.

Jungfrauengeburten: Götterzeugungen mit menschlichen Frauen waren in der antiken Mythologie durchaus "normal" – auch die heidnischen Heilande kamen meist als Jungfrauensöhne zur Welt: in Ägypten, Babylon, Indien, Persien und Rom. Die griechische Königstochter Europa bekam ein Kind durch den Beischlaf mit dem als Stier verkleideten Gott Zeus, die spartanische Königin bekam zwei Eier durch den diesmal als Schwan verkleideten Gott Zeus, auch Herakles hat den Gott Zeus zum Vater. Noch nicht einmal die Jungfräulichkeit Mariens ist etwas Besonderes. So etwa naht sich in der ägyptischen Mythologie der Geistgott Amun in Gestalt des regierenden Königs der jungfräulichen Königin und erzeugt mit ihr den neuen Gottkönig (doch hin und wieder schickt der Gott dazu auch einen Boten – "Bote" = griechisch/lateinisch "angelus" = Engel).  Das Besondere an Maria ist allenfalls, dass sie ein Mädchen "aus dem Volk" war, das heißt durch sie schickte also ein Gott einen ganz besonderen Sohn für uns alle. Doch schauen Sie einmal in die Geburtsgeschichte im Matthäusevangelium (1,18ff): Unmittelbar vor dieser Geschichte, in der ein Engel der Jungfrau Maria erscheint, steht nämlich die Geschichte vom Stammbaum Jesu. Und raten sie einmal, wer nun das Elternteil ist, von dem Jesus abstammt, Maria oder Josef? Wenn Jesus doch von einer Jungfrau geboren wurde, dann müsste dieses Elternteil doch die Mutter sein? Und die kann doch nach der damalig geglaubten Homunculustheorie gar keinen Sohn zeugen? Oder? Dann schauen Sie doch einmal bei Matthäus nach, ob Sie bei Ihrer Raterei richtig lagen!

Europa und der Stier - Fresko aus Pompeji im Antikenmuseum in Neapel

Immerhin gibt es zum Thema "Abstammung Jesu" auch eine Lösung aus dem jüdischen Kulturkreis! Der Engländer Marc Gibbs mit Beziehungen zu den U.S.A. vertritt in seinem Buch "Die Jungfrau und der Priester" ("The Virgin and The Priest") die Theorie, dass Zacharias, der Mann der Cousine Elisabeth und der Vater von Johannes (d.T.), auch der Vater von Jesus ist. Maria hatte nämlich die Weissagung bekommen, dem Erlöser Israels das Leben zu schenken. Und als sie dann bei Elisabeth war, um ihr, die schon hochbetagt war, bei der Geburt ihres Kindes zu helfen, sah sie hier eine göttliche Fügung und für sich selbst die Chance, dass die Weissagung in Erfüllung gehen könnte, wenn auch sie einen Sohn durch den offensichtlich gottbegnadeten Priester Zacharias bekommen würde. Als auch sie dann schwanger wurde, sah Elisabeth verständlicherweise in ihr eine Konkurrentin um ihren Mann und "warf sie hinaus". So kam es, dass Maria nicht mehr bis zur Geburt des Johannes bei der Familie Zacharias/Elisabeth blieb. Auf diese Weise sind Johannes (d.T.) und Jesus Halbgeschwister – und Johannes ist weniger Vorläufer Jesu, sondern eher Konkurrent. Von daher ergeben sich dann in der Glaubensgeschichte die unterschiedliche Sichtweisen des Erlösers, einmal als "Sohn Gottes" und einmal als "Prophet", die Auswirkungen bis heute haben. Das Buch gibt es auch auf Deutsch und ist sehr lesenswert! Ich überlasse es dem Leser, welcher Geburtsgeschichte Jesu er den Vorzug gibt, der der Jungfrauengeburt wie im außerjüdischen Kulturkreis oder der aus dem jüdischen Kulturkreis mit dem Priester Zacharias als Vater.

Und hier noch Deschner (S. 42 ff):

"Auch kamen die heidnischen Heilande meist als Jungfrauensöhne zur Welt: in Ägypten, Babylon, Indien, Persien und Rom.

Schon im 3. Jahrtausend befruchtete der ägyptische Sonnengott die jungfräuliche Gattin des Königs. In Indien wurde Buddha jungfräulich geboren. Engel verkündeten ihn als Erlöser und verhießen seiner Mutter: »Alle Freude komme ' über dich, Königin Maya - jauchze und sei froh, denn dieses Kind, das du geboren hast, ist heilig!« In Persien verehrte man Zarathustra als Jungfrauensohn, Hera brachte den Hephaistos jungfräulich zur Welt, auch Platon hielt man für den Sohn einer Jungfrau, und im Herakleskult galt die Mutter des Gottes als Jungfrau und Mutter zugleich.

Jungfrauengeburten waren in der Antike so bekannt, daß die bedeutendsten Kirchenväter Jesu jungfräuliche Geburt geradezu durch ähnliche Mythen propagierten.9 Heute ist dies, sagt der Theologe Bousset, »so klar, daß es keinen Zweck mehr hat, hier noch Parallelen zu häufen und alle Legenden von wunderbar geborenen Gottessöhnen herbeizutragen«.

Lange bevor die Kirche, erst 353, den Geburtstag Christi auf den 25. Dezember verlegte, wurde der Geburtstag des Mithras, des unbesiegbaren Sonnengottes, an diesem Tag begangen. Die liturgischen Formeln aber der heidnischen Gläubigen beim Sonnwendfest in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember lauteten: »Die Jungfrau hat geboren, zu nimmt das Licht.« »Der große König, der Wohltäter Osiris, ist geboren.« Und aus den Mysterienfeiern stammt auch der Ruf: »Euch ist heute der Heiland geboren.« Bei Lukas spricht der Engel: »Heute wurde euch der Heiland geboren.«

Schon vor Jesus hat man andere Gottheiten, Zeus, Hermes, Dionysos, in einem heiligen Korb oder der Krippe in Windeln liegend geschildert und dargestellt. Bereits Mithras beteten bei seiner Geburt Hirten an, die ihm die Erstlinge ihrer Herden und Früchte brachten.14 Wie Maria den Jesusknaben unterwegs gebar, so kamen auch andere Jungfrauensöhne häufig auf der Flucht oder einer Reise zur Welt. So das göttliche Kind der Isis - die selber, beiläufig, lange vor Maria als »liebreiche Mutter«, »Himmelskönigin«, »Meereskönigin«, »Gnadenspenderin«, »Retterin«, »Unbefleckte«, »Sancta Regina« und »Mater dolorosa« verehrt, auch schon mit blauem sterngeschmücktem Mantel gezeigt wurde, mit dem Gotteskind auf dem Arm oder an der Brust, und die ihre Titel »Gottesmutter« und »Gottesgebärerin« endgültig an die Mutter Jesu 431 auf dem Konzil von Ephesus abtreten mußte, das riesige Bestechungsgelder mitentschieden, die der Patriarch von Alexandrien, der hl. Kyrill, allen möglichen Leuten zuschob, angefangen von hohen Staatsbeamten über die Frau des Prätorianerpräfekten bis zu einflußreichen Eunuchen und Kammerzofen, wobei er, obwohl selbst reich, noch über 100000 Goldstücke leihen mußte und trotzdem nicht auskam. Wie Herodes von den Magiern hört, daß eben ein König geboren sei, worauf er dem Jesuskind nachstellt, so erfuhr schon Hera, daß der aus Zeus' Stamm geborene Herakles König werde, worauf sie dem Kind nachstellt. Wie Jesus aus Angst von den Eltern nach Ägypten geführt und wieder zurückgebracht wird, so wird Herakles aus Angst von seiner Mutter ausgesetzt und wieder zurückgebracht. Und wie später der greise Simeon das Jesuskind in seine Arme nimmt und es das »Heil« nennt, das »vor den Augen aller Völker bereitet« wurde, »ein Licht zur Erleuchtung der Heiden«, so nahm schon der greise Asita den neugeborenen Buddha in seine Arme, weissagte ihm entzückt den »Gipfel vollständiger Erleuchtung« und pries ihn als »das Heil vieler Menschen«, dessen Religion weit ausgebreitet werde."

www.michael-preuschoff.de