Aversion gegen Geschlechtsverkehr aus einer Mischung von Ekel und Scham, einer Mischung, die der Brisanz des Sexuellen überhaupt nicht gerecht wird. In der Wirklichkeit des "Ernstfalls" werden die Gefühle für Ekel und Scham erfahrungsgemäß nicht nur stets mit leichter Hand beiseite geschoben, sondern sie verwandeln sich im Fall einer Faszination zu einem andersgeschlechtlichen Menschen sogar noch ins Gegenteil: Gerade das wird jetzt besonders interessant und faszinierend. (Und wenn diese Gefühle nicht mit leichter Hand beiseite geschoben werden, handelt es sich eben nicht um einen "Ernstfall"!)
Und noch aus einem anderen Grund ist die Erziehung zur Scham für praktisches sittliches Verhalten im allgemeinen nicht nur wirkungslos, sondern sogar nachteilig: Sie begünstigt leider weniger diejenigen, die sich mit Rücksicht und Zurückhaltung einem jungen Menschen nähern, sondern eher die Draufgänger! Mit der Scham wird nämlich bei einem jungen Menschen eine innere Schranke aufgebaut, die eher diejenigen durchkommen läßt, die sich dann gleich "alles" nehmen! (Man kann nämlich auch im Schutz der Scham seine Sinnlichkeit ganz gut verbergen!)
Voraussetzung für ein konsequentes Verhalten auch im "Ernstfall" ist dagegen ein eigener Entschluß, der angesichts wirklichkeitsgerechter Eindrücke - also auch ohne Leibfeindlichkeit - zustande gekommen ist, der verinnerlicht und durch intensives persönliches Gebet untermauert wurde - und der daher nicht mehr so leicht beiseite geschoben werden kann.

3. Anstoß zur Verarbeitung weiterer Informationen

Selbst von einem noch so perfekten Pädagogen kann dem jungen Menschen letzten Endes doch nur eine begrenzte Anzahl von Situationen dargestellt werden, damit er dadurch sein "inneres Modell der Außenwelt" verbessert und vervollständigt. Eine solche Aneinanderreihung von Situationen würde allerdings irgendwann Langeweile hervorrufen, damit einen Gegeneffekt auslösen ("nun gerade") und mit größter Wahrscheinlichkeit doch nicht die spezielle Situation des jungen Menschen treffen. Wichtiger und wirkungsvoller ist es, wenn der junge Mensch eine Zeitlang "ohne Hormondruck", also noch unbedingt vor der Pubertät, die Umwelt im Wissen um positive und negative Folgen und mögliche Hintergründe beobachten kann und, einmal darauf aufmerksam gemacht, seine Beobachtungen in seinem "inneren Modell der Außenwelt" etwa den Geboten Gottes gegenüberstellen kann. Ich bin überzeugt, daß junge Menschen ein Verhalten gegen die Gebote Gottes gar nicht mehr so attraktiv finden, wenn sie erst einmal gelernt haben, dieses Verhalten besser zu beurteilen. Das hier beabsichtigte "Weiterdenken" (griech.: metanoiein) wird bei uns heute fälschlicherweise mit "Buße tun" übersetzt. Auch junge Menschen können sehr schnell die Nachteile erkennen, die ein solches Verhalten mit sich bringt, und beim inneren Durchspielen dieser Situationen möglichst oft zu dem Schluß kommen, daß ein treues Verhalten nach den Geboten Gottes letztlich doch besser gewesen wäre. Somit können auch Illustriertenberichte, Fernseh- und Videofilme, dabei notfalls auch ausgesprochene Pornografie, also Einflüsse, die bisher als glaubens- und sittengefährdend angesehen werden und von denen wir aber unsere Kinder doch nicht mit absoluter Sicherheit fernkalten können, als "Lehrbeispiel" für die Gebote Gottes empfunden werden und sogar glaubensfördernden Effekt haben. Denn nur zu oft wird ja sogar in ausgesprochener Pornographie bei näherem Hinsehen die Kehrseite der Medaille offenkundig. Auch wenn ich mich an meine Jugend erinnere, kann ich sagen, daß nicht nur die Meinungen über Homosexuelle, sondern auch über Mädchen, die "reinfielen" oder "leicht zu haben waren", im Grunde gar nicht positiv waren. Leider bewirkten diese Meinungen bisher eher arrogante Verachtung und Spott. Vor allem betraf solches Schicksal ja immer nur "die anderen".

Bei einer lebenspraktischen Erziehung im Sinn des Christentums der leib-seelischen Einheit dürften diese Meinungen mehr Verständnis für die Tragik anderer Menschen auslösen und verstärkend auf die Motivation wirken, eine Strategie für das eigene Leben zu entwickeln.
Doch nicht nur negative Beispiele werden transparenter, sondern auch positive. Leider werden allerdings gerade hier die Hintergründe, etwa die Einzigartigkeit und Ausschließlichkeit bei einer großen Liebe, nie hervorgehoben. Erst durch das Konzept der leib-seelischen Einheit kann der junge Mensch ermessen, daß das aber Voraussetzung ist. (Damit werden auch Theaterstücke und Opern zugänglicher.)

Die Erkenntnisse, die ein junger Mensch mit dem entsprechenden "Vorwissen" aus solcher Konfrontation für sich erzielt, sind keinesfalls zu vergleichen mit der Wiederholung noch so gut gemeinter und sicher auch gut begründeter "Moralpredigten", denn bei diesen handelt es sich ja um eigene Erkenntnis. Die hier vorgestellte christliche Pädagogik läßt es sogar aussichtsreich erscheinen, daß negative Erfahrungen, etwa von einem "zerrütteten Elternhaus" her, zu einem positiven Effekt werden.

Das häufige Durchspielen aller möglichen Situationen, von denen der junge Mensch erfährt, bewirkt bei geeigneter Vorinformation selbständige Erkenntnis. Dadurch dürfte es mit der Zeit zu echter geistiger Reife kommen, höchstwahrscheinlich schon vor der Pubertät. Damit wird eine Möglichkeit eröffnet, daß die geistige Reife der körperlichen entspricht, wenn sie diese nicht gar übertrifft.

Es wird damit auch eine heute noch von der Natur gewährte Chance genutzt, vor der Pubertät zu der für diese Phase notwendigen Reife zu kommen. Denn die Natur wartet ja vor allem bei uns Menschen mit dem Eintritt in die "Pubertät" ziemlich lange, nämlich mehrere Jahre seit Einsetzen des Vernunftgebrauchs. Die größte Schwierigkeit scheint hierbei allerdings nicht bei unseren Kindern zu liegen, sondern daß die Eltern ihre Kinder völlig unterschätzen. Die Kinder spüren ganz offensichtlich instinktiv, daß die ganze Problematik ihren Eltern unangenehm ist, und zeigen sich daher "uninteressiert". Als Außenstehender habe ich da nur zu oft einen ganz anderen Eindruck.
Statt frühkindliche Prägungen und Traumata als schicksalhafte Entscheidung für Gelingen oder Mißlingen des Lebens hinzunehmen, wird bei einer Pädagogik der leib-seelischen Einheit auf eine Mobilisierung von Gefühl und Intelligenz der jungen Menschen gesetzt. Eine solche Mobilisierung dürfte schon deswegen erfolgversprechender sein als eine Beeinflussung der frühkindlichen Prägung, da ja nun letzten Endes nie auszumachen sein wird, wie eine solche nun wirklich aussehen soll, damit sie optimal ist.

4. Ausschaltung "falscher" Modelle

Früheres und heutiges "inneres Modell der Außenwelt" junger Menschen dürfte zumeist auf den einfachen Nenner "Verliebt-Verlobt-Verheiratet-Kinder-Bekommen-Enkelkinder" zu bringen sein. Eventuelle Enttäuschungen, Lieblosigkeiten, Zerrüttungen, die auftauchen könnten, werden für das eigene Leben überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Auch scheinen gerade Mädchen noch heute überhaupt nicht darauf vorbereitet, worauf einer ihrer ersten Flirte schließlich hinauslaufen kann.
Somit kann es auch gar nicht dazu kommen, daß der junge Mensch bestimmte kluge Strategien entwickelt, mit denen er dann an die Partnerschaftsproblematik herangeht, um negative Entwicklungen im eigenen Leben vor vornherein zu verhindern. Der Lebensweg erscheint so klar und problemlos, daß die Notwendigkeit einer Hilfe, wie sie etwa durch Gebet und Sakramente angeboten werden könnte, gar nicht erst in Erwägung gezogen wird. "Ich weiß schon allein, was ich tue", lautet etwa eine selbstsichere Meinung, die eine intensive Beziehung zum Glauben als überholt und überflüssig abtut. Aufgrund falscher Einschätzung der Lebenswirklichkeit kann der Sinn des Glaubens gar nicht begriffen werden. Ich stehe bisweilen fassungslos einer merkwürdigen Mischung aus Selbstsicherheit, Gleichgültigkeit und Naivität junger Menschen gegenüber. Meine Versuche, hier mehr Rationalität hereinzubringen, werden als "Miesmacherei" empfunden.
Allerdings dürfte den jungen Menschen ihre unrealistische Sicht gar nicht einmal anzulasten sein, denn es wurde ja bisher alles getan, um bei ihnen das Zustandekommen eines wirklichkeitsnahen "inneren Modelle der Außenwelt" zu verhindern. In ihrem "inneren Modell der Außenwelt" sind sie so gut wie nie mit der Konfrontation mit Risiken und Chancen und den entsprechenden Strategien "belastet" worden, derartige Belastungen galten ja als für junge Menschen unzumutbar ("denen zerstört man ja damit die Unbefangenheit ihrer Jugend") und daher ungeeignet.

5. Jeder Mensch hat doch (wenigstens zunächst einmal) Sehnsucht nach positiver Erfüllung

Nach den Untersuchungen des Lernpsychologen Werner Correll streben alle Menschen im Unterbewußtsein (oder auch besser noch in ihrem Bewußtsein) die Befriedigung gewisser personaler Grundbedürfnisse an: "soziale Anerkennung, Geborgenheit, Liebe/Vertrauen, Selbstachtung, Unabhängigkeit". Auch bei jungen Menschen kann nach Corrells Auffassung eine Sehnsucht nach Erfüllung vorausgesetzt werden, und zwar auch bei denjenigen, die etwa infolge einer verfehlten Erziehung keine Erfahrung mit der Erfüllung dieser Grundbedürfnisse hatten. Man muß nämlich nicht unbedingt Liebe und Vertrauen in der Kindheit erfahren haben, um im späteren Leben darauf zu kommen. Es dürfte sogar so sein, daß wir umso mehr Verlangen nach einem Gut haben, je mehr es uns fehlt, und daß wir daher umso ansprechbarer sind. Damit können mit dem Modell des leib-seelischen Christentums alle Menschen angesprochen werden, die die Möglichkeit der dargelegten Erfüllung noch vor sich haben.

6. Entscheidende "Primärprägung"

Analog zu den "Lorenzschen Wildgänsen", für die der erste Eindruck in ihrem Leben prägend für das ganze weitere Leben ist, gibt es auch für uns Menschen so etwas wie eine "Primärprägung". Erste Erfahrungen und Informationen haben solche entscheidende Wirkung. Spätere Informationen verstärken diese erste Prägung, wenn sie ihr entsprechen. Entsprechen sie dieser ersten Prägung aber nicht, wird die erste Prägung dadurch aber nicht etwa abgeschwächt, sondern die anderslautende Information wird einfach nicht wahrgenommen oder sogar noch umgekehrt und für die Bestätigung des eigenen Wissens "passend" gemacht. Dies mag folgendes Beispiel verdeutlichen: Wenn jemand erst einmal etwas gegen die Juden hat, wird er aus allem, was er über Juden hört, seine Einstellung bestätigt finden. Positive Informationen über Juden wird er gar nicht wahrnehmen oder sogar noch ins Gegenteil umkehren nach dem Motto: "Da sieht man wieder, wie raffiniert diese Juden sind!"

Dazu kommt, daß wir Menschen nun einmal dazu neigen, unser einmal vorhandenes Wiesen vor allem in Hinblick auf unsere existentiellen Lebensprobleme als komplett und ausreichend anzusehen, wir sperren uns gegen weitere Informationen, und das vor allem, wenn es unbedingt notwendig wäre und noch letzte Chancen für die Abwendung einer Katastrophe bestünden.

Eigentlich überrascht solches Verhalten nicht. Da der Mensch in Modellen denkt, ist ein wirklichkeitsnahes "inneres Modell der Außenwelt" zu Beginn seiner Information über die Außenwelt unbedingt wichtig. Leider versäumen wir gerade in unserer Erziehung, wenn es um den Lebenssinn geht, die Chance einer brauchbaren "Primärprägung", auf der der junge Mensch dann weiter aufbauen kann. Die Primärprägung muß sich schon als völlig unsinnig und unbrauchbar erweisen, damit sie schließlich über Bord geworfen wird, was dann aber umso gründlicher und nachhaltiger geschieht. Und genau dieses Phänomen erleben wir heute gegenüber unserer christlichen Unterweisung. Die Folgen falscher Erstinformation sind schon fatal! Sie sind zudem eine ganz schwere Bürde für den späteren Religionsunterricht.

7. Einfluß auf das Verhalten in anderen Lebensbereichen

Selbst ein für einen noch so guten Zweck vermitteltes strategisches Denken kann natürlich mißbraucht werden, etwa in der Weise der Ellenbogenfreiheit oder gar in hinterhältiger, niedriger Taktiererei. Die Frage stellt sich hier, ob etwa ein idealistischer Soldat, um wieder einen Vergleich aus dem militärischen Bereich zu bringen, der sich Kampfmethoden angeeignet hat, um Frieden und Freiheit zu verteidigen, diese Kampfmethoden "nach Dienst" als Terrorist zum Nachteil anderer mißbrauchen könnte. Ergibt sich also eine Gefahr, wenn unsere Soldaten zu gut ausgebildet werden? Sollte man es also aus Sicherheitsgründen vorziehen, sie naiv und unfähig zu belassen?
Inder gleichen Weise - und nur so! - stellt sich doch die Frage, ob man junge Leute "aus Sicherheitsgründen", das heißt um größeren Schaden zu verhüten, nicht lieber wie bisher naiv und unfähig belassen sollte. Ich jedenfalls kann diese Bedenken nicht verstehen. Es mag sein, daß Menschen, denen wirklichkeitsgerechte Einsichten und brauchbare Lebensstrategien beigebracht wurden, nicht immer sonderlich bequem sind. Doch es ist mir unvorstellbar, daß strategisches Denken, das zum eigenen Glück und zum Glück anderer übernommen wurde, in Übereinstimmung mit den Normen unseres Glaubens in kleinlicher Weise mißbraucht werden könnte. Einen solchen Mißbrauch können doch nur kleinliche Krämerseelen, die selbst keine Ideale mehr haben, die unserem Glauben entsprechen, befürchten! Denn das Gegenteil vom Mißbrauch ist wohl eher der Fall: Die Menschen, die gelernt haben, in fairen Strategien in ihrem Leben vorzugehen, haben Hinterhältigkeit und niedere Taktiererei gar nicht mehr nötig!
Viel wahrscheinlicher als ein Mißbrauch des strategischen Denkens dürfte eine positive Wirkung auf andere Lebensbereiche sein. Als Beispiel sei das Drogenproblem genannt. Entscheidende Ursachen, zur Drogensucht zu gelangen, könnten von allein verschwinden:

a) Die Konfliktsituation und der darauf aufbauende Versuchungsmechanismus ist sicher weitgehend mit dem beim Beginn sexueller Handlungen identisch. Da die Fragen: "Gehört es nicht zu meinem Status, mitzumachen?", "Verpasse ich nicht etwas?", "Bin ich nicht unmodern und verklemmt?", "Muß man nicht einfach einmal so etwas probiert haben?", "Hat Gott, hat die Religion mir überhaupt in so etwas hineinzureden, ist das nicht alles Privatsache?" bereits einmal im Sinne einer besseren Lebensführung beantwortet wurden, ist es aussichtsreich, daß jetzt genauso gedacht und gehandelt wird. Dieser ganze Versuchungsmechanismus könnte durch eine Pädagogik im Sinne eines leib-seelischen Christentums ein für allemal durchschaut sein.

b) Der weitere Grund, Drogen zu nehmen, nämlich Enttäuschungen, Verzweiflung, Verlassenheit, entfällt - das war jedenfalls der Sinn der vielleicht "einseitigen" vorliegenden Pädagogik, die damit eben doch nicht so einseitig war!

8. Vermeidung von "Enthaltsamkeitsqualen"

Es dürfte erheblich leichter sein, sich der Dinge zu enthalten, die man nicht aus eigener Erfahrung kennt, als von Dingen, die man bereits "gekostet" hat, bei denen man etwa "auf den Geschmack" gekommen ist. So beruht der Antrieb zur ersten Zigarette gewiß nicht auf einer Nikotinsucht, der Antrieb zum ersten Drogentrip gewiß nicht auf einer Drogenabhängigkeit. Der eigentliche Antrieb zum Beginn liegt also auf einer anderen Ebene, etwa im Erkenntnisstreben des Menschen oder im Wunsch, sich nicht aus einer Gemeinschaft auszuschließen. Dieser Mechanismus trifft eichet auch auf den Sexualtrieb zu. Bei Jungen durchbricht vielleicht schon die Selbstbefriedigung diese gewisse "Trieblosigkeit". Vor allem jedoch "unerfahrene" Mädchen werden keineswegs von ihrem Sexualtrieb gedrängt, allenfalls fühlen sie sich in die körperliche Nähe des geliebten Freundes hingezogen, sehnen sich etwa nach möglichst umfassenden Hautkontakt - oder wollen einfach "in" sein.
Eine frühe Information ermöglicht den jungen Menschen eine Vorstellung der eigenen Triebhaftigkeit und läßt es zu einer frühzeitigen Entscheidung kommen, sich nicht durch Spielereien mit dem eigenen Körper unerträglichen "Enthaltsamkeitsqualen" auszusetzen. Von dieser Entscheidung hängt weitgehend die praktische Durchführbarkeit des vorliegenden Modells eines auf leib-seelische Einheit ausgerichteten Christentums ab.

9. Vermeidung der Kompromittierung junger Menschen "mit Erfahrung"

Bei älteren Schülern ist es sehr wahrscheinlich, wenn nicht gar die Regel, daß die "Erfahrungen", die ja vermieden werden sollen, bereits gemacht sind. Es ist nun nicht Aufgabe eines Pädagogen an einer staatlichen Schule, diesen Schülern das Herz schwer zu machen, sondern ihnen in ihrer Situation zu helfen. Auf der anderen Seite ist eine deutliche Sprache erforderlich, um "unerfahrene" Schüler zur Einsicht zubringen. Eine Lösung des Probleme, die einen Schüler nicht noch mehr zu belasten, die anderen Schüler aber zur Einsicht zu bringen, kann nur ein frühzeitiger Einsatz des vorliegenden Modells bringen. Nur derjenige Zeitpunkt ist wirklich geeignet, an dem bei allen jungen Menschen noch von einer "Unerfahrenheit" ausgegangen werden kann. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich einmal über das alles mit Erstkommunionkindern (8 - 10 Jahre)  unterhalten habe und wie aufgeschlossen und zugänglich sie waren. Gefehlt hat mir eigentlich nur ein Gespräch mit den Eltern, doch zumindest teilweise hatten die Kinder das dann selbst geführt - und die Eltern, die mit mir sprachen, waren voll einverstanden!

10. Verständnis der Heranwachsenden für die Ermahnungen ihrer Erzieher

Eltern klagen oft, daß es vergeblich sei, junge Menschen vor allem in den Fragen ihrer "Freundschaften" zu ermahnen, junge Menschen wollten offenbar gar nicht hören und müßten daher ihre oft leidvollen "Erfahrungen" ganz offensichtlich schon machen, da sei eben wohl nichts zu ändern. Vor dem Hintergrund des in den jungen Menschen vorhandenen "inneren Modells der Außenwelt" ist jedoch die Frage zu stellen, ob die jungen Menschen überhaupt auf die Ermahnungen ihrer Eltern hören konnten? Ob die jungen Menschen überhaupt die Sorgen ihrer Eltern ermessen konnten? Im "inneren Modell der Außenwelt" der jungen Menschen waren, seelische Schwierigkeiten, vor allem solche durch große Verliebtheit, die auf sie selbst zukommen könnten, ja gar nicht "einprogrammiert", also wurden sie. auch gar nicht einkalkuliert und es fehlt jegliche Zugänglichkeit für entsprechende Ermahnungen. Die Sorgen und Ermahnungen der Eltern stehen im Widerspruch zum vorhandenen "inneren Modell der Außenwelt"; alle Ermahnungen werden jetzt als Miesmacherei und überflüssig empfunden. Lange genug war ja verfehlte Liebe mit anrüchiger Sexualität, mit Scham und Ekel in Verbindung gebracht worden, doch das, was der junge Mensch jetzt erlebt, ist da ja etwas ganz anderes! Das ist doch etwas fürs Leben, und da gehören doch einfach auch Zärtlichkeiten und schließlich der ganze Körper dazu!
Jetzt rächt sich alles, was versäumt wurde, dem jungen Menschen zu einem wirklichkeitsnahen "inneren Modell der Außenwelt" zu verhelfen und Unzutreffendes abzubauen. Jetzt rächt sich, daß lange Zeit darauf vertraut wurde, daß schon alles "gut" gehen werde und daß man günstige Zeitpunkte untätig verstreichen ließ.
Wenn sich nämlich nicht wirklichkeitsnahe und umfassende "innere Modelle der Außenwelt" bei jungen Menschen bilden konnten, was zum passenden Zeitpunkt hätte leicht geschehen können, bilden sich eben verzerrte und einseitige außerhalb jeder Kontrolle. Ein Bild hierzu aus der Landwirtschaft: Wenn ein Acker nicht zum rechten Zeitpunkt bestellt wird, ist er halt zur Erntezeit nur voller Unkraut, irgendetwas hat sich immer angesät! Als Lehrer an weiterbildenden Schulen haben wir dann dieselben Schwierigkeiten vor uns wie die Eltern, gegen diese ungewünschten Modelle anzukommen. Möglichkeiten, hier noch entscheidend einzugreifen, dürften nur unsichere Chancen haben. Der Unterricht ähnelt dann mehr Versuchen, um Verständnis zu werben, Vorurteile abzubauen, auf die tatsächlichen und nebensächlichen Anliegen des Christentums aufmerksam zu machen, Klimaverbesserung zu erreichen, an die Vernunft zu appellieren, um die schlimmsten Folgen eines Verhaltene ohne Religion zu vermeiden. Von daher sind auch diejenigen Religionslehrer zu verstehen, die bei der ganzen Sexualthematik nur noch auf die Methoden der Empfängnisverhütung aufmerksam machen, ihnen bleibt oft einfach nichts anderes mehr übrig...
In jedem Fall ist ein zutreffendes, auch im Denken erprobtes und bestätigtes "inneres Modell der Außenwelt" eine bessere Voraussetzung für das Verständnis gegenüber Eltern und anderen Pädagogen. Möglicherweise ist das Verständnis dann sogar so groß, daß sich "Moralpredigten" überhaupt erübrigen, die zusätzlich zu ihrer Nutzlosigkeit ja doch nur den Frieden zwischen den Generationen beeinträchtigen und damit weiteren Negativeffekt haben. Und wir an den weiterbildenden Schulen könnten dort aufbauen, wo wir jetzt im besten Fall aufhören!

Weiterhin dürfte das Denken nach dem "militärischen Informationsmodell", also das mathematisch-spieltheoretische Denken, ausdrücklich logisches und konsequentes Denken fördern, und dazu keineswegs auf Kosten der "Gefühlswerte" oder gar der Moral. Ich denke auch an ein verbessertes Theorie-Praxis-Verhältnis. Junge Menschen haben sozusagen heute kaum ein solches Verhältnis, denn vor allem an ihren existentiellen Bedürfnissen stellen sie laufend fest, daß die Wirklichkeit "ganz anders" ist. Wenn junge Menschen erst einmal bestätigt finden, daß das, wes sie in ihrem Denken durchmachen, auch im Bereich ihres persönlichen Strebens nach Glück auf die Wirklichkeit anwendbar ist, wächst mit Sicherheit automatisch der Sinn und das Verlangen gegenüber Denkanstrengungen in anderen Bereichen. Derjenige, der positive Erfahrungen mit dem Denken bei seinen persönlichsten Fragen hat, wird diese Anstrengungen auch weiter pflegen. Und Denkenkönnen und Gefühlehaben sind kein Widerspruch mehr!

11. Notwendigkeit "göttlicher" Hilfe

Die Unangebrachtheit allzu großer Selbstsicherheit wurde bereite in Kapitel III dargelegt, wenn es um die Erwartung einer glücklichen Zukunft geht. Selbst das geschickteste "strategische Konzept" läßt sich immer noch durchkreuzen.
Um ganz sicher zu gehen, sind wir auf göttliche Hilfe angewiesen! Für junge Menschen gibt es da seit alters her ein ansprechendes und umfassendes Konzept - man muß es nur in dieser Sicht erkennen und einsetzen: die ersten Sakramente unseres christlichen Glaubens! Das Besondere an unserem Glauben ist nämlich, daß nicht nur mit Geboten und Verboten Maßstäbe gesetzt werden, sondern daß auch eine Unterstützung gleich "mitgeliefert" wird!
So geht es bei Taufe und Firmung (confirmatio) schon von den überlieferten Texten her überhaupt nicht um die heute so in den Vordergrund gerückte Aufnahme in die Gemeinde. Es geht vielmehr um die Befreiung von Fehlentscheidungen in existentiellen Lebensfragen (= Sünden). Es ist kaum zu übersehen, wie sehr dabei bis ins Detail strategisches Denken Pate gestanden hat. Da wurde etwa der Begriff  'sacramentum' (Fahneneid) aus dem militärischen Denken entlehnt, da wurde die Ölung bei Taufe und Firmung (in der Urkirche am ganzen Körper!) als Stärkung zum Kampf von den Ringkämpfern in der Arena übernommen. Vor allem weisen auch die sieben Gaben der Firmung auf strategisches Denken hin, denn die ersten vier davon werden heute noch den Offiziersschülern der Bundeswehr für ihre kampfbezogenen Überlegungen eingebläut. Die Beziehung ist so offensichtlich, daß ich sie kurz skizziere:

Heutiges militärisches Kampfschema:                                          Geistesgaben der confirmatio:

____________________________________________________________________________________

1. Bild der Lage, sowohl der eigenen wie der des Gegners         Wissen als Fähigkeit des praktischen Lebens

2. Beurteilung der Lage                                                              Verständnis / Einsicht*

3. Entschluß                                                                                Rat / Plan**

4. Handeln                                                                                  Stärke / Standhaftigkeit***

*) Verständnis / Einsicht als Fähigkeit, einen Tatbestand in seiner vollen Wirklichkeit und in seinen Folgen zu durchschauen
**)Rat / Plan als Fähigkeit, Mittel und Wege zu finden, Schwierigkeiten zu überwinden und Gefahren zu vermeiden
***) Stärke/ Standhaftigkeit als Art und Weise der Ausführung der gefaßten Vorsätze

(nach "Stärkung zum Kampf - Eine Untersuchung zu den Wirkungen des Firmsakraments", Diplomarbeit. Münster 1973, Deutung der Geistesgaben nach: Martin Rehm, Der königliche Messias, 1988 und Joseph Knabenbauer, Erklärungen des Propheten Isaias, 1881)

Mit dem Herabflehen weiterer Gaben (Erkenntnis Gottes, Frömmigkeit und Furcht Gottes) zusammen mit der genannten Ölung und noch einer  Handauflegung (Weitergabe göttlicher Kraft) wird demjenigen, der für sein Leben nicht auf Gottes Hilfe verzichten möchte, diese zugesichert. Da dieser lebenspraktische Sinn allerdings zur Zeit bei der Sakramentenspendung nicht vorgesehen ist, sollte ihn jeder für sich in seinem eigenen Interesse sehen.
Der Sinn des Abendmahls (Kommunion) ist mit großer Sicherheit in derselben Richtung zu finden, auch hier geht es um eine Stärkung für unser persönliches Glück. Immerhin essen und trinken wir hier Leib und Blut Christi nach dem Glauben der Kirche. Was hier geschieht, hat seinen Ursprung in den Menschenopfern mit nachfolgendem Genuß des Fleisches. Man glaubte, daß Geist und Kraft des Toten dadurch weitergegeben werden. Jesus hat nun mit seinem Opfer diese Menschenopfer endgültig abgeschafft, ohne allerdings dabei auf das Anliegen zu verzichten. Nur jetzt kommen der Geist und die Kraft Gottes noch viel intensiver auf die, die darum bitten!
Besonders folgt die obige Interpretation der Firmung der Intention der Kirchenväter, die dieses Sakrament in die frühe Kirche eingeführt haben. Die Kirchenväter standen bei der Beurteilung des trostlosen heidnischen Lebens zu ihrer Zeit ganz offensichtlich vor derselben Problematik wie wir heute. Bei ihren Bemühungen, den damaligen jungen Menschen zu helfen, anders zu leben, sind sie zu einem ähnlichen Konzept gekommen, wie das in diesem Buch dargelegte. Mit Sicherheit können wir jedenfalls davon ausgehen, daß Tabuisierungen, etwa des ganzen Sexualbereiches, auch damals gänzlich unmöglich waren. Dazu waren damals einfach die Verhältnisse zu offenkundig und die Macht der Christen zu gering. Und warum sollte trotzdem eine Änderung, wie sie damals möglich war, nicht auch heute möglich sein?

D. Selbstzucht und Neurosen

Die Annahme, daß die Unterdrückung der menschlichen Triebe, und da vor allem des Sexualtriebes, schädlich sein kann, weil in der Folge davon Neurosen möglich sind, ging vom österreichischen Neurologen und Psychotherapeuten Sigmund Freud (1856-1939) aus. Freud nahm als menschlichen Zentraltrieb den Geschlechtstrieb an. Da nun - nach Freud - gerade die Entfaltung der geschlechtlichen Triebhaftigkeit ("Es") durch gesellschaftliche Regeln und Tabus ("Über-Ich") unterdrückt wird, kommt es beim Menschen zu einem Konflikt zwischen seinem Sexualtrieb und dem, was er gemäß den gesellschaftlichen Regeln und Tabus und auch den Vorschriften der christlichen Religion eigentlich tun sollte. Denn er tut das, was seiner Triebhaftigkeit entspricht, weiß aber, daß er es nicht tun darf, und hat deswegen ein schlechtes Gewissen. Aus diesem Konflikt zwischen "Über-Ich" und "Es" ergeben sich Fehlentwicklungen, die tatsächlich zu Neurosen führen können. Und da die Normensphäre sehr stark von der christlichen Religion geprägt wird, sieht Freud in ihr den Hauptschuldigen für die psychischen Fehlentwicklungen der heutigen Menschen.
Und tatsächlich: Argumentiert die christliche Religion nicht für die Einhaltung von Normen im sexuellen Bereich mit allen möglichen "Über-Ich-Begründungen": Angst vor der Bestrafung durch Gott, Errettung oder Verdammnis nach dem Tod, Kränkung des sich für uns aus Liebe hingebenden Jesus, Allgegenwart Gottes und seine "ständige Beobachtungsmöglichkeit"?
Freud kommt dabei allerdings trotz seiner Bedenken keineswegs zu einer Ablehnung aller Über-Ich-Normen und damit zu einer Empfehlung ungezügelter Triebhaftigkeit. Er erkennt die Notwendigkeit der Triebunterdrückung, weil es sonst zur Zerstörung der Persönlichkeit kommen kann. Nach Freud ist der Ausweg die "Sublimierung" der Triebe, das heißt die Überführung "niederer Triebregungen" in höhere und differenziertere Bereiche. Um dies zu erreichen, kann sich Freud als Nichtchrist offensichtlich nur den Weg über die Verhüllung von Körperteilen vorstellen, wenn er schreibt, daß der "Verlust der Scham das erste Anzeichen von Schwachsinn" ist. Die Problematik einer Erziehung zur Scham wird in diesem Buch und im Konzept basisreligion daher entsprechend behandelt, denn hier irrte Freud wohl.

Sinn des Konzepts der diesseitigen Einheit von Leib und Seele ist nun die unmittelbare Einsicht in die Vorteile der Beherrschung der Triebe durch Selbstzucht aus Eigeninteresse. Schon das Kind soll in die Einsicht hineinwachsen, daß ein Nichtbeherrschen des Sexualtriebes die Zerstörung der ersehnten Einheit von leiblichen und seelischen Sehnsüchten mit sich bringt und damit verderblich ist. Es ist angestrebt, daß die Einsicht in diese Zerstörung unmittelbar dem "Ich", das heißt der Persönlichkeit des Menschen zugänglich wird. Sobald sich nun - mit der Pubertät - Triebregungen einstellen, kommt es natürlich auch hier zu einem Konflikt, allerdings nicht zwischen unverstandenen Normen und der Triebsphäre, sondern zwischen dem persönlichsten Interesse des Menschen an sich selbst und seiner Triebsphäre. Auch dieser Konflikt ist sehr intensiv und kann, wenn er nicht zugunsten der Persönlichkeit ("Ich-Sphäre") ausgeht, zu Neurosen führen.

Damit nun dieser Konflikt, dessen erfolgreiches Durchstehen die Persönlichkeit nur stärkt, auch zugunsten des Ichs, also des echten und sinnvollen Eigeninteresses, ausfällt, wird im vorliegenden Konzept sehr oft und sehr deutlich auf die Hilfe Gottes hingewiesen. Gott ist nicht mehr Selbstzweck der Einhaltung von Normen, denn das liegt ja im Eigeninteresse, sondern uneigennütziger Helfer!

Die Konfrontation mit der Wirklichkeit, die allein zu einem realistischen Bild von der Wirklichkeit und von daher auch in der Phantasie schon des jungen Menschen zu sachgerechten Strategien führt, kann nun auch dank dieses "helfenden Gottes" keinen Schrecken vor dem Leben, keine Lebensangst mehr erzeugen. Und wenn der Glaube an Gott zunächst nur dadurch wirkt, daß sich der betende Mensch durch eben dieses Gebet selbst verändert, ist schon viel erreicht - Gott können wir ohnehin nicht verändern! Ein Gelingen des Triebverzichts durch das Gebet erhöht das Selbstbewußtsein, ein Versagen erscheint mir dagegen bei einem wirklich innigen Glaubensleben kaum mehr möglich. Das "Lamm Gottes" hat endlich "die Sünden der Welt" hinweggenommen - auch die Gefahr von Neurosen durch Triebverzicht gibt es dann nicht mehr!

E. Lebensideale und Gemeinschaftsunterricht

Gehört die empfohlene Pädagogik aber nicht in den Bereich der Familie, weil sie schon von der Intimität her für den Unterricht in einer Gemeinschaft ungeeignet ist? Hat nicht der Unterricht in Schule und Gemeinde hier bestenfalls unterstützende und begleitende Funktion?

Wer diese Forderungen stellt, verkennt doch die Realität! Die Eltern sind doch im allgemeinen ihren Kindern gegenüber viel befangener als Außenstehende und überlassen nur zu gerne die entsprechenden Gespräche Vertrauenspersonen. Leider mangelt es daran, weil vor allem die möglichen Vertrauenspersonen in Schule und Kirche nur zu oft ihre Aufgabe gar nicht sehen oder jedenfalls nicht in der von den Eltern erwarteten "Linie" erfüllen.
Doch vor allem: Was haben unsere Kinder von einer Erziehung zu einem Leben mit höchsten Idealen durch die Eltern, wenn andere Kinder nicht auch zu einem solchen Leben erzogen werden?
Um hier ein Beispiel aus einem anderen Bereich als dem der Ehemoral zu nennen: Was hätten unsere Kinder davon, wenn sie in einer Gesellschaft, in der das Stehlen "normal" ist, als einzige treu zum Verbot des Stehlens (7. Gebot) stehen? Stehen solche Kinder mit ihrer prinzipientreuen Einsteilung dann nicht im praktischen Leben hilflos und aufs Höchste benachteiligt da? Wäre es da nicht besser gewesen, wenn ihnen das Stehlen nie verwehrt worden wäre und sie vielleicht noch eine "Erziehung" in dieser Richtung erfahren hätten? Mit einer "Nicht-Stehlen-Moral" in einer andersdenkenden und andershandelnden Umwelt werden unsere Kinder doch nur lebensuntüchtige Ausbeutungsobjekte. Entweder, wir unterlassen also eine Erziehung zum Nicht-Stehlen, oder wir sorgen dafür, daß unserer Kinde sich wehren können (auch noch eine Möglichkeit!), aber wohl vor allem, daß etwas grundsätzlich für alle geändert wird.

Um wieder zu unserer Sexualpädagogik zu kommen: So und nur so stellt sich doch die Frage, ob die Familie oder die Gemeinschaft für diese Pädagogik zuständig ist! Wenn nur einzelne Kinder von ihren Eltern her mit höchsten Idealen nach Liebe, Treue und Ausschließlichkeit der Partner aufwachsen, wenn sie auch gelernt haben, sich an diese Ideale zu halten, wenn ansonsten aber niemand etwas von diesen Idealen hält, kommen diese unsere Kinder eines Tages ganz zwangsläufig in größte Schwierigkeiten und sind daher aufs Höchste benachteiligt. Es wäre für sie besser gewesen, wenn wir sie nie mit unseren Idealen "vollgestopft" hätten. Um also eine "Sonderstellung" unserer Kinder von ihren Idealen her zu vermeiden, ergibt sich zwangsläufig die Forderung nach einer Gemeinschaftspädagogik. Eine solche Pädagogik darf dann von den Eltern nicht behindert werden und muß in Übereinstimmung mit ihnen stehen, aber der zuständige Ort dafür ist eben nicht die Familie! Die Eltern sollten dazu gegebenenfalls sich etwa eine Gemeinde aussuchen, wie sie ihren Vorstellungen entspricht, oder zumindest in ihrer Gemeinde mit Nachdruck entsprechende Forderungen vertreten. Neben der kirchlichen Gemeinde kommt natürlich auch der Religionsunterricht in der Schule in Frage.
Je mehr junge Menschen sich von den Vorteilen eines Lebens nach unserem christlichen Glauben überzeugen lassen, desto einfacher dürfte es für den einzelnen sein "mitzumachen". Ich hoffe sogar auf einen "Aufschaukelungseffekt", das heißt, daß es zu gegenseitiger Anspornung kommt, wenn eine prinzipientreue, idealistische Haltung im sexuellen Bereich erst einmal nicht mehr den Geruch der "altjüngferlichen Verklemmtheit", der "Langweiligkeit", der "Grünheit", der "Mauerblümchenhaftigkeit" hat, sondern als Zeichen "größeren Durchblicks" gilt - und das bei gleichzeitiger größerer Unbefangenheit zueinander.

Mit dem christlichen Gemeinschaftsunterricht-Erziehungsmodell wird gleichzeitig der Gefahr vorgebeugt, daß sich bei den Kindern ausgerechnet ein mögliches negatives Schicksal der Eltern wiederholt. Die Geschlechtserziehung etwa einer in eigener Ehe frustrierten Mutter führt leider zumeist auch zu einer frustrierten Tochter. Eine solche Mutter wird ihre Tochter nämlich im allgemeinen so massiv und gleichzeitig verkrampft zu leiten suchen, daß nun gerade alles wieder schief geht! Die Tochter wird sich entweder übereilt und kurzsichtig von allen Erziehungsversuchen befreien, damit auf eine "große Liebe auf den Augenschein hin" hereinfallen, oder sie wird gehorchen und damit genau nicht anders handeln als, ihre Mutter in ihrer Jugendzeit.
Eine Erziehung zu einer "besseren Welt" ist und bleibt Gemeinschaftssache, die den Rahmen der Familie sprengen muß! Eine unverwässerte Botschaft Jesu - vergleichbar mit unverwässertem und das bei gleichzeitiger Sprit bei einem liegengebliebenen Auto - eröffnet hier neue Chancen. Besonders am Beispiel des Firmsakraments wurde gezeigt, wie sich mit besserer Glaubensauslegung ein völlig anderer Sinn ergibt, und daß wir damit dann auch gegenüber allen möglichen modernen Zeiterscheinungen gelassener sein können. Und eine auf besserer Glaubensauslegung aufbauende Pädagogik, die im übrigen viel spontaner sein kann als eine mit der bisherigen Auslegung im Hintergrund, rückt eine bessere Welt wenigstens für die Zukunft unserer Kinder tatsächlich in greifbare Nähe. Wir müssen nur Sorge tragen, daß damit begonnen wird!

Die wichtigste Aufgabe für Sie als Eltern dabei ist: Verhindern Sie vor allem, daß bei Ihrem Kind eine selbstgefällige Arroganz aufkommt! So ist es unbedingt nachteilig für Ihr Kind, wenn es beim Anblick pornographischer Abbildungen o. ä. Abscheu oder gar Spott verspürt. Das ist keine edle Haltung. Helfen Sie Ihrem Kind lieber stattdessen mit Gott darüber zu sprechen, etwa folgendermaßen: "Lieber Gott, auch diese Menschen haben sich zuerst einmal in ihrem Leben nach umfassender Liebe und nach echtem Glück gesehnt. Wahrscheinlich haben sie jetzt niemanden, dem sie sich wirklich anvertrauen können, bei dem sie sich voll geborgen fühlen können. Sie werden nur um ihres Körpers willen "geliebt". Wie mag das begonnen haben? Sie haben geglaubt, das Glück und die Liebe ohne die Gesetze Gottes nach eigenem Gutdünken erreichen zu können. Sie sind damit gescheitert. Hilf ihnen, daß sie doch noch in ihrem Leben etwas von wirklichem Glück erfahren, und hilf mir, daß ich immer auf Deinen Wegen bleibe, selbst wenn mir das einmal sehr schwer fallen sollte!" Mit solchem zielgerichteten Gebet Ihres Kindes können Sie mithelfen am Grundstock einer inneren Beziehung zu Gott, die mir unbedingte Voraussetzung für ein Leben in Liebe zu sein scheint. Wahrscheinlich ist es allerdings notwendig, daß Sie als Eltern zuerst einmal selbst in eine tiefere Beziehung zu Gott treten!

Zur Literatur: "Bei der Theorie von der zuverlässig erfreulichen Wirkung einer günstig verlaufenden Kindheit handelt es sich um einen Mythos". Gegen diesen Mythos - auch eine Art Aberglaube wendet sich: Hansjörg Hemminger, Kindheit als Schicksal?, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg, 1982 Sehr lesenswert!


V. ENTTÄUSCHENDE VERLIEBTHEIT ODER ERFÜLLENDE LIEBE

"Alles blasse Theorie", sagte mir vor Jahren auf meinen Unterricht hin, in dem ich eigentlich ausschließlich die Bedeutung von Treue; Liebe und seelisch-geistiger Harmonie für das Gelingen einer ehelichen Partnerschaft für bedeutsam hielt, eine 19-jährige orientalische Schülerin. Sie sei seit zwei Jahren verheiratet, sei entsprechend den Forderungen ihrer muslimischen Religion als Jungfrau in die Ehe gegangen und erlebe wohl gerade wegen dieser Prinzipienstrenge ein Fiasko im körperlichen Bereich - da helfe alle geistig-seelische Harmonie nichts! Bei jedem intimen Zusammensein mit ihrem Mann empfinde sie so unerträgliche Schmerzen, daß ihr die ganze Sexualität zuwider sei. Sie würde daher allen empfehlen, nicht so blind in eine Ehe zu stolpern und eben vorher "auszuprobieren", trotz möglicher Enttäuschungen!
So oder ähnlich mag es auch vielen Christen gegangen nein, als sie sich von den strengen Enthaltsamkeitsregeln und -geboten unseres Glaubens "befreiten" und sich ihre Moral selber machten. Ob dadurch das Glück allerdings größer und allgemeiner wurde, ist fraglich, denn es entstanden auch wieder neue Zwänge! Vor allem ist schade, daß es durch diese "Befreiung" auch zu vielem Leid, zu vielen Enttäuschungen kam, die bei strenger Moral sicher hätten vermieden werden können. Wieviel erfüllende Romantik, wieviel Unbefangenheit, wieviel menschliche Harmonie wurde und wird heute noch dabei sinnlos zerstört!
Leider sieht es im Zusammenhang damit heute so aus, daß unsere kirchlichen Gemeinden mit derart "zerstörten" Menschen mehr anfangen können als mit "unzerstörten". Sind wir dadurch nicht eine "Religion der Sünder" geworden, statt eine "Religion der Erlösten" zu sein, das heißt derer, die eben keine "Sünder" sind? Können wir uns überhaupt das Christentum als eine "Religion der von der Sünde Befreiten" vorstellen? Da mit den Büchern von Erich Fromm ("Die Kunst des Liebens", Ullstein-TB 35258) und Peter Lauster ("Die Liebe, Psychologie eines Phänomens", Reinbek b. Hamburg 1982) ganz offensichtlich eher denjenigen geholfen werden soll, die sich über die ihnen zu engen moralischen Vorstellungen unseres christlichen Glaubens hinweggesetzt haben und auch noch hinwegsetzen, soll das Folgende vor allem einmal diejenigen betreffen, die an einer "Religion der von der Sünde Erlösten" interessiert sind, also vor allem noch unbelastete junge Menschen. Gerade deren Glück darf nicht ein Lotteriespiel sein, wenn sie sich an die Gebote und Normen unseres Glaubens halten. Sollen diese Gebote und Normen denn nicht Garantie für ein glücklicheres, bewußteres und intensiveres Leben sein?
Man benötigt nun gänzlich andere Mittel und Methoden, um jemanden vor dem Reinfallen in eine tiefe Grube zu bewahren, der unbekümmert noch oben auf dem Rand herumhampelt, als jemanden, der schon hereingefallen ist, herauszuholen, um einen anderen Vergleich als den mit der Vorbeugung vor oder Heilung von einer Krankheit zu verwenden, wie im vorigen Kapitel geschehen. In einem Konzept zur Vorbeugung vor dem "Hereinfallen" müssen zwangsläufig "Empfehlungen" oder "Tips" gegeben werden. Wenn für manche den Jugendjahren Entwachsenen diese Anregungen paradox klingen, so bitte ich um Verständnis, denn das alles hängt mit den unterschiedlichen "Verfahren" von "Vorbeugung" und "Heilung" zusammen. In jedem Fall sind die Empfehlungen vor dem Hintergrund der Normen unseres Glaubens in vielen Gesprächen mit Schülern, Eltern, Freunden, von mit vom Glück Erfüllten und vor allem nicht so recht Erfüllten und aus zahlreicher Literatur erarbeitet.

A. Störung und Zerstörung der Leib-Seele-Einheit aus Unkenntnis oder aus Charakterschwäche

Es gibt in der Frage der Unkenntnis oder der Charakterschwäche nicht eine geschlechtsspezifische Einordnung nach "Böcken und Schafen" - jeder, ob männlich, ob weiblich, kann charakterschwach sein! Geschlechtsspezifisch ist allenfalls der Deckmantel, unter dem sich die Charakterschwäche zeigt.

In dem im 1. Kapitel angeführten Zitat von Arno Plack ist es eher Sache des Mannes, eine Frau zu verachten, zu versachlichen, wenn er sie als bloßes Sexualobjekt ansieht, während es der Frau eher vorbehalten bleibt, nicht so sehr auf die Harmonie mit einem Mann aus zu sein, sondern auf sein Einkommen und seine Position. Daher wird in den Vertraulichen Gesprächen vor allem einmal konkret auf die Verachtung so mancher Jungen für die Mädchen (und bisweilen auch umgekehrt) eingegangen, wenn sie Liebe und Vertrauen vortäuschen, um zu unverbindlichen sexuellen Erlebnissen zu kommen. "Du mußt das Vertrauen haben, dann kannst du mit einem Mädchen machen, was du willst", so lautet etwa ein charakterloser Tip. Wir erkennen dabei deutlich, daß der eine Partner der Arglose ist und der andere der "Arglistige". Selbst wenn der "Arglose" freiwillig mitmacht, dürfte dieses Mitmachen vor allem darauf zurückzuführen sein, daß er sich über die wirkliche Bedeutung einer leib-seelischen Harmonie überhaupt nicht im klaren ist. Und so ist es auch bei den Frauen, wenn sie hinter Geld und Position der Männer her sind. Erleichtert wird wohl gerade besonders attraktiven Frauen solches Vorgehen, wenn sie glauben, sich möglichst "teuer" "verkaufen" zu müssen. Wenn sich ein Mädchen besondere schön findet und von daher ihren "Marktwert" taxiert, so sollte sie sich ernsthaft fragen, worin sie sich hierbei eigentlich noch von einer Dirne unterscheidet, denn anders machen es die Dirnen auch nicht, die sich wegen Schönheit und Jugend besser verkaufen. Auf diese Weise ist das Glück einer leib-seelischen Harmonie jedenfalls nie zu erlangen.
Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Schönheit muß nicht automatisch zu solchem Unglück führen, aber sie sollte in jedem Fall als unverdientes Geschenk in Demut dankbar angenommen werden. Man sollte Gott von ganzem Herzen bitten, gnädig zu sein, damit dieses Geschenk richtig angewandt und nicht am Ende zum Verhängnis wird. Denken wir an den Skatspieler mit den guten Karten - es ist keineswegs sicher, daß er auch schließlich der Gewinner ist! Auf keinen Fall ist Arroganz - auch eine Charakterschwäche - angebracht, die schließlich nur charakterlose "Freunde" anzieht und sie zu gewissenlosem, arglistigem Draufgängertum ermuntert nach dem Motto: "Die trägt die Nase so hoch, der geschieht es in ihrer Eingebildetheit nur recht, wenn sie so richtig aufs Kreuz gelegt wird!" Die eigene Charakterlosigkeit provoziert geradezu die Charakterlosigkeit anderer!
Wir sollten uns im klaren sein, daß wir alle wie ein Haufen trockenen Strohs sind und daß nur der "richtige Funke" genügt, damit wir lichterloh "brennen". Wenn wir einer Versuchung widerstehen, dann gewöhnlich deshalb, weil die Versuchung schwach ist, und nicht, weil wir stark sind. Und wir überschätzen uns nur zu oft! In unserer Eingebildetheit passiert es dann, daß wir charaktervolle Menschen, die uns vielleicht zunächst etwas unbeholfen vorkommen, gar nicht an uns heranlassen, während die charakterlosen leichtes Spiel haben, und wir ihnen dabei noch entgegenkommen, indem wir ihnen hinterherlaufen. Die Mädchen sind dabei noch unmittelbarer gefährdet als die Jungen: Einen verliebten und hingabewilligen Jungen (oder Mann) kann ein innerlich unbeteiligtes Mädchen leicht abweisen, da es nicht von "Hormondruck" gequält wird. Welcher Junge oder Mann hält sich aber schon bei einem hingabebereiten und -willigen Mädchen zurück?
Die Motive mehr oder weniger charakterloser Partnerwahl - ganz gleich, ob kurzfristig oder langfristig - wiederholen sich im Grunde; daher sollen sie mehr nur angedeutet werden: Versorgungsehe, Torschlußpanik (haben manche schon mit 18!), Flucht aus dem Berufsleben, Suche nach einem Spielzeug oder nach einem Objekt zur Bemutterung, Kinderwunsch (auch das braucht mit dem Wunsch nach leib-seelischer Harmonie zu einem Partner nichts zutun haben), ausschließlich sexuelles Begehren, sexuelle Hingabe beziehungsweise Eroberung, um dadurch Abhängigkeit mit nachfolgender Eheschließung zu erreichen.
Alle diese Wege führen nicht zu leib-seelischer Harmonie - das höchstwahrscheinliche spätere Ausbrechen einen Partners hängt heutzutage eigentlich nur von der "günstigen Gelegenheit" ab. Ob man bei seiner Suche charakterschwach vorgeht, kann man selbst zumeist nur sehr schwer zu erkennen, wer hält sich selbst schon für charakterschwach? Anderen fällt das eher auf. Vielleicht helfen folgende Überlegungen: Würde ich den Partner auch wählen, wenn er nicht die Position, die Brieftasche hätte, die er nun einmal hat? Würde ich ihn auch nehmen, wenn er - ohne eigenes Verschulden - nicht ganz so gut aussähe, wenn ich mich dank seiner Position nicht aus dem Berufsalltag befreien könnte, wenn er mir keine Kinder schenken könnte, wenn er sexuell sehr prinzipientreu wäre? Kann ich mir den Partner in der Zukunft behindert oder gar schwer krank vorstellen, ohne daß ich ihn deswegen lieber los sein wollte?

B. Störung und Zerstörung trotz charaktervoller Bemühung

Nun scheitern natürlich nicht nur Beziehungen, die mehr oder weniger charakterschwach begonnen hatten (wobei die Charakterschwäche nicht unbedingt immer mit einer Verletzung von Geboten unseres christlichen Glaubens verbunden ist), auch und gerade Beziehungen, die charaktervoll und mit hohen Idealen geknüpft wurden, sind allein deswegen nicht automatisch von der Gefahr des Hohl- und Leerwerdens ausgenommen!
Sogar wenn getreu den Normen des Christentums mit dem Beginn der intimen sexuellen Beziehungen bis zur Spendung des Ehesakraments oder einer anderen religiösen Handlung gewartet wird, so wie auch bei unserer Orientalin zu Beginn dieses letzten Kapitels es entsprechend den Vorschriften ihres Glaubens geschah, bedeutet das noch lange nicht., daß eine solche Ehe auch von Gott geschlossen wurde. (Es muß hier allerdings darauf hingewiesen werden daß nach christlicher Lehre sich die Brautleute das Ehesakrament gegenseitig spenden, es dazu also eigentlich keiner kirchlichen Kulthandlung bedarf. Diese wurde jedoch zu Beginn der Neuzeit Vorschrift, da mittlerweile niemand mehr so recht wußte, wer mit wem nun wirklich verheiratet war. Man sollte daher nicht ohne ganz große Not von der Praxis der Kirche abweichen, schon gar nicht aus "sexuellem Notstand" heraus!)
Das Berufsschulreligionsbuch "Impulse zur Orientierung" (Düsseldorf 1982, S. 40/46) schildert einen solchen - höchstwahrscheinlich "charaktervollen" Fall: "Schon bald nach der Hochzeit, während meiner Schwangerschaft, merkten wir, daß wir einander eigentlich nichts zu sagen hatten. Wir gähnten uns an. Ich glaube, jeder machte dem anderen heimliche Vorwürfe, daß aus unserer Gemeinschaft nichts wurde... Mein Mann behauptete, daß ich ihn lähme, daß er sich bei mir nicht wohl fühle. Ich glaubte es gern; es ging mir ja ähnlich. In den ersten Jahren konnten wir uns wenigstens im Bett über die Fremdheit hinwegschwindeln. Jetzt besteht nur noch eine mühsame Wohngemeinschaft mit getrennten Pflichtbereichen. - Wir kannten uns schon lange aus der Jugendarbeit. Die Gemeinsamkeit dort war eine Art Garantie fürs Zusammenpassen. Also heirateten wir und waren überzeugt, daß es schon gut gehen würde. Aber bald sahen wir, daß wir fast keine gemeinsamen Interessen haben; allzu wenige Berührungspunkte: Ja, das Kind, aber sonst? Wie ist eine solche Entfremdung überhaupt möglich? Als wir verliebt waren, meinten wir, wer weiß wie gut zu harmonieren. Heute frage ich mich, ob wir uns jemals gekannt haben."  Ursache für das Scheitern war hier wohl die Verwechslung von. "Verliebtheit" mit "echter, wahrer Liebe"; ebenfalls im Religionsbuch "Impulse zur Orientierung" erfahren wir dazu Näheres:
"Es gibt Menschen des anderen Geschlechts, zu denen man sich vom ersten Augenblick an besonders stark hingezogen fühlt. Man ist von ihnen 'fasziniert´. Dabei spielen Vorgänge im Bereich des Unbewußten eine wichtige Rolle. Jeder Mensch trägt in seinem Inneren das Idealbild eines andersgeschlechtlichen Partners, das zumeist auf Eindrücke aus Kindheit und Jugend zurückgeht. Dieses Bild wird bei Jungen oft entscheidend durch die Gestalt der Mutter geprägt, bei Mädchen durch die des Vaters. Auch andere `Idole' wie Sportler oder Stars aus dem Showbusiness können diese Vorstellungen mitbestimmen. Begegnet man in späteren Jahren einem Partner des anderen Geschlechts, in dem man einzelne Züge dieses Idealbildes wiederfindet, so kann es leicht zu einer 'Projektion' kommen: Angeregt durch 'Schlüsselreize; wie körperliche Ähnlichkeiten, bestimmte Gesten oder eine besondere Art des Lachen`s´, projiziert das Unbewußte alle mit dem Idealbild verbundenen Vorstellungen auf das Gegenüber. Der Partner wird zur Verkörperung des Ideals; er 'fasziniert', weil er allen geheimen Wünschen und Vorstellungen zu entsprechen scheint. Fast immer verdecken `Faszination' und 'Projektion' die Wirklichkeit des anderen. Meistens stellt sich nach einiger Zeit heraus, daß der Partner in vieler Hinsicht nicht den Erwartungen entspricht. Es kommt zu Enttäuschungen, Vorwürfen, Auseinandersetzungen. Daher werden viele Menschen, die 'ihren Typ' geheiratet haben, in ihrer Ehe nicht glücklich". Besonders die sogenannten 'Jugendlieben' sind für solche Entwicklungen sehr anfällig, denn gerade hier zählt nur 'Verliebtheit', über fehlende Harmonie wird hinweggesehen und von der Problematik der körperlichen Harmonie hat man sowieso zunächst einmal keine richtige Vorstellung. Die Folge ist, daß irgendwann in der Ehe dann von 'Paradies' keine Rede mehr sein kann. Und wenn schließlich der geistig-leibliche Mangel bewußt wird, ist heute, wo Traditionen nicht mehr viel gelten, höchste Gefahr gegeben, daß man aus der Ehe ausbricht. Der Partner wird im Stich gelassen, damit eventuell vorhandenen Kindern die Geborgenheit einer intakten Familien genommen. Häufig werden noch Partner anderer Ehen und damit deren Familien in das eigene Scheitern hineingezogen. Trotz charaktervollen Beginns kommt es zum mehr oder weniger charakterlosen Ende der Beziehung, ganz einfach, weil man nicht rechtzeitig bedacht hatte, daß die Verliebtheit einer Jugendliebe fast immer nicht viel mehr als eine unberechenbare Laune der Natur ist und zumeist mit lebenslanger leib-seelischer Harmonie nichts zu tun hat.

C. Das Phänomen der "Enttäuschung"

Wie viele Menschen haben nicht an die echte, wahre Liebe geglaubt und sich auf irgendetwas eingelassen, was zunächst nach Liebe aussah, sich später aber doch nicht als "das Wahre" entpuppte? Sollten wir da nicht stutzig werden und uns eingehend hiermit beschäftigen, damit wir aus unseren eventuellen folgenschweren Flausen herausgerissen werden? Es lohnt sich!
Die berühmte "Liebe auf den ersten Blick" ist ganz gewiß in fast allen Fällen eine solche trügerische Unglücksfalle. Das Schlimme ist, daß sich die meisten Menschen in einer solchen "Liebe" voll verausgaben, sich selbst aufgeben, sich total verströmen. Es ist ihnen alles weitere im Leben gleichgültig, alles wird auf diese "Liebe" hingebogen. Dabei werden alle guten Vorsätze, alle Ideale, die bis dahin galten, über Bord geworfen. Bis man merkt, daß man einem flüchtigen, selbstzerstörerischen Phantom hinterherläuft, ist viel seelischer Schaden (und oft auch materieller: Unterhaltszahlungen, Scheidungskosten, Alimente!) angerichtet. Ich kann daher die stereotype banale Entschuldigung nicht akzeptieren: "Auf die Liebe kommt es an, und wenn man sich liebt, dann darf man...". Wir kennen diese Art von "Liebe" aus Liebesromanen: "Er stand da, wie vom Blitz getroffen, als er sie sah", oder: "Als sie ihn dort sitzen sah, wußte sie, das ist der Mann, den ich mein Leben lang gesucht habe", oder: "Diese Frau sah er zum erstenmal, aber sie war ihm sofort bekannt und vertraut, es war keine Fremdheit, obwohl er sie noch nie gesehen hatte". Leider werden wir mit dieser Liebe auf eine falsche Fährte geschickt, wie sollte man auch aus einem Blick erkennen, daß man "zusammenpaßt"! Außer dem "Blick" ist nämlich meist gar nichts da - und dieser Blick hört irgendwann von alleine auf!
Ein Hinterherlaufen hinter einer solchen Liebe offenbart, daß eine durchdachte Lebenshaltung nicht vorhanden ist. Denn bei näherem Hinsehen hat unsere Hingabe in dieser "Liebe", unsere Selbstaufgabe, eine ganz schwerwiegende Folge: Wir verlieren unsere natürliche, ursprüngliche Unbefangenheit, wir sind nicht mehr dieselben wie vorher - wir sind gehandicapt. Damit hat auch unser Manselbstsein einen ganz deutlichen Knacks bekommen. Dieses Manselbstsein ist nun genau das, was theologisch als Einheit von Leib und Seele bezeichnet wird, und unser Fehlverhalten ist schlichte Sünde!

Die Schwierigkeit ist, daß das alles eigentlich nicht so recht vorausschaubar war; der Rausch der Verliebtheit, die Zärtlichkeiten schienen nur eines zu fordern: Weiter, mehr! Warum eigentlich noch Widerstand leisten - wir lieben uns doch! Erst mit dem Eindringen des Gliedes in die Scheide dann der jähe Sturz! Ganz urplötzlich überkämmt es einen: Was habe ich da zugelassen, was habe ich angerichtet! Ich hatte ja gar nicht einmal Spaß bei der Sache! Jetzt erst verstehe ich, das ist das, wovor mich alle warnten, wobei aber auch alle wieder herumredeten! Ja, jetzt weiß ich auch, um was es dem anderen ging - nicht um mich, sondern um seine Befriedigung! Und mit dem ein Leben lang? Unvorstellbar! Der interessiert sich doch gar nicht richtig für mich - die ganze angebliche Liebe von dem, wenn das nicht alles nur eingut eingefädelter Bluff war! Und wie soll´s weiter gehen? Was sage ich dem nächsten? Jetzt glaubt mir niemand mehr, wenn ich zu ihm sage: 'Dich liebe ich als einzigen!' , nie mehr die richtige Liebe! Und wie sicher war ich mir meiner Sache - wie sehr meinte ich, auf alle Ratschläge verzichten zu können.. . Und wie ließ ich mich beschwatzen, daß heute alles anders sei...alles gelogen! Jetzt gehöre ich auch zu denen, über die geredet wird, wie sie herumzukriegen waren, und mein "Freund" kann jetzt triumphieren, daß er es "geschafft" hat! Warum nur hat mir das alles vorher niemand so richtig gesagt?

Die Gedanken, die so auf einen Menschen einstürmen oder vielmehr so richtig einhämmern; entstammen aus Menschheitserfahrungen und sind absolut zeitlos. Jeder in ähnlicher Situation erfährt sie, ob heute, ob vor 2000 Jahren, ob vor 4000 Jahren, ob er an Gott glaubt oder nicht. Der Verfasser des Gilgamesch-Epos hat diese Erfahrung bei seinem Urmenschen geschildert, wie er durch die Sünde den Schritt ins Gegenwärtige vollzog (siehe oben), übernommen hat sie der Verfasser der Adam-und-Eva-Erzählung, sie ist Inhalt von heute noch bekannten Gedichten (z.B. Heideröslein) und Liedern.
Für unseren christlichen Glauben von Bedeutung ist, daß wir jetzt voll in die Fußstapfen der mythologischen Eva oder des mythologischen Adams getreten sind: Wenn bisher die Erbsünde ein ferner Mythos war, jetzt haben wir sie an uns verwirklicht. Statt das Sich-Hingeben für diejenige Liebe aufzuheben, die eine dauernde, bereichernde Partnerschaft beschert, haben wir sie sinnlos um einer läppischen Erfahrung willen verschleudert oder an eine vordergründige und daher unbefriedigende Bindung verzettelt!

Goethe hat in seinem Faust solche Enttäuschung sehr bewegend in ein Gebet einmünden lassen:

Ach neige,
Du Schmerzensreiche,
Dein Antlitz gnädig meiner Not!

Das Schwert im Herzen,
Mit tausend Schmerzen
Blickst du zu deines Sohnes Tod.

Zum Vater blickst du,
Und Seufzer schickst du
Hinauf um sein' und deine Not.

Wer fühlet,
wie wühlet
Der Schmerz mir im Gebein?

Was mein armes Herz hier banget,
Was es zittert, was verlanget,
Weißt nur du, nur du allein!

Wohin ich immer gehe,
Wie weh, wie weh, wie wehe
Wird mir im Busen hier!

Ich bin, ach! kaum alleine,
Ich wein, ich wein, ich weine,
Das Herz zerbricht in mir.

Die Scherben vor meinem Fenster
Betaut ich mit Tränen, ach!
Als ich am frühen Morgen
Dir diese Blume brach.

Schien hell in meine Kammer
Die Sonne früh herauf,
Saß ich in allem Jammer
In meinem Bett schon auf.

Hilf! rette mich von Schmach und Tod!
Ach neige,
Du Schmerzensreiche,
Dein Antlitz gnädig meiner Not!

Aber das Leben geht weiter! Durch gute Erfahrungen kann so manches ausgeglichen werden, selbst wenn eine unschöne Erinnerung ein Leben lang bleibt. Doch die guten Erfahrungen müssen schließlich auch irgendwoher kommen!
Im Altertum tröstete man sich, daß solche Enttäuschung zur Verehrung irgendwelcher Götter notwendig sei: die Zeit der kultischen Prostitution. Später - im fehlinterpretierten Christentum - tröstete man sich, daß für den bußfertigen Sünder. nach dem Tod in der künftigen Herrlichkeit bei Gott alles besser würde. Und heute? Man tröstet sich vor allem damit, daß es den anderen genauso geht. Nur nicht nachdenken, nur nicht zur Besinnung kommen, vergessen! (Verdrängen?) Man stürzt sich von einem Vergnügen ins andere, man redet sich lautstark heraus mit den "Erfahrungen", die angeblich jeder machen muß. Was bleibt einem auch anderes übrig? Man würde den Ratschlägen der Kirche zu Reue und Gebet ja gerne Folge leisten, wenn nicht schon alle Empfehlungen der Kirche bisher unbrauchbar gewesen wären... Von der Kirche hat man doch noch nie eine vernünftige Unterstützung erfahren!
(Ich habe dieses Unterkapitel nicht geschrieben, um den bereits Betroffenen ihr Herz noch schwerer zu machen. Doch hat mich eine ehemalige Schülerin in für mich ergreifender Weise darauf hingewiesen, daß die Schilderung einer Enttäuschung unbedingt in ein Buch über die Liebe hineingehört. "Hätte man das doch alles vorher gewußt!" Und schließlich sollen die Jungen auch sehen, was sie anrichten. In gewisser Weise geht es den Jungen bei ihrem "ersten Erlebnis" übrigens genauso.)

D. Einheit von Leib und Seele als Grundlage für erfüllende Liebe

Und wie erkennen wir nun, ob das, was wir empfinden, auf leibseelische Harmonie hinausläuft, die beide Partner mit Glück erfüllt und die dann auch sehr gute Chancen hat, zu halten, bis der Tod die Partner scheidet?

Diese Liebe ist völlig anders als die aus den Liebesromanen - auf den "ersten Blick" passiert da gar nichts! Man kann sie auch eigentlich nicht beschreiben, es ist auch gar nicht notwendig. Wir wissen auch nicht genau, was uns an dem anderen so fesselt, eigentlich könnte es jeder andere sein, aber doch finden wir keinen, der so ist wie er... Wir verstehen gar nicht das Besondere, wir verstehen uns selbst nicht mehr!
Aber wir haben uns unterhalten, wir haben dabei unser Innerstes anklingen lassen und erst noch gar nichts gemerkt...
Und irgendwann beginnen die Wirkungen! Wir blühen auf, wir lachen (wir wissen gar nicht warum), die Lebensfreude glüht in uns, wir werden offen für alles mögliche Neue, Schöne und Ideale, unsere Sinne werden intensiver, wir werden erlebnishungriger (zusätzlich zu unseren Augen sehen wir die Welt mit den Augen des anderen), wir werden mutig und schöpferisch. Wir haben ein Gefühl des Lebendigseins, wie wir es kaum je geträumt haben - alle unsere Langeweile ist wie weggeblasen, alle unsere Launen sind verflogen! Die ganze Welt scheint uns zu klein, wir meinen, die Grenzen unserer Herkunft, unserer Familie sprengen zu können. Wir denken zwar in neun Zehntel der Zeit an den anderen, aber in dem einen Zehntel, daß uns bleibt, schaffen wir mehr als sonst in unserer ganzen Zeit. Wir fühlen uns so völlig wir-selbst.

Und erst der andere! Da wir es ihm so richtig anmerken und ansehen, daß es ihm genauso geht, erleben wir einen Aufschaukelungseffekt, der einfach nach ewiger Treue drängt! Dabei haben wir noch nicht einmal Verlangen nach geschlechtlicher Begegnung, ja vielleicht ab und zu eine kurze Umarmung, ein kurzes Drücken, die Nähe des anderen reicht!
Es ist wie im Paradies, es ist das Paradies!
Und da geht es uns auf, was man nur selbst erfahren kann: Das ist genau das, worum es auch in unserem Christentum geht, wozu Jesus jedem Menschen verhelfen wollte, als er sich anschickte, uns von Sünde frei zu machen! Jetzt erleben wir das Anliegen des christlichen Glaubens, jetzt erleben wir an uns den Lohn für unser bisheriges Durchhalten! Denn ein ganz großer Pluspunkt für dieses neue Lebensgefühl ist nun einmal "Freiheit von Sünde", und zwar für beide, wahrscheinlich gehört das nun einmal untrennbar zum Paradies. Alles, was wir uns je an Intimitäten mit anderen vergeben hätten, wirkt schädlich und bremsend, es beeinträchtigt einfach den ungestümen Lauf unserer Phantasie. Wer daher einen Menschen als Lebenspartner ablehnt, weil er schon eine "Enttäuschung", d.h. ein "beendetes" Ehe- oder (intim gewordenes) Liebesverhältnis, hinter sich hat, ist zu verstehen, da die fehlende Unbefangenheit des Partners auch seine eigene Unbefangenheit angeht. Er ist auch vom christlichen Standpunkt her zu verstehen. Läßt Jesus nicht im Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen den Bräutigam zu den törichten Mädchen sagen: "Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht!" (Matth.25,11)? Außerdem gilt ja jeder Intimverkehr nach ursprünglicher christlicher Vorstellung als Ehe, und damit leider Gottes jeder "Neuanfang" mit einem anderen Partner als Ehebruch - für beide... Daß ein Partner allerdings diese Argumente ins Feld führen kann, hat natürlich nur dann eine Berechtigung, wenn er sich erst einmal selbst an die christlichen Normen gehalten hat und noch hält. Alles andere ist blanke Heuchelei!
So miefig und überholt die Worte Keuschheit und Jungfräulichkeit zunächst noch klingen mögen, genau das ist gefragt! Gemeint ist dabei noch nicht einmal diejenige Enthaltsamkeit, die man sich aus Liebe zu Gott auferlegt, gemeint ist auch nicht irgendeine rein äußerliche Prüderie. Es geht ganz einfach um die Enthaltsamkeit aus Liebe zum späteren Lebenspartner. Junge und Mädchen, Mann und Frau sind gleichermaßen betroffen.
Die Gefühlswelt, die damit zusammenhängt, ist eine geheimnisvolle und läßt sich nur schwer beschreiben. Man muß sie voll auskosten wollen, voll erfahren wollen! Es ist etwas "Verzauberndes", "Himmlisches", "Paradiesisches" dabei, was sich jedoch nur wirklich Liebenden erschließt. Der Verlust hat etwas mit "Entzaubern", "auf die Erde fallen" zu tun. In einer glücklichen Ehe geht diese Keuschheit nie verloren, die Frau etwa wird für ihren liebenden Mann stets dasselbe verzaubernde Wesen bleiben, das ihn zum Glücklichmachen reizt. Die reine, unversehrte Liebe beflügelt Dichter und Musiker, sie wird auch uns zu höchster Romantik anspornen. Halten wir uns die Möglichkeit offen, selbst wenn es manchmal aussichtslos erscheint. Nur die Sache ist verloren, die man aufgibt. Warten Sie lieber "ewig und drei Tage", als daß Sie Fehler begehen - denken Sie daran, Sie haben nur ein Leben, und das sollten Sie schon vernünftig durchstehen! Überzeugen Sie sich selbst, wie unsere großen Dichter die einmalige, einzigartige Liebe ersehnen:

DAS HEILIGSTE

Wenn zwei sich ineinander still versenken,
Nicht durch ein schnödes Feuer aufgewiegelt,
Nein, keusch in Liebe, die die Unschuld spiegelt,
Und schamhaft zitternd, während sie sich tränken,

Dann müssen beide Welten sich verschränken,
Dann wird die Tiefe der Natur entriegelt,
Und aus dem Schöpfungsborn, im Ich entsiegelt,
Springt eine Welle, die die Sterne lenken.

Was in dem Geist des Mannes, ungestaltet,
Und in der Brust des Weibes, kaum empfunden,
Als Schönstes dämmerte, das muß sich mischen;
Gott aber tut, die eben sich entfaltet,

Die lichten Bilder seiner jüngsten Stunden
Hinzu, die unverkörperten und frischen.

Friedrich Hebbel

*  *  *


Du bist wie eine Blume
So hold und schön und rein;
Ich schau' dich an, und Wehmut
Schleicht mir ins Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die Hände
Aufs Haupt dir legen sollt´,
Betend, daß Gott dich erhalte
So rein und schön und hold.

Heinrich Heine

*  *  *

LEBENSWEG

Ich bin durchs Leben auf dich zugegangen,
So fest und klar, wie übers grüne Land
Die Taube flog, die lange eingefangen
Und doch den Weg zur süßen Heimat fand.

Und denke ich an Sturm und Streit und Streben,
An meiner Jugend Wandern dort und hier,
So ist mir oft: Es war mein ganzes Leben
Ein stiller, unbeirrter Weg zu dir.

Börries von Münchhausen

*  *  *

Solche Zweiergemeinschaft kann leider nicht direkt angestrebt werden, weil man ja selbst keinem Menschen von vornherein ("auf den ersten Blick") ansieht, ob er dafür "in Frage" kommt. Man kann nur versuchen, sich in der größeren Gemeinschaft, das heißt allen Menschen gegenüber,  als von Sünde befreiter Christ zu verhalten, alles weitere ist dann eher wie ein Geschenk. Von diesem "zufälligen" Finden träumt auch Goethe:

GEFUNDEN

Ich  ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen,
Da sagt' es fein:
"Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?"

Ich grub's mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ich's
Am hübschen Haus.

Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.

Und die körperliche Liebe dabei? Sie, lieber Leser, werden es verspüren: Diese Frage paßt hier gar nicht so recht, diese Frage stört die ganze wundervolle Romantik dieser Gedichte, bei solcher Romantik hat das Körperliche noch viel Zeit! Wir zittern und haben Angst davor! Ist es dann nicht erleichternd, zu erfahren, daß man das alles unter den Schutz Gottes stellen kann?
Hier ist diese Liebe völlig verschieden von der mit der Enttäuschung, hier wird sie einmal gegenseitige Erfüllung und Ergänzung, Verantwortung und Verläßlichkeit, absolutes Füreinanderdasein. Und das von Anfang an, und trotzdem noch von Mal zu Mal intensiver, besser und beglückender. Und wir warten gerne und bitten Gott, daß wir ja nichts falsch machen...

E. Das Elend mit der "rosaroten Brille"

"Vorher" erkennen und seine Handlungen danach einrichten ist Kennzeichen von echter Intelligenz - "hinterher" wissen es alle, auch Dummköpfe, besser! Und bei Fragen der Liebe ist das besonders schwierig, da es ja um Gefühle geht, die jeder auf sich allein gelassen empfindet, bei denen ein Außenstehender zwar Empfehlungen geben kann, letzten Endes aber der Betroffene allein entscheiden muß. Das macht die Gefahren, aber auch den einmaligen Zauber der Liebe aus!
Hier öffnet sich wie kaum irgendwo sonst ein Gebiet absoluter Entscheidungsselbständigkeit mit allerdings äußerst existentiellen Folgen - und diese Entscheidungsselbständigkeit sollten wir unter allen Umständen bewußt wahrnehmen und uns in keinem Fall  etwas gegen unsere tiefsten Sehnsüchte aufzwingen lassen! Das heißt aber nicht, daß wir mit vorgefertigtem Konzept an die Liebe herangehen sollen, wir sollten im Gegenteil offen für Überraschungen sein und uns begeistern lassen!
Leider wird unsere Entscheidungsselbständigkeit nicht nur von außen behindert, auch unsere Gefühle selbst spielen uns nur zu oft Streiche und verbauen unserem Verstand den Weg zu vernünftigen Entscheidungen. Wir halten es als moderne, aufgeklärte Menschen für ziemlich unvorstellbar, daß wir zu Gefühlsbewegungen kommen können, bei denen wir uns auf unseren Verstand nicht mehr verlassen können, aber es ist leider so.
Dazu ein Beispiel aus einer meiner Vorlesungen:
"Stellen Sie, lieber Leser, sich vor, jetzt auf der Stelle tritt ein Polizeikommando an Sie heran, verhaftet Sie und bringt Sie ohne viel Federlesens in ein Gefängnis. Ihre Einwände werden nicht zur Kenntnis genommen, daher geben Sie bald Ihren Widerstand auf und glauben an ein Mißverständnis, das sich bald aufklären wird. Doch Sie sitzen am Abend immer noch - inzwischen hungrig - in Ihrer Gefängniszelle. Schließlich erhalten Sie einen Teller Erbsensuppe. Dabei flüstert der Essensverteiler Ihnen zu, daß die Suppe vergiftet sei. Sie wundern sich vielleicht, essen aber nicht und legen sich mit ihrem noch mäßigen Hungergefühl auf die Pritsche in Ihrer Zelle. Am nächsten Tag erhalten Sie wieder erst gegen Abend etwas zu essen: wieder angeblich vergiftete Erbsensuppe. Da Ihr Hunger schon sehr stark ist, konzentrieren sich Ihre Gedanken auf die Erbsensuppe und vor allem auf die Frage, was es mit dieser "Vergiftung" für eine Bewandtnis habe. Ob die Behauptung der Vergiftung möglicherweise nur ein Test für weiß Gott was ist? Ihr Gehirn arbeitet fieberhaft, ob die Suppe überhaupt vergiftet sein kann, Sie überdenken die Mimik des Essensverteilers, Sie beobachten eine Fliege, die mit der Suppe in Berührung kam und noch weiter durch die Zelle fliegt, Sie bedenken Ihre verzweifelte Lage. Noch einmal gelingt es Ihnen, sich von dem Gedanken loszureißen und nicht von der Suppe zu essen. Doch als am folgenden Tag das Spiel von Neuem losgeht, ist Ihr Hunger unerträglich geworden. Sie rechnen sich aus, ob Sie nicht am Ende verhungern und kommen nach "reiflicher Überlegung" zur "festen Erkenntnis", daß die Suppe gar nicht vergiftet sein kann - und Sie essen!
Das Gefühl - hier das Hungergefühl - hat unseren Verstand ausgetrickst ! Und genauso geschieht es bei allen unseren tiefen Gefühlsregungen - sie tricksen bisweilen unseren Verstand restlos aus! Auf die Brauchbarkeit unserer verstandesmäßigen Entscheidungen können wir uns bei großen Gefühlsregungen überhaupt nicht mehr verlassen! Was unser Verstand uns unter großem "Gefühlsdruck" empfiehlt, kann der größte Unsinn sein und zum größten Unglück führen. Odysseus befahl daher seinen Gefährten, denen er die Ohren mit Wachs verklebt hatte, bei der Vorbeifahrt an den Sirenen mit ihrem betörenden Gesang auf keinen Fall auf eventuelle Befehle von ihm zu hören - er war sich seiner Unzurechnungsfähigkeit infolge des Gesangs, von dem er schon von anderen gehört hatte, schon vorher voll bewußt. Er hatte entsprechend vorgesorgt!

Worauf können wir uns aber heute in ähnlicher Situation mit erfahrungsmäßig intensiven Gefühlen verlassen? Eigentlich ganz einfach: auf die Normen unseres christlichen Glaubens, die ja nicht nur so aus Gehässigkeit und aus Freudlosigkeit entstanden sind, sondern letzte und tiefste Menschheitserfahrungen beinhalten. Es geht bei diesen Normen nämlich voll und ganz um unser Glück, um unsere Einheit von Leib und Seele, um unser Manselbstsein. Und deshalb heißt es da ganz deutlich: "Du sollst die Ehe heilig halten!" Komme, was da mag, Gottes Gebot gilt zuerst, alles andere hat sich danach zu richten. Wie heißt es so schön in der Bibel: "Wenn dich dein Auge zur Sünde verführt, reiß es ab und wirf es von dir!" Gottes Gebot hat - um es modern  auszudrücken - den Charakter einer "roten Verkehrsampel" - da hat dann einfach nichts mehr zu laufen!
Und wem Gottes Gebot nicht als Begründung ausreicht, der sollte bedenken, wie die "Straße" (und nicht nur die) über das urteilt,  was da - leider nur - im Hinblick auf das Mädchen schon aus den Wortbildungen her sehr abwertend und sogar verachtend gesehen wird! Von "großer Liebe" und von "Emanzipation" ist da nicht mehr die Rede, allenfalls von "Reinfallen" und "Dummheit"! Und es gibt eigentlich nur ordinäre Worte mit häßlichem Tenor dafür: ficken, anmachen, bumsen, vögeln, vernaschen - um die zu nennen, die heute gerade dafür in Mode sind. Die verurteilende Richtung dieser Worte ist dieselbe wie die der Gebote Gottes - Stimme des Volkes, Stimme Gottes! So falsch können die Gebote Gottes also gar nicht sein - und auch nicht verklemmt und miefig! Bei einer harmonischen Beziehung wird jedenfalls ganz anders geredet... Und einem Jungen, der ein Mädchen wirklich achtet und es verehrt, sollte nicht gleichgültig sein, wie man über sein Mädchen denkt! Alle Bemühungen, hier einen Stimmungswandel herbeizuführen, ohne sich gleichzeitig selbst zu ändern, gleichen einem Kampf gegen Windmühlenflügel - es wird weiter so geredet.
Wie können wir dann aber schon vor der Ehe ohne diese "Gefährdung" und ohne Verstoß gegen unseren Glauben die leib-seelische Harmonie überprüfen? Sind wir doch auf alle Zeit dazu verdammt, uns auf ein Lotteriespiel einzulassen?
"Probieren" wir körperlich, wird die seelische Harmonie beeinträchtigt, denn wenn's schief geht, sind unsere Ideale von Treue und ausschließlicher Liebe dahin, testen wir aber nur seelisch-geistig, besteht die Gefahr, daß sich später eine fehlende Harmonie im Körperlichen herausstellt. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, scheint sich eine praktische Lösung anzubieten, die nicht nur den Geboten Gottes, und dem, was man über uns redet, entgegenkommt, sondern auch unserer Sehnsucht nach Romantik und mit einem Schuß wenigstens leichter "Frivolität" sogar noch unseren moralischen Idealen entspricht.

F. Wege der geistigen und körperlichen Erkenntnis

"Mit dem Freund von meinem Freund kann ich mich eigentlich besser unterhalten als mit meinem Freund", so äußerte sich eine Schülerin. Ich frage mich, was ich da noch viel raten soll, denn - wie sie weiter sagte - es läuft ja schon mit ihrem Freund eine "Ehe auf Probe" mit Pille... Würde da nicht eine solche "Ehe auf Probe" sein, würde ich empfehlen, den Freund aufzugeben, denn wenn es jetzt schon Probleme mit dem Verständnis gibt, wie wird das erst später werden?

Gerne hätte ich auch einer anderen Schülerin eine Empfehlung zur Trennung von ihrem Freund gegeben, die meinte, daß sie das Gefühl habe, ihr Freund höre ihr gar nicht richtig zu. Dabei ist doch dieses Verständnis, dieses Zuhören die erste Vorbedingung für eine vernünftige Partnerschaft! Ohne Erfüllung dieser Vorbedingung verdirbt man sich doch nur gegenseitig das Leben! Aber leider - liefen auch im zweiten Fall schon Intimitäten... (Nach christlicher Vorstellung bedeuten Intimitäten ja bereits eine "stattfindende Ehe" - und ich als christlicher Theologe muß daher eigentlich die bereits stattfindende Ehe verteidigen und darf also nicht zu einer Auflösung raten!)
Verständnis heißt nun nicht, immer der gleichen Meinung zu sein wie der andere, Verständnis heißt gewiß aber, sich in den anderen hineinversetzen können. Und dieses Hineinversetzen muß ein inneres Bedürfnis sein, man muß sich die Mühe gern machen, das muß einem der andere "wert" sein. Und man muß auch spüren, daß es dem anderen genauso geht! Am besten wird das, um was es hier gehen muß, wohl durch das Wort "zurückspiegeln" ausgedrückt: Man muß sich im anderen zurückspiegeln, das heißt, die Partner müssen gegenseitig erkennen, daß das, was sie dem anderen sagen, "ankommt" und "zurückkommt". Jeder muß sich sozusagen im anderen wiederfinden! Gemeint ist mit diesem Manselbstsein also nicht, wenn man es nur sein kann ohne die unmittelbare Anwesenheit des Partners, sondern gerade durch ihn in seiner Gegenwart.
Da in der Verliebtheit mit der rosaroten Brille jeder ohnehin den anderen von der Seite sieht, wie er ihn sehen will, seien im folgenden einige Anhaltspunkte genannt, die hoffentlich trotz dieser "Brille" auffallen.
Es gibt da im seelisch-geistigen Bereich sogenannte fünf Grundbedürfnisse. Da die Erfüllung dieser Grundbedürfnisse unverzichtbar zum Manselbstsein gehört und daher auch von jedem Menschen erhofft wird, sollten sie zunächst einmal vor jeder "Erprobung der sexuellen Reaktionsfähigkeit" (falls dann so etwas überhaupt noch notwendig ist) "durchgecheckt" werden.

a) Erfüllung der seelisch-geistigen Grundbedürfnisse

Eine Trennung von seelisch-geistigen und körperlich-orgastischen Sehnsüchten und Bedürfnissen ist im Grunde nicht möglich, denn im Idealfall bedingen sich diese einander, ergänzen sich, schaukeln sich auf. Wenn trotzdem im folgenden "getrennt" wird, so nur deshalb, um die Übersicht nicht zu verlieren. Da alle diese Sehnsüchte und Bedürfnisse nach personaler Erfüllung drängen, wird man sie woanders suchen, wenn sie in einer Partnerschaft nicht zum Tragen kommen: entweder es kommt zu einem späteren Ausbrechen aus der Ehe oder die Ehe endet in Langeweile:

Im einzelnen geht es um folgende Bedürfnisse, über die wir uns die folgenden Fragen stellen sollten:

1. Anerkennung

Erfahre ich vom Partner Anerkennung, wenn ich so richtig ich selbst bin? (Die Frage nach dem "Manselbstsein" scheint mir so zentral, daß an sie auch bei allen anderen Bedürfnissen immer wieder erinnert wird!) Braucht der andere mich nur als Prestigeobjekt? Hört der Partner auf meine Meinung, interessiert sie ihn überhaupt? Und da es immerhin ja die Möglichkeit gibt, daß meine Meinung falsch ist: Gibt sich der Partner Mühe, um mich von einer anderen Ansicht zu überzeugen, bringt er gute Argumente, oder will er mich mit allen möglichen Tricks "überfahren"? Nutzt er am Ende noch meine Verliebtheit dazu aus? Hat der Partner Interesse an meiner beruflichen Erfüllung? Will er mir seine Hobbys aufzwingen? 
Wenn ich mir diese Fragen nicht klar beantworten kann, liegt die Vermutung nahe, daß eine Art geistiger Vergewaltigung mir gegenüber vorliegt, kein gutes Vorzeichen für eine körperliche Begegnung!

Doch darf gerade hier meine Vorsicht nicht verkrampft werden, denn eine gegenseitige Zuneigung lebt vor allem auch davon, ob die Partner sich gegenseitig nicht nur körperlich, sondern erst einmal auch geistig "befruchten" und "befruchten" lassen. Zu dieser Aufgabe muß natürlich jeder etwas zu bieten haben, wovon auch der andere begeistert ist. Wenn hier schon nichts "kommt", sollte unbedingte Vorsicht vor weiterem Näherkommen walten!

Der Psychologe Erich Fromm schreibt dazu: "Der wichtigste Bereich des Gebens liegt jedoch nicht im Materiellen, sondern im zwischenmenschlichen Bereich. Was gibt ein Mensch dem anderen? Er gibt etwas von sich selbst, vom Kostbarsten, was er besitzt, er gibt etwas von seinem Leben. Das bedeutet nicht unbedingt, daß er sein Leben für den anderen opfert - sondern daß er ihm etwas von dem gibt, was in ihm lebendig ist; er gibt ihm etwas von seiner Freude, von seinem Interesse, von seinem Verständnis, von seinem Wissen, von seinem Humor, von seiner Traurigkeit - von allem, was in ihm lebendig ist. Indem er dem anderen auf diese Weise etwas von seinem Leben abgibt, bereichert er ihn, steigert er beim anderen das Gefühl des Lebendigseins und verstärkt damit dieses Gefühl des Lebendigseins auch in sich selbst. Er gibt nicht, um selbst etwas zu empfangen; das Geben ist an und für sich eine erlesene Freude. Indem er gibt, kann er nicht umhin, im anderen etwas  zum Leben zu erwecken und dieses zum Leben Erweckte strahlt zurück auf ihn; wenn jemand wahrhaft gibt, wird er ganz von selbst etwas zurückempfangen. Zum Geben gehört, daß es auch den anderen zum Geber macht, und beide haben ihre Freude an dem, was sie zum Leben erweckt haben" (Erich Fromm: Die Kunst des Liebens, Ullstein TB 35258, S. 35).
Es wurde hier bereits dargelegt, daß dieses Geben natürlich nicht naiv erfolgen darf: Mehr noch bei der Frau als beim Mann wird dieses Geben leicht zum bedingungslosen körperlichen "Hingeben". Und für dieses so bedeutsame Hingeben ist es sehr beeinträchtigend, wenn man merkt, daß man ausgenutzt wird. Denn dieses Ausnutzen wird man auch einmal leid und sucht dann bei anderen Partnern ein ausgeglicheneres Verhältnis. Und dadurch verzettelt man sich dann halt in seinen Gefühlen. Diesem "Verzetteln" vorzubeugen, ist ein wichtiger Grund, warum das Sich-Hingeben unter den Schutz des Ehesakramentes gestellt werden muß!
Doch das geistig-seelische Geben kann man gewiß nach Herzenslust "ausprobieren" !
Konkret zum von keinem Gebot oder Verbot eingeengten geistigen Geben sollte sich das Mädchen fragen: Motiviert der Partner mich zum Schönen, zum Idealen, kann er mich für geistige Erlebnisse begeistern, ist er selbst begeisterungsfähig - sei es auf dem Gebiet der Kultur (Kunst, Musik, Reisen, Politik, Hilfe und Verständnis für andere) oder der Natur (Wanderungen, Beobachtungen, Schutz)? Oder fallen ihm nur Dinge ein, die mich nun einmal gar nicht reizen? Kann der Partner mit seinen Interessen (nur wirkliche Interessen behält man auch in der Zukunft bei) in mir etwas zum Schwingen bringen, wovon ich vielleicht noch gar nichts wußte?
Doch muß ich mich auch wieder selbst kritisch fragen: Ist meine Reaktion auf die Bemühungen des Partners echt - oder heuchele ich? Begeistere ich mich etwa in Gegenwart des Partners für die von ihm geliebte klassische Musik, wenn ich allein bin, höre ich jedoch wieder viel lieber ganz etwas anderes ?
Umgekehrt soll sich der Junge (oder eben der Mann) fragen: Gelingt es mir, den anderen zu begeistern - kommen meine Bemühungen überhaupt an?
Die Harmonie oder die Fähigkeit zur Harmonie läßt sich am besten mit dem Schwingen einer Hängeschaukel vergleichen: Schwingt die Schaukel in demselben Rhythmus, in dem sie angestoßen wird? Besteht Harmonie zwischen den Partnern, reicht wenig Energie aus, und das Schwingen macht Spaß und Freude. Besteht keine Veranlagung zur Harmonie mit einem bestimmten Partner, bereitet das Schwingen auch keine "Lust", und es ist abzusehen, wann es zur "Last" wird.

2. Geborgenheit, Sicherheit

Gilt das Wort des Partners?
Fühle ich mich sicher, geborgen bei ihm, wenn ich so richtig ich selbst bin?
Kann ich mir als Mädchen etwa vorstellen, mit ihm in Urlaub zu fahren, und er fühlt sich an moralische Gesetze genauso gebunden wie ich, ja, daß er mich sogar deswegen schätzt und er mir sogar eine mir angenehme Beschützerrolle bietet, ohne mich dabei zu bevormunden oder mir sogar lästig zu werden? Um einem Mädchen die von ihm ersehnte Sicherheit zu geben, ist es einfach unerläßlich, daß sich der Junge an dieselben moralischen Regeln hält wie das Mädchen. Selbst wenn es dem Jungen viel schwerer fällt, so muß auch er durch "Triebverzicht" und "Sublimierung" (Umsetzung des unbefriedigten Geschlechtstriebes in kulturelle Leistungen) mit sich selbst fertig werden. Auch dabei hilft unser christlicher Glaube mit Gebet und Gottvertrauen.
Kann ich zum Partner ein echtes Wir-Gefühl entwickeln? Sehr schön gibt das Bedürfnis nach innerlicher Sicherheit das folgende Gedicht von Uwe Berger wieder:

So eine

Ob wir Lauernden
gegenüberstehen
oder
Widersachern
die Stirn
bieten,

ob du fröhlich
vorstößt
oder mir unbeirrbar
den Rücken deckst,
so eine

bist du,
mit der ich
in den Weltraum
ausstiege.

3. Vertrauen, Liebe

Bin ich fähig, dem anderen meine geheimsten Sehnsüchte und Gefühle zu offenbaren, kann ich dabei so richtig aus mir herausgehen, ohne daß ich befürchten muß, daß er sich irgendwann darüber lustig macht, oder daß er dieses Wissen mißbraucht, um mich auszunutzen? Kann ich so richtig ich selbst sein?
Erzählt der andere in unbefangener Weise von sich, ist er dabei ebenfalls so richtig er-selbst? Berührt mich unmittelbar, was er erzählt, höre ich gern mehr - oder langweilt es mich?
Kann ich mindestens genauso offen sein wie als Junge bei seinem besten Freund oder als Mädchen bei seiner besten Freundin oder bei anderen Vertrauten?
Kann ich ihm meine Zukunftsträume anvertrauen, spüre ich, daß er sie mit mir gemeinsam verwirklichen möchte, weil er ähnlich träumt?

4. Freiheit, Unabhängigkeit

Kann ich so richtig ich selbst sein? Fühle ich mich vom Partner bevormundet? Fühle ich mich trotz der Nähe des Partners frei, unabhängig? Ist er gar der, durch den ich erst so recht spüre, was Freiheit, was Unabhängigkeit bedeutet?
Ist der andere fair, das heißt "spielt" er korrekt? Kann ich ihm gegenüber korrekt "spielen"? Wie geht der andere mit meinen Gefühlen um?
Diesen Fragen an den anderen sollte allerdings ich auch Fragen an mich gegenüberstellen: Wie gehe ich mit den Gefühlen anderer um? Bin ich überhaupt fair und charaktervoll? Oder entfache ich etwa gerne in anderen "Feuer", um mich dann, wenn es ernst wird, abzuwenden? Verdiene ich es überhaupt, daß andere mit mir fair spielen? Bin ich mir bewußt, daß mangelnde Fairness meinerseits eines Tages auf mich zurückkommen wird, eben weil ich von charaktervollem Spiel keine Ahnung habe? Dieses Fair-Sein muß geübt werden - noch heute damit anfangen!

Habe ich die gleiche Sehnsucht nach "Abenteuer und Freiheit" wie der Partner? Komme ich durch ihn der Verwirklichung näher? Oder ist der Partner gar (zumindest in meinen Augen) ein Stubenhocker, der noch ein schiefes Gesicht zieht, wenn ich einmal etwas unternehmen will, und muß ich erst noch um Erlaubnis fragen?
Wohlgemerkt: Es müssen nicht unbedingt große und bedeutende Reisen sein, um das Erlebnis von "Abenteuer und Freiheit" zu erfahren, denn solche Reisen können auch Flucht vor sich selbst sein und Versuche, die gegenseitige Fremdheit zu übertünchen. Freiheit und Abenteuer kann sich aber auch vor allem in der Unabhängigkeit von bestimmten Modetrends, von überholten Zwängen oder von sinnlosen Reglementierungen zeigen. Freiheit und Unabhängigkeit kann auch darin bestehen, daß ich mich für kulturelle Werte interessiere und begeistere, wie sie in meiner Familie weder erahnt und noch weniger geschätzt und gepflegt werden. Ergänzen sich mein Partner und ich bei der Entdeckung von Abenteuer und Freiheit, oder muß ich dabei sogar meine eigenen Wünsche um des lieben Friedens willen unterdrücken?
Kompromisse sind in jeder Gemeinschaft ein notwendiges Übel, doch leider behindern sie auch die freie Entfaltung. Bei der Planung einer Partnerschaft fürs Leben sollten daher möglichst wenige Kompromisse geschlossen werden müssen, denn irgendwann wird man die Kompromisse leid, und dann wirft man seinem Partner die verlorene Jugend an den Kopf: "Ich habe immer nur das gemacht, was du wolltest, meine ganze Jugend habe ich dir geopfert..."
Im späteren Leben müssen ganz von allein noch genug Kompromisse geschlossen werden, etwa wenn Krankheiten eintreten, wenn Kinder kommen, wenn man mit dem Geld besondere eng kalkulieren muß.

5. Selbstachtung

Findet es der andere gut, wenn ich so richtig ich selbst bin? Stärkt der andere mich in meiner Selbstachtung - nicht hohl und schmeichlerisch, sondern aufbauend und ermunternd? Verlangt der andere, daß ich mein vom christlichen Glauben geprägtes Lebensideal aufgebe öder unterstützt er mich sogar noch in der Festigung diese Ideale? Bietet der Partner mir Gelegenheiten, mein Selbstwertgefühl zu steigern?

So sehr heutzutage die "Ehe auf Probe" mit allen entsprechenden Konsequenzen modern ist, ein Partner, dem die Selbstachtung seiner Partnerin wirklich am Herzen liegt, wird auch heute noch freiwillig auf alles verzichten, wodurch diese Selbstachtung wie auch die Unabhängigkeit der geliebten Partnerin beeinträchtigt werden könnten. Er wird sich vielmehr bewußt sein, daß er umsomehr von seiner Partnerin hat, je mehr echtes Selbstwertgefühl sie hat und je weniger sie zu "Ersatzbefriedigungen" für mangelndes Selbstwertgefühl wie besonders teure Kleider, luxuriöse Autos, verschwenderischen Urlaub greifen muß. Und als Mann ist man auch hautnah vom Selbstwertgefühl der Frau betroffen: Man braucht auch keine "Ersatzbefriedigungen" für mangelndes Selbstwertgefühl bei sich selbst; eine geliebte Frau mit Selbstwertgefühl bedeutet unmittelbare Erfüllung.
Bei mangelnder Harmonie der fünf geistig-seelischen Grundbedürfnisse ist dringend von einer Intensivierung des Kontakte im "körperlichen" Bereich abzuraten, selbst wenn die spontane Hingezogenheit noch so groß ist. Diese Hingezogenheit wird nur zu leicht als "Liebe" interpretiert, doch handelt es sich eher um die erwähnte Faszination, die als Grundlage für eine harmonische Ehe völlig ungeeignet ist. Wenn die geistig-seelischen Grundbedürfnisse allerdings durch und durch auf natürlich individuell unterschiedliche Weise erfüllt sind und es die Partner dann auch nach körperlicher Erfüllung und Ergänzung drängt, kann man eher von echter "Liebe" reden. Das gemeinsame Schwingen im geistig-seelischen Bereich springt sozusagen in eine andere Qualität über. Diesen Überspringen kann zwar etwas länger dauern als ein Zueinanderhingezogenwerden über die Faszination, dafür ist die Wirkung jedoch erheblich tiefer und anhaltender. Natürlich braucht es auch überhaupt zu keinem "Überspringen" zu kommen - wir erkennen daraus ein "(Ersatz-)Geschwisterverhältnis" und sollten es auch dabei belassen.

b) "Erprobung" der leiblich-orgastischen Harmonie

Während es bei den geistig-seelischen Bedürfnissen noch die Möglichkeit der Interpretation gibt, man kann sich etwa etwas einreden, ist das bei den leiblich-orgastischen Sehnsüchten nicht mehr möglich! Gerade bei der Frau "geschieht" hier etwas, was sich einwandfrei erkennen läßt! Mit rein äußerlichen Reizungen hat das allerdings - besonders bei einem "unerfahrenen" jungen Mädchen nichts zu tun. Hier sei an Kapitel I erinnert: "Der Orgasmus ist ein psychisches Phänomen, das aus der Tiefe der menschlichen Person entsteht, die ganze Person total erfaßt und sogar erschüttert", Und das hat weder etwas mit dem als "Liebesvorspiel" getarnten "Herumfummeln", noch mit der Erprobung des biologischen Zusammenpassens von Glied und Scheide zu tun - das sind alles nur "Tarnungen", um ans "Ziel" zu kommen, damit wird nur die wirkliche Liebe zerstört und die Orgasmusfähigkeit keinesfalls gefördert!

Doch wie ist die Feststellung einer solchen körperlichen Harmonie ohne kaum wiedergutzumachende Beeinträchtigung möglich? Gibt es da überhaupt ein "Patentrezept"? Völlig unproblematisch ist hier wahrscheinlich nichts, doch scheint es mir nach vieler Beschäftigung mit entsprechender Literatur und nach noch mehr Gesprächen einen praktikablen Ausweg zu geben. Die Natur hat da nämlich wohl eine ziemlich risikofreie Chance gelassen, die leider viel zu wenig beachtet wird. Um zu verdeutlichen, wovon hier die Rede ist, möchte ich im ungefähren Wortlaut einen Tonbandmitschnitt wiedergeben, den uns als Studenten während unseres Studiums ein Psychiater aus seiner Eheberatungspraxis vorgeführt hat. In einer Gruppensitzung mit einigen Ehepaaren beklagte sich da eine Frau heftigst, daß die ganzen psychotherapeutischen Sitzungen wehrend der vergangenen zwei Jahre am Wesentlichen vorbeigegangen seien, denn um ihre tatsächliche Problematik sei immer nur herumgeredet worden. Ihr Problem sei ganz einfach, daß sie mit ihrem Mann nicht sexuell harmoniere - und dies bringe sie fast zur Verzweiflung. Sie komme bei ihrem  Mann einfach zu keinem Orgasmus, keinem sexuellen Höhepunkt. Sie fühle sich schon völlig unwohl, wenn ihr Mann einmal in der Woche abends mit einer Flasche Wein ankomme, weil sie schon wußte, was diese "Einleitung" zu bedeuten hätte... Ihr sei die ganze Sexualität mit ihrem Mann inzwischen völlig zuwider. Dabei sei sie sexuell nicht im geringsten frigide. So habe sie vor ihrer Ehe einen Jungen gekannt, bei dessen Anblick von weitem sie schon in Hochstimmung gekommen sei. "Wir flogen sozusagen aufeinander zu, ich hatte jedesmal, wenn wir uns auch nur aneinander drückten, einen Höhepunkt - und das, obwohl wir uns noch nicht einmal nackt gesehen hatten". Leider sei der Junge fortgezogen und habe sich nicht mehr weiter für sie interessiert. Sie habe einige Jahre später ihren Mann kennengelernt und geheiratet in der Meinung, eine solche Hochstimmung wie bei ihrem "ersten Freund" sei normal. Aber das sei ein Irrtum gewesen, ihre Ehe jetzt sei in dieser Hinsicht ein reines Fiasko. Und ihre Unausgefülltheit würde sich auch auf alles andere in der Ehe übertragen und negativ auswirken.
Und jetzt begegne ihr hin und wieder ein junger Mann aus der Nachbarschaft, bei dem sie von einem gewissen besonderen Blickkontakt her das typische "eigenartige Knistern" empfinde und wußte, daß alles genauso "klappen" würde wie bei ihrem ersten Freund. Sie wolle aber ihre Ehe nicht zerstören und aufgeben, um mit diesem Mann in Kontakt zu kommen, denn sie liebe ihren Mann, ihre Kinder, ihre Familie. Sie sei höchst unglücklich, weil für alle Zukunft keine Aussicht auf Änderung ihrer Lage bestünde - und, man hörte es, sie weinte sogar.

Anhand dieses Berichtes erkennen wir einerseits, welche Bedeutung das orgastische Erlebnis besonders für eine Frau hat, aber auch, daß dieses orgastische Erlebnis gerade für die Frau schon möglich ist ohne Geschlechtsverkehr, ohne bestimmte "Manipulationen" (sogenanntes "Herumfummeln"), ohne gegenseitiges Berühren der Geschlechtsteile (sogenanntes "Petting"), ja sogar in kompletter Kleidung. Es kommt halt nur auf den entsprechenden Partner an, dann reichen schon relativ geringe körperliche Kontakte, die nun wirklich auch von unverheirateten Menschen zu verantworten sind - auch im Hinblick auf unseren christlichen Glauben.
Ob eine Frau auch im körperlichen Bereich mit ihrem Partner harmoniert, ob sie also mit ihm zu ihrem Orgasmus kommt, hängt  wohl genau von dem wichtigsten geistigen Moment der Partnerschaft ab: Kann sie beim Partner völlig sie selbst sein? Die Verliebtheit - mag sie noch so aufwühlend und allumfassend sein - dürfte da eine untergeordnete Rolle spielen und keinesfalls vor Verkrampftheit, dem größten Feind der körperlichen Harmonie, schützen. Daher kann es sogar überflüssig sein, die körperliche Harmonie vor der Ehe überhaupt zu "testen"! Man "weiß" es einfach, daß es "klappt", weil man im Gegenüber des anderen völlig man-selbst ist ! Dieses völlige Manselbstsein ist die wesentliche Voraussetzung zur Orgasmusfähigkeit!

Die Erklärung für die Möglichkeit, "Jungfrau" zu bleiben und trotzdem körperliche Harmonie festzustellen, ergibt sich aus folgenden Gegebenheiten:

1. Alle Nervenzellen, die bei der Frau für das Orgasmuserlebnis zuständig sind, befinden sich im äußeren Bereich, das heißt ein "Mehr" an Intimität bringt zunächst einmal nicht auch ein "Mehr" an Erlebnis.

2. Bei geistig-seelischer Harmonie, die ja hier vorausgesetzt wird, stimmen das Gefühl von Vertrauen, Sicherheit, Geborgenheit. Vor allem fehlt auch die Angst vor dem Ungewissen. Diese ganze psychische Situation wirkt höchst befreiend und ermunternd. Wenn trotzdem ein Mädchen dann nicht aus sich herausgeht, so ist das ein sicheres Zeichen für fehlende geistig-seelische Harmonie mit dem Partner. Ein Weitergehen - auch in einer späteren Ehe kommt einer Vergewaltigung gleich und darf daher einfach nicht geschehen.

Es muß an dieser Stelle wohl einmal ganz deutlich darauf hingewiesen werden, daß selbst ein Durchbrechen der Scham gerade bei Menschen, die noch nie Geschlechtsverkehr hatten und auch sonst gelernt haben, sich zusammenzunehmen, keinesfalls zu Intimverkehr führen muß. Gerade solche Menschen können so von der Achtung füreinander erfüllt sein, daß es ihnen gar nicht einmal schwer fällt, sich zusammenzunehmen. Wir können uns in solchen Situationen tatsächlich auf unseren Willen verlassen. Ohne diesen Willen, der natürlich durch Überrumplung gebrochen werden kann, kann kaum etwas an Intimverkehr geschehen. Es kommt immer wieder auf den Partner an, und ein Mädchen sollte sich gut überlegen, ob es sich in seinem Leben einem Mann anvertraut, dem es schon hier nicht traut.

Nach dem Motto "Wer alles verbietet, macht sich unglaubwürdig und erreicht gar nichts", sage ich hier ganz deutlich: Es gibt Situationen, die so spannungsgeladen sind und nach Entladung drängen, daß es ziemlich menschenunmöglich ist, sich noch zu "bremsen". Sei Dir als Mädchen allerdings in jedem Fall in solchen Situationen zu fein und zu schade dafür, daß der Partner Dich anfängt mit seinen Händen zu intensiv und dabei vor allem an den Geschlechtsteilen zu berühren! Schmutziger Zweck dieser "Übung" ist, daß Dein Verlangen nach Befriedigung auf die Geschlechtsteile konzentriert wird - mit Liebe hat das dann gar nichts mehr zu tun, da geht es nur noch ums Gefügig- und Scharfmachen. Du sollst "übergabereif" gemacht werden, Du sollst Folterqualen ausstehen, um dann den tatsächlichen Geschlechtsverkehr geradezu zu ersehnen, wenn nicht am selben Tag, so doch bei nächster Gelegenheit, die Du möglichst auch noch einfädelst. (Du erinnerst Dich an die Geschichte mit der Suppe im Gefängnis?) Wehr´ Dich entschieden gegen solche hinterhältige Taktik, die Dein ganzes Lebenskonzept im Hinblick auf eine glückliche und harmonische Partnerschaft zu einem Mann durchkreuzt, wenn sie gelingt. Sieh zu, daß Dein Partner rechtzeitig von Dir abläßt. Berühre erforderlichenfalls seine Geschlechtsteile mit Deinen Händen, damit er sich "entspannt" und Ruhe gibt. Erlaubt ist jetzt alles - wach´ endlich auf! (Es gibt da auch noch die Möglichkeit, vor allem bei einer drohenden Vergewaltigung, mehr oder weniger sanft zuzuschlagen. So ein Schlag auf die Genitalien tut einem Mann nämlich sehr weh und verhindert seine weitere Lust!)
Der Junge (oder Mann), der über solche Taktik zu seinem Ziel gelangen will, will mit Sicherheit nicht das Beste bei seinem Mädchen, er will sich vielmehr den Weg über für das Mädchen erfüllende geistig-seelische Harmonie und mühevolle Aufopferung sparen, möglicherweise fehlen ihm für das betreffende Mädchen alle wirklich wertvollen Gefühle. Ihm geht es also um reine Befriedigung seiner Triebe. Jetzt erst erkennst Du, wen Du wirklich vor Dir hast! Und selbst wenn die Dauer der Beziehung zugesichert ist, willst Du mit einem solchen Partner wirklich Dein Leben aufbauen? Auch kann es sein, daß der Partner Dich durch den Intimverkehr an sich ketten will, und irgendwann spürst Du dann die Leere und läufst einem solchen Menschen schon von alleine weg! (Verurteile aber einen Jungen oder Mann allerdings hier nicht grundsätzlich: Es kann sein, daß ihm nur Dir gegenüber die rechte Achtung fehlt, weil Ihr einfach nicht miteinander harmoniert, daß er sich aber einem anderen Mädchen gegenüber durchaus fair verhält. Du hilfst somit durch Dein Verhalten nicht nur Dir selbst, sondern auch dem Jungen. Und es kann schließlich möglich sein, daß der Junge das bei einem modernen Sexualkundeunterricht gehört hat, daß das alles so gut ist. In jedem Fall ist Miteinanderreden angebracht!)
Und wenn Du schon meinst, nicht ganz auf eine voreheliche körperliche Begegnung verzichten zu können, dann behalte wenigstens im letzten noch klaren Kopf! Gib Dich nicht ganz auf! "Die Beine zusammen und Gott vor Augen!" Laß - was auch immer Ihr tut - möglichst weitgehend Deine Genitalien, verhüllt oder unverhüllt, aus dem Spiel, vermeide jede bewußte unnötige Berührung! So paradox es klingen mag, "ungefährlicher" ist sogar ein "textilfreies" Zusammensein, sofern man genügend nüchtern dabei ist, als solche Berührung! Überlege, ob der Wunsch nach Befriedigung im Vordergrund steht oder ob alles Ausdruck intensiver Lebensfreude ist! Geht es trotz aller körperlichen Hingezogenheit um etwas Geistiges oder um Sinnlich-Triebhaftes? Versucht der Partner gar noch, Deinen Trieb erst richtig zu wecken - und wenn es durch Küssen geschieht? Die Entzündung von Lebensfreude ist ein positives Zeichen, denn Lebensfreude ist personenabhängig; der Wunsch nach Triebbefriedigung kann allerdings auch bei mehr oder weniger anonymen Partnern aufkommen und erinnert daher fatal an das, um was es auch im Bordell geht. Brich´ eine solche Beziehung ab, sei Dir zu schade!
Gegenüber tatsächlichem vorehelichen Geschlechtsverkehr haben solche "Erlebnisse" enorme Vorteile: Man gewinnt nicht nur wertvolle Zeit, in der man feststellen kann, ob die Hingezogenheit zueinander nicht nur einem vorübergehenden Rausch entsprungen ist, um bald in Fremdheit und Langeweile auszulaufen. Man kann vielmehr auch erkennen, ob man sich beim Partner tatsächlich fallen lassen kann, wieweit man also Sie selbst sein kann. Oder mußt Du Dich gar verkrampfen, um Dir selbst treu zu bleiben? Vor allem kannst Du leichter die Beziehung abbrechen, wenn Du merkst, daß außer dem Wunsch des Partners nach Befriedigung nicht viel dahinter steht. Du hast gegenüber einem neuen Partner dann einen absolut guten Stand. Da im Grunde "nichts" gewesen war, kannst Du Dich unbefangen dann wieder einmal von einem anderen Partner begeistern lassen. Es ist noch alles offen: Somit bedeutet Enthaltsamkeit im letzten Ansporn, die Partnerschaft auch geistig in Schwung zu halten. Das Leben wird durch solche "gezielte Enthaltsamkeit" nur intensiver! Borneman meint sogar: "Keuschheit fördert die Phantasie!"
Und nicht zuletzt: Bei dem empfohlenen "Verfahren" gibt es keine Schwangerschaftsgefahr und auch keine Aids-Ansteckungsgefahr. Solche Ansteckungsgefahr tritt im übrigen erst so richtig nach einer Enttäuschung ein, wenn Sie auf der Suche nach einem Partner, der wirklich zu Ihnen hält, dann nach einmal erfolgtem Geschlechtsverkehr nicht mehr so "zimperlich" mit weiteren Partnern sein wollen und können.

Und um Dich als Junge oder Mann einmal anzusprechen: Denke doch bitte daran, wie risikobeladen vor allem für ein Mädchen vollendeter vorehelicher Geschlechtsverkehr ist. Geht es Dir nicht nahe, wenn ein Mädchen, das mit Dir seinen ersten Verkehr hat, durch Dich erst einmal von der Liebe enttäuscht ist? Ist es Dir gleichgültig, wenn sich das Mädchen daraufhin weiteren Partnern zuwendet, von denen es dann regelrecht ausgenutzt wird?

Außerdem: Wenn Du schon an Dir selbst erfahren hast, wie Du Dich selbst mit Deinen Fingern durch Selbstbefriedigung "außer Gefecht" setzen kannst, so unterlaß doch wenigstens solche "Handarbeit" bei den Mädchen. Solche Selbstbefriedigung ist schon für Dich selbst ein schwaches Zeichen, charakterlos wird das "Verfahren" aber, wenn Du damit noch andere gefügig machen willst. Werde doch endlich Mann und sieh Deine Verantwortung! Vergegenwärtige Dir: Man kann ein Mädchen auch zur Dirne machen. Habe nicht nur Verständnis, sondern finde es doch einmal höchst anerkennenswert und ganz wundervoll, wenn ein Mädchen wegen aller dieser Probleme nicht auf den Segen Gottes vor dem letzten entscheidenden Schritt verzichten möchte.

Es sieht sogar so aus, daß die Verfasser der Urgeschichte das hier empfohlene "Testverhalten" durchaus akzeptieren: Gott hat verboten, von der Frucht zu essen, das Verbot des "Daranrührens" hat erst die Frau dazu frei erfunden. Das kann doch nur bedeuten, daß erst der "Verkehr" als problematisch angesehen wird (siehe Genesis 3, 3)!

Auch die "Stimme des Volkes", also was auf der Straße geredet wird, urteilt hier keineswegs abfällig über solches "Testverhalten". Ich erinnere mich, daß ein Mädchen mit solcher Einstellung einmal als ausgesprochen clever bezeichnet wurde: "Die ist pfiffig, die ist nicht prüde, aber die weiß, was sie will!" (Erinnerst Du Dich demgegenüber an das nur zu häufige vernichtende Urteil zum vorehelichen Intimverkehr?)
Es besteht also kein Grund für junge Leute, nicht auch bewußt zu solchem Verhalten zu stehen. Sie sollten jedoch das "Spiel" nicht zu weit treiben, vor allem nicht mit häufig wechselnden Partnern, denn für Ihr Gefühlsleben ist das dann keineswegs von Vorteil! Sicher willst Du Dir als Mädchen außerdem nicht den dann fälligen auch wieder zweifelhaften Ruf einer "Halbjungfrau" einhandeln. Immerhin solltest Du Dir bewußt sein, daß es hier einen sehr großen Spielraum ohne Geschlechtsverkehr gibt.

Wenn mir Mädchen und Frauen von ihren "Enttäuschungen" berichten, dann erfahre ich auch immer, daß sie bis zu dem Moment, wo dann "alles" "passiert" war, stets höchst "schamvoll" waren. Öffentliches Nacktbaden etwa wäre für sie nie in Frage gekommen. Ich frage mich da: Was hat solche "Schammoral" für einen Sinn, wenn sie doch vor dem "Eigentlichen" nicht schützt? Wiegt solche "Moral" nicht gar den jungen Menschen in einer trügerischen Sicherheit, die eine aktive innere Auseinandersetzung verhindert, die allein hilfreich wäre? Ist solche "Moral" daher nicht nur hohl und nutzlos, sondern sogar "sittengefährdender Aberglaube", wenn man mit Aberglaube einen Glauben an eine trügerische Macht bezeichnet? Wir erinnern uns, daß jemand, der an einem Brunnenrand herumhampelt, anders behandelt werden muß als einer, der bereits in den Brunnen gefallen ist, daher ist es für viele Erzieher hier schwierig, sich in die jungen Menschen hinein zu versetzen.

Das Verhalten der meisten jungen Leute nach der bisherigen Praxis ist demgegenüber paradox: Vorehelicher Geschlechtsverkehr wird als notwendige "Erfahrung" befürwortet, selbst wenn man sich dabei "umsonst" hingibt, man auf sehr häßliche Weise hereinfällt und noch lebenslang eine unschöne Erinnerung behält. Merkwürdigerweise haben junge Leute schon vor dem Nacktsein, etwa im Sommerurlaub am Meeresstrand, das bis auf eventuellen Sonnenbrand nun wirklich folgenlos ist und letztlich sogar nur positive Gefühle von Freiheit, Offenheit, Vertrauen vermittelt, nur zu oft panische Angst. Dabei ist dieses Schamgefühl doch schon längst durchlöchert: Wir entblößen uns ja unbedenklich vor dem Arzt, also sogar vor einem Menschen des anderen Geschlechts, den wir kaum kennen - warum sollen wir uns nicht auch dort entblößen, wo es uns Spaß macht?

Daß die Scham zur Sexualmoral gehört, ergibt sich noch nicht einmal aus der Urgeschichte der Bibel. In dieser Geschichte wird ja festgestellt, daß das Bedürfnis, sich zu bekleiden, erst die Folge der "Sünde" ist. Wir können da die Adam-und-Eva-Geschichte sinngemäß weiterinterpretieren: Wer also ganz bewußt nicht sündigen will, für den ist auch das Problem der Scham in geeigneten Situationen nicht von Bedeutung. Unser angeblich angeborenes natürliches Schamempfinden ist höchstwahrscheinlich anerzogen" oder "erlernt" (wie die Psychologen sagen), ähnlich wie wir auch Ekelgefühle etwa gegen bestimmte Speisen oder Tiere "erlernen". Wir stehen hier in der Abhängigkeit von Leuten, die offenbar allen Grund zu solchem Schamempfinden haben.

Wir sollten uns ganz bewußt nicht alles versagen, denn wenn wir zu "eng" sind, besteht die Gefahr, daß wir im Fall großer gefühlsmäßiger Bewegung dann alle Vorsätze komplett über Bord werfen, einfach weil wir nicht gelernt haben, mit uns umzugehen. Der heilige Thomas Morus, der wegen seiner Prinzipienstrenge unter dem englischen König Heinrich VIII. sogar zum Märtyrer wurde, fand es in seinem zeitkritischen Roman "Utopia" sogar befremdlich, daß sich Menschen vor einem Versprechen, das auf eine lebenslange Verbindung ausgerichtet ist, noch nicht einmal "nackt" sehen dürfen, "wo man" anderswo "beim Ankauf eines armseligen Pferdes, bei dem es sich doch nur um ein paar Goldstücke handelt, so vorsichtig ist, daß man den Ankauf verweigert, ehe nicht der Sattel abgenommen ist und alle Pferdedecken entfernt sind (obwohl das Tier doch von Natur fast nackt ist), damit ja nicht unter diesen Verhüllungen irgendein Schaden versteckt bleiben kann; dagegen bei der Auswahl der Ehefrau (Anm.: und natürlich auch des Ehemanns!), in einer Angelegenheit also, aus der Lust oder Ekel für das ganze Leben folgt, verfährt man so nachlässig, daß man hier das ganze Weib nach kaum einer Spanne seines Leibes beurteilt..." Er beschreibt daher, wie in dem von ihm erdachten idealen Land "Utopia" die zur Heirat bereiten Eheleute erst einmal nackt gegenseitig vorgestellt werden! (Thomas Morus, Utopia, Reclam 513, S. 112 f - das komplette Zitat siehe unter Basisreligion, Stichwort Mittelalter.)

Diese ganze "Prozedur" könnte man sich natürlich sparen, wenn sich die Menschen an ein "Durchbrechen" der Scham gewöhnen. Gerade Mädchen können hier den Jungen ganz allgemein helfen, im positiven Sinn unbefangen zu sein, ja, sehr bald bliebe den Jungen gar nichts anderes mehr übrig, als sich um solche Unbefangenheit zu bemühen. Dabei wird unbefangenes Verhalten durch eine größere Gemeinschaft eher gefördert, was etwa in "trauter Zweisamkeit" oft nur schwer oder gar nicht möglich ist. Unsere Bedenken, daß mit der Abkehr von dem heute noch als "anständig" geltenden Schamverhalten auch die sexuelle Anziehungskraft verschwindet oder zumindest leidet, sind oberflächlich: Es schwinden doch nur diejenigen Gefühle, die auf oberflächliche, rein äußerliche Reize reagieren - und die sollen schließlich auch verschwinden. Das, was aus der Tiefe des Herzens kommt, kann umso deutlicher erstrahlen! Das Geistig-Seelische gewinnt durch solche Gewöhnung nur an Bedeutung! Da gibt es einfach keine Alternative: Für unbefangene junge Menschen ist sexuelle Enthaltsamkeit Willenssache! Im übrigen ist eine Lebenseinstellung, die nicht auf dem Willen aufbaut, sondern auf Äußerlichkeiten wie etwa auf Textilien, für den "Ernstfall" sowieso untauglich: Wie schnell sind solche Textilien dann weggeworfen! Eine Sexualmoral hat etwas mit einer unbedingten Einstellung zu tun, und bei solcher unbedingten Einstellung sind Textilien dann eben auch nicht mehr von grundsätzlicher Bedeutung.

Wir sollten uns überhaupt zur Frage der Textilien bewußt sein: Jedes Mädchen, jede Frau möchte sich nur zu gern vor einem Mann, dem sie wirklich vertraut, ausziehen! Das heißt aber längst nicht, daß sie auch intim werden möchte, ja sie möchte wahrscheinlich noch nicht einmal "angerührt" werden. Leider wird das eigentlich immer von Männern mißverstanden. Es ist einfach Lebensfreude und Sympathie!

Ob hier nicht noch ganz tief die Sehnsucht nach dem Paradies, nach dem Nacktsein, ohne sich zu schämen, in uns steckt? Ob die Notwendigkeit, sich zu bekleiden, nicht ein Zeichen der Angst vor dem anderen ist, die wir nur zu gerne aufgeben würden?
Mach´ Dir als Mädchen es also doch zur inneren Vorbedingung an einen Partner, daß Du das kannst! Kannst Du Dir vorstellen, ihm gegenüber nackt zu sein, ohne Dich zu schämen oder Angst zu haben? Versteht er Dich hier, kannst Du mit ihm über das alles unbefangen reden, oder kommst Du Dir lächerlich vor oder hast gar Angst, als bekloppt zu gelten? Respektiert Dein Freund Deinen Wunsch, daß "nichts passiert", unterstützt er Dich vielleicht sogar noch dabei, freut er sich oder ist er ungehalten, weil "nicht mehr drin ist"?
Und wenn Du Dir den ersten Geschlechtsverkehr mit Ihrem Partner in der Phantasie ausmalst: Kannst Du Dir den so begeistert  und aktiv vorstellen wie die "Brida" in der Geschichte von "Ranieri und Brida" im Gespräch 19 der Vertraulichen Gespräche? Wenn nicht, laß es bloß bleiben, da kommt dann doch nur "eine Vergewaltigung mit Deiner Zustimmung" heraus!

Achte vorerst jedoch einmal darauf, daß Du Dich in Gegenwart Ihres Partners wirklich wohl fühlst, daß Ihr gut und befreiend miteinander reden könnt! Denn das ist ein sicheres Zeichen für Rücksicht und Verständnis nicht nur in der jetzigen Situation, sondern auch, daß Du im weiteren Leben in allen anderen Lebensbereichen miteinander auskommt.
Such´ Dir doch von vorneherein einen Partner aus, bei dem solches "paradiesische Geborgensein" möglich ist! Das gehört doch zum sinnvollen "Vorspiel einer Ehe" - und nicht das schnöde Herumfummeln!

Du wirst leicht einsehen, daß das alles am unkompliziertesten bei den Jungen möglich ist, die dieselbe Auffassung von Moral haben wie Du, diese Jungen kommen auch am ehesten von allein auf solche Vorstellungen und halten sich gerne dran. Höre genau hin und hin und beweise Menschenkenntnis! Fliehe diejenigen mit einem anderen Konzept!
Wie heißt es beim Psalmisten?
"Lieber auf der Schwelle liegen am Hause meines Gottes als in den Zelten des Frevels wohnen!" (Psalm 84)
Und das Nichthalten der Gebote Gottes ist eben "Frevel"!
Zuletzt noch zur äußerlichen Anziehung ein Hinweis: Wir sollten uns bewußt sein, daß Mann und Frau hier höchst unterschiedlich reagieren. Für den Mann sind die rein äußerlichen Reize einer Frau gewiß erst einmal von recht hoher Bedeutung, sie sind nun einmal wichtig für ihn, wobei natürlich auch die Vorstellungen von diesen Reizen unterschiedlich sind. Bei der Frau ist das weitgehend anders: Ihr hilft etwa die "Schönheit" eines Mannes gar nichts - für ihr Glück sind vielmehr Wesen und Persönlichkeit viel ausschlaggebender. Für die Frau ist wichtig, wie wohl, wie geborgen sie sich bei einem Mann fühlen kann, wie "nackt" sie bei ihm sein kann. Interessanterweise ist auch die Stimme des Mannes von Bedeutung.
Glücklicherweise sind bei alledem die "Geschmäcker" verschieden. Leider merken die meisten Frauen erst, auf was sie hätten  achten sollen, nachdem sie sich nur zu oft genug in das für sie im Grunde bedeutungslose Äußere von Männern verrannt haben!

Zuletzt noch eine eindringliche Warnung zu den ganzen Sexualspielen: Selbst wenn das alles gegenüber tatsächlichem Geschlechtsverkehr relativ harmlos ist, solltest Du Dir vorher bewußt sein, daß Du Dich da auch sehr weit verrennen kannst. Du hast dann auch eine "rosarote Brille", mit der Du nicht mehr klar sehen kannst. Da das Ganze auch ziemlich unbefangen abläuft, ist es schwer für Dich, wieder einen klaren Blick zu bekommen. Sei daher auch hier auf der Hut und spiel nicht zu leichtsinnig mit dem Feuer!

G. Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen

Die Mutter eines Schülers erzählte mir, daß sie von so einer Ehe, wie ich sie meinen Schülern wünsche, einmal unmittelbar erfahren habe. Eine Frau habe ihr begeistert von ihrem Mann vorgeschwärmt - und da habe sie neugierig gefragt, wie lange sie denn schon verheiratet sei, und zur Antwort bekommen: "28 Jahre, schade, daß es erst 28 Jahre sind". Die Frau sei gar nicht einmal besonders auffällig und hübsch gewesen...

Also gibt es tatsächlich erfüllte, begeisterte Ehen! Und wenn es einige gibt, warum sollte es nicht mehr davon geben, warum sollte es irgendwann in der Zukunft nicht nur solche geben? Wir sollten also schon einmal mit dieser Zukunft anfangen und nicht aufgeben, eine solche Ehe anzustreben! Haben wir nicht nur ein einziges Leben und ist dieses eine Leben nicht für "halbe Sachen", was Gefühle und Vernunft angeht, einfach zu schade? Denn nur "Ganze-Sache-Ehen" sind gewiß von Gott verbunden, gleichwie gläubig die Partner auch sein mögen.
Wenn viele Menschen heute in Partnerschaften hineinstolpern, diese wieder lösen, sich anderweitig neu zusammenfinden und sich so mit mehr oder weniger Erfolg mit dem Leben arrangieren, so hat das sicher nichts mit unseren christlichen Idealen von Ehe und Partnerschaft zu tun - ja, sehr schnell beginnt sogar das, was das "Alte Testament" bei den Nachbarvölkern Israels als "Prostitution" empfand und verurteilte. Doch es ist ganz gewiß nicht im Sinne Jesu, hierfür die Schuld ausschließlich den unmittelbar Betroffenen zuzuweisen! Denn nicht einmal die Dirne hat Jesus verurteilt, verurteilt aber hat er vielmehr die Priester und Lehrer der damaligen Zeit, weil sie sich ganz offensichtlich für das Glück ihrer Gläubigen als nicht zuständig gefühlt und sie daher nicht überzeugend geführt haben: "Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Ihr selbst geht nicht hinein; aber ihr laßt auch die nicht hinein, die hineingehen wollen" (Mt, 23, 13).
Und wie ist das heute? Können die Menschen nach den Empfehlungen der Glaubensverkündigung überhaupt Zugang zum Glauben finden und danach leben? Sind wir Theologen und Pädagogen heute nicht am Ende weitgehend vergleichbar mit den Kollegen von vor zweitausend Jahren, die Jesus so angegriffen hatte?

Für wirklich von Gott zusammengeführte Ehen ergeben sich wohl folgende Kriterien:

1. Dem "lieben Gott" eine Chance lassen!

Wenn wir uns zuerst über alle Normen und Empfehlungen unseres christlichen Glaubens hinwegsetzen, um anschließend zu jammern, wie sehr wir uns vertan haben, und dann noch Gott anklagen, dann machen wir Gott doch zum "Nachtwächter"! Was bleibt Gott denn dann noch zu tun übrig, wo wir doch schon "gehandelt" haben? Es ist zwar tröstlich zu wissen, daß ein Gebet zu Gott auch dann noch Hilfe bringt, aber eigentlich beweist solches Verhalten doch höchst inkonsequente Spießigkeit!
Wir lassen nicht nur hier Gott keine Chance, wir lassen ihn auch aus dem Spiel, wenn wir zum Beispiel aufgrund einer "Verliebtheit" in unserem Bittgebet (bitte, lieber Gott, "den" "will" ich!) auf einem bestimmten Partner bestehen und gar nicht mehr offen für weitere Überlegungen sind. Auch wenn wir irgendetwas anderes als geistig-seelisch-leibliche Ziele für eine Ehe anstreben, bleibt dem "lieben Gott" keine Chance mehr, uns zu einer wirklich erfüllenden Harmonie zu führen.
Sogar wenn eine Ehe mit allen möglichen kirchlichen Zeremonien vor dem Traualtar schließlich "ratifiziert" wird, ist sie also noch lange nicht von Gott zusammengeführt, es kann sich dabei auch um den unwürdigen Empfang eines Sakramentes handeln!

2. Nicht durch andere Menschen trennen lassen!

Bisweilen haben etwa die Eltern andere Vorstellungen vom Glück ihrer Kinder als die Kinder selbst. Die Eltern haben für ihre Kinder bestimmte Rollenerwartungen, mit denen besonders "brave" junge Menschen darin nicht in Konflikt geraten möchten. Soweit wir uns wirklich in voller Überzeugung an die Gebote Gottes und an die Empfehlungen unseres christlichen Glaubens halten, dürfen wir uns über solche Rollenerwartungen tatsächlich hinwegsetzen - nicht leichtfertig, aber nach reiflichen Überlegungen doch ohne schlechtes Gewissen. Schließlich muß uns eine Partnerschaft lebenslang erfüllen und nicht jemanden sonst. Aber bedenken wir: Eltern sind eigentlich immer voller Sorge und sehen oft mehr die jungen Leute!

Es gibt da vor allem folgende von Menschen aufgebaute Barrieren, die nirgendwo in den Geboten Gottes oder den offiziellen Empfehlungen unseres Glaubens vorkommen:

  • Rassische und nationale Verschiedenheit: In der Dichtung gibt es da ein berühmtes Paar: Othello und Desdemona im Schauspiel "Othello" von Shakespeare. Die venezianische Kaufmannstochter Desdemona ist Frau des afrikanischen Admirals der venezianischen Flotte im östlichen Mittelmeer im Kampf gegen Sklaverei und Unmenschlichkeit. Desdemona ist vom Idealismus des Othello begeistert: "Wegen deiner Barmherzigkeit liebte ich dich"! (Eindrucksvoll ist auch die gleichnamige Oper von G. Verdi.)
  • Soziale, bildungsmäßige Verschiedenheit, zu großer Altersunterschied: Wichtig sollte hier außer der Erfüllung der Gebote Gottes eigentlich nur sein, ob der Mann zu einer "geistigen Befruchtung" seiner Partnerin imstande ist, und ob die Partnerin für die besondere Art des Mannes eine "Antenne" hat und echte und ehrliche Bereitschaft zeigt. Bei sehr großem Altersunterschied gilt: "Zehn Jahre richtig erfüllt gelebt ist unvergleichlich besser als fünfzig Jahre Langeweile".
    Ein Beispiel für eine gelungene Ehe mit großem Altersunterschied ist die Ehe des Entdeckers des antiken Troja, Heinrich Schliemann, mit seiner Frau Sophia. Das Glück dieser Ehe beruhte darauf, daß die um dreißig Jahre jüngere Sophia die Begeisterung ihres Mannes für die Antike teilte. Die Ehe war im übrigen von Heinrich Schliemann und einem Onkel des Mädchens "arrangiert", von einer "Liebe auf den ersten Blick" kann also vermutlich nicht ausgegangen werden!
  • Konfessionelle Verschiedenheit und erst recht ein Unterschied in der Religionszugehörigkeit sind da eigentlich schon bedeutendere Barrieren, selbst wenn das heute zumeist nicht so gesehen wird: Im Moment der Eheschließung ist zwar nur von Bedeutung, ob die vom Christentum geprägten Ideale "stimmen". Für die Zukunft einer konfessionsverschiedenen Ehe heißt das allerdings schon, daß für eine bewußte religiöse Gestaltung die Basis in einer gemeinsamen Glaubensausübung :fehlt: Noch besuchen ja beide Partner verschiedene Gottesdienste. Für eine vom christlichen Glauben her geführte Ehe, um die es ja geht, ist das sehr betrüblich. Denn eine gemeinsame Glaubensausübung sollte nicht zuletzt einer möglichen Entfremdung der Partner während der Ehe vorbeugen.

3. Nicht die Partnerschaft durch eigene Nachlässigkeit trennen!

Alles, was Routine wird, ist aufs höchste gefährdet - auch und besonders, wenn es etwas so Kostbares ist wie die Liebe zwischen zwei Menschen. Diese Liebe sollte daher als Gnadengeschenk empfunden und dem dauernden Schutz Gottes anvertraut werden.
Eine moderne Interpretation des "Wunders der Weinvermehrung" bei der Hochzeit von Kana weist auf die Notwendigkeit von "Wundern" als Hilfe zu erfüllter Ehe hin  (Wilhelm Wilms <hrsg.>: Mitgift, Kevelaer 1985/5, S. 38):

Spielregel

in dieser geschichte
spielst du mit in
dieser geschichte
spielt ihr mit in
dieser geschichte
spielt jeder mit

es gibt auch bei dir
hoch-zeit
tief-zeit

und auch dir oder euch beiden wird
schon mal der wein ausgehn

gerade dann
wenn ihr es am wenigsten vermutet
oder brauchen könnt

der wein
der freude
des glücks
der wein des vertrauens
und der täglichen zärtlichkeit
so sehr kann der wein ausgehn
daß man glaubt es geht nicht mehr

in solcher Situation
ist diese geschichte
diese bezaubernde geschichte
eine wunderbare Spielregel
und immer dann erinnert euch
an diese geschichte

wenn die krüge in eurem leben leer sind
wenn euer leben leer ist
dann tut
was er euch sagt
tut was zu tun ist
tut was ihr könnt
das einfachste von der welt

gebt was ihr habt -
nie sollen wir etwas halb tun
sondern ganz bis zum rand
sollen wir die leeren krüge füllen
mit dem was wir haben
vielleicht mit unseren tränen
mit unseren ängsten mit
unserer traurigkeit

wer nicht an ein wunder glaubt
ist kein realist
ohne wunder geht kein leben
erst recht kein leben zu zweit
zu dritt
zu viert

und noch etwas wichtiges
dem bräutigam wird vorgeworfen
in dieser geschichte
daß er den guten wein bis zuletzt
aufgehoben hat

der bräutigam schweigt
er verteidigt sich nicht
hat er auch nicht nötig

es wäre kein guter bräutigam
auch keine gute braut
wenn sie am hochzeitstag
gleich am anfang
den besten wein ihres lebens servierten

der eheliche wein
die liebe
muß von tag
von Jahr zu Jahr
köstlicher werden
guter wein wird mit den Jahren besser

das darf auch jeder hoffen
und das muß einer vom andern
in der ehe erwarten
daß alles kostbarer
und reifer wird

und ich glaube schon
daß das alles nicht gelingt
wenn man meint
wir zwei machen das schon

Jesus christus war bei der hochzeit zu kana
gast
und es wäre gut
wenn ER
jesus Christus
auch in Ihrer ehe dauergast wäre
daß Sie nicht bloß zwei sind
die sich zusammengetan haben

wenn ER
jesus Christus
bei Ihnen dauergast ist
stillschweigend dauergast
dann ist Ihre liebe
Ihre ehe ein sakrament
dann ist sie mehr
als nur das was Sie beide einbringen
dann ist Ihre ehe ein kraftfeld
in dem sich alles geheimnisvoll ordnet
dann wird nicht alles funktionieren
dann wird nicht alles reibungslos
ablaufen und klappen
nach den maßstäben dieser welt
aber dann findet alles
eine wunderbare ordnung eine heimat

Sie beide
Ihre kinder
Ihre gäste 
Ihre freunde
Ihre Wohnung
wird zu einem sakramentalen zeichen

In Gefahr ist auch die Brisanz der körperlichen Liebe! Im Laufe der Zeit kann gerade daraus eine fade Angelegenheit werden, wobei sich keiner der Partner mehr so recht gefordert fühlt. Um dies zu verhindern, sollten wir einmal die ablehnende Haltung der Kirche zu den empfängnisverhütenden Mitteln überdenken, ohne dabei gleichzeitig für eine sprunghafte Bevölkerungsvermehrung zu plädieren. Doch nach dem Motto "Jeden Tag Erdbeertorte mit Schlagsahne wird auch irgendwann langweilig" kann auch die heißeste körperliche Liebe, wie sie gerade durch die empfängnisverhütenden Mittel problemlos vollzogen werden kann, mit der Zeit dank einer phantasielosen Regelmäßigkeit an Schwung verlieren. Die "Planung nach der Zeitwahl" führt dagegen zwangsläufig zu zeitweiliger Enthaltsamkeit und damit zu "Hormonüberschuß" während der "empfängnisgefährdeten" Tage. Zumindest in dieser Zeit wird das wieder gefördert, was mit dem Stichwort "Sublimierung" ("Umsetzung des unbefriedigten Geschlechtstriebes in kulturelle Leistungen") bezeichnet wurde. Eine solche Sublimierung kann durchaus "frischen Wind" in eine zur Routine gewordene Beziehung bringen!
Wer Beginn und Dauer seiner Liebe unter die Normen und den Schutz Gottes als einem liebenden Vater stellt, der stets nur das Beste will, dürfte eigentlich nie falsch liegen!

ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK

Selbst wenn es noch so schwer fällt: An und in jedem einzelnen von uns entscheidet sich das Reich Gottes! Haben wir es wirklich begriffen und leben wir in diesem Bewußtsein danach? Von uns hängt einerseits ab, daß die Erlösungstat Jesu für unser Glück wirksam wird, aber gleichzeitig auch für andere, auch für die, die nicht an Christus glauben, begehrenswert wird. Wir werden durch die christliche Botschaft nun nicht mehr auf ein entferntes Jenseits vertröstet, mit dem wir für ein verpaßtes Diesseits entschädigt werden sollen, sondern unser diesseitiges Glück in seiner ganzen Fülle ist Anliegen der Erlösungstat Jesu. Und sie setzt beim "einzigartigen wirklich konkreten Geheimnisvollen unserer Geschöpflichkeit, nämlich unserer Existenz als Mann und Frau" ein. Im christlichen Glauben ohne Aberglauben hat die Liebe zwischen Mann und Frau zentralen Stellenwert. Daß diese Liebe in ihrer totalen Dimension bei jedem Menschen zur Geltung kommt, ist Anliegen der Erlösungstat Jesu. Jeder Mensch soll hier von Jesu Opfer am Kreuz "profitieren" im wahrsten Sinne des Wortes. Die Erlösungstat ist unmittelbare Lebenshilfe, die sich jetzt und hier auswirkt und nicht erst in einer zukünftigen Welt!
Sowohl vom Mann wie von der Frau werden in einer diesseitigen Reich-Gottes-Wirklichkeit Gebefähigkeit und Gebebereitschaft unbeeinträchtigt und uneingeschränkt erfahren. Um diese "Naturveranlagung" beziehungsweise unsere "genetische Programmierung" ungeschmälert zu erleben und zu erfahren, ist Voraussetzung, daß wir uns im entscheidenden körperlichen Geben, oder besser Hingeben, nicht an das "falsche Objekt", das heißt den falschen Partner "vergeuden". Denn ganz zwangsläufig bringt jede "Vergeudung" Enttäuschungen mit sich und behindert für die Zukunft entscheidend unsere Spontaneität, unsere Phantasie, unsere Begeisterung und unsere Uneingeschränktheit beim "Geben" oder "Hingeben". Da diese '"Vergeudung" allerdings ein typisches Verhalten unerlöster Menschen ist, ist sie auch tiefster und höchst aktueller Sinn der Erzählung von der "Erbsünde" Adam und Evas, auf die sich ja ganz unmittelbar die Erlösungsbotschaft Jesu bezieht.
Nur wenn die äußeren Zeichen unseres christlichen Glaubens, also die gottesdienstlichen Handlungen, durch entsprechende Lebensführung begleitet werden, kann die Erlösungstat Jesu für uns fruchtbar werden:

1. Harmonie der Gemeinschaft der Glaubenden

Ganz sicher ist für uns heute vieles nicht "attraktiv", was da unter "Kirche" läuft. Doch das soll uns nicht unwiderruflich verprellen, denn so etwas ist automatisch Erbe einer zweitausend Jahre alten Institution. Da hat dann leicht die Asche die Glut verdrängt. An uns liegt es, wenn Kirche im wahrsten Sinn des Wortes wieder zum "Treffpunkt" derer wird, die nach einer Gemeinschaft streben, die zum Ziel die diesseitige Einheit von Leib und Seele hat. Menschen, denen selbst die Einheit von Leib und Seele in der hier angesprochenen Intensität etwa aus Krankheit oder Behinderung verwehrt ist, profitieren jedoch von der Ausgeglichenheit und von daher unverkrampften Hilfsbereitschaft ihrer gesunden Mitmenschen: so haben auch sie teil an einer Religion der Einheit von Leib und Seele. Damit gerade junge Menschen sich im Sinn der hier dargelegten Auffassung vom christlichen Glauben näher kommen, schlage ich vor:
Findet Euch wieder in Jugendgruppen der Gemeinde zusammen - diesmal im Sinn der in diesem Buch vertretenen Auffassungen vom christlichen Glauben!
Organisiert solche Gruppen! Gestaltet die Treffen reihum, das heißt abwechselnd gestaltet jeder eine Gruppenstunde. Man kann dabei auf religiöse Gespräche kommen, aber auch auf Probleme in Beruf und Freizeit.
Wie wäre es, wenn Ihr euch zum Zeichen der bei Ihnen einsetzenden "Sublimierung" kulturellen Werten zuwenden? Ist Euch eigentlich bewußt, wie weit etwa im Musiktheater Eure Probleme auf der Bühne in höchster Meisterschaft "abgehandelt" werden, z.B. in Mozarts Don Giovanni, der "alle" Frauen und Mädchen "anmacht", oder in Puccinis "Turandot", wo es um den Sieg der Liebe über eine unnahbare, stolze Jungfrau geht? Oder auch in Smetanas "Verkaufter Braut", wo es schon tragisch ist, wie die Braut gegen ihren Willen jemanden heiraten soll, den sie gar nicht liebt, und nur mit List und Tücke ihr Ziel erreicht. Sage keiner, daß es so etwas heute nicht mehr gibt, heute sind die Methoden nur verfeinert worden: Statt Freundschaft und Ehe direkt zu verbieten, wird gespottet und lächerlich gemacht!
Wie wäre es, wenn Ihr Euch mit Euren Freunden für solche Aufarbeitung menschlicher Probleme zu interessieren beginnt und vielleicht auch offen werdet für eine Begeisterung?
Damit nun solche Gruppen - sinnvollerweise gemischtgeschlechtlich - nicht zum Fiasko werden, muß jeder einzelne die Normen des Christentums innerlich bejahen und danach leben. Erforderlich sind also:

2. Höchste Klugheit und unumstößliche Selbstdisziplin bei jedem einzelnen

Wer das Vertrauen und das Aus-Sich-Herausgehen eines anderen Menschen "erlebt" hat, weil sich dieser sicher und geborgen fühlt, hat eine Ahnung, welche Möglichkeiten des Zugangs zu anderen Menschen und besonders zu Menschen des anderen Geschlechts eine von Klugheit gesteuerte Selbstdisziplin eröffnet. Unter Geschwistern ist eine solche Selbstdisziplin eher normal, doch haben wir alle Bedürfnis nach viel mehr Geschwistern, als sie uns von der Natur her gegeben sind. Die dafür erforderliche Klugheit und Selbstdisziplin kann man lernen! Die Kirche bietet hier aus ihrem - diesmal wirklich brauchbaren - zweitausendjahrealten Erfahrungsschatz einige "Lektionen": Adventszeit, Fastenzeit, Freitage... Die Aufforderung zu Verzicht in diesen Zeiten muß nichts mit herrischer Gängelei zu tun haben, sondern sie kann auch als Hinführung zu Klugheit und Beherrschung unseres Körpers gesehen werden.

Im Zusammenhang mit der besseren Beherrschung des Körpers sollte auch die Aufforderung zur grundsätzlichen Unterlassung der Selbstbefriedigung gesehen werden.

Wenn solche Selbstdisziplin dann gelungen ist, und ein Junge einem Mädchen Verläßlichkeit glaubwürdig zusichern kann, gleichwie wenig sie ihre Hingezogenheit zu dem Jungen auch verbergen kann, eröffnet das dann zum Beispiel sehr unmittelbare Wege des "Kennenlernens ohne Reue". Der Vorteil einer grundsätzlichen Selbstdisziplin, die nur deshalb so unumstößlich ist, weil sie vom Glauben motiviert ist, ergibt sich irgendwann automatisch: Wir gehen unkomplizierter miteinander um. Wir brauchen uns nicht mehr zu verstellen, wir können wirklich wir selbst sein.

Ein Mädchen etwa, das merkt, daß es unter keinen Umständen Furcht vor einem bestimmten Jungen (oder Mann) zu haben braucht, wird ihm erheblich unbefangener gegenübertreten und sich bereiter öffnen. Dieses unbeschwerte "Sich-Öffnen" sollten wir auf jeden Fall erfahren - es ist etwas ganz Wunderbares! Wenn wir das nicht erleben, verpassen wir etwas Wesentliches für unser ganzes weiteres Leben! Wohl jeder Mensch möchte sich öffnen, sich loslassen, sich begeistern, sich verschwenden für ein andersgeschlechtliches Gegenüber. Erst wenn er merkt, daß er damit auf die Nase fällt, daß die Offenheit nicht ankommt, daß er damit nur ausgenutzt oder als Spielzeug benutzt wird (selbst wenn's zunächst sogar "Spaß" macht - wir Menschen sind da oft nicht ganz konsequent!), wird er sich verschließen, und das dann leider nur zu oft auch gegen diejenigen, die einem gar nichts "wollen". Ja, er wird sogar berechnend werden und seinerseits versuchen, andere zu seinem Vorteil auszunutzen (vgl. Arno Plack, a.a.0., S. 210).
Bei einer grundsätzlichen Selbstdisziplin dagegen kann eine sinnvolle Partnerlauswahl stattfinden ohne Erinnerung an "vergangene Partner" mit "fadem Beigeschmack". Ja, die Partnerwahl wird sogar zum weitgehend unbeschwerten Erlebnis - zumindest im Nachhinein! Verzichte also nicht auf dieses unbeschwerte "voreheliche" Erlebnis! Und wenn irgendetwas dabei krampfig wird, sollte Dir das ein Zeichen sein: Brich die Beziehung ab, ehe Du Dich zu sehr hineingesteigert hast! Und Du wirst es ganz gewiß - auf alle Fälle im Nachhinein - verspüren: Das Halten der Gebote führt zu mehr Romantik, zu gelungeneren Beziehungen und damit zu beflügelndem, tiefem und dauerhaftem Glück.
Wenn heute in unserem christlichen Glauben vieles mehr nach Aberglaube klingt, statt nach Lebenshilfe, oder vieles sogar direkter Aberglaube ist, liegt das an einer ganz natürlichen Verfallserscheinung: Große Ideen werden immer irgendwann verzerrt und sinnentstellt weitergegeben, wodurch man auch dann nicht mehr sein Leben danach gestalten kann. Daher wird es zwangsweise erforderlich, die nun einmal gewonnenen Anhänger dieser Ideen mit nicht nachprüfbaren "Unglaublichkeiten" bei der Stange zu halten und mit nicht nachprüfbaren Vertröstungen zu entschädigen. So wird aus einer Lebenshilfereligion nun einmal eine Aberglaubereligion.
An uns liegt es, diese Entwicklung zu unserem Glück wieder umzukehren. Unser Glück und das Aufblühen unseres christlichen Glaubens sind damit zwangsläufig schicksalhaft verbunden. Fangen wir an, die Gebete und Sakramente, die uns nicht unbekannt sind, im Sinn einer Lebenshilfe zu sehen und zu nutzen.

Es geht doch ganz eindeutig bei den wesentlichen Sakramenten unseres Glaubens immer wieder um die "Bewahrung vor Sünde", also um die Bewahrung vor Fehlentscheidungen, die unser Leben beeinträchtigen! Oder um den Schutz vor Versuchung, vor Verführung... Dazu nur einige Beispiele:

Die Taufe gibt uns das Bewußtsein, daß wir in unserem eigenen Leben neu beginnen, und daß sich nicht mit einem teuflischen Automatismus die Fehler und Unzulänglichkeiten derer, die uns erziehen, an uns wiederholen. Ohne eine bewußte Annahme dieses Sakramentes ist es leider zumeist so, daß alle erzieherischen Bemühungen an uns nur eines erreichen: Daß wir erst recht die Fehler unserer Erzieher, und da vor allem der eigenen Eltern, machen.

Die Kommunion (Abendmahl) in der Feier des Opfertodes Jesu dient uns nach dem Gebet der Kirche als "Schutz für Leib und Seele" (für unser leib-seelisches Glück). Im "Vater unser", das die Kirche von alters her in der Liturgie vor der Kommunion betet, bitten wir, daß das Reich Gottes ("Reich des leib-seelischen Glücks" für alle Menschen) Wirklichkeit wird und daß uns dabei das "überirdische Brot Jesu" helfe! ("Tägliches" Brot ist eine falsche Übersetzung!) Allerdings: Selbst wenn es in der Theologiegeschichte nicht weit her sein sollte mit diesem Sakrament: Man müßte es erfinden! Wir brauchen einfach so ein Gemeinschaftsmahl!

Die Firmung (confirmatio) fordert uns auf, mit wachem Geist im Bewußtsein unserer Beschränktheit an die großen Entscheidungssituationen des Lebens heranzugehen. Hier der seit alters her überlieferte Text:

Heiliger Geist komme über euch und die Kraft des Allerhöchsten schütze euch vor Sünden!

Der allmächtige, ewige Gott, der von euch alle Unzulänglichkeiten hinweggewaschen hat, schenke euch vielfältige Gaben:

WISSEN und Bewußtsein um Erfüllung oder Enttäuschung eurer Sehnsucht nach Liebe und Vertrauen, nach Glück
EINSICHT, eure Handlungen in ihrer vollen Wirklichkeit und in ihrer Tragweite rechtzeitig zu durchschauen, das Wahre
vom Falschen, dis Nützliche vom Schädlichen zu unterscheiden,
BEURTEILUNGSKRAFT, euch für euer Glück stets richtig zu entscheiden und zu Grundsätzen zu kommen,
STANDHAFTIGKEIT, nicht in dem, was ihr einmal als gut und richtig erkannt habt, schwach zu werden.
Außerdem helfe euch Gott, an ihn zu GLAUBEN und ihm zu VERTRAUEN und ihn zu FÜRCHTEN.

Seid bezeichnet mit dem Zeichen des Kreuzes.
Gott stärke euch mit diesem Öl des Glücks!

Denke daran bei allen solchen "offiziellen Gebeten: Das Wichtigste ist das von Dir frei formulierte persönliche Gebet!

Versuche, mit Gott auf "Du" zu stehen! 

Besprich mit Gott Deine Alltagsprobleme - und vor allem alles, was mit Deinem Glück zusammenhängt!

Beginn noch heute damit!
 


Zur Erinnerung: Biblischer Text der Adam-und-Eva-Erzählung

Und Gott, der Herr, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu bebauen und ihn zu bewahren. Und Gott, der Herr, gebot dem Menschen und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon darfst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon ißt, mußt du sterben!

Erschaffung Evas

Und Gott, der Herr, sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. Und Gott, der Herr, bildete aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels, und er brachte sie zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde; und genau so wie der Mensch sie, die lebenden Wesen, nennen würde, [so] sollte ihr Name sein. Und der Mensch gab Namen allem Vieh und den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber für Adam fand er keine Hilfe, ihm entsprechend.

Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, so daß er einschlief. Und er nahm eine von seinen Rippen und verschloß ihre Stelle mit Fleisch; und Gott, der Herr, baute die Rippe, die er von dem Menschen genommen hatte, zu einer Frau, und er brachte sie zum Menschen. Da sagte der Mensch: Diese endlich ist Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch; diese soll Männin heißen (Anmerkung: im Englischen läßt sich das Wortspiel der Bibel besser übertragen: "man - woman"), denn vom Mann ist sie genommen. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden zu einem Fleisch werden. Und sie waren beiden nackt, der Mensch und seine Frau, und sie schämten sich nicht.

Der Sündenfall und dessen Folgen

Und die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte; und sie sprach zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Von allen Bäumen des Gartens dürft ihr nicht essen? Da sagte die Frau zur Schlange: Von den Früchten der Bäume des Gartens essen wir; aber von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens [steht], hat Gott gesagt: Ihr sollt nicht davon essen und sollt sie nicht berühren, damit ihr nicht sterbt! Da sagte die Schlange zur Frau: Keineswegs werdet ihr sterben! Sondern Gott weiß, daß an dem Tag, da ihr davon eßt, eure Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie Gott, erkennend Gutes und Böses. Und die Frau sah, daß der Baum gut zur Speise und daß er eine Lust für die Augen und daß der Baum begehrenswert war, Einsicht zu geben; und sie nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß. Da wurden ihrer beider Augen aufgetan, und sie erkannten, daß sie nackt waren; und sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

Und sie hörten die Stimme Gottes, des Herrn, der im Garten wandelte bei der Kühle des Tages. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor dem Angesicht Gottes, des Herrn, mitten zwischen den Bäumen des Gartens. Und Gott, der Herr, rief den Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? Da sagte er: Ich hörte deine Stimme im Garten, und ich fürchtete mich, weil ich nackt bin, und ich versteckte mich. Und er sprach: Wer hat dir erzählt, daß du nackt bist? Hast du etwa von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, du solltest nicht davon essen? Da sagte der Mensch: Die Frau, die du mir zur Seite gegeben hast, sie gab mir von dem Baum, und ich aß. Und Gott, der Herr, sprach zur Frau: Was hast du da getan! Und die Frau sagte: Die Schlange hat mich getäuscht, da aß ich. Und Gott, der Herr, sprach zur Schlange: Weil du das getan hast, sollst du verflucht sein unter allem Vieh und unter allen Tieren des Feldes! Auf deinem Bauch sollst du kriechen, und Staub sollst du fressen alle Tage deines Lebens! Und ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zermalmen, und du, du wirst ihm die Ferse zermalmen. Zu der Frau sprach er: Ich werde sehr vermehren die Mühsal deiner Schwangerschaft, mit Schmerzen sollst du Kinder gebären! Nach deinem Mann wird dein Verlangen sein, er aber wird über dich herrschen! Und zu Adam sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und gegessen hast von dem Baum, von dem ich dir geboten habe: Du sollst davon nicht essen! - so sei der Erdboden verflucht um deinetwillen: mit Mühsal sollst du davon essen alle Tage deines Lebens; und Dornen und Disteln wird er dir sprossen lassen, und du wirst das Kraut des Feldes essen! Im Schweiße deines Angesichts wirst du [dein] Brot essen, bis du zurückkehrst zum Erdboden, denn von ihm bist du genommen. Denn Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren!

Und der Mensch gab seiner Frau den Namen Eva, denn sie wurde die Mutter aller Lebenden.
Und Gott, der Herr, machte Adam und seiner Frau Leibröcke aus Fell und bekleidete sie.
Und Gott, der Herr, sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie einer von uns, zu erkennen Gutes und Böses. Und nun, daß er nicht etwa seine Hand ausstrecke und auch [noch] von dem Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe! Und Gott, der Herr, schickte ihn aus dem Garten Eden hinaus, den Erdboden zu bebauen, von dem er genommen war. Und er trieb den Menschen aus und ließ östlich vom Garten Eden die Cherubim sich lagern und die Flamme des zuckenden Schwertes, den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.

 

NACHWORT

Gebote und Verbote, selbst wenn sie noch so richtig sind, sind nutzlos, wenn sie nicht einsichtig sind und wenn nicht Strategien mitgeliefert werden, damit man sich auch an sie halten kann. Und hier liegt das Problem unseres heutigen christlichen Glaubens:
Die Begründungen für das Leben nach dem Glauben klingen für den Menschen von heute fremd, und die Strategien taugen schon gar nichts.
Um sich heute einigermaßen an die Gebote Gottes, die ja uns vor Schaden bewahren und damit unser Leben glücklicher machen sollen, halten zu können, gibt es so eine Art "Geheimwissen", das bestenfalls dann und wann einmal von unter ihresgleichen gut informierten Brüdern ihren Schwestern "eingeimpft" wird. Daß nicht allen Menschen dieses Wissen zugänglich ist und somit nicht alle Menschen erst einmal die Möglichkeit haben, ihr Leben bewußt nach christlichen Idealen und Normen zu gestalten, ist ein unerträglicher Zustand.
Daher habe ich versucht, dieses "Geheimwissen" zu "systematisieren" und für meine Schülerinnen und Schüler aufzuarbeiten. Dabei hoffe ich, einsichtig gemacht zu haben, welch großartige Hilfe unser christliche Glaube auch für den heutigen Menschen sein kann. Angesprochen sind vor allem junge Menschen, ja "Kinder", die noch "alles vor sich haben", "denn ihrer ist das Himmelreich" (wobei das "Himmelreich" rein diesseitig gesehen wird).
Leider bedeutet die Wichtigkeit dieses "Geheimwissens" für das eigene Leben, daß Menschen, die dieses Wissen nicht haben, schon deswegen sehr oft einfach nicht nach dem Glauben leben können, obwohl sie es sicher zunächst wollten. Deshalb trifft sie auch kaum eine Schuld, selbst wenn sie dadurch nur sehr schwer zur vollen seelisch-geistig-körperlichen Harmonie in ihrem Leben kommen. Sie sollten sich bewußt werden, daß ihr Mißgeschick nur zu oft auf "tragischer Verstrickung" beruht, und sich selbst und anderen keine Vorwürfe machen. Um ihre Zukunft zu gestalten, könnten sie jedoch versuchen, sich von dem hier dargelegten Konzept des christlichen Glaubens anregen zu lassen..

Bei der Verfassung des Buches habe ich mich bemüht, mir bekannte, konkrete Schicksale nicht aus dem Auge zu verlieren. Auf diese Weise hoffe ich, unsinnige, ungünstige und sogar nachteilige Ergebnisse und Ratschläge vermieden zu haben.

Sollten Sie, lieber Leser, nun trotz aller Bemühung Ihrerseits keine guten Erfahrungen mit einem Leben nach den Vorstellungen  eines "diesseitigen Christentums" haben, bitte ich sehr darum, mir das mitzuteilen. Solche Gespräche haben mir in der Vergangenheit viel geholfen; ich bin auch in Zukunft darauf angewiesen.

Pfingsten 1987


Aus dem Inhalt


Alter Glaube unter völlig neuen Gesichtspunkten

Religion für die Lebendigen statt für die Toten!

Auch mit Adam und Eva war das alles anders!

Es geht um ein erfülltes Diesseits!

Theorie und Praxis


Unmittelbare Hilfe für junge Menschen

Wie ist zu erkennen, wer es ehrlich meint.

Erkennen von Enttäuschungsmöglichkeiten

Vermeiden von Enttäuschungen

Dadurch:

Vernünftige Selbstsicherheit

Intensiveres Leben


Handreichung für Eltern und Erzieher

Warum junge Menschen oft so unzugänglich für die besten Ratschläge zu sein scheinen.

Was Sie ohne viel Aufwand besser machen können.

Entdecken Sie Ihr Christentum neu!

Es steckt mehr dahinter als Sie ahnen!

. . .und alles höchst aktuell: Sie vermeiden gleichzeitig die Hauptansteckungsgefahr von Aids!

Zum Verfasser:

Michael Preuschoff, geb. 1941, Reserveoffizier, Industriekaufmann bei einem deutschen Elektrokonzern, Diplomtheologie und von 1975 bis 2004 tätig als Religionslehrer an Kaufmännischen Berufsschulen im Erftkreis und im Kreis Düren. Studium der Theologie an der Hochschule der Jesuiten in Frankfurt/M. und an den theologischen Fakultäten der Universitäten Innsbruck und Münster.

Individuelle Reisen außer in die Länder Europas noch in den Vorderen, Mittleren und Fernen Orient, nach Nord- und Zentralafrika und nach Nord-, Mittel- und Südamerika.

Vorträge bei der Akademie für Sozialwissenschaften in Schanghai.

 

www.basisglaube.de

www.basisreligion.de

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